Martin Viehweger und seine Kollegin Elena Rodrigues (Quelle: privat)
Bild: privat

Medizinische Versorgung von trans*Menschen - Eine Praxis für die Begleitung hin zu sexueller Gesundheit

Eine neue Schwerpunktpraxis in Berlin-Neukölln versucht, trans*Menschen individuell zu betreuen. Dabei stößt sie schon nach wenigen Monaten an die Grenzen der Abrechnungsroutine der Kassen und verhaken sich in den Logiken des Gesundheitssystems. Von Steven Meyer

Hierzulande suchen trans*Menschen oft lange nach Ärztinnen oder Ärzten, die Erfahrung mit der Behandlung von trans*Personen haben. Abseits der Metropolen Hamburg, Berlin, Köln oder München sieht das nochmal ganz anders aus. Spezialkliniken gibt es auf dem Land nicht, weshalb viele vor der Transition weite Wege auf sich nehmen müssen, um eine Psychotherapie zu machen, eine Hormonbehandlung zu beginnen oder geschlechtsangleichende Maßnahmen durchführen zu lassen. Aber auch in Großstädten kann bereits ein einfacher Besuch in einer HNO-Praxis oder bei einer allgemeinmedizinischen Ärztin Probleme bedeuten.

Begleitung auf einem Weg, den viele Mediziner nicht verstehen

Martin Viehweger und seine Kollegin Elena Rodrigues kannten die Probleme bei der medizinischen Versorgung von trans*Menschen. Im Schillerkiez in Berlin-Neukölln eröffneten beide deshalb mit der ViRo-Praxis eine Ordination, die sich insbesondere an trans*Menschen richtet.

Die beiden Infektionologen bieten dort allgemeinmedizinische Unterstützung in Sachen trans*Medizin, infektiologischen Erkrankungen und sexueller Gesundheit. "Wir begleiten unsere Patientinnen und Patienten auf ihrem Weg, den viele Mediziner einfach nicht verstehen", sagt Martin Viehweger. Eine Seltenheit in Deutschland. "Ich bin immer überrascht, wenn ich merke, wie sehr wir gebraucht werden und wie dankbar unsere Patienten schon sind, wenn man ihnen einfach nur zuhört. Ich frage mich dann immer wieder, wie es in anderen Praxen wohl laufen muss."

Bedürfnisse kennen, um eine Behandlung auch begleiten zu können

Martin Viehweger sagt, ihm sei es besonders wichtig, die Bedürfnisse seiner Patient:innen zu verstehen, um eine passende Begleitung zu schneidern: "Eine trans*Sexarbeiterin, die mit ihrem Penis arbeitet, braucht eine andere Hormondosierung, als eine trans*Frau, die eine geschlechtsangleichende Operation anstrebt." Viehweger ist dabei auch klar, dass trans*Menschen in seiner Praxis Ärzte für Behandlungen aufsuchen, die sie ohnehin, auch ohne medizinische Begleitung, durchführen würden: "Viele trans*Menschen machen all das alleine und besorgen sich die Hormone im Internet aus dem Ausland."

Eine Geschichte der Verweigerung von Behandlung

In Deutschland ist es seit 2011 möglich, den eigenen Namen und Personenstand zu ändern, ohne körperliche Anpassungen vorzunehmen. Davor war es laut Gesetz nur dann möglich, die Geschlechtszugehörigkeit rechtlich ändern zu lassen, wenn trans*Personen dauerhaft fortpflanzungsunfähig waren, sich einer operativen Angleichung unterzogen hatten und nicht verheiratet waren. Das Transsexuellengesetz, kurz TSG, wurde seit Inkrafttreten immer wieder als menschenverachtend kritisiert, im Jahr 2008 und 2011 wurden diese Vorgaben dann mit ­Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts für verfassungswidrig erklärt.

Wir begleiten unsere Patientinnen und Patienten auf ihrem Weg, den viele Mediziner einfach nicht verstehen

Martin Viehweger, Infektiologe

Seit dem Jahr 2017 können Behandlungen wie Mammografien oder Prostatauntersuchungen unabhängig von der personenstandsrechtlichen Geschlechtszuordnung – ausgehend vom organbezogenen Befund – bei der Krankenkasse abgerechnet werden. Erst seit Juli 2019 ist es aber möglich, die Behandlungen von trans* und inter*Personen ganz normal über die Krankenkasse abzurechnen. Es spielt dabei also keine Rolle mehr, welches Geschlecht im Pass der Pa­ti­en­tin­nen und Patienten steht.

