Archivbild: Radfahrer und Fußgänger am Pariser Platz in Berlin-Mitte am 23.03.2011. (Quelle: imago images)
Video: Abendschau | 03.12.2020 | Anja Herr | Bild: imago images

Radfahrer contra Fußgänger - "Hier droht ein Stück Verkehrswende rückwärts"

Während Radfahrer und ÖPNV-Nutzer schon länger ihren Platz im Berliner Mobilitätsgesetz haben, warten die Fußgänger. Nun will die Regierungskoalition nachliefern. Doch es droht eine Interessenkollision mit den Radfahrern. Von Jan Menzel

In der Wilmersdorfer Straße ist gut zu sehen, was passiert, wenn Radverkehrsplan und Wirklichkeit aufeinandertreffen. In Berlins erster Fußgängerzone wird gebummelt. Viele sind behängt mit Einkaufstüten und machen ihre Weihnachtseinkäufe. Pärchen schlendern, Ältere bleiben auch mal vor den Schaufenstern stehen. Mütter schieben Kinderwagen und zwei Rollstuhlfahrer halten einen Plausch. Doch ausgerechnet diese Zone, wo Fußgänger sich sicher bewegen können, könnte in gar nicht so ferner Zukunft von einer breiten Trasse für Radfahrer zerschnitten werden. Die Verkehrsverwaltung plant eine Route über die kreuzende Pestalozzistraße.

Fuss e.V. in Alarmstimmung

"Hier droht ein Stück Verkehrswende rückwärts", befürchtet Roland Stimpel. Er ist Sprecher des Fachverbands Fuss e. V. und kritisiert: "Von Langsamkeit, von Ortsbezogenheit, von Rücksichtnahme soll es wieder auf Tempo und möglichst schnelles Durchschießen gehen." Traurig und wütend macht Stimpel, dass die Planspiele für die Wilmersdorfer Straße kein Einzelfall sind. Im Fachverband Fuss e. V., einer Lobbyvereinigung für die schwächsten Verkehrsteilnehmer, haben die Entwürfe der Verkehrsverwaltung für ein rund eintausend Kilometer langes Rad-Vorrangnetz in ganz Berlins geradezu für Alarmstimmung gesorgt.

Radspuren durch Grünanlagen

"Ich habe mich sehr gewundert, dass die Idee besteht, dass man Radwege immer nur auf dem kürzesten Weg von A nach B legt", sagt Stimpel. Genauso seien früher Autostraßen geplant worden – mit all den negativen Folgen für Stadtquartiere und die Umwelt. Er sieht die Gefahr, dass Radfahrer und Fußgänger durch solche Trassen unnötig in Konflikte gedrängt werden. Mit Unverständnis reagieren die Fußgänger-Lobbyisten auch auf Pläne, Radspuren durch Grünanlagen wie den Pankower Schlosspark oder den Tiergarten zu führen.

Autoverkehr muss Platz machen

Wenn dort die Radler und Pedelecs freie Fahrt bekämen, seien Spaziergänger nicht mehr sicher, warnt Stimpel. Spaziergänger könnten zur Seite gedrängt werden. "Du kannst dann Kinder nicht mehr von der Hand lassen oder riskieren mit den Kleinen Radfahren zu üben, wenn andere da mit 35 km/h um die Ecke kommen", beschreibt Stimpel ein gefährliches Szenario. "Das geht so nicht", sagt er: "Da muss Vorrang sein für die, sie sich erholen wollen."

Dass Radfahrer und Fußgänger sich künftig noch stärker in die Quere kommen könnten, haben auch Fahrrad-Aktivisten wie Raghild Sörensen vom Verein Changing Cities erkannt. Sörensen glaubt dennoch, dass eine einvernehmliche Lösung möglich ist: "Es geht ja nicht darum, dass Fuß- und Radverkehr sich kannibalisieren, sondern dass alle genügend Platz haben voranzukommen." Für Sörensen ist deshalb klar, wenn jemand Platz abgehen muss, ist das der Autoverkehr, der fast zwei Drittel der Verkehrsfläche in Anspruch nehme.

