Staatsanwaltschaft Neuruppin - 100 Jahre alter ehemaliger Wachmann des KZ Sachsenhausen angeklagt

Blick auf das Mahnmal auf dem Gelände der Gedenkstätte Sachsenhausen. (Bild: dpa/Paul Zinken)
Audio: Antenne Brandenburg | 08.02.2021 | Benedikt Strunz | Bild: dpa/Paul Zinken

Beihilfe zum Mord in 3.518 Fällen: Das wirft die Staatsanwaltschaft Neuruppin einem ehemaligen Wachmann des Konzentrationslagers Sachsenhausen vor - und hat nun Anklage gegen den inzwischen 100-Jährigen erhoben.

Die Staatsanwaltschaft Neuruppin hat gegen einen ehemaligen Wachmann des Konzentrationslagers Sachsenhausen Anklage wegen Beihilfe zum Mord in 3.518 Fällen erhoben. Das bestätigte das Gericht auf Anfrage des Norddeutschen Rundfunks (NDR) [tagesschau.de].

Der inzwischen 100 Jahre alte Mann soll demnach zwischen 1942 und 1945 im Konzentrationslager Sachsenhausen "wissentlich und willentlich" an der Ermordung von Lagerinsassen mitgewirkt haben. Er habe bis 1945 dem Wachbataillon des Lagers angehört.

Der Beschuldigte lebt nach NDR-Informationen in Brandenburg. Die Staatsanwaltschaft halte den Mann trotz seines hohen Alters für verhandlungsfähig. Das Landgericht Neuruppin müsse nun entscheiden, ob es die Anklage zulasse, so der NDR.

Der Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner, sagte über die Anklage des ehemaligen KZ-Wachmannes: "Für die hochbetagten Überlebenden der deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager ist auch dieser Prozess ein wichtiges Beispiel dafür, dass die Gerechtigkeit kein Verfallsdatum kennt und die Verfolgung der SS-Täter auch im hohen Alter kein Ende finden darf."

Wachdienst in Vernichtungslagern gilt als Beihilfe zum Mord

Eine Strafverfolgung wegen NS-Verbrechen ist in Deutschland nur noch wegen Mordes oder Beihilfe dazu möglich, andere denkbare Vorwürfe wie Freiheitsberaubung oder Körperverletzung sind verjährt. Der Wachdienst in einem NS-Konzentrationslager allein reicht nicht aus. Nur bei Todes- und Vernichtungslagern, deren Zweck die systematische Tötung sämtlicher Gefangener war, gilt nach deutschen Rechtsprechung bereits die Zugehörigkeit zur Wachmannschaft auch ohne konkretere Tatnachweise als Mordbeihilfe.

Entlang dieser Linie fällten deutsche Gericht zuletzt mehrere Urteile gegen frühere SS-Wachmänner, der Bundesgerichtshof bestätigte diese Praxis höchstrichterlich. Die Urteile betrafen Einsätze in den Vernichtungslagern Auschwitz-Birkenau und Stutthof. Die Angeklagten wurden dabei jeweils wegen Beihilfe zu Mord in tausenden Fällen zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Ermittlungen wegen Verbrechen in Konzentrationslagern gehen zurück

Die Zahl der bundesweiten Ermittlungen gegen Beschuldigte, denen Verbrechen während der NS-Herrschaft in Konzentrationslagern vorgeworfen werden, geht zurück.

Derzeit liefen noch neun Ermittlungsverfahren bei deutschen Staatsanwaltschaften, sagte der Leiter der Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg, Thomas Will, der "taz" (Montag). Noch im November des vergangenen Jahres waren es demnach 13 solcher Verfahren.

Vernichtungsanlage im KZ Sachsenhausen

Nach Angaben der Gedenkstätte Sachsenhausen waren in dem Konzentrationslager zwischen 1936 und 1945 mehr als 200.000 Menschen inhaftiert. Zehntausende Häftlinge kamen durch Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit, medizinische Versuche und Misshandlungen um oder wurden Opfer von systematischen Vernichtungsaktionen. Ab Frühjahr 1942 wurde dort eine Vernichtungsanlage mit Genickschussanlage, Gaskammer und Krematorium errichtet, so die Gedenkstätte.

Als die Rote Armee näher rückte, wurde das Konzentrationslager evakuiert. Auf den Todesmärschen starben noch einmal Tausende Häftlinge. Als sowjetische und polnische Einheiten das Lager im April 1945 befreiten, fanden sie noch etwa 3.000 Menschen dort vor.

