Archivbild: Weiße Rosen liegen auf dem Gelände des Mahnmals Gleis 17 in Berlin-Grunewald unter anderem an dem Schriftzug Berlin-Lodz. Am 18. Oktober 1941 verließ der erste Berliner <<Osttransport>> mit 1.089 jüdischen Kindern, Frauen und Männern den Bahnhof Grunewald in Richtung Litzmannstadt (Lódz). (Quelle: dpa/R. Jensen)
Bild: dpa/R. Jensen

Gedenk-Campus am Gleis 17 geplant - Wenn ein Mahnmal allein nicht ausreicht

Bisher erinnert am Gleis 17 am Bahnhof Grunewald ein Mahnmal an die deportierten Berliner Juden. In Zukunft soll dort auch zur Geschichte der Deportationen geforscht werden - auf einem extra dafür geschaffenen Campus. Von Thomas Klatt

Am Bahnhof Grunewald begannen im Oktober 1941 die ersten Berliner Massen-Deportationen - heute erinnert daran das Mahnmal Gleis 17 am S-Bahnhof. Hier liegen parallel zum alten Schotterbett verlegte Stahlgussplatten, auf denen Datum, Anzahl der Deportierten und die Bestimmungsorte stehen: Riga, Warschau, Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau. Zwischen den Schienen wachsen Bäume und Büsche. Symbol dafür, dass hier nie wieder ein Zug den Bahnhof verlassen soll.

Für die einen ist das ein beeindruckendes Mahnmal, aber nicht alle nehmen es auch wahr, meint die Kultur- und Sozialwissenschaftlerin Elke-Vera Kotowski vom Moses-Mendelssohn-Zentrum für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam: "Viele Leute, die dort vorbeigehen, registrieren gar nicht, um welchen Ort es sich handelt."

Hinter Gleis 17 liegt heute eine gut 20.000 Quadratmeter große Brache. Bisher ist es ein Hundeauslaufplatz, aber das soll sich bald ändern.

Gedenk-Campus mit 150 Wohnungen geplant

Die Moses-Mendelssohn-Stiftung will hier einen Gedenk-Campus mit 150 Wohnungen für Studierende errichten. Es ist eine 20-Millionen-Euro-Investition. Das Gelände hat die Stiftung gerade von einer Bundesbahn-Tochter gekauft.

Hier sollen in wenigen Jahren junge Medienwissenschaftler, IT-Fachleute, Architektur-Studenten, Studenten der Geschichte, der Kulturwissenschaften oder der Literatur einziehen - und gemeinsam sollen sie neue Gedenk-Konzepte für künftige Generationen entwickeln.

In den Räumen des Gedenk-Campus entsteht dann auch ein Ausstellungsraum mit einem "history lab": An Monitoren und interaktiven Lernstationen können sich etwa Schulklassen ein Bild von der NS-Zeit machen. Auf der Freifläche um das Wohnheim herum wird nach Vorbild der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem ein Hain der Gerechten gepflanzt: Bäume erinnern an die Menschen, die etwa in der NS-Zeit Juden versteckten oder ihnen zur Flucht verhalfen.

Grafik: Else-Ury-Campus. (Quelle: greeen architects)Entwurf für den Else-Ury-Campus

Der Gedenkcampus soll mit den Hochschulen der Region zusammenarbeiten: der Humboldt-Universität und der Freien Universität und der Uni in Potsdam mit dem Zentrum für europäisch-jüdische Studien, erklärt Julius Schoeps, Vorstandsvorsitzender der Moses-Mendelssohn-Stiftung und Gründungsdirektor des Zentrums: "Der Ort ist für Studenten hervorragend. Es ist nicht weit in die Stadt hinein. Und es ist nicht weit nach Potsdam."

Die Campus-Arbeit soll in die regulären Studiengänge mit eingebunden werden. Gedenk-Konzepte könnten beispielsweise zum Thema für Bachelor- oder Masterarbeiten werden. Zudem will die Stiftung acht bis zehn Stipendien ausloben, um den Zuzug für Studierende finanziell attraktiver zu machen.

Else Ury als Namensgeberin

Die Moses-Mendelssohn-Stiftung hat bereits Erfahrungen mit Studierenden. Sie betreibt mehr als 20 Mikroapartment-Wohnheime, von denen jedes einen jüdischen Namen trägt. Der Gedenk-Campus am Gleis 17 soll nach der Kinderbuchautorin Else Ury benannt werden, der Verfasserin der einst populären Kinderbuchreihe "Nesthäkchen". Else Ury wurde im Januar 1943 in Auschwitz ermordet - eine von mehr als 50.000 Jüdinnen und Juden, die von Berlin aus deportiert wurden.

