Farbige Leerrohre, in die später die Glasfaserkabel verlegt werden, ragen aus der Erde an einer Straß
Audio: Inforadio | 17.02.2021 | Stefanie Brockhausen | Bild: dpa/Patrick Pleul

Fürstenberg in Brandenburg - Wenn die Schul-Digitalisierung aus dem privaten Keller kommt

Wie wichtig digitales Lernen an Brandenburger Schulen ist, zeigt sich in der Corona-Krise deutlich: Ohne gute Internetverbindung und die nötige Ausrüstung kann der Fernunterricht nicht klappen. In der Realität wird vor allem improvisiert. Von Stefanie Brockhausen

René Mertens wollte es schwarz auf weiß haben. Deshalb startete der Landeselternsprecher kürzlich eine Umfrage zum Thema digitales Lernen unter Brandenburger Eltern. 5.000 meldeten sich zurück und teilten ihre Erfahrungen. Nun hat Mertens ein buntes Tortendiagramm vor sich. Es zeigt ein dreigeteiltes Land: "Wir haben eine Spitzengruppe, ein gutes Drittel der Schulen, wo es gut bis sehr gut funktioniert", sagt Mertens. "Dann haben wir ein Drittel, wo es mittelmäßig funktioniert. Und ein Drittel, das wirklich abgehängt ist."

Veraltete Technik, langsames Internet, zu wenig Geld

Was das im Schulalltag bedeutet, dürfte vielen Eltern allzu bekannt vorkommen. "An einem Montagvormittag geht das Postfach der Kinder auf", erzählt Mertens. "Da werden dann 30 bis 40 Seiten von der Schule geschickt und die Schüler müssen es dann allein bearbeiten. Im Optimalfall können sie es wieder hochladen, Feedback kommt höchst selten." Mit Glück könne man die Lehrer eine Stunde pro Woche im Videochat befragen. "Und wenn man Pech hat, nur von 16 bis 17 Uhr."

Es ist gelebte Improvisation. Viele Schulen in Brandenburg hinken bei der Digitalisierung hinterher. Die Gründe dafür sind vielfältig: veraltete Technik, langsames Internet, zu wenig Geld. Viel hängt davon ab, wie die Schulen und Schulträger sich selbst helfen können, finanziell oder personell.

Aus Sicht des IT-Experten Daniel Domscheit-Berg sind auch die komplizierten Verwaltungsprozesse ein Problem, zum Beispiel bei der Beschaffung. Zu wenig Entscheidungsfreude, zu wenig Ergebnisorientiertheit: Das sei nicht der richtige Weg, so Domscheit-Berg. "Da müsste man eine kleine Truppe haben aus technikversierten Leuten, die gemeinsam mit Schulleitern und Leuten vom Schulamt zusammenarbeiten und überlegen: Was sind die Anforderungen aus dem Alltag? Und welche Lösungen gibt es, die schnell und unkompliziert werden können?"

Wenn in drei von vier Haushalten kein Drucker steht

Eine solche Strategie könnte auf Landesebene entwickelt und dann auf dezentraler Ebene umgesetzt werden, so Domscheit-Berg, etwa für jedes Schulamt oder jeden Landkreis. Dafür bräuchte es auch gar nicht viele Leute. Entscheidend seien eben die Erfahrung im Schulalltag und die technische Erfahrung. Dann könne man an Lösungen arbeiten.

Aktuell klafften Plan und Realität noch viel zu oft viel zu weit auseinander, sagt der Informatiker. Das habe sich auch in seinem Wohnort Fürstenberg gezeigt. "Wir haben zu Beginn der Pandemie mit der Grundschule in Fürstenberg ein paar Umfragen gemacht bei Schülern. Dabei ist erstmal bewusst geworden, wie wenige Drucker es eigentlich gibt - und darüber hatte am Anfang niemand nachgedacht." Weniger als ein Viertel der Haushalte hätte einen Drucker zuhause, das habe überhaupt niemand erwartet. "Aber es braucht diese Fragen und es braucht Leute, die diese Probleme im Alltag verstehen. Die können dann zusammengebracht werden mit technischen Lösungen."

Privates Rechenzentrum im Keller

In Fürstenberg, so Domscheit-Berg, funktioniere das an vielen Stellen schon recht gut. Sicher hat das auch viel mit ihm selbst zu tun. "Wir fackeln hier nicht lange", sagt er. Im Keller seines Hauses hat er ein Rechenzentrum eingerichtet und stellt technische Infrastruktur zur Verfügung, etwa für Videokonferenzen. "Bei mir rufen sehr oft Lehrerinnen und Lehrer an, etwa aus Potsdam. Sie haben gehört, dass es bei uns Videokonferenz-Systeme gibt, die nicht überlastet sind, und fragen ob sie die auch benutzen können. Ist doch komisch, dass sich das erst von Lehrer zu Lehrer rumsprechen muss."

Es gebe viele gute und kreative Lösungen für einzelne Probleme, so Domscheit-Berg, auch in Brandenburg. Man müsse nur dringend mehr darüber reden.

