Als Anrufe zwischen West und Ost wieder möglich wurden - "Sie werden in Berlin verlangt"

So 31.01.21 | 13:14 Uhr | Von Oliver Noffke
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Fernamt in der Winterfeldtstraße, Bild: rbb
Bild: rbb

1952 kappt die DDR fast alle Telefonleitungen in den Westen. Anrufe zwischen den beiden deutschen Staaten werden nahezu unmöglich. Als am 31. Januar 1971 in West-Berlin wieder Leitungen in den Osten bereitstehen, wird das Fernmeldeamt mit Anfragen überflutet. Von Oliver Noffke

Fernmeldeamt 1, Winterfeldtstraße. Sechs Uhr morgens am 31. Januar 1971. Der Hörfunk ist gekommen, das Fernsehen auch. Fotografen nehmen mit ihren Objektiven die Telefonistin ins Visier. Die junge Frau lässt sich von dem Rummel nicht aus der Ruhe bringen. Mit sicherer Stimme spricht sie die Worte, mit denen das Schweigen gebrochen wird. "Ja, hier das Fernamt aus Berlin. Sie werden in Berlin verlangt. Bitte bleiben Sie am Apparat, ich rufe." Die Telefonistin zieht das Kabel aus dem Steckfeld und stößt es in eine andere Öffnung. Die Verbindung steht. Von Wilmersdorf nach Baumschulenweg. Eine Sensation. Solch einen Anruf hat es seit 1952 nicht mehr gegeben.

Damals waren Telefongespräche zwischen West und Ost nach Sperrmaßnahmen der DDR nahezu unmöglich geworden. Über die innerdeutsche Grenze führen nur noch 34 Kabelverbindungen. In Berlin beginnt das SED-Regime am 27. Mai sukzessive die 3.910 Telefonleitungen zu den Westsektoren zu kappen.

"Ich halte das für einen Witz"

19 Jahre später, als die Telefone wieder klingeln, wird rasch klar, dass sich einiges an Gesprächsbedarf angesammelt hat. "Von Stunde zu Stunde wächst die Zahl der Voranmeldungen aus West-Berlin", berichten die Abendnachrichten. Am Vortag habe schon kurz vor Dreiviertel neun niemand mehr ein Telefonat für den ersten Tag mit offenen Leitungen anmelden können, heißt es.

Auch für den nächsten Tag sind alle Zeiten fast ebenso schnell ausgebucht. 10:02 Uhr liegen 1.247 Anmeldungen für den 1. Februar vor. Wer jetzt noch anruft, hört eine vorgeschaltete Schallplatte in Dauerschleife: "Heute sind leider keine Anmeldungen nach Ost-Berlin mehr möglich. Anrufe bei anderen Rufnummern des Fernsprechdienstes sind zwecklos."

Das ehemalige Fernmeldeamt der Post in der Winterfeldtstraße in Berlin-Schönefeld (Quelle: Bildagentur-online/Schoening)
Das ehemalige Fernmeldeamt der Post in der Winterfeldtstraße | Bild: Bildagentur-online/Schoening

Die Knappheit ist dem politischen Willen geschuldet. Für den Anfang stehen nur zehn Direktleitungen für Gespräche zwischen West-Berlin und dem Osten zur Verfügung. Bis zur Wende stockt die Post der DDR die Zahl der Leitungen von Ost nach West auf 72 auf, in die Gegenrichtung verlaufen 460 Leitungen. "Zum Reden zu wenig, zum Verstummen zu viel", kommentiert "Der Spiegel" die Situation im Sommer 1990.

Im Fernmeldeamt der Post in der Winterfeldtstraße arbeiten die "Fräuleins vom Amt", wie man die Telefonistinnen umgangssprachlich noch nennt, zudem mit Geräten, die schon vor dem Krieg im Einsatz gewesen waren. Für die Abendschau des SFB, dem Vorgänger des rbb, ist dieser Umstand Anlass für eine gepfefferte Straßenumfrage auf dem Ku'damm: "Zu wenig", "lächerlich", "Ich halte das für einen Witz", "5.000 müsstens sein." Goldstücke berlintypischer lakonischer Schnodrigkeit.

Blitzgespräche bei zehnfacher Gebühr

Dürftig ist allerdings auch der technische Standard in der DDR. "Die Nicht-Telefonbesitzer gingen zu Nachbarn und erledigten dort ihre Telefonate, denn über die Poststellen konnte man das rein zeitmäßig nicht abwickeln", erinnert sich eine Zeitzeugin, die für die Seniorenakademie der Uni Leipzig ein Protokoll ihrer zusammengestellt hat [research.uni-leipzig.de]. "Auch für die doppelte Gebühr gab es keine Garantie einer schnellen Verbindung, die hatte man nur bei der Anmeldung als Blitzgespräch für die 10-fache Gebühr." Flächendeckenden Selbstwählverkehr gab es in der DDR erst ein Jahr später.

Dass nach 19 Jahren Stille nun die Telefone klingeln, ist nicht nur für zerrissene Familien ein Glücksfall, sondern auch für die Stasi.

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Beitrag von Oliver Noffke

15 Kommentare

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  1. 14.

    Ooooch, sie Ärmste...

