Interview | Wahlkampf 2021 - Das Wahlplakat als Allzweckwaffe aus der Mottenkiste

Archivbild: Vorstellung der Plakatmotive der CDU zum Volksentscheid Tempelhofer Feld mit Kai Wegner (Quelle: imago-images.de)
Audio: Inforadio | 31.03.2021 | Sebastian Schöbel | Bild: www.imago-images.de

Bereits im März, gut ein halbes Jahr vor der Wahl, hat die Berliner CDU ihren Plakatwahlkampf begonnen. Der Berliner Politologe Simon Richter hält das durchaus für sinnvoll - auch weil das gute alte Plakat selbst auf pandemieentleerten Straßen wirke.

rbb|24: Herr Richter, macht es eigentlich im Zeitalter des Internets du dazu noch mitten in einer Pandemie überhaupt Sinn, Wahlplakate aufzuhängen?

Simon Richter: Ja. Das Wahlplakat hat generell einen schlechten Ruf und gilt als das Wahlkampfmittel aus der Mottenkiste. Es ist aber tatsächlich ein in der täglichen Lebenswelt sichtbares Stück Wahlkampf – wahrscheinlich das mit der höchsten Reichweite. Selbst in der Pandemie bewegen wir uns dann und wann noch aus unseren Wohnungen, und sei es nur auf dem Weg zum Einkaufen. Eigentlich ist das, wenn man so möchte, in den Wochen vor der Wahl der Startschuss, der dem Großteil der Wahlbevölkerung mitteilt: "Bald ist Wahl, informiert euