Symbolbild: 17.11.2020, Berlin: Polizeibeamte gehen zu einem Wohnhaus an der Gitschiner Straße (Bild: dpa/Paul Zinken)
Audio: rbb | 26.11.2020 | René Althammer | Bild: dpa/Paul Zinken

Tschetschenische Clans in Berlin - Die "Dienstleister" wollen nun mehr

Berlin als Schauplatz von Straßenschlachten und Messerstechereien: Angesichts von Auseinandersetzungen zwischen tschetschenischen Gruppierungen und kriminellen Mitgliedern arabischer Clans warnt das BKA vor weiteren Eskalationen und fordert mehr Ressourcen. Von Adrian Bartocha und André Kartschall

Das Foto ging durchs Internet und durch die Presse: eine Szene wie aus einem Mafia B-Movie. Sieben Männer in Sneakers und Turnschuhen auf wuchtigen Ledersofas. Auf dem Tisch Cola, Fanta und Plastikbecher. Der "Friedensgipfel" zwischen kriminellen Mitgliedern arabischer und tschetschenischer Clans, organisiert vom Ex-Box-Weltmeister Mahmoud Charr. Charr gab dabei den "Friedensrichter". Vorausgegangen waren in Berlin blutige Prügelorgien und Massenschlägereien zwischen Mitgliedern eines arabischen Clans und tschetschenischen Gruppierungen. Doch nach dem Treffen sei "Frieden in Berlin" eingekehrt, verkündete "Friedensrichter" Charr danach stolz auf Instagram.

Fester Bestandteil krimineller Strukturen in Berlin

Tschetschenische Kriminelle seien inzwischen ein fester Bestandteil der kriminellen Strukturen in Berlin, teilt das Landeskriminalamt (LKA Berlin) auf Anfrage des rbb mit. Die Kriminellen aus dem Nordkaukasus seien seit 2013 für "Schutzgelderpressung, Waffendelikte, gefährliche Körperverletzungen" bekannt. Doch lange Zeit waren sie nur die "Dienstleister", "Handlanger" für andere kriminelle Gruppierungen. Inzwischen beobachten die Ermittler, dass die tschetschenischen Gruppierungen sich sozusagen emanzipieren und "eigene Delikte, zum Beispiel den Rauschgifthandel für sich beanspruchen".

Ob dies der Grund für die jüngsten Auseinandersetzungen mit Mitgliedern des Remmo-Clans war, bleibt offen, die Ermittlungen laufen noch. Dass tschetschenische Gruppierungen ihre "Tätigkeitsfelder" zunehmend ausweiten, beobachtet auch das Bundeskriminalamt. Markus Koths, seit einem halben Jahr Leiter der BKA-Abteilung für deliktübergreifende organisierte Kriminalität erklärt im Interview mit rbb24 Recherche, dass die Gruppen schwerpunktmäßig im Norden und im Osten Deutschlands aktiv seien - und vorbei die Zeiten, in denen sie vor allem als "Dienstleister" agierten.

Polen als Drehkreuz

Der Aufstieg der tschetschenischen Gruppen in der OK-Hierarchie erfolgte schnell. Viele kamen als Bürgerkriegsflüchtlinge nach Deutschland. Der Höhepunkt der Zuwanderung war 2013, da stellten die Tschetschenen die zahlenmäßig größte Flüchtlingsgruppe in Deutschland. 1.800 Menschen aus Tschetschenien beantragten in diesem Jahr allein in Berlin und Brandenburg Asyl. Die allermeisten von ihnen waren Familien mit Kindern, die vor den Schrecken des autoritär herrschenden Präsidenten Kadyrow geflüchtet waren. Im Rahmen des Dublin-Abkommens hätten viele von ihnen eigentlich nach Polen abgeschoben werden müssen, in das EU-Land, in dem sie zuerst Asyl beantragt hatten.

Bis heute ist Polen die erste Anlaufstelle in der EU. Dort gibt es seit den 90er Jahren eine große tschetschenische Community. Zuerst und im Zuge der Tschetschenien-Kriege wurden die Flüchtlinge dort willkommen geheißen, schließlich hatte man seit Jahrhunderten einen gemeinsamen Feind: Russland.