Vorschlag für andere Radroute

Mehrere Verbände, darunter Changing Cities, Fuss e.V. und der BUND versuchen gerade ein gemeinsames Positionspapier zu erarbeiten und Lösungsansätze zu entwickeln. Für die Wilmersdorfer Straße hat Fußverkehrs-Aktivist Stimpel schon einen Vorschlag für den Senat und die Verkehrspolitiker im Abgeordnetenhaus parat: Die Radroute müsse anders geführt werden und zwar über Kaiserdamm und Bismarckstraße. Dort sei schon alles asphaltiert und dort gebe es genug Platz für einen Radschnellweg, der nicht Berlins erste Fußgängerzone zerschneiden würde.

Update

Am Donnerstag, den 3. Dezember 2020 hat der Verkehrsausschuss des Abgeordnetenhauses das Mobilitätsgesetz Fußverkehr verabschiedet. "Als erstes Bundesland macht Berlin den Schutz der am meisten gefährdeten Verkehrsteilnehmer*innen zum Gesetz und erhöht die Aufenthaltsqualität für Fußgänger*innen im öffentlichen Raum", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Fraktionen von SPD, Grünen und Linke. Die Sicherheit von Fußgängern soll unter anderem durch Begegnungszonen, (temporäre) Spielstraßen und Pop-up-Zebrastreifen erhöht werden.

Sendung: Inforadio, 03.12.2020

Beitrag von Jan Menzel

87 Kommentare

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  1. 87.

    Da stimme ich ihnen zu. Wenn ich mit dem Rad unterwegs bin, nutze ich lieber vorrangig die Straße und wenn ausgewiesen, den Radweg. Auf dem Fußweg fahre ich nicht. Das lernt man ja in der 4. Klasse bei Verkehrserziehung. Übrigens, könnte das die Straße vor meiner Haustür sein. Diese ist eine Einbahnstraße, die für Radfahrer im Gegenverkehr freigegeben ist, jedoch steht am anderen Ende für Autofahrer kein Hinweis. Als autofahrender Anwohner weiß ich das. Ortsunkundige Autofahrer haben hier öfters Probleme. Gibt hier regelmäßig Stress auf der Straße und Radfahrer auf dem Gehweg.

  2. 86.

    "Auch Fahrräder verursachen Luftverschmutzung {Feinstaub}: Reifen sind aus Gummi, ebenso die Bremsen."

    Logisch, ich tippe mal 10.000 Fahrräder kommen in 100 Jahren nicht auf die Mengen welche ein Kleinwagen in einem halben Jahr produziert. Aber wenn Radfahrerhassern die Scheinargumente ausgehen...

  3. 85.

    Die Frage, ob man eine europäische Hauptstadt zu einer zukunftsorientierten Stadt mit dem Fokus auf ÖPNV, Fuß- und Radverkehr umbauen kann, ist schon beantwortet: man blicke nach Paris.
    Auch andere Städte/Staaten agieren "vorbildlich", indem sie den nichtmotorisierten Individualverkehr weiter fördern und CO2-intensive Fortbewegungsmöglichkeiten weiter einschränken. Ein Neuzulassungsverbot von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren in einem skandinavischen Land ab dem Jahre 2030 ist wohl das einzig wirksame Mittel, die Automobilbauindustrie dazu zu bewegen, diese "fossilen Kraftmaschinen" endlich abzuschaffen.

    Es gibt unzählige Maßnahmen, um das Miteinander im Straßenverkehr zu verbessern.
    Ein Abstand zwischen parkenden Autos und Fahrradweg läßt Fahrradfahrer auf ihrem Weg "angstfrei vor sich plötzlich öffnenden Autotüren" fahren. Besser noch, auf der Straße würde gar nicht geparkt... ;-)

  4. 84.

    Besonders toll sind die Café-Tische an den Bushaltestellen z.B. des M29 auf den ohnehin viel zu schmalen Gehwegen in der Oranienstraße, wo viele Fußgänger dann auf die Fahrbahn ausweichen müssen. Hier wären "Pop-up-Haltestellencaps" für die wartenden Fahrgäste super (die ansonsten zusammen mit den Cafétischen den Gehweg blockieren), wie z.B. neuerdings in der umgebauten Friesenstraße. Auch verlängerte Haltestellenbereiche wären sinnvoll, so dass zumindest zwei sich stauende Busse auf den Metrobuslinien gleichzeitig an einer Haltestelle halten können. Bis die Straßenbahn irgendwann kommt, könnte das den Busverkehr beschleunigen. Denn aktuell ist mensch zu Fuß dort mangels Busspuren und Autostau manchmal sogar schneller als die vielgepriesenen "Metrobusse" ;)

  5. 83.

