Senat setzt auf die Sonne - Wie Berlin zur Solar-Hauptstadt werden könnte

Archivbild: Deutschlands größtes Solarstrom-Projekt auf einer zusammenhängenden Wohnanlage ist auf den Flachdächern des Plattenbau-Komplexes "Gelbes Viertel" am 19.03.2014 in Berlin-Hellersdorf zu sehen. (Quelle: dpa/Jörg Carstensen)
Bild: dpa/Jörg Carstensen

Auf den Dächern Berlins soll der grüne Strom der Zukunft erzeugt werden. Der Senat will, dass bis 2050 ein Viertel des Strombedarfs durch Photovoltaik gedeckt wird. Strittig ist, ob die Pflicht zur Solaranlage der richtige Weg ist. Von Jan Menzel

Es ist schon mehr als 20 Jahre her, dass ein Senator Berlin zur Solar-Hauptstadt ausrief. Seitdem sind Klimaschutz und Energiewende immer mal wieder größere Aufreger gewesen. Den Titel sicherten sich aber andere Städte wie Freiburg, während bei großen Solarparks die Flächenländer die Nase vorn haben. Immerhin ist Berlin aus der Braunkohle ausgestiegen. Bis 2030 soll auch Schluss mit der Steinkohle sein und allmählich kommt Bewegung in die Solarwende.

Das hat maßgeblich mit einem relativ jungen Player am Markt zu tun. 2013 wurden die Berliner Stadtwerke als Landesunternehmen gegründet. Das Geschäft lief zunächst ruckelig an, weil die CDU in der damaligen großen Koalition auf der Bremse stand. Doch inzwischen stellt Stephan Natz, der Pressesprecher der Stadtwerke, stolz fest: "Es hat ganz schön boom gemacht, wenn man mal auf die Dächer schaut."

Solaranlagen - anderthalb mal der Weiße See

Auf Universitäten und auf Gefängnissen, Schulen und Mehrfamilienhäusern, bei der Stadtreinigung, der BVG und den Wasserbetrieben haben die Stadtwerke Anlagen zur Stromerzeugung aus Sonnenergie installiert. Zusammen mit den Bezirken sind 49 Photovoltaik-Anlagen errichtet worden. Mit den landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften und Genossenschaften setzen die Stadtwerke die bundesweit beachteten Mieterstrommodelle um. Dabei nutzen die Mieter den Strom, der bei ihnen auf dem Dach erzeugt wird.

"Alles was wir bisher an Photovoltaik gebaut haben, macht zusammen eine Fläche von 12,5 Hektar aus", sagt Stadtwerke-Sprecher Natz. Das ist rund anderthalb Mal der Weiße See. "Eine tolle Sache", findet er. Zumal die Stadtwerke auch in einem anderen Segment der Erneuerbaren aufdrehen. Vor den Toren der Stadt steht ein gutes Dutzend Windräder. Gerade erst wurde bei Bernau ein Stadtwerke-Windpark mit neun Anlagen in Betrieb genommen. Die über 200 Meter hohen Riesen-Räder liefern Strom für mehr als 30.000 Haushalte.

25 Prozent Solarstrom als Ziel

Und doch ist der Anteil von Ökostrom made in Berlin nach wie vor überschaubar. Photovoltaik - also Strom aus Sonnenlicht - deckt knapp ein Prozent des Berliner Stromverbrauchs. Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) verfolgt deshalb ehrgeizige Ausbauziele. Bis 2050 sollen mindestens 25 Prozent des Berliner Stroms aus Solarenergie erzeugt werden. "Das Potential ist da", sagt Pop. Dafür müssten alle Gebäude - öffentliche wie private - einbezogen werden. Der Entwurf für ein Solargesetz schreibt bei Neubauten und Dachsanierungen deshalb Solarmodule verpflichtend vor.

Mit dem Solargesetz und dem "Masterplan Solarcity" soll der Ausbau der regenerativen Energien deutlich voranbringen, sagt Pop und bekommt dafür Zuspruch von ungewohnter Seite. Nach Jahrzehnten der Ankündigungen und Machbarkeitsstudien sei insbesondere der Masterplan eine gute Basis um den Klimazielen näher zu kommen, loben sogar Oppositionsparteien.