Der Stiftung sei daran gelegen, die Menschen hinter dieser Zahl wieder sichtbar zu machen, sagt Elke-Vera Kotowski vom Moses-Mendelssohn-Zentrum. Deren Geschichten sollen über eine Datenbank zugänglich gemacht werden.

Offene Fragen bei den Routen der Deportierten

Der Berliner Rabbiner Walter Rothschild begrüßt das Vorhaben. Gleis 17 sei kein Friedhof, sagt er, hier werde durch einen Studenten-Campus keine Totenruhe gestört. Aus theologischer Sicht spreche also nichts gegen das Bauvorhaben.

Überhaupt müsse in Sachen Deportationen noch einiges erforscht werden, sagt Rothschild: "Eines der Rätsel der Berliner Geschichte ist, dass diese Leute von den Sammelpunkten aus zu Fuß durch die ganz Stadt getrieben worden sind, und keiner hat sie gesehen. Bis zum heutigen Tag weiß man nicht genau, welche Route sie genommen haben." Es gab mehrere Deportationsbahnhöfe in Berlin: Moabit, Anhalter Bahnhof und Grunewald.

Vor den künftigen Studierenden am Gleis 17 liegt also viel Arbeit. Julius Schoeps glaubt, dass der Else-Ury-Gedenk-Campus schon in wenigen Jahren starten kann, denn die Rahmenbedingungen seien bereits geschaffen. Die ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, habe sich schon bereit erklärt, die Schirmherrschaft für dieses Projekt zu übernehmen.

Beitrag von Thomas Klatt

19 Kommentare

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  1. 18.

    Auch Bescheidenheit ist eine große Tugend. Es muß nicht immer gleich alles an die große Glocke gehängt werden. Werden Sie aktiv und kämpfen ebenso gegen dieses Unrecht an. Darüber an den richtigen Stellen zu reden ist schon mal der richtige Schritt.

  2. 17.

    Auch Juden sind meine Freunde !

  3. 16.

    Demokratie verstanden als Rumpfdemokratie in Form des Waltens einer bloßen rechnerischen Mehrheit bekommen recht viele zustande. Da wird die eine Hälfte der Bevölkerung gegen die andere aufgewiegelt und bei der nächsten Wahl anders herum. Je stärker die Ausschläge, um so gespaltener die Bevölkerung. Die Heilserwartungen und die Enttäuschungen sind dabei unendlich. Die Feindbilder, wer denn nun für das alles verantwortlich sei, auch.

    Jüdische Menschen, Fremde überhaupt, haben sich für diejenigen, die ein glattes und durchgängiges Weltbild haben, immer schon besser als Feindbild geeignet als andere - gleich, ob autoritäre, diktatorische oder demokratische Verhältnisse. Wer einem glatten und durchgängigen Weltbild erliegt, ist eher angetan angesichts eines hundertprozentigen technischen Funktionierens als andere, für die das eher ein Schreckbild ist. Genau diese oberflächliche Faszination, dass es ja "funktioniert", ist an der NS-Zeit unterbelichtet.

  4. 15.

    Antisemitismus und Ausgrenzung können heimisch sein auch in Demokratien ohne Diktatur und Faschismus, so auch in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg.
    Früher leiser und nun immer lauter

  5. 14.

    Nein, es ist nicht angenehm die geistigen Urenkel der Täter von damals wieder in deutschen Parlamenten sitzen zu sehen.

    Aber da hat nicht nur die Politik versagt, da haben wir alle versagt. Nur nicht so wie sie es gerne hätten.

  6. 13.

    "Dabei betonte sie, diese Worte explizit nicht an die "ganz rechte Seite des Plenums" zu richten."

    Ergänzung: Ist es für die anderen Parteien auf diese Weise nicht geradezu angenehm, die AfD im Parlament zu haben und sich dadurch der Absolution zu erfreuen, zu den Guten zu gehören? Vor 2017 waren die Reden von Holocaust-Überlebenden etwas unbequemer, da sich das ganze Parlament von der (Er)Mahnung angesprochen fühlen musste.

  7. 12.

    Und was belegt das, außer dass Frau Knobloch (wofür ich aufgrund der Biographie Verständnis habe) dem gleichen beschriebenen Irrtum unterliegt und zudem beim Thema Antisemitismus nur nach rechts schaut?

    Von Frau Weisband hätte ich mir aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer jüngeren Generation und ihrer Erfahrungen bei den Piraten erhofft, dass sie einen etwas weiteren Blick hat. Aber da sie nun bei den Grünen ist, schaut auch sie wohl bewusst am Elefanten im Raum vorbei.

  8. 11.

    "Die Parlamentarier forderte Knobloch auf: "Passen Sie auf auf unser Land." Dabei betonte sie, diese Worte explizit nicht an die "ganz rechte Seite des Plenums" zu richten. Auf dieser Seite sitzt die AfD, die Knobloch nicht namentlich erwähnte.