    Ich hoffe, das gilt für so manche Radfahrende und Autofahrende gleichermaßen. Bekanntlich sind in hochverdichteten Wohngebieten gut die Hälfte der Gehsteige durch heraufgefahrene Kfz. deutlich verschmälert und der Fußverkehr dadurch behindert.

    Insofern gibt es fortan keine Verschlechterung gegenüber bisherigen Zuständen, sondern - bei Verhinderung des Zustellens - tendenziell eine Verbesserung. In diesem Zusammenhang wäre es dagegen schade, wenn der so neu gewonnene Raum bereits wieder durch ein anderes Fahrzeug beeinträchtigt würde.

    Erst so herum wird ein Schuh draus - nicht durch Bagatellisierung dessen, was jz. lang üble Praxis war und in vielen Straßenräumen immer noch ist.

  6. 82.

    Zusätzlich erschwerrend kommt in Adlershof auf dem Weg zur S Bahn in der Dörpfeldstr die fälschlicherweise als " Bürgersteige " bezeichneten schrägen Flächen, auf denen sich nur Hanghühner und Radfahrer wohlfühlen.
    Kreuzgefährlich!!!

  7. 81.

    So richtig gefährlich ist der Radweg an der Bushaltestelle Richtung Bahnhof Köpenick gegenüber vom " Forum Köpenick ". Während da Fußgänger und Rollstuhlfahrer in die Busse steigen wollen, brausen empört klingelnde Radfahrer auf die Schlange zu.

  8. 80.

    Die Berliner Verwaltung ist überfordert mit einem zeitgemäßen Verkehrskonzept und hat große Angst vor der Auto- und Autofahrerlobby.

  9. 79.

    Man beachte das update!
    Und noch einmal meine Bemerkung, warum sie beim ersten Mal nicht durch ging, erschließt sich mir nicht.
    „Ein Gehweg heißt Gehweg, weil man darauf gehen kann und nicht Fahrad fahren, sonst würde er ja Fahrradweg heißen.“

  10. 78.

    Was soll denn der Quatsch ? In der parallel verlaufenden Kantstr. wurden doch bereits sog. Pop-up-Radwege eingerichtet. Der gesamte Verkehr, Busse, Pkw, LKW hat hier wegen der Radfahrer ‚richtig viel Spaß‘. Die Nutzung durch Radfahrer ist hier wetter- / jahreszeitenbedingt stark zurückgegangen. Reicht das nicht ? Berlin ist nun mal ne Großstadt und kein Luftkurort.

  11. 77.

    Aber die Ordnungsämter haben kein Personal !
    Kommt jetzt die Allgemeine zu-Fuß-gehenden Bewaffnung ? Oder hält gesunder Menschenverstand Einzug.?

  12. 76.

    Hallo lackmeier,
    es geht doch nichts über ein gepflegtes Vorurteil.
    Ich bin wahrscheinlich bedeutend aelter als Sie
    und zeitlebens Sozialdemokrat. Deshalb finde
    ich Regeln sehr hilfreich. Ich habe schon schöne
    Sachen erlebt, von denen Sie noch gar nichts
    wissen.

  13. 75.

    Schönes Rethorik-Rotario hier: "Wem es in der Stadt nicht passt, soll aufs Land ziehen", ansonsten "muß sich deren Verhalten ändern!" ... Viele Argumente haben durchaus ihre Berechtigung, aber Verallgemeinerungen verdecken die durchaus brauchbaren Ansätze. Weder Fußgänger noch Auto- oder Radfahrer sind in ihrer Gruppengänze Rowdies oder Vollidioten, auch wenn jemand den Übergang vom Autofahrer zum Fußgänger mit einer Gedenkminute für Radfahrer ausblümt oder ein Radfahrer auf dem Gehweg zum Rennfahrer wird.