Opposition kritisiert zu viel Zwang

Was allerdings Kritik an konkreten Regelungen nicht ausschließt. "Solar-Hauptstadt sind wir sicherlich noch lange nicht", stellt der umweltpolitische Sprecher der FDP Henner Schmidt nüchtern fest. "Zu wenig konkrete Unterstützung und zu wenig Anreize", kritisiert der CDU-Abgeordnete Danny Freymark. Mit einer Solardach-Pflicht und möglichen Strafen bei einer Missachtung schlage der Senat den falschen Weg ein. "Berlin brauche jetzt einen Aufbruch", fordert Freymark und dabei müsse die Öffentliche Hand private Eigentümer mit Zuschüssen unterstützen und bei ihren eigenen Gebäudebeständen mit gutem Beispiel vorangehen.

FDP-Umweltpolitiker Schmidt fürchtet gar, dass das Solargesetz am Ende das Gegenteil dessen bewirken könnte, was es bezweckt. Eigentümer würden es sich dreimal überlegen, ob sie ihr Dach anfassen, wenn sie gleichzeitig gezwungen sind, Solaranlagen zu installieren. "Solche Hebel führen dann dazu, dass man versucht sie nicht auszulösen", sagt Schmidt. Besser wäre es, den Eigentümern mehr Spielraum zu lassen, bei Sanierungen ganze Quartiere statt einzelner Häuser zu betrachten und einen Maßnahmen-Mix zuzulassen statt einseitig Solar-Vorgaben zu machen.

Klimaschützer wollen mehr Strom sparen

Antonio Rohrßen von der neu gegründeten Partei radikal:klima ist das Gesetz dagegen nicht ehrgeizig genug. "Wir sind der Meinung, dass wir deutlich mehr als 25 Prozent unseres Strombedarfs durch Photovoltaik decken können", sagt er. Wenn die Verkehrswende umgesetzt werde und wenn weniger Autos in Stadt herumfahren, dann würden Flächen frei. "Die können wir nutzen für überdachte Fahrradstellplätze mit Photovoltaik-Anlagen. Da gibt noch viele Möglichkeiten."

Den Schlüssel zur Lösung des Klimaproblems halten nach Rohrßens Auffassung aber die Verbraucher in der Hand: "In erster Linie muss es Berlin gelingen, den Energie- und Stromverbrauch zu senken." In den Verwaltungen seien noch immer sehr viele ineffiziente Geräte im Einsatz. "Da wird Strom einfach verschwendet", sagt der Klimaaktivist. Und auch die Straßenbeleuchtung fresse unheimlich viel Strom, "weil wir es nicht schaffen, die mal auf Energiesparlampen umzustellen." Aber auch Privat-Haushalten müsse der Senat durch Aufklärung und Zuschuss-Programme helfen, den Stromverbrauch zu senken, fordert Rohrßen. Nur so werde Berlin die Klimaschutzziele erreichen.

Sendung: Inforadio, 22.03.2021, 12:10 Uhr

Beitrag von Jan Menzel

32 Kommentare

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  1. 32.

    Diese immer wieder wiederholten Milchmädchenrechnungen sind doch unseriös. EE hat unverändert das Problem, dass sie nicht zuverlässig und bedarfsgerecht zur Verfügung steht. Die Speicherung ist nach wie vor ein ungelöstes Problem, um eine Grundlastfähigkeit herzustellen. Der weitere Ausbau von EE erhöht das Problem sogar noch, weil parallel weiterhin konventionelle Kraftwerke vorgehalten werden müssen. Man erzeugt damit also doppelte Kosten. Dass Deutschland in Spitzenzeiten Strom zu Negativpreisen exportieren muss, ist doch ein Zeichen für eine falsche Gesamtentwicklung. Es muss daher in den nächsten Jahren also extrem in Speichermöglichkeiten geforscht, entwickelt und investiert werden. Dabei sind natürlich auch Speicherverluste einzurechnen, aber letztlich unumgehbar. Ist das gegeben, kann und sollte die Umstellung auf noch mehr EE erfolgen. Bis dahin bleibt es teure und sinnlose Symbolpolitik.

  2. 31.

