Symbolbild: Treptower Rathaus, Neue Krugallee, Treptow, Treptow-Koepenick (Quelle: dpa/Schoening)
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Treptow-Köpenick - Petition fordert Aufklärung zu Rassismus-Vorwurf gegen Gesundheitsamt

Mitten in der Pandemie steht Treptow-Köpenick ohne Amtsarzt da. Der bisherige wurde pensioniert, sein Wunschnachfolger abgelehnt. Der kubanisch-stämmige Mediziner meint, seine dunkle Haut passe dem zuständigen AfD-Stadtrat nicht. Von Oliver Noffke

Mehr als 33.000 Menschen haben eine Online-Petition unterstützt, die Aufklärung über eine Personalentscheidung am Gesundheitsamt Treptow-Köpenick fordert. Im Zentrum steht der Vorwurf, dass der zuständige Bezirksstadtrat, Bernd Geschanowski (AfD), einen geeigneten Kandidaten für die Stelle des Amtsarztes aus rassistischen Gründen ablehnt. Denis Hedeler, zuletzt Stellvertretender Amtsarzt, stammt aus Kuba und hat eine dunkle Hautfarbe.

Hedeler sagt, bei einem Gespräch im Frühjahr habe Geschanowski gesagt, der Mediziner gebe nach außen kein passendes Bild ab. "Ich dachte erst, meint er, dass ich mit Krawatte und Sacko kommen muss?" Daraufhin habe er nachgefragt, sagt Hedeler: "Was meinen Sie mit Außendarstellung? Und da hat er mit dem Finger auf meine Haut gezeigt."

Für Arbeit in der Seuchenbekämpfung ausgezeichnet

Hedeler lebt seit 24 Jahren in Deutschland. 2018 kam er als Hygiene-Referent nach Treptow-Köpenick, wurde nach kurzer Zeit vom Amtsarzt zu dessen Stellvertreter ernannt. Im Umgang mit Seuchen ist der 51-Jährige erfahren. Für seinen Einsatz in der Bekämpfung des Ebola-Ausbruchs 2014 in Westafrika wurde er im Bremer Rathaus geehrt. In der dortigen Gesundheitsbehörde war Hedeler vor seinem Wechsel nach Berlin jahrelang tätig.

Mittlerweile hat die kommissarische Amtsleiterin Hedeler von seinen Aufgaben entbunden, wie zuerst der "Tagesspiegel" berichtet hatte. Der Mediziner soll künftig als einfacher Facharzt in dem Bereich arbeiten, den er vor Kurzem stellvertretend leitete. "Als Hygiene-Referent habe ich keine Führungsverantwortung mehr, ich bin ein ganz normaler Arzt", sagt Hedeler. "Ich finde das auch okay. Aber was ich nicht okay finde, wer übernimmt jetzt die Verantwortung? Weil in der ganzen Abteilung bin ich der einzige Arzt."

"In dem Fall geht es mir ums Prinzip"

Hedeler sagt, seitdem der bisherige Amtsarzt in Pension ist, gebe es Spannungen zwischen ihm und Geschanowski. Statt fachliche Fragen zu erörtern, suche der AfD-Politiker seit dem Ende des ersten Lockdowns vermehrt die Konfrontation. Im Juni bewarb sich Hedeler dennoch auf die Stelle des Amtsarztes, unterlag einem anderen Kandidaten, der die Stelle dann allerdings ablehnte. Hedeler rückte dennoch nicht nach. "Ich könnte als Arzt überall arbeiten, weltweit", sagt er, "aber in dem Fall geht es mir ums Prinzip." Hedeler ist der Meinung, es gehe nicht, Leute wegen ihrer Hautfarbe abzulehnen.

Ende November wendete er sich an die Organisation All Out, die darauf mit ihm eine Online-Petition startete [action.allout.org]. "Wir haben gedacht, dass das ein guter Weg ist, um Druck aufzubauen, nachdem es über die offiziellen Wege nicht möglich war, das zu klären", sagt Stana Iliev, Kampagnen-Managerin bei All Out. "Wir hoffen, dass der Fall über unabhängige Stellen geprüft wird. Insbesondere, ob Diskriminierung im Bewerbungsverfahren vorlag."

