Unterirdische Stromautobahn - Unter Berlin entsteht die Energie-Hauptschlagader der Stadt

Sven Riedel steht in einem Bautunnel vor einer Abbildung (Bild: rbb/Thomas Rautenberg)
Audio: Inforadio | 24.02.2021 | Thomas Rautenberg | Bild: rbb/Thomas Rautenberg

Der Berliner Energiebedarf wird in den kommenden Jahren kontinuierlich steigen. Um dem auch gerecht werden zu können, entsteht derzeit eine unterirdische Stromautobahn - das ehrgeizige Projekt der "Kabeldiagonale" hat begonnen. Von Thomas Rautenberg

Die erste Baugrube ist bereits ausgehoben. Unweit der Rudolf-Wissell-Brücke werden die Vorbereitungen für den Einsatz der Tunnelbohrmaschine getroffen. Vom Westen aus wird sich der Bohrer in rund 30 Metern Tiefe bis zum Umspannwerk Mitte durch den Untergrund fräsen. Vergleichbar mit dem Bau einer U-Bahnstrecke, nur etwas kleiner: Der Kabeltunnel wird im Durchmesser etwa drei Meter betragen. Anfang des kommenden Jahres wird sich die Tunnelbohrmaschine auf den Weg machen.

Verlauf der geplanten Verbindung (Quelle: 50Hertz)
Verlauf der geplanten Verbindung | Bild: 50Hertz

Kabeldiagonale soll Stromversorgung sicherstellen

Die Kabeldiagonale ist die Energie-Schlagader der Berliner Stromversorgung. 380 Kilovolt Strom mit rund 1.600 Ampere pulsieren durch die unterirdischen Leitungen. Das entspricht in etwa der Leistung von zwei Großkraftwerken. An den Umspannwerken gibt es jeweils eine Ausfahrt von der Strom-Autobahn. Der Übertragungsnetz-Betreiber 50Hertz übergibt dort den benötigten Strom an den eigentlichen Versorger Stromnetz Berlin.

Bislang führt der Leitungstunnel bereits von Marzahn im Osten über das Umspannwerk Friedrichshain bis nach Mitte. Künftig soll die Kabeldiagonale vom Umspannwerk Mitte über das Umspannwerk Charlottenburg bis zur bestehenden Hochspannungsleitung an der Rudolf-Wissell-Brücke verlängert und damit auch das Versorgungsgebiet der City West einbezogen werden.

Steigleitungen ins Umspannwerk in Berlin City-West (Bild: rbb/Thomas Rautenberg)
Steigleitungen in ein Umspannwerk | Bild: rbb/Thomas Rautenberg

Strom soll durch oberschenkeldicke Kabel fließen

Gebohrt wird die Strecke in etwa 30 Metern Tiefe. Die Tunnelbohrmaschine verbaut dabei Fertigteile aus Beton, so genannte Tübbinge. Die Tunnelsegmente werden mit Schrauben zusammen gezogen und damit auch gegen das drückende Wasser im Untergrund abgedichtet. Das Tunnelinnere wird nur mit dem allernötigsten ausgerüstet: An den beiden Seiten hängen jeweils drei oberschenkeldicke Kabel, durch die der Strom fließt.

In der Mitte der Tunneldecke ist eine Schiene angebracht, an der eine Gondel, vergleichbar mit einer geschlossenen Seilbahnkabine, fahren kann. Damit können die Monteure jeden Teil des Tunnels zügig erreichen. Installiertes Licht gibt es im Leitungstunnel übrigens nicht, denn durch das magnetische Feld würde jede Glühbirne sofort zerplatzen.

Technikchef Dr. Frank Golletz (l) im Gespräch mit Sven Riedel (r) (Bild: Jan Pauls)
rbb-Reporter Thomas Rautenberg mit 50Hertz-Technikchef Golletz (r) | Bild: Jan Pauls

Folge einer einst geteilten Stadt

Die Stromversorgung großer Metropolen wie Berlin wird in der Regel durch einen Kreis aus Hochspannungsleitungen um die Stadt gesichert. Das war durch die Teilung Berlins nicht möglich. ie Hauptstromlast in Westberlin trug das Kraftwerk Reuter im Ortsteil Siemensstadt. Von dort aus wird der Strom bis heute über eine Öl-Wasser-gekühlte Leitung unterirdisch bis zum Potsdamer Platz geleitet. Die 1978 gebaute Konstruktion war weltweit einzigartig. Inzwischen ist sie aber in die Jahre gekommen und muss ausgewechselt werden. Die neue Kabeldiagonale soll die Last übernehmen.

