Kommentar | Kölner Missbrauchsgutachten - Die Kirche hat das Vertrauen gründlich verspielt

Kardinal Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln, nimmt an einer Pressekonferenz des Erzbistum Köln teil (Bild: dpa/Oliver Berg)
Bild: dpa/Oliver Berg

Lange hat es gedauert, bis ein Gutachten über Missbrauchsfälle im Erzbistum Köln vorgestellt wurde. Kardinal Woelki, für kurze Zeit auch in Berlin tätig, hat am Donnerstag Einblick gewährt. Damit ist die Debatte aber noch lange nicht beendet, meint Ulrike Bieritz.

In der Katholischen Kirche brennt der Baum! Der Kirche laufen die Mitglieder weg, auch wegen der Missbrauchsskandale.

Die nun veröffentlichten oder zugänglichen Gutachten zeigen vor allem eins: Sexualisierte Gewalt und deren Vertuschung haben System in der katholischen Kirche. Wirkliche Aufklärung und Aufarbeitung sind noch ganz am Anfang.

Dass der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki vom ersten Gutachten entlastet wurde und meint, es bringe nichts zurückzutreten, er wolle aufklären, Rücktritt sei doch nur ein Symbol, ist für so manchen Betroffenen ein weiterer Schlag ins Gesicht. Er fordert eine Verschärfung des Kirchenrechts und eine bessere Schulung der Personalverantwortlichen.

Hallo? Wie lange reden wir schon über systematischen Missbrauch, der vor allem auch Machtmissbrauch ist? Wie lange ist er schon in dem Verein? Hätte er doch alles längst mal auf den Weg bringen können. Dass er jetzt personelle Konsequenzen gezogen hat, ist spät genug.

Auf Taten folgen keine Konsequenzen

Aber es ist nicht nur Woelki. Der hat sich bloß selbst durch ganz schlechte Kommunikation und ziemlich dämliches Verhalten in die Schusslinie gebracht.

Spätestens seit Anfang der 1980er Jahre wussten führende Kleriker - auch in Rom: der Papst im Ruhestand Benedikt XVI. - von Missbrauch durch den Klerus. Auch dieser hat anfänglich, wie Woelki, Aufklärung versprochen und dann irgendwann doch nicht gehandelt.

Viel zu lange wurden und werden teilweise die Taten als Einzelfälle und die Täter als bedauerliche irregeleitete Schafe kleingeredet, folgen keine Konsequenzen, geschweige denn echte Strafverfolgung vor ordentlichen Gerichten.

Um die Betroffenen geht es am wenigsten

Viel zu lange geht und ging es immer um den Schutz der Institution und damit die Täter und nicht um die Betroffenen. Es ist doch geradezu ein Hohn, dass eine Täterakte von Köln den Titel "Brüder im Nebel" trägt. Schön unter den Tisch kehren, im Nebel lassen, verschweigen, nicht drüber reden - das hat jahrelang funktioniert. Der Versuch, Gutachten unter Verschluss zu halten, mit der Begründung, es sei nicht rechtssicher, war wieder so eine Vernebelungsaktion.

Nun liegen die Fakten auf dem Tisch, nicht alles und nicht für alle. Auch das Erzbistum Berlin hat noch keine Namen genannt, sondern erstmal eine Kommission berufen, die das hier erstellte Gutachten begutachtet.

Um es ganz klar zu sagen: Sexualisierte Gewalt, Missbrauch, auch geistlicher Missbrauch, sind Straftaten, die aufgeklärt und geahndet gehören. Allerdings geht es um die Betroffenen, angesichts der ganzen Kölner Desasters, mal wieder am wenigsten. Die müssen endlich im Mittelpunkt stehen, sie haben Leid erfahren, das bis heute vielfach ihr Leben einschränkt.

Was es vor allem braucht: Vertrauen

Die Kirche hat den Schaden, die Austrittszahlen sprechen für sich, der Vertrauensverlust ist gravierend. Die katholische Kirche versucht mit dem "synodaler Weg" genannten Reformprozess aus der Krise zu finden. Die Ursachen von Missbrauch und Vertuschung sind systembedingt, haben mit Machtstrukturen, Männerbünden, Sexualmoral und auch der Rolle der Frauen in der Kirche zu tun. Der Weg ist steinig, es gibt Beharrungskräfte, die gar keinen Grund für Änderungsbedarf sehen. Die jüngste Ansage aus Rom: Segnungen für Homosexuelle gibt es nicht, sagt doch alles und ist vielen, die an die Veränderungsmöglichkeiten ihrer Kirche glauben, ein Schlag ins Gesicht.