Grüne und Linke fordern Aufklärung

Bezirksbürgermeister Oliver Igel (SPD) teilt auf Anfrage mit, dass ihn der Fall nicht unberührt lasse. "Dies ist ein sehr starker Vorwurf, der mich persönlich erschüttert." Dem werde "mit der gebotenen Sensibilität" nachgegangen, um sie bis ins Detail aufzuklären. "Erst danach wird über Konsequenzen entschieden." Über die Bewerbungen für die Amtsarztstelle habe ein Gremium mit mehreren Stimmberechtigten entschieden. "Keine Einzelperson hat Auswahlentscheidungen getroffen. Die Beschäftigtenvertretungen waren ebenfalls beteiligt." Über ein konkretes Auswahlverfahren könne allerdings keine Auskunft erteilt werden, hieß es. Das Gesundheitsamt bleibt, laut Igel, auch unter kommissarischer Leitung handlungsfähig.

Sollten mindestens 40.000 Menschen die Petition unterstützen, sollen ihre Unterschriften Igel sowie dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller (ebenfalls SPD) vorgelegt werden.

Aufklärung wird mittlerweile nicht nur über die Petition gefordert. Der Bezirksverband von Bündnis 90/Die Grünen forderte am Dienstag. "Angesichts der auch in Treptow-Köpenick hohen Infektionszahlen ist es wichtiger denn je, die Funktion des Amtsarzts zu besetzen und jede fachliche Unterstützung zu nutzen." Christian Kerntopf, Bezirksvorsitzender Die Linke teilte mit: "Als verantwortlicher Stadtrat muss besonders Herr Geschanowski daran arbeiten, ein gutes Arbeitsklima und Arbeitsbedingungen im Gesundheitsamt zu schaffen, in denen Diskriminierung, Mobbing und Rassismus keine Chance haben."

rbb|24 hat Bernd Geschanowski mit den Vorwürfen konfrontiert. Eine Antwort blieb aus.

Sendung: Radioeins, 02.12.2020, 17:10 Uhr

Beitrag von Oliver Noffke

58 Kommentare

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  1. 58.

    "Ich erinnere an eine linke Politikerin, die Reiche erschiessen oder wenigstens in Arbeitslager schicken wollte."

    Ja, wenn man absichtlich falsch zitiert, die rassistischen Zitate der faschistischen und völkisch-nationalen AfD sind aber belegbar. Kostproben gefällig?

  2. 57.

    "Man bewirbt sich parallel auf verschiedene Stellen, und wenn man gut ist, wollen einen gleich mehrere Arbeitgeber einstellen. Dann nimmt man das bestdotierte oder am nächsten gelegene Angebot und schlägt die anderen aus."
    Eine Vermutung. Die Stelle ist nicht immer frei. So etwas sind schon sehr gezielte Bewerbungen.

    "Und wer muss seine Version dann belegen können? Der Kläger."
    Der verklagt ja auch. Dafür müssen die Politiker aber auch Daten an die Anwälte herausgeben. Transparenz ist sehr wichtig in einer Demokratie. Warum ist der Vorgang nicht transparent? Ist ja ein öffentliches Amt.

    "Ich hätte eher einen Filzverdacht, wenn der "Wunschnachfolger" des vorherigen Stelleninhabers problemlos auf die Stelle gelotst würde."
    Dann wissen sie wirklich nicht was mit dem Berliner Filz gemeint ist in dem immer Politiker involviert sind und Ärzte gar nicht genügend Einfluss besitzen. Nachfolger vorschlagen ist in vielen Bereichen gängig, aber keine Garantie für die Einstellung.

  3. 56.

    "Warum hat der ursprünglich angenommene Bewerber abgelehnt? Man bewirbt sich doch nicht um nein zu sagen."
    Daraus braucht man nun wahrlich keine Legenden zu stricken. Man bewirbt sich parallel auf verschiedene Stellen, und wenn man gut ist, wollen einen gleich mehrere Arbeitgeber einstellen. Dann nimmt man das bestdotierte oder am nächsten gelegene Angebot und schlägt die anderen aus.

    "Hier steht Aussage gegen Aussage."
    So ist es. Und wer muss seine Version dann belegen können? Der Kläger.