Nach der politischen Wende wurde Westberlin in das umgebende Stromnetz eingeflochten. Das ging am einfachsten mit Hochspannungsleitungen am nördlichen und südlichen Stadtrand sowie einer Strom-Autobahn, die unterhalb der Stadt verläuft. Mit dieser hybriden Lösung werde 50Hertz den zu erwartenden Berliner Strombedarf bis zum Jahr 2050 sicher decken können, sagt Frank Golletz, Technikchef des Unternehmens.

Strombedarf wird kontinuierlich wachsen

Der Übertagungsnetz-Betreiber 50Hertz ist verantwortlich für alle Strom-Autobahnen in den fünf neuen Bundesländern sowie Hamburg und Berlin. Der Strom, der nach Berlin fließt, kommt mehr und mehr aus dem Norden, von den Windkraft- und Solaranlagen. Und der Bedarf wird weiter steigen. Berlin ist eine wachsende Stadt, die Elektromobilität und innovative Heiz- und Klimaanlagen auf Strombasis werden, laut Technikchef Golletz, immer häufiger eingesetzt. Damit müsse absehbar immer mehr Strom über weite Strecken von den Erzeugern zu den Verbrauchern befördert werden. Das erfordere ein hochleistungsfähiges Netz - zumal Berlin große Kraftwerkskapazitäten stilllegen will. Bis 2030 sollen die Steinkohlekraftwerke Reuter, Reuter-West (beide in Berlin-Siemensstadt) und Moabit vom Netz gehen, hat der Senat beschlossen. Zwar wird es die eine oder andere technologische Lösung für moderne Kraftwerke geben, aber unter dem Strich wird Berlin noch mehr Strom über die Leitungen von 50Hertz importieren.

Nicht immer die kürzeste Strecke machbar

Der neue Kabeltunnel muss derweil selbst in 30 Metern Tiefe die eine oder andere Schwierigkeit umkurven: Baurelikte aus der Vorkriegszeit oder Botschaftsgebäude, die von der Tunnelbohrmaschine nicht unterquert werden dürfen, sind das Problem. Bei den Vorbereitungen habe er gelernt, dass jeder Grundstücksinhaber Eigentümer bis zum Erdmittelpunkt ist, sagt 50Hertz-Technikchef Golletz. Da geht es dann auch schon mal um einen Interessensausgleich, sprich um Kompensationszahlungen, die im Gesamtbudget zu berücksichtigen sind.

300 Millionen Euro wird die Kabeldiagonale am Ende kosten. Viel Geld, aber ein Infrastrukturbau inmitten der Stadt ist nicht für den Nulltarif zu haben. Die Hauptstädter werden übrigens kaum etwas von den Bauarbeiten mitkriegen. Mit Ausnahme einer großen Baugrube auf der Straße des 17. Juni. Dort muss zeitweilig ein Notausstiegsschacht für die Tunnelbohrer errichtet werden. Im Jahr 2028 sollen alle Bauarbeiten abgeschlossen sein.

Sendung: Inforadio, 24.02.21, 9:25 Uhr

Beitrag von Thomas Rautenberg

15 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 15.

    Bitte mal den Abschnitt
    „ 380 Kilovolt Strom mit rund 1.600 Ampere“ verbessern!
    380 KV ist die Spannung. Der Strom beträgt Max 1600 Ampere. „380 Kilovolt Strom“ ist etwa so sinnvoll wie „20 Kilogramm Geschwindigkeit“

  2. 14.

    Der Strom kommt aus der Richtung, aus der halt die Lastflüsse kommen, derzeit vor allem aus dem Norden. Frankreich wäre unter normalen Bedingungen einfach zu weit weg für unsere Region und egal, wie sie Lt Rechnung ihren Strom herbeiziehen: er kommt trotzdem daher, wo er „immer“ her kam, also Berliner Kraftwerke, Lausitz und seit Ausbau vonPV u WK eben aus dem Norden

  3. 13.

    Top - wenig Worte, viel Geist ;-) Und: das magnetische Feld würde die Monteure sofort zerplatzen lassen? Aber Spaß beiseite, die Realität ist: Fachleute schätzen höheren Bedarf, sogar für Heiz-u. Klimaanlagen ein. Es gibt aber Leute, die glauben mit einer anderen (gönnerhaften) moralischen Verteilung weniger zu verbrauchen, gehen deshalb "auf die Straße" und sind echt der Meinung, dann hört der immer währende Klimawandel endlich auf? Verlangsamung geht aber Anpassung, wenn die mit Anstrengung verbunden ist, ist nicht jedermanns Sache, aber trotzdem notwendig, wie der Bericht zeigt.