Beitrag von Stefanie Brockhausen

8 Kommentare

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  1. 8.

    Ich bin ja schon erfreut, das sie nicht "Machtergreifung" schreiben, aber mit Ende der Ära Kohl 1998 waren welche Betriebssysteme auf dem Markt und wie hoch war das Wissen um die Bedeutung von Netzwerken zu der Zeit? Nicht wenige Supporter gingen damals erst online. Die Kosten für Hardware waren im Vergleich zu heute für Privatiers mitunter eine Herausforderung (Ext. HD, 20 GB, Siemens-Storage-Bird, Win-ME, USB 1.0, rd. 250.-DM). Aber zum Thema:
    Gepennt wurde später - ausgiebig und gründlich - verteilt über Schwarz bis Rot bis heute.

  2. 7.

    >>"In der Realität wird vor allem improvisiert."

    Das verdanken wir einer CDU/CSU-Bundespolitik, die seit der "Machtübernahme" durch Helmut Kohl (von Helmut Schmidt)nur eine konservative Verhinderungspolitik betreibt, die seines gleichen sucht.
    Hier wird tagtäglich Technologieentwicklung gezielt verschlafen!

  3. 6.

    Schön wäre auch wenn die notwendige Infrastruktur für gut Uebertragungsraten, die man bei Videokonferezing
    auch für die Schule benötigt vorhandrn waere. Meist liegt sie, selbst in der Hauptstadt nur bis vor dem Haus. Im Haus ist dann nichtsmehr mit Glasfasertechnik, alte
    Kupferkabel, stoeranfaellig, blockieren die Uebertragungsraten. Selbst manche2. Weltlaender sind
    da besser als DEUSCHLAND.
    Die Hausbesitzer bzw. Verwaltungenen sind komischer Weise auch nicht interessiert hier Abhilfe zu schaffen
    obwohl das wirkloch mal eine Verbesserung der Wohnung wäre.

  4. 5.

    In diesem Artikel werden die ganzen Probleme der Digitalisierung der Schulen auf gezeigt. In diesem Staat habe ich gar nichts anderes erwartet da wird viel diskutiert statt viel zu handeln. Hier ist nur Eigeninitiative gefragt um die Digitalisierung an den Schulen vorran zu treiben auf die Politik brauch man sich nicht verlassen denn sind wir verlassen DORT HAT MAN IMMER NOCH NICHT BEGRIFFEN DAß ES HIER UM DIE BILDUNG UNSER KINDER GEHT.

  5. 4.

    "Und der Spreu-Anteil liegt bei min. 50 %!" ?? Da greift eher die 80/20 Regel. Wahrscheinlicher ist es: 80% machen das sehr gut.
    Und "ja WENN man mal NACHDENKEN würde" wer genau, außer "Vorort", denkt denn nicht nach? Es gibt Lehrer, die kennen den "Druckermangel" bzw. sehen auch unnötigen "Feinstaub" und unnötige Kosten. Aufgaben, die überhaupt keinen Drucker erfordern, im Gegenteil, sogar echte IT-Anwendungen üben sollen, werden von manchen "Schüler IT-Experten" ausgedruckt, von Hand ausgefüllt und unkenntlich ohne Absender im falschen Format zurückgeschickt: das ist eine 6 ! - also liebe Eltern, muss es immer, wirklich immer ein Ausdruck sein? Manche Lehrer lassen auch Ausnahmen zu, wenn kein Drucker zur Hand ist aber nötig. Das Bemühen um pünktliche Lösungsabgabe schätzt jeder Lehrer sehr.

  6. 3.

    Leider gibt es nicht allzu viele Domscheid-Bergs, die viel von IT verstehen und selbst einen Bezug zur Schule haben.

  7. 2.

    Ohne solche Leute würde die Bildungsverwaltung noch viel schlechter dastehen als ohnehin schon. Ob es wenigstens Dank und Anerkennung gibt?

  8. 1.

    Danke, guter Artikel, viel Wahrheit. Die Schüler müssen sich zu mehreren treffen (dann können sie auch zur Schule, oder?) um gemeinsam Gruppenarbeiten an einem Laptop zu lösen und Stapel an Aufgabenblättern zu drucken und gemeinsam als Gruppenarbeit zu lösen. Was genau haben die Lehrer nicht verstanden an der Pandemie? Vielleicht, dass es um Reduzierung (!) von Kontakten ging? Natürlich ist das Verschicken von Emails mit ellenlange Aufgabenblättern, schwarze SChrift auf grauem Hintergrund, also faktisch undruckbar, eine Null-Lösung! Zumal wenn der Drucker, sofern überhaupt vorhanden, eigentlich dem Homeoffice der Eltern gehört und Druckerpatronen Feenstaub sind!

    Auch die IT-Ausstattung wäre kein Hindernis, wenn...ja WENN man mal NACHDENKEN würde. Denn dann könnte man nach dem Denken sogar organisieren, und würde nur sinnvolle Dinge bearbeiten.

    Aber in dieser Pandemie trennt sich halt Spreu deutlich vom Weizen. Und der Spreu-Anteil liegt bei min. 50 %!

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