Gläubige begehren auf, wollen nicht mehr alles hinnehmen, echte Reformen, eine Kirche, die in die heutige Zeit passt. Und sie wollen endlich wirkliche und echte Aufarbeitung, Entschädigungen für die Betroffenen von sexualisierter Gewalt - nicht nur Bedauern. Viele glauben nicht mehr daran, dass die Kirche das allein schafft, und fordern unabhängige Kommissionen.

Was es vor allem aber braucht, wenn Kirche eine Zukunft haben will: Vertrauen. Das hat sie gründlich verspielt. Gelingt es nicht, dieses wieder zu gewinnen, werden die Kirchenaustrittsstellen weiterhin gut zu tun haben.

Sendung: Radioeins, 25.03.2021, 06:10 Uhr

Beitrag von Ulrike Bieritz

27 Kommentare

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  1. 27.

    Warum wird nicht endlich konsequent ein Cut gemacht? Anlässe dazu gibt es ja zuhauf. Kirche (egal welche Glaubensrichtungen)und Staat strikt voneinander trennen. Steuererhebungen dann nicht mehr via Finanzamt, sondern als, sagen wir mal, Mitgliedsbeitrag. Keine Diskussionen mehr darüber ob nun ein Kreuz oder eine Lederhose an irgendwelche Wände gepinnt werden soll. Der Staat bleibt völlig neutral - auch in Kleidungsfragen - eine Art allgemeiner Dresscode (keine Uniform) ohne weltanschauliche Ausrichtung.
    Kirche als "Opt-In-Option". Da muss niemand zum Amt latschen und seinen Austritt erst erklären. Kirchliche "Vorrechte" sind auch irgendwie überholt. Wie kann ein Glaubensvertreter sich anmaßen ein Gutachten zurückzuhalten, nur weil ihm, vermutlich, nicht in den Kram passt. Herr des Strafverfahrens bleibt der Staat. Dann wird eben die Sakristei auf dem Kopf gestellt - na und. Den Pfarrern und Priestern etc. kann ja ein Recht zum Schweigen eingeräumt werden, wie jeden Psychologen auch.

  2. 26.

    Wäre das Thema nicht zu traurig, hätten mich ihre Ausführungen echt zum lachen gebracht. Ich hoffe, Sie glauben nicht selbst, was Sie hier schreiben. Und die Erde ist eine Scheibe....

  3. 25.

    "Einbildung übertreibt Verdächtigungen, die werden üble Nachrede." Schreibt einer dessen Einbildung eines imaginären Kumpels deutlich sichtbar wird. Ihre Verblendung obendrein. Da haben sie schon zwei Sachen mit ihren Kirchenbossen gemein, nein drei! Die nachträgliche verhöhnung der Opfer macht drei.

    Ich finde sogar noch eine vierte Gemeinsamkeit. Mangelndes Unrechtsbewußtsein.

  4. 24.

    Hohle Empörungsphrasen stehen gegen Realität und Kenntnis; lesen sie das: Woelki war der ideale Sündenbock, den man durch das mediale Dorf treiben konnte. Er gab mit dem Einverständnis des von ihm eingerichteten Betroffenenbeirats ein zweites Gutachten beim ausgewiesenen Kölner Strafrechtsexperten in Auftrag. Aber mit Vorverurteilungen wurde gemutmaßt, auch dies sei nur Teil einer Vertuschungsstrategie. Zu einem Spießrutenlauf gehört, dass jeder auf den Sündenbock eindreschen darf. Viele Kommentare, man sei voll Empörung über das Leid der Opfer, sind ein Vorwand verbal zuzuschlagen. Anschuldigungen tragen nichts zur Aufklärung von Tätern und Opfern bei. Das Gutachten bleibt sachliche Grundlage zur Aufklärung, die keine Anprangerung braucht!

  5. 23.

    Nicht Ihr ernst was Sie da von sich geben, oder? Die kath. Kirche brauchte Jahre um endlich die Missbrauchfälle öffentlich durch andere Institutionen aufarbeiten zu lassen. Das Gutachten macht sehr deutlich, das dies nur die Spitze vom Eisberg ist. Und ja, es sind schwerste und grausame Verbrechen begangen worden bis in jüngster Zeit.

  6. 22.

    " H. Haas " und Sie scheinen auch noch an der Weihnachtsmann zu glauben. Mehr braucht man zu Ihrem Beitrag nicht schreiben. Lesen Sie das Buch " Nur die Wahrheit rettet " von Doris Reisinger und Christoph Röhl.
    Dazu finden Sie viele Quellenangaben, über die vielen Verbrechen, der kath. Kirche. Die hier alle aufzuführen, dazu würde mein Leben nicht mehr ausreichen.
    Sollten Sie keine Missbrauchsopfern, der kath. Kirche kennen, benenne ich Ihnen Institutionen, die Ihnen gerne weiterhelfen. In diesem Sinnen, Ihnen einen schönes Leben, was die Missbrauchsopfer nicht haben.