Doch später wurden sie im katholischen Polen zunehmend als Muslime diskriminiert. Vor allem nach dem bekannt wurde, dass viele im Krieg gegen Russland erprobte "Kämpfer" sich dem "IS", dem sogenannten "Islamischen Staat" anschlossen. 2015 hatte sich das kaukasische Emirat, dem sich viele Tschetschenen verpflichtet fühlen, dem islamistischen "IS" unterstellt. Trotz des gemeinsamen "Feindes" waren die Tschetschenen in Polen nun nicht mehr erwünscht, viele zogen weiter nach Deutschland, bis 2016 waren es knapp 10.000 Menschen.

In dieser Zeit entwickelten sich hochprofessionelle Schleusernetzwerke, auf deren Logistik nach rbb-Recherchen bis heute auch Kriminelle aus Vietnam oder Afghanistan zurückgreifen.

Organisierte Kriminalität und tschetschenische Islamisten

Bereits im Frühjahr 2017 berichtete der rbb, dass mit den Flüchtlingen immer mehr gewaltbereite Extremisten und kampferprobte IS-Kämpfer aus Tschetschenien nach Deutschland gelangten. Bundespolizisten an der deutsch-polnischen Grenze schlugen Alarm, die Rede war von einer "Sicherheitslücke" und einem "Überwachungsloch". Und schon damals hieß es aus Ermittlerkreisen, es gäbe auch Verbindungen der Islamisten zur Organisierter Kriminalität. Einnahmen aus illegalen Geschäften würden auch der finanziellen Unterstützung des "Heiligen Krieges" dienen.

Markus Koths vom BKA bestätigt dem rbb, dass es in Einzelfällen Verbindungen zwischen den tschetschenisch dominierten OK-Gruppierungen und Islamisten gibt. Allerdings seien dort bislang keine verfestigten Strukturen zu erkennen. Dazu bedürfe es weiterer Analyse.

Sicherheitsbehörden schlagen Alarm

Dass diese Gruppierungen sehr gefährlich sind, darüber sind sich alle Sicherheitsbehörden einig - und zwar "wegen ihrer Kampferfahrung, wegen ihrer militärischen Vorbildung, wegen ihrer Affinität zu Waffen, aber auch wegen ihrer ethno-kulturellen Homogenität", so Jörg Müller, Chef des Verfassungsschutzes in Brandenburg, in einem Interview mit dem rbb.

Einen ungewöhnlichen Zusammenhalt, eine hohe Gewalt- und Waffenaffinität, einen ausgeprägten Ehrbegriff und eine bemerkenswerte Vernetzung und geringe Akzeptanz staatlicher Autoritäten bescheinigt den Tschetschenen auch das LKA Berlin. Und Markus Koths vom BKA ergänzt, "auch Polizeibeamte und Beamtinnen sind gefährdet. Bürgerinnen und Bürger, die in solche Auseinandersetzungen hineingeraten können, sind gefährdet. Und diese gesamte Entwicklung ist durchaus auch in der Lage, das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung in erheblichem Maße zu beeinträchtigen".

Für "Sicherheit" in Berlin sorgte derzeit angeblich das "Friedengespräch". Organisiert - nach eigenen Angaben - ausschließlich vom Ex-Boxer Mahmoud Charr. Fakt ist: Nach den heftigen Gewaltausbrüchen in der deutschen Hauptstadt scheint hier erstmal Ruhe eingekehrt.

Eine Art Paralleljustiz also? Mitten in Berlin? Und die Polizei weiß, trotz all der Erkenntnisse nichts davon? "Zu den genaueren Hintergründen und Umständen der von Ihnen sogenannten 'Friedensgespräche' können im Rahmen dieser Anfrage aus ermittlungstaktischen Gründen keine Angaben gemacht werden" - so die Antwort des LKA in Berlin. Mehr PR für einen Boxer geht nicht.

Beitrag von Adrian Bartocha und André Kartschall

15 Kommentare

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  1. 15.