    Vom Prinzip der positiven Anreize haben sich die Parteien des linken Spektrums inzwischen weitgehend verabschiedet. Die wollen erziehen, nicht überzeugen. Das war mal anders, hat sich aber in den letzten Jahren massiv gewandelt. Inzwischen geht es vorrangig um das Durchsetzen der eigenen Ideologie, koste es was es wolle. Der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit wird dabei völlig ignoriert, letztlich zum Schaden aller Bürger, Steuerzahler und Verbraucher. Wir haben inzwischen die höchsten Steuern+Abgaben und in der Folge oft die höchsten Preise, ohne dass dies global auch nur den geringsten positiven Effekt hätte. Darin liegt das Problem, denn dies verursacht eine enorme Vermögensverschiebung von unten nach oben. Pläne zur steuerlichen Mehrbelastung "der Reichen" erreichen dabei die Falschen, nämlich die Mittelschicht, die seit Jahren immer mehr finanzieren muss.

  3. 30.

    Natürlich sind die Grünen für diese Gesetze maßgeblich mitverantwortlich. Sie entstanden erstens auf deren politischen Druck und zweitens unter Zustimmung des Bundesrates, in dem grün (mit)regierte Bundesländer die Mehrheit inne haben. Seien Sie wenigstens so ehrlich, deren Mitverantwortung nicht ständig klein zu reden, wenn es nicht optimal läuft und bei Erfolg in den Himmel zu loben. Es zeugt schlicht von fehlender Größe, die Schuld immer nur Anderen in die Schuhe schieben zu wollen.

  4. 29.

    Brechnen sie sicherheitshalber auch die EE-Verfügbarkeit mit der damit verbundenen Back-Up-Technologie ein.
    Gerne auch Wasserstoffspeicher mit einem Wirkungsgrad <40%.

  5. 28.

    Solarhauptstadt - wer zahlt das? Zu dicke Dämmungen, Brauchwassererwärmung; Dreifachverglasung usw. erreichen welches Ziel genau? Verringerung der Erderwärmung??? Hilft denn das? Regnet es wieder mehr? Wenn man politisch etwas erreichen will, braucht es Anreize statt "Gängelungen". Die Leute haben langsam die Nase voll vom ...

  6. 27.

    Um den kompletten Berliner Strombedarf vonheute klimaneutral, also regenerativ zu erzeugen bräuchte es ungefähr 600 Windkraftanlagen der Größe 4.2MW/140m Rotordurchmesser und 25 Mio m² Solarmodulfläche. Kosten würde das etwa 8Mrd €, also etwa so viel, wie Steuergelder in den neuen Flughafen geflossenn sind. Mit Effekten aus der Sektorenkopplung, ohne drastische Einsparungen wären wir bei etwa Faktor 2 bis 3. ... Aber auch das wäre leistbar, wenn sich die verantwortlichen Berliner Politker - insbesondere dei SPD - sich endlich auch vom Gas verabschieden würden. Mit Rot-Grün wären wir beim Klimaschutz schon deutlich weiter!

  7. 26.

    Wir wohnen in einen 2018 fertiggestellten Neubau einer Genossenschaft, der nach dem KW55 Stand gebaut wurde. Im Ergebnis bedeutet das, im Keller steht ein Blockheizkraftwerk, das Gas verbrennt. Die Dächer sind leer. Weder Warmwasser noch Strom werden auf dem Dach erzeugt. Wie kann das 2018 noch passieren?!? Wir waren schockiert, dass auch heute noch Häuser ohne Nutzung der Dachflächen gebaut werden dürfen. Das zeigt mal wieder, wie sinnlos die Energiewende durch den Gesetzgeber vorangetrieben wird.

  8. 25.

    Der Gesetzgeber sollte mal was an den Gesetzen ändern und z.B. den ganzen Steuermist den Stadtwerken überhelfen und die Kleinerzeuger davon befreien.
    Mein Vorschlag wäre ja die Solardächer in dem Maße zu fördern, der den Neubau eines "normalen" Daches übersteigt. Diese "normalen" Kosten hätte man ja sowieso. Dafür wird im Gegenzug alles, was man nicht selbst verbraucht kostenlos und steuerfrei in das öffentliche Netz eingespeist und reduziert so den Strompreis aller oder wird zu H2. ODER wird dem Subventionsgeber also dem Staat/Land zugerechnet, der dadurch seine Subventionen für die Mehrkosten eines Solardaches amortisiert. Win Win für alle.
    Eigentümer hat als Anreiz kostenlos kostenlosen Strom (der die Netze entlastet und die Kapazitäten für andere frei gibt) und stellt dafür sein Dach/Fassade der Allgemeinheit zur Stromversorgung zur Verfügung.
    Warum muss RRG immer erpressen, verbieten, drohen...