  7. 21.

    Wollen Sie mit diesem Kommentar ausdrücken, dass es innerhalb der katholischen Kirche keine sexuellen Übergriffe auf Kinder und Jugendliche gegeben hat? Sie verhöhnen mit Ihren Kommentaren die Opfer! Und wenn das Gutachten von Opfern spricht? Was ist das in Ihren Augen? Alle, die solche VERBRECHEN verharmlosen oder vertuschen gehören vor ein staatliches Gericht und nicht auf den Beichtstuhl innerhalb der Kirche!

  8. 20.

    Einbildung übertreibt Verdächtigungen, die werden üble Nachrede. Wenn man zu viele Fernsehkrimis anschaut, kann man sich nur noch schwerste, grausame Verbrechen vorstellen. In der Realität ist das Gutachten sachlich und zeigt den Aufarbeitungswillen der Kirche. In dem seriösen Rechtsgutachten ist kein einziges Verbrechen nachgewiesen worden.

  9. 19.

    Sie fragen, " wo das Problem liegt.." ? Es sind schwerste, grausame Verbrechen begangen worden, die nicht geahndet worden sind bzw. nicht geahndet werden. Da liegt das Problem !

  10. 18.

    Es soll auch Dogmatiker geben, die ihren Mitmenschen Unrecht antun und hinterher in die Kirche gehen und den lammfrommen Gläubigen raushängen lassen.

  11. 17.

    Die Überschrift ist verdächtig,hat die Kirche tatsächlich schon mal Vertrauen verdient?

  12. 16.

    Na da ist sie nicht alleine! Die Politik hat das auch geschafft!

  13. 15.

    Es ist bekannt, dass Dogmatiker besonders unnachgiebig sind, weil sie meinen, die Wahrheit gepachtet zu haben.
    Nicht nur in der Kirche zu beobachten.

  14. 14.

    Wo liegt das Problem? Niemand muss der katholischen Kirche angehören, und wer unglücklicherweise hineingeboren bzw. -getauft wurde, kann schon als Jugendlicher austreten. Ohne Lebensgefahr, was im weltweiten Religionenvergleich nicht selbstverständlich ist.

  15. 13.

    Schließe mich Ihren Worten voll an. Woelki lehnt auch weiterhin die Segnung von Homosexuellen/Lesben kategorisch ab.

  16. 12.

    Ihr Kommentar spiegelt genau die Haltung der katholischen Kirche wieder. Über Jahrzehnte Verschleierung, nicht bereit zur Aufklärung. Und wenn Sie die jetzige Aufklärung meinen, so kommt sie viel zu spät und ist nur halbherzig. Warum schließt Herr Woelki persönliche Konsequenzen aus? Weil er sich selber auch für unfehlbar hält? Alle diese Fälle hätten einzig und allein der Staatsanwaltschaft übergeben werden müssen. So soll es eine Aufarbeitung durch selbst involvierte Personen geben? Und das Schlimme an der ganzen Geschichte ist, dass die gesamte Kirche von Zuwendungen der gesamten Steuerzahler lebt? Aber nicht bereit ist konsequent Reformen umzusetzen. Und die Geschichte mit den angeblich gleichen Zahlen der Kirchenaustritte sieht jeder am besten in Köln. Die Termine sind binnen weniger Minuten vergeben.

  17. 11.

    Auch wenn ich Ihre Einschätzung über "imaginären Kumpel" nicht teile, in einem haben Sie recht.

    "Es sind Menschen, immer wieder Menschen, die Macht und Position ausnutzen."

  18. 10.

    Der Mann segnet Autos, aber keine homosexuellen Paare, die Gnade und Liebe Gottes wird Menschen vorenthalten, aber selbst begehen und decken Sie diese Verbrechen an Schutzbefohlenen. Es sind Menschen, die diese Taten begehen. Das hat nichts mit Religion zu tun, sie verstecken sich nur dahinter. Dekadenz unvorstellbaren Ausmaßes und unzählige totgeschwiegene Opfer sexueller Gewalt. Das hat kein Gott dieser Welt gewollt. Es sind Menschen, immer wieder Menschen, die Macht und Position ausnutzen.

  19. 9.

    "Warum lässt Gott das zu?" Mit Verlaub, ich finde es immer witzig, wenn sich Leute auf ihren imaginären Kumpel berufen.

    Warum kein rosa Einhorn oder eine Teekanne? https://de.wikipedia.org/wiki/Russells_Teekanne

    Also dann doch lieber die Internationale: "Es rettet uns kein höh'res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun Uns aus dem Elend zu erlösen können wir nur selber tun!"

  20. 8.

    Warum lässt Gott das zu? Dass die Schäfchen die Lämmer quälen und dann auch noch ungeschohren davon kommen.

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