Oft fehlen wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse für Behandlung

Weil die Bedürfnisse der Patienten von Martin Viehweger und Elena Rodrigues so unterschiedlich sind, sei es nicht immer einfach, eine adäquate Behandlung zu finden. Ein weiteres Problem: Es gibt einfach zu wenige medizinische Studien, die sich mit trans*Menschen beschäftigten. Es fehle also häufig auch an wissenschaftlichen Erkenntnissen.

So basieren laut Viehweger medizinische Studien über Hormone auf Forschungen zu Schwangerschaften oder Chemo-Therapien und lassen sich deshalb nicht direkt auf trans*Menschen übertragen. Seine Patienten kommen alle mit unterschiedlichen Bedürfnissen, für die es nicht immer die eine Musterbehandlung gebe: "Deshalb müssen wir uns in der Praxis viel Zeit für Besprechungen nehmen."

Grundlage der Behandlung ist immer das Gespräch

Die Patienten besprechen deshalb mit Viehweger und seiner Kollegin die Bedürfnisse bei Vorgesprächen. Diese können sich aber immer mal wieder ändern und unterscheiden sich teilweise stark voneinander. Es komme dabei auch schon mal vor, dass ein Patient, der seit 15 Jahren Testosteron einnehme, sich dazu entscheidet, schwanger zu werden. "Die Anliegen unserer Patienten drehen sich um Identität, Zugehörigkeit und Sexualität", sagt Viehweger. Themen, für die es in anderen Praxen keinen Platz gebe. "Wir versuchen, bei der Begleitung unserer Patienten also vieles im Blick zu haben, um dann auch schnell reagieren zu können."

Abrechnungsschlüssel für wichtige Begleitgespräche fehlt

Die Begleitungsgespräche fordere die Buchhaltung besonders heraus, erklärt Viehweger. Dass Ärzte sich viel Zeit für medizinische Vor- und Begleitgespräche nehmen, sei im deutschen Gesundheitssystem so nicht vorgesehen – zumindest nicht in dem Maß, wie es in der ViRo-Praxis üblich ist. Deshalb bereiten Viehweger und seiner Geschäftspartnerin die Abrechnungsschlüssel bereits jetzt große Sorgen: "Wenn wir Probleme vermeiden wollen, braucht es Gespräche zur Aufklärung und Begleitung, die wir in diesem Umfang leider nicht abrechnen können." Medizin funktioniere in Algorithmen, sagt Vieweger. "Individuelle Lebensentwürfe lassen sich aber häufig nicht in einen Algorithmus packen."

Angst vor Wirtschaftsprüfung und Privatinsolvenz

Da Martin Viehweger viele der Behandlungsgespräche nicht bezahlt bekomme, sei es abrechnungstechnisch ein Desaster, sagt er. Daneben fürchte er sich vor einem Regress infolge einer Wirtschaftlichkeitsprüfung durch die Kassenärztliche Vereinigung und die Krankenkassen.

Es sei gut möglich, dass er mit seiner Praxis den Richtwert des Medikamentenbudgets aufgrund teurer Hormone, die er regelmäßig seinen Pa­ti­en­ten verschreibt, überschreite. Sollte dies der Fall sein, müsse er selbst für die Kosten haften und Privatinsolvenz anmelden – und das, obwohl drei Monate nach der Eröffnung der Praxis die Nachfrage aus der trans*Community bereits groß sei.

Beitrag von Steven Meyer

1 Kommentar

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 1.

    Man kann nur hoffen, und das fällt einem in diesen Zeiten echt schwer, dass das Gesundheitssystem einsichtig reagiert. Da fehlt mir der Glaube.... dabei ist es so wichtig! Ich wünsche ganz ganz starke Nerven, viel Erfolg und Glück, damit diese Praxis weiter bestehen kann!

Nächster Artikel

Das könnte Sie auch interessieren