  9. 24.

    Mir geht es ebenso. Es ist ein tolles Gefühl sein kompletten Strombedarf mit der Solaranlage abdecken zu können. Aber wir hatten ein undichtes Dach, und man konnte die fehlerhafte Stelle wegen dem Solardachs nicht finden. Deswegen musste die komplette Solaranlage erst abgebaut und dann wieder aufgebaut werden. Das hat die Kosten der Reparatur fast verdoppelt. Und somit hat sich das Solardach als eine extreme Kostenfalle und ein Risiko entpuppt . Ich würde es auch nicht noch mal machen.

  10. 23.

    Wieviele Kohlekraftwerke braucht Deutschland für Schul-Digitalisierung , -Klimaanlagen und Impfzelte ?

  11. 22.

    Strom sparen ? Fenster reparieren ! Solaranlagen auf Dächern ? Dachgeschoss ausbauen, Klimaanlagen einbauen und Katastrohenschutz-Sirenen installieren !

  12. 21.

    Hallo Pascal,

    danke für den Hinweis, Sie haben recht - und wir unseren Fehler korrigiert. Schönen Sonntag!

  13. 20.

    Hallo Elmo. Das ist sicher schön für dich und auch nicht zu kritisieren. Allerdings zahlen die Zeche dann in erster Linie die einfachen Leute über die dann noch weiter ausufernden Strompreise. Eiene besser Umwelt sollte kein Renditeobjekt sein sondern alle gleichermaßen belasten.

  14. 19.

    @rbb24: Der Text zu Ihrem Titelbild ist nicht ganz richtig. Das "Gelbe Viertel" steht nicht in Lichtenberg, sondern in Hellersdorf.

  15. 18.

    Ich sehe das als "die Leute zu ihrem Glück zwingen". Langfristig bringt die Solaranlage auf dem Dach Geld ein, vor allem die Eigentümer profitieren da also. Bzw. bei Mieterstrommodellen von Genossenschaften die Mieter durch niedrigere Strompreise, wenn auch immer noch vom Bund durch unnötige Auflagen und Abgaben künstlich unattraktiv gestaltet.

    Auch das Argument, das man Dachsanierungen deswegen aufschiebt, sehe ich eher nicht. Es gibt auch Pachtmodelle. Da zahlt der Vermieter nichts, sondern ein Anbieter finanziert und baut die Anlage auf dem Dach und zahlt Pacht für die Fläche.

  16. 17.

    Ich habe auf meinem EFH ein thermische Solaranlage seit 1998 und seit 2008 eine Photovoltaikanlage, die beste Investition,die ic bisher getätigt habe. Was die Steuer anbelangt, ich habe die Stromanlage als Gewerbe angemeldet und fahre damit sehr gut. Bißchen Mehraufwand, aber einmal im Jahr...

  17. 16.

    "weil die CDU in der damaligen großen Koalition auf der Bremse stand"

    Typisch CDU. Kein Wunder, warum die Energiewende so teuer ist bzw. für den (kleinen) Verbraucher ist. Dank an die Union, Dank an die Konservativen.

  18. 15.

    Ich war jahrelang Mitglied der Grünen und was ich da an Unfähigkeit und Inkompetenz erleben durfte, war für mich am Schluss nicht mehr zum aushalten. Es wäre möglich eine Solarförderung und Anreiz ohne bürokratische Idiotie und sogar ohne Zwang einzurichten. Wird aber durch Ideologen und Lobbyisten gemeinsam verhindert. Und wenn ich Bürokraten beauftragte Bürokratieabbau zu betreiben, disqualifiziere ich mich in überragender Weise. Und das sage ich als Besitzer einer Solaranlage auf dem Dach

  19. 14.

    Das Problem wird sein, dass Deutschland/Berlin, keine Handwerker haben wir, um diese Arbeiten auszuführen. Es ist ja heute schon sehr schwer, vernünftige Handwerker zu bekommen. Die Handwerksmeister, wurden Jahrzehnte mit Bürokratie, viele unnötige Vorschriften/Gesetze, drangsaliert.
    Im nächsten Leben, werde ich Berufs-Demonstrierer, gerade in Berlin, eine Zukunfts Sparte.

  20. 13.

    Durch den Mietendeckel zuerst die Vermieter enteignen und jetzt noch tief in die Tasche greifen, Wahnsinn!

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