    "Der Vorgang gehört übrigens zu dem populären Berliner Pfilz wenn sich das Bewahrheiten sollte."
    Merkwürdig. Ich hätte eher einen Filzverdacht, wenn der "Wunschnachfolger" des vorherigen Stelleninhabers (dessen Urteil für das Bewerbungsverfahren völlig irrelevant sein sollte) problemlos auf die Stelle gelotst würde.

  4. 55.

    Spannend spannend.

    Hier steht Aussage gegen Aussage. Der Vorwürfe für die Herabstufung werden auch widersprochen.

    Warum hat der ursprünglich angenommene Bewerber abgelehnt? Man bewirbt sich doch nicht um nein zu sagen.

    Das muss auf jeden Fall aufgeklärt werden, da es derzeit keine ordentliche Begründung für die Ablehnung gibt. Hier werden wohl durch die Politik Prozesse ausgehebelt. Auch die Vorwürfe für Nichtanwesenheit bei den entsprechenden Treffen kann man sehr erreichen indem man Herrn Hedeler einfach nicht über die Treffen informiert oder sie auf unpassende Termine legt.

    Ich sehe dann doch die Politiker in der Pflicht der Erklärung. Es sollte im eigenen Interesse sein, da die derzeitige Argumentation klar gegen sie geht.

    Der Vorgang gehört übrigens zu dem populären Berliner Pfilz wenn sich das Bewahrheiten sollte. Der entscheidet öfter mal nach Nase und nicht nach Qualifikation (persönliche Erfahrung). Als Berliner Bürger hätte ich aber lieber qualifizierte Kräfte.

  5. 54.

    Ein Rassist bei der AfD? Ich bin schockiert...

  6. 53.

    Ich denke, der Artikel liefert zu wenige Informationen, um sich ein richtiges Bild zu machen. Zum Beispiel, warum es in der Vergangenheit Konfrontationen gab.

    Ach und wegen des Sprachgebrauchs. Ich erinnere an eine linke Politikerin, die Reiche erschiessen oder wenigstens in Arbeitslager schicken wollte.
    Im Land der Dichter und Denker ist wohl Einiges aus dem Lot geraten.

  7. 52.

    Der kubanisch-stämmige Mediziner hätte die Möglichkeit gehabt, zunächst das neue Antidiskriminierungsgesetz von Berlin in Anspruch nehmen zu können, auch die Möglichkeit einer Verbandsklage ist dort vorgesehen, bei der Verbände stellvertretend für Betroffene vor Gericht ziehen, wäre ein mit diesem Gesetz verbundener neuer Weg. Der Sozialverband Deutschland (SoVD) wäre so ein Verband.
    Die mit dem Gesetz neu geschaffene Ombudsstelle prüft den Vorwurf und sucht zunächst nach Lösungen jenseits von Klagen. Betroffene werden aber auch bei Klagen unterstützt. Die Frage muss erlaubt sein, warum sucht der Mediziner nicht zunächst diesen Weg?

  8. 51.

    Die Aussagen von der Gesundheitamtsleitung zur Runterstufung und der Nichtberücksichtigung des Bewerbers für den Leitungsjob liegen auf dem Tisch. Laut TAGESSPIEGEL hat der Bewerber in dem üblichen Auswahlverfahren die notwendige Punktezahl nicht erreicht. Aussenstehende, wie hier etwa eine Lobby-Organisation, erbringen keinen neuen Erkenntnisgewinn. Da der Bewerber nicht will, dass das Ergebnis aus dem Bewerbungsgespräch veröffentlicht wird, was sein gutes Recht ist, bleibt zunächst die Personalentscheidung des Gesundheitsamtes. Sein gutes Recht wäre allerdings auch, gegen die Entscheidung des Gesundheitsamtes Klage zu erheben, falls die Frist dazu nicht schon abgelaufen ist.

  9. 50.

    Ich sehe das auch als rassistisches Mobbing. Unabhängig von der Hautfarbe: jemand bewirbt sich auf eine Stelle, bekommt sie als einzig übrig gebliebener Bewerber nicht, beschwert sich ( egal ob berechtigt oder unberechtigt) und wird dann zurückgestuft. Das wäre in jeden Betrieb Mobbing und würde vor keinem Arbeitsgericht Bestand haben. Wartete man bis zur Pensionierung des Amtsarztes? Warum wurde er nicht vorher zurückgestuft?
    Natürlich kann Herr H. überall arbeiten und wird aufgrund seiner bisherigen Qualifikation und seiner Mehrsprachigkeit gute Chancen haben.
    @ justaberliner: natürlich hat ein qualifiziert ausgebildeter Mensch Prinzipien.
    .