    Ich finde diesen Artikel unausgewogen. Hier wird der Eindruck erzeugt, dass mit konsequenteren Abschiebungen organisierte Kriminalität verhindert werden könnte. Wenn das Problem so einfach zu beheben wäre, dann wären gerade die tschetschenischen Geflüchteten ein Musterbeispiel das dies funktioniert. Diese werden nämlich in großer Zahl wieder nach Polen abgeschoben. Auch bearbeitet Brandenburg den größten Teil der Asylanträge von tschetschenischen Geflüchteten und schiebt diese im Schnellverfahren nach Polen ab. Dort landen sie auf der Straße und reisen wieder ein. Das Dublin-Abschiebungen nicht die Lösung sind, die hier herbeigesehnt wird, hätte in diesem Artikel aus journalistischen Qualitätsgründen erwähnt werden sollen.

  2. 14.

    Ihr "Landserhumor" ist einfach nur dumm und peinlich. Und zuuuufällig tauchen hier "neue" Namen auf, die in das gleiche Horn stoßen.

    Dafür ist das Thema aber zu ernst.

    1, Das BKA, jetzt schon Staat im Staate, fordert mehr Ressourcen. Die sollen weniger schreddern und sich um ihre Kernaufgaben kümmern, statt Privatfehden gegen Hausbesetzer zu führen. Dann haben die mehr als genug Ressourcen!

    2. Die OK, jetzt auch Tschetschenen ist gezielter zu bekämpfen, bevor sich hier weitere Mafiastrukturen etablieren können.

    3. Es ist Aufgabe der Außenpolitik, sich darum zu kümmern warum Tschetschenen vor einer Diktatur von Putins Gnaden flüchten, die nicht davor zurückschreckt Systemgegner am hellichten Tag hinzurichten. In deren "Gepäck" treffen nämlich hier IS Gefährder und Kriminelle ein, sozusagen als "blinde Passagiere".

    Das Geplärre nach "durchgreifen" ist da ebenso fehl am Platz wie der dumme Rechtsextremisten "Humor".

  3. 13.

    Mit dem Beitrag sollte rein garnichts bewirkt werden. Er sollte auch etwas anderes sein als reiner Fatalismus. Auch eine Anregung kann mitunter sinnvoll sein, selbsst wenn der praktische Nutzen nicht direkt erkennbar ist.

    Die katholische Kirche Köln hat inoffiziell ungewohnt gehandelt. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass sowohl Helmut Schmidt als auch Helmut Kohl wusste, wo die 13 seinerzeit vom Erdboden verschwundenen R A F - Mitglieder waren. Besser, sie sind woanders integriert und damit unschädlich gemacht, als dass Sympathisanten vor den Toren Stammheims Kundgebungen abhalten.

  4. 12.

    Ich versteh nicht ganz den Sinn. Sollen Netzwerke zB. dafür sorgen, dass der vor einiger Zeit in sehr großem Stil beim Zoll geklauten Shisha-Tabak klammheimlich zurück gebracht wird?

  5. 10.

    Das geht ja mal gar nicht, das hier von Tschetschenen und Arabern gesprochen wird! Sie versuchen hier wieder die armen Flüchtlinge zu diffamieren! In der Kriminalstatistik ist eindeutig zu lesen, dass die aufgezählten Straftaten von DEUTSCHEN begangen werden! Also wirklich!

  6. 9.

    Aha, Schwerstkriminalität gehört zur bunten, offenen Gesellschaft? Dann lehne ich diese ab! Und nun kann ich auch verstehen, warum viele andere das auch tun. Ich werde solche Zustände und das Zuschauen des Staates nicht akzeptieren.

  7. 8.

    Die Überschrift ist verharmlosend. Es geht hier um schwere Kriminalität und Verbrechen, nicht um irgendwelche Geschäftsbeziehungen. Die Tschetschenen haben zum größten Teil hier nichts verloren, sind nur hier, weil der Staat geltendes Recht wieder einmal nicht umsetzt und zuschaut, wie eine brutale Kriminellengruppe die Sicherheit der Bürger gefährdet. Warum bezahlen wir steuern? Jeder mittelalterliche Fürst hat mehr für die Sicherheit seiner Untertanen getan.