  4. 12.

    Im Moment kommt der Berliner Strom überwiegend aus Kohlekraftwerken in der Stadt selbst und aus der Lausitz. Wir müssen uns Sorgen machen wenn sie dem Willen der Bundesregierung gemäß abgeschaltet werden. Mit dem Wetter schwankende Erzeuger können keine Kraftwerke ersetzen, egal wieviele. Das wissen auch fast alle, außer die Regierung.

  5. 10.

    " Der Strom, der nach Berlin fließt, kommt mehr und mehr aus dem Norden, von den Windkraft- und Solaranlagen. "

    Windkraft- und Solaranlagen sind stark wetterabhängig wie jeder weiß und was bedeutet " mehr und mehr aus dem Norden " ? nur von den genannten Anlagen oder wo kommt der Strom sonst her ? AKW Frankreich ?

  6. 9.

    " aber unter dem Strich wird Berlin noch mehr Strom über die Leitungen von 50Hertz importieren. "

    woher ? von wem ?

  7. 8.

    Nicht kritikfähig @rbb?
    Zweiter Versuch:
    480kV gibt es nicht im Übertragungsnetz, Fehler No.1
    Zwei Großkraftwerke liefern >1500MW, die Transdiagonale packt max 1000 A...dies reicht niemals um die Energie von 2 Großkraftwerken abzuführen., Fehler No.2

  8. 7.

    Genau un wenn's Kraftwerk im Keller mal aus beliebst halt im Dunkeln.

  9. 6.

    Also eigentlich macht Ihr Kommentar hier nur einen Nebenschauplatz auf,denn es geht um den Bau eines unteririsch anzulegendes Stromnetz.
    Aber unterirdisch passt irgendwie auch zu Ihrer Kritik:-)
    Haben Sie keine anderen Probleme?
    Ich bin eine geborene Westberlinerin und das ist auch gut so. UND:Der Hinweis auf das Stromnetz Westberlins stimmt auch geograhisch" Die Hauptstromlast in Westberlin trug das Kraftwerk Reuter im Ortsteil Siemensstadt." Habe mit der Schreibweise des RBB24-Teams null Problemo und kann Ihre Befindlichkeit diesbezüglich leider nicht nachvollziehen.

  10. 5.

    Sowohl als auch... Stromnetze müssen heutzutage auch den Strom aufnehmen, der dezentral durch z..B. Solardächer oder kleinere Blockheizkraftwerke erzeugt wird. In einigen Kommunen übernimmt eine solche dezentralen Energieerzeugung schon den Großteil der Energieversorgung. Zentrale Großkraftwerke wird es in Zukunft wohl nicht mehr so viele brauchen.

  11. 4.

    @Pinguin: Als geborene Westberlinerin stört mich das nicht die Bohne. Wo kommen Sie denn her? Heute werden die Begriffe ja nur noch historisch oder geographisch benutzt.

  12. 3.

    Es ist ja schön und gut, wenn das Stromnetz weiter ausgebaut wird. Aber das Netz selbst ist nur die halbe Miete.

    Laut den Übertragungsnetzbetreibern werden in Deutschland bis zu 7,2 Gigawatt an gesicherter Erzeugungskapazität fehlen:

    > https://www.netztransparenz.de/portals/1/Bericht_zur_Leistungsbilanz_2019.pdf (Seite 27).

    Das tollste Stromnetz hilft nicht, wenn uns die Kraftwerke fehlen, um das Stromnetz zuverlässig mit elektrischem Strom zu versorgen.

  13. 2.

    In jedem amerikanischen Film seit den 60gern, in dem die Stadt vorkommt, heisst es "Westberlin". Andererseits hieß der Ostteil der Stadt offiziell "Berlin Hauptstadt der DDR". Ostberlin war kein offizieller Sprachgebrauch. RBB könnte dann, wegen Befindlichkeiten Anderer z.B. "Ex-Berlin Hauptstadt der DDR" schreiben. Das wird doch absurd.
    Westberlin, Ostberlin. Die Schreibweise versteht jeder.

  14. 1.

    Jetzt schreibt der RBB „Westberlin“. Lasst doch bitte diese DDR Schreibweise. Es heißt Berlin (West) und nichts anderes. Ich finde es unerträglich, immer diese Verhunzung zu sehen wie auf den Schildern an den damaligen Transitstrecken. Auf Befindlichkeiten ehemaliger DDR Bürger muss ständig geachtet werden. Achtet jetzt mal langsam auch auf die Befindlichkeiten der ehemaligen Bewohner des Westteils der Stadt und der Bundesresrepublik. Danke!

Nächster Artikel