  10. 49.

    Ob es in TK "besser gemacht"wurde, weiss doch keiner. Ein Ges. Amt ohne Amtsarzt, ohne Stellvertreter, mit nur kommissarischer Leitung und ein AfD Stadtrat . Als "linker Verschwörungsideologe" glaube ich ja einfach, dass man die Zahlen dort niedrig hält, weil es laut AfD ja kein Corona gibt. Da müsste TK eigentlich bei 0,0 sein.

  11. 48.

    Du die Fachaufsicht liegt bei dem Senat von Berlin, der Gesundheitssenatorin, dem Innensenator ? ! - Bitte schnell noch klären v o r der Rente !

  12. 47.

    Haarsträubend. Die vielen guten Beispiele von Integration gerade im Gedundheitswesen verdienen öffentliche Anerkennung und Achtung. Der AfD-Mann ist offensichtlich überfordert. Der kommunale Bereich ist demokratisch für die Mitwirkung jedes Einzelnen so offen wie wichtig. Also handelt! Lasst Euch solche politische Dummheit nicht länger bieten!

  13. 46.

    Waren es nicht die grünen die alles zu Recht daran gesetzt haben das niemand aufgrund seiner Herkunft Hautfarbe sexueller Einstellung benachteiligt werden darf?. Bevorteilen sollte aber deshalb auch nicht sein. Das wäre ebenfalls Brand gefährlich.
    Aus diesem Grund muß das so unabhängig wie möglich geprüft werden.
    Ich bin erstaunt wieviel sich hier berufen fühlen mit nur den Infos aus den Medien ein Urteil abzugeben.
    Ich würde mir das nicht zutrauen.

  14. 45.

    Können Sie mir bitte mal erklären was an der Aussage" ich könnte überall weltweit arbeiten" nun überheblich sein soll?
    Also ich wusste auch immer um mein Können und habe das auch postuliert. Und er kennt sich vermutlich besser mit Pandemien aus als viele deutsche Ärzte hier, Stichwort Ebola.
    Und Verzeihung, wenn man ungeeignet ist hat man nicht die Position des stellvertretenden Amtsarztes.
    Und wenn man aus nicht eineindeutigen Gründen runtergestuft wird (und das scheint hier ja so zu sein) ist man ja nicht seiner Erfahrung und Qualifikationen verlustig gegangen. Für mich riecht das eher nach Mobbing.

  15. 44.

    Nö - nichtmal Schmähkritik. Sie können sich ja mal mit der Rechtssprechung, also die mit einem "s", auseindersetzen. Sie würden stauen was da "abgesegnet" wurde. Neofaschisten habe ich aber z.B. noch nicht gelesen.

  16. 43.

    Dafür steht Köpenick aber ganz gut da, mit der niedrigsten Inzidenz berlinweit.
    Also irgendwas muss in diesem Bezirk wohl besser als anderswo gemacht werden.

  17. 42.

    Im Tagesspiegel war zu lesen, dass Herr Hedeler im Auswahlverfahren nicht die nötigen Punkte erreicht hat und damit ist er nun mal nach Verwaltungsvorschrift ungeeignet. Diese Vorschrift stammt aber nicht von Herrn Geschanowski, sondern so funktioniert das im öffentlichen Dienst. Und meines Wissens sind am Auswahlverfahren einige Personen mehr beteiligt.

  18. 41.

    Danke für diesen Kommentar, denn Sie haben leider Recht.

  19. 40.

    Als neutraler Betrachter sollten Sie auch lesen können und nicht nur betrachten. Ich habe mein Entsetzen über die Tatsache, dass ein AfDler überhaupt ein Ressort in Köpenick hat zum Ausdruck gebracht und mir die Frage gestellt, welches Ressort er eigentlich hat, wat fühlen Sie sich denn da angegriffen, geht Ihnen das nahe?

  20. 39.

    Ich hoffe die Rassismusvorwürfe werden rückhaltlos aufgeklärt, sonst entsteht hier ernsthafter Schaden für das Land Berlin!

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