    "Die durchschnittlich etwa 25 Millionen Pakete, deren Versand die westdeutschen Absender steuermindernd geltend machen konnten, enthielten pro Jahr etwa 1000 Tonnen Kaffee und fünf Millionen Kleidungsstücke. Beide waren auch als Tauschware von privat an privat begehrt.

    Während die DDR zunächst versuchte, den Versand und die Auslieferung dieser Pakete zu behindern, etwa durch die Forderung eines Desinfektionsnachweises für gebrauchte Kleidungsstücke, waren die Pakete später fester Bestandteil in den Planungen zur Versorgung der Bevölkerung. "

  2. 13.

    @Corinna Srifarth: Das ist ja eine tolle Geschichte! :-)

    Interessanter Bericht, danke dafür.

    Ich beschäftige mich gerade privat mit den Monaten vor, während und nach der Wende. Hierzu habe ich mir u.a. gestern ein Radio-Feature vom Deutschlandradio (auf CD, von der Stadtbibliothek ausgeliehen) angehört, welches die Telefonate der Stasi untereinander und mit der Bürgerschaft während dieser Zeit thematisiert und dokumentiert.
    Leider finde ich nirgendwo einen Link dazu, kann dieses Feature mit dem Namen "Abgesang der Stasi" aber nur empfehlen.

  3. 12.

    Auf Telefonate konnten Sie verzichten und die Pakete aus dem Westen waren das "Letzte" Da hat oder hatte aber jemand einen Frust gegen den Westen.

  4. 11.

    Dann hatten Sie aber Pech.....in meinem Paketen gab es neue Sachen und alles Marke:-)

  5. 10.

    Das mag so sein. Aber sogar gemeinsam sind diese Grüppchen eine winzige Minderheit. Vermutlich sogar kleiner als die Minderheit, die weiß, wie man Komparativ schreibt. :-)

  6. 9.

    Ich kann mich auch an die tollen West-Packete mit den abgetragenen Klamotten erinnern. Vielen Dank - wir haben sie für euch entsorgt. Konnten die nicht steuerlich abgesetzt werden?
    Auf Telefongespräche konnte ich auch verzichten.

  7. 8.

    Da gebe ich Ihnen völlig recht: eine Minderheit beharrt auf dem Superlativ. Es sind aber schon wesentlich mehr, denen ein Komperativ ausreichend ist.

  8. 7.

    Kann mich dem nur anschließen, Erinnerungen wach zu halten. Auch als damals Telefonloser Ossi, kannte ich solche Dinge nur von Bekannten, Verwandten, der Berliner Abendschau oder Rias. Umso glücklicher bin ich, dass es diese Zeit nicht mehr gibt.

  9. 6.

    Dieser Teil der deutsch-deutschen Geschichte war mir nicht bekannt. Das die Telefonleitungen eine Katastrophe waren schon, aber nicht das es 20 Jahre gar keine gab. Zur Stasi, die sich dann freute braucht heute nur eine App auf dem Handy zu installieren und erfährt alles rund um die Uhr. Heisst natürlich im vereinten D. anders.

  10. 5.

    Ich finde es richtig die Erinnerungen an die Teilung der Stadt wachzuhalten. Den Jüngeren ist dieser Wahnsinn kaum zu vermitteln und solche Beiträge sind deshalb so wichtig.

  11. 4.

    Manche Bürger der ehemaligen DDR (nicht alle!) mögen es nicht, wenn an die schlechten Seiten des untergegangenen Landes erinnert wird. Einige halten vor lauter Verklärung die DDR auch heute noch für den besten und tollsten Staat, den es jemals auf deutschen Boden gegeben hat. Wie gesagt: Einige. Eine Minderheit. Wenn dann so ein Artikel kommt, wo es um Dinge geht, wie die Mauer, gekappte Telefonleitungen, Infrastruktur und Stasi, dann haben diese offenbar ein Problerm damit.

  12. 3.

    Ich verstehe nicht, was mit solchen giftigen Kommentaren ausgesagt werden soll. Es geht doch gar nicht um die Überwachung in diesem Artikel, sondern darum wie die DDR-Oberen Westberlin und ihre eigenen Bürger abgeschnitten haben und um die Wiederherstellung der Telefonleitungen. Die Erinnerung daran wach zu halten, wie geteilt dieses Land einmal war, halte ich für sehr wichtig. Vielen sind die Hürden der Kommunikation von damals sicher nicht geläufig, weil sie zum Glück zu jung sind, um das durchgemacht zu haben.

  13. 2.

    Ich verstehe nicht, was mit diesem Bericht ausgesagt werden soll. Das die ehemaligen DDR -Bürger nichts durften oder sagen wir lieber komplett überwacht wurden ist doch hinreichend bekannt. Es wäre nicht möglich die Überwachung aufrecht zu erhalten, wenn man den Bürgern ein bischenFreiheit hätte eingeräumt.

  14. 1.

    Es ist ein seltsames Gefühl... Zig Mal hat mir meine Mutter davon erzählt und nun bekomme ich eine Popup-Nachricht von rbb24 auf mein Handy, öffne sie und sehe das Foto meiner Mutter von 1971. Sie war damals dieses "Fräulein vom Amt" :-)

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