  8. 7.

    Na, wenigstens greift der Staat hart durch, wenn ich meine Autosteuern nicht pünktlich bezahlen sollte. Deutschland sollte aufhören, mit dem Finger auf andere Länder zu zeigen und erst einmal vor der eigenen Tür kehren.
    Für die Parlamentarier sollte Aktenzeichen XY und Bilder aus Überwachungskameras vor den Sitzungen zum Pflichtprogramm werden, dass sie aus ihrer rosaroten Blase in die Realität kommen.

  9. 6.

    Als Kuttenträger war ich in einigen sogenannten polizeilichen "Gefahrenabwehrmaßnahmen", obwohl meine Kutte blank ist, es damals noch keine Verbote für Rot/Weiß und Gelb/Rot gab und ich nur den Fehler gemacht habe, mit Kutte zu fahren und durfte in diverse MP-Läufe schauen. Dies war im Straßenland und nicht bei Partys O. Ä.
    Ich trage meine Kutte trotzdem, bin kein Prügelknabe, mein Führungszeugnis ist so blank wie meine Kutte, was sagt mir dann dieser Bericht und andere Berichte zu diesen sch... .Clans davor? Die Behörden sind nicht an den Großen interessiert. Die Razzien sind Makulatur und den kleinen, wirklich sauberem wird das Leben so schwer wie möglich gemacht.

  10. 5.

    Der "Friedensrichter" Mahmoud Charr hat kürzlich erst im Gespräch mit dem Bodybuilder Kevin Wolter offen zugegeben, in der Vergangenheit zahlreiche Straftaten begangen zu haben - er sei aber immer freigesprochen worden. Auf youtube findet sich dieses vielsagende Geständnis ...

  11. 4.

    Was bitte sollen Artikel wie diese?
    Seit Jahren wird in D eine bunte und offene Gesellschaft propagiert und gefordert.
    Also gehören solche Dinge nun mal dazu und sind zu akzeptieren!
    Schlimm das sich der RBB hier vor den Populismus-Zug spannen läßt!

  12. 3.

    “Im Rahmen des Dublin-Abkommens hätten viele von ihnen eigentlich nach Polen abgeschoben werden müssen, in das EU-Land, in dem sie zuerst Asyl beantragt hatten.“

    Aha, “hätten“ also “eigentlich“ abgeschoben werden “müssen“. Wurden aber nicht abgeschoben. Tja. Und warum nicht? Im Ernst: Was genau ist der Grund?

  13. 2.

    vor ein paar Wochen wurde ich von Polizei in Zivil angehalten, weil ich als Pufferküsser mich für eine Baumaßnahme der DB interessierte.
    Es war Okay und legitim. Danach habe ich mich als Ossi mal für die Unauffälligen interessiert.Erschreckend ,wir kennen sie diese Banden mit Namen und Hausnummer und der Staat die Polizei ist machtlos, das gemeine Volk diesen Verbrechern ausgeliefert. was nützt Reisefreiheit wenn die Sicherheit am Gartenzaun ins unermessliche gesteigert werden muss und trotzden nicht hilft.

  14. 1.

    Manchmal können es doch Netzwerke tun. Aus Köln wird einmal berichtet, dass eine wertvolle Relique aus dem Dom gestohlen worden sei. Alle Aufrufe und Fahndungen blieben erfolglos. Bis einer aus der schillernden Szene, der sich gleichzeitig als gläubiger Katholík outete, einen Warnhinweis lancierte, dass Jeder Ärger mit ihm bekäme, der die Relique geklaut hat und nicht zurückbrächte. Binnen weniger Tage war das Ding wohlbehalten wieder da.

    Der Mantel von Organisationen, seien es kirchliche, seien es Parteien-Organisationen wie weiland auch in der DDR oder sonstwelche, war offenbar schon immer weit genug, um so etwas intern zu regeln. Nur die staatlichen Ermittlungsbehörden, die außerhalb davon stehen, stehen dumm da.

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