    An die Adresse der AfD-Fraktion sagte Knobloch: "Sie werden weiter für ihr Deutschland kämpfen, und wir werden weiter für unser Deutschland kämpfen." Und: "Ich sage Ihnen, Sie haben Ihren Kampf vor 76 Jahren verloren." Nach ihrer Rede standen die Abgeordneten auf, um zu applaudieren. Aus den Reihen der AfD blieben einige Abgeordnete sitzen."

    https://www.tagesschau.de/inland/holocaust-bundestag-105.html

  9. 10.

    Ich kann Ihre Kommentare hier zu diesem Thema nur rundherum bejahen und 100%-ig unterstützen.
    Echt widerlich wie sich viele Aspekte in unsere Gesellschaft und im demokratischen Diskurs zum Negativen verändert haben und die schweigende Masse erhebt viel zu selten das Wort dagegen. Nie wieder Diktatur und Faschismus!
    Ich kenne Gleis 17 und war bereits mehrmals dort - erschütternd und beklemmend und sehr beschämend - ohne Worte!

  10. 9.

    "Genau aus diesem Grund wiederholt sich unsere Geschichte gerade wieder."

    Geschichte wiederholt sich nur in der überspannten Einbildung von Leuten, die Unterschiede ausblenden und Parallelen ziehen, wo es keine gibt.

  11. 7.

    "Dank" Leuten wie ihnen haben wir überhaupt ein massives Problem mit dem erstarkenen Rechtsextremismus und Antisemitismus. Die "Schlußstrichdebatte" ist so alt wie es Neonazis und deren Sympathisanten gibt.

  12. 6.

    "Man sollte nun auch mal Geschichte, Geschichte sein lassen, es darf nie vergessen werden was geschehen ist."

    Genau aus diesem Grund wiederholt sich unsere Geschichte gerade wieder. Wegen solcher "Fliegenschiss Denker". Umso unverständlicher sind ihre widersprüchlichen Aussagen.

    Haben sie sich überhaupt den TS link angesehen?

  13. 5.

    Ich kann Ihnen da nur zustimmen. Wieso sollte man sich schämen deutsch zu sein? Wir haben diese Taten nicht zu verantworten und zu der Zeit nicht gelebt. Natürlich waren die Taten schrecklich, keine Frage. Es wird aber auch sehr viel erinnert, daran mangelt es ja nun wirklich nicht.

  14. 4.

    Ich schäme mich nicht eine Deutsche zu sein.
    Für diese Verbrechen kann ich nichts dafür zu der Zeit habe ich nicht gelebt.
    Man sollte nun auch mal Geschichte, Geschichte sein lassen, es darf nie vergessen werden was geschehen ist.
    Man sollte viel lieber sein Augenmerk auf die heutige Situation in Deutschland werfen wo man mit Schrecken beobachten kann das sich Geschichte wiederholen kann.

  15. 3.

    Nach durchlesen dieser Zeilen war ich ergriffen und dachte: Ein großartiges Projekt.

  16. 2.

    Aktueller denn je, wenn wieder Rechtsextremisten in deutschen Parlamenten sitzen und der Mob dazu auf der Straße tanzt und NS Verbrechen verharmlost.

    Man schämt sich Deutscher zu sein. Nein, nicht nur wegen der Verbrechen damals, sondern für die Verbrecher von heute und weil man das nicht verhindert hat.

    https://www.tagesschau.de/faktenfinder/ns-vergleiche-antisemitismus-103.html

  17. 1.

    Bisher war ich zweimal da, auf der Gedenkstätte des Gleis 17. Und beide Male kamen in mir unverzüglich Gedanken und auch Empfindungen hoch, mit welcher puren Selbstverständlichkeit an diesem Ort eine Transport- und Abschiebemaschinerie vonstatten ging, die Menschen heute eher Grausen lässt - Grausen lässt wegen des endlichen Ziels der Vernichtung, nicht aber - leider - aufgrund eben dieser vollzogenen Normalität selbst.

    Zusätzlich zum jetzt entstehenden Campus, der glücklicherweise dem Gelände mehr Aufmerksamkeit und auch mehr Auseinandersetzung bescheren wird, so denke ich, wäre ein Hinweis auf das "ach so NORMale": Ingenieure waren seinerzeit damit befasst, sich über die Achslast von Waggons Gedanken zu machen. Dies deshalb, weil "das Transportgut die Angewohnheit hat, sich in der vorderen Wagenhälfte zu befinden." Deshalb kam recht nüchtern und rein ingenieursmäßig der Vorschlag, die vordere Achslast zu verstärken.

    Da läuft es einem eiskalt den Rücken runter.


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