Sendung: Inforadio, 08.02.2021, 18:00 Uhr

Die Kommentarfunktion wurde am 08.02.2021, 19:29 Uhr geschlossen

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13 Kommentare

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  1. 13.

    Es muss erst bewiesen, ob er Menschen ermordet hat. Die Schuldfrage muss Ihm nachweisen. Solange gilt man als unschuldig. Das sagt das Deutsche Strafgesetzbuch.

  2. 11.

    Es hat schon ein Geschmäckle, wenn heute 100jährige aus der 3. oder 4. Reihe dafür büßen sollen, dass die Täter aus der 1. und 2. Reihe in der alten Bundesrepublik der 50er und 60er Jahre vielfach straffrei ausgingen und wenn doch verurteilt nach relativ kurzer Zeit wieder frei waren.
    Damaliges Unrecht macht man damit nicht wieder gut, dass man Greise nach fast 80 Jahren über die Kollektivschuld vor Gericht bringt.

  3. 10.

    Es ist schon richtig und wichtig, dass es nicht vergessen wird. Ich frage mich nur, wo war der Mann die ganze Zeit. Warum wurde er jetzt erst gefunden. Mal ehrlich, er ist jetzt 100 Jahre alt, was soll er für eine Strafe bekommen - im Gefängnis sterben.

  4. 9.

    @Christoph Grützmacher: Der arme Mann? Der nun 100 jährige durfte 75 Jahre sein Leben leben. Vielen 10 jährigen Lagerinsassen waren nur diese 10 Jahre vergönnt. Er hat sein Leben verwirkt. Keine Gnade für ihn.

  5. 8.
    Antwort auf [Anton] vom 08.02.2021 um 17:31

    Ja.Richtig.Hier werden Steuergelder dazu genutzt,um ein ehemaliges SS-Miglied des Wachbatallions des KZ Sachsenhausen anzuklagen.
    Zur Erinnerung :die SS wurde 1946 in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen als verbrecherische Organisation verurteilt.
    Weil sie sich an Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht hat.
    Auch Ihnen empfehle ich eine Besichtigung des ehemaligen KZ Sachsenhausen!

  6. 6.

    Schlimme Zeit.. Schlimme Verbrechen.. Aber mit 100 jemand vor Gericht zu zerren ist auch unmenschlich und gegen die Menschen würde..

  7. 5.

    Ich rate Ihnen dringend,sich die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen anzusehen.
    Ich bin überzeugt davon , dass Sie anschließend Ihre Meinung zu diesem Wachmann ändern.

    Fahren Sie nach Sachsenhausen und lassen sich zeigen,welche Aufgaben das dortige SS-Wachbatallion hatte!!

  8. 4.

    Der arme Mann! Ich wünsch‘ ihm alles Gute.

  9. 3.

    Nachdem es die bundesdeutsche Justiz über Jahrzehnte geschafft, die wahren Täter laufen zu lassen. - Von den Vorgesetzten des Wachmannes sind wahrscheinlich die weinigsten belangt worden, als Beispiel Werner Best einer der Begründer der Gestapo ist straffrei davon gekommen. - Wird jetzt, ein hundertjähriger nachrangiger Charge angeklagt. Ich halte das ganze, unabhängig von der persönlichen Schuld des Angeklagten, für eine Farce.

    Am Berliner Sozialgericht warten Menschen jahrelang auf Urteile, weil nicht genug Personal vorhanden ist. Für die Betroffenen geht es hier um die nackte Existenz. Hier gehören Juristen hin, wir brauchen sie nicht um die Fehler von vor 40 Jahren und länger zu korrigieren.

  10. 2.

    Lieber RBB ich finde diese Verfahren sehr gut und auch wichtig auch das darüber berichtet wird ist wichtig! Nur eins finde ich gerade nicht auch nicht so richtig schlüssig durch eine WWW suche! Müssen diese verürteilten Täter in diesem Alter die Haft auch wirklich antreten ?

  11. 1.

    Diese Anklagen hätten schon vor Jahrzehnten erhoben werden müssen. Aus Sicht der Opfer ist das doch die zweite Strafe, die sie ertragen mussten oder müssen, dass diese Menschen nach ihren Taten ein Leben in Freiheit führen konnten. Ein Hohn und eine Schande und ein verheerendes Zeugnis des Unwillens für die Nachkriegsjustiz, die ja zum Großteil aus Justitiaren des Nazi-Regimes bestand.

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