    Als "pazifistischer Verkehrsteilnehmer" denkt man sich dann schon mal:
    "Wie komm' ick hier je wieder lebend raus?"

    In China fahren sie auch Fahrrad... und da meckert keiner, wenn mal einer übern Gehweg radelt! ;-)

  14. 74.
    Antwort auf [tommy] vom 03.12.2020 um 19:30

    Ich würde noch einen Rückspiegel fordern, den ich selbst als Auto und Radfahrer habe. Auch Fahrräder verursachen Luftverschmutzung {Feinstaub}: Reifen sind aus Gummi, ebenso die Bremsen.
    Durch die Propaganda des Senats wurde ein regelrechter Krieg gegen das Auto angezettelt. Fußgänger scheinen hier als Exoten zu gelten; ach die gib's auch noch.

  15. 73.

    Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn der ökologisch ausgerichtete VCD sich auch in Berlin mit solchen, gewiss teilweise spannungsweise geladenen Themen beschäftigte und in Abwägung dabei Position zu bezieht. Schließlich geht es um ein Gesamtverkehrskonzept, das keinesfalls auf Kosten der Schwächeren gehen darf. Die Schwächsten, das ist hier in diesem Beispiel wie auch insgesamt der Fußverkehr. Soll die Fußverkehrsvereinigung Fuss e. V. alleine die Belange des Fußverkehrs vertreten und versucht der VCD, den ADFC in Radfahrerbelangen ggf. noch zu überholen? Das würde dem Gründungsauftrag des VCD nicht ganz gerecht. Auch die (Bündnis)Grünen waren da mal zur vorheriger Zeit für eine Entschleunigung der Verkehrsverhältnisse, während junge Grüne offenbar nicht ohne ein Bike unter 27 Gängen auskommen.

    Pardon, das ist jetzt ein Seitenhieb. Aber ich glaube, Sie wissen das einzuordnen. ;-

  16. 72.
    Antwort auf [tommy] vom 03.12.2020 um 19:30

    Ich erblicke in Ihrer Argumentation sehr wohl eine "gespaltene Wahrnehmung", ja, ich "muss" das so bezeichnen.
    Wie u. auch ich hier in mehreren Beiträgen schrieb, gibt es unter allen Teilnehmenden am Verkehr Fehlverhalten, keine Gruppe dabei ausgeschlossen. Alles andere wäre Metaphysik, faktisch im Umdrehung eines Umweltverbundes auf eine durchgängig sozialere Verhaltensweise zu schließen. Das muss benannt und in Rechnung gestellt werden, deshalb wende ich mich ebenso wie bspw. Roland Stimpel klar gegen eine Radfahrtrasse innerhalb der Wilmersdorfer Straße.

    Staunen tue ich aber doch über Ihren Versuch, ausgerechnet Autofahrende davon frei zu wissen. Schließlich sind sie es, die jahrzehntelang als "Könige der Straße" gehätschelt wurden und es sind diejenigen, bei denen ein Fehlverhalten gravierendere Folgen nach sich ziehen wie bei anderen.

  17. 71.

    Oh, welche denn? Der VHS Kurs "Stricken für Anfänger" oder Anastasia Anhänger oder meinen Sie mit schöne Richtungen im Leben die Ihnen verborgen bleiben eher so Yogakurse?

  18. 70.

    Danke für Ihren schlauen Ratschlag. Warum gleich zu den Reichsbürgern oder Covidioten? Es gibt so viele schöne Richtungen im Leben die Ihnen verborgen bleiben, da Sie nur in eine Richtung blicken.
    Schönen Abend!

  19. 69.

    Alles scheitert doch nicht an der Gefährlichkeit
    des Verkehrs, sondern vielmehr an der
    Rücksichtslosigkeit der beteiligten Verkehrsteil-
    nehmer. Jeder reklamiert das Recht für sich.
    Heute hat unsere Polizei einen zwiespältigen
    Ruf, trotzdem wird sie als Verkehrs-ordnungs-
    macht.

  20. 68.

    Machen Sie wie der Vogel Strauss, also der echte. Stecken Sie den Kopf in den Sand... oder gesellen Sie sich zu Covidioten und Reichsbürgern.

    Okay, das kommt auf das Gleiche hinaus aber... es sieht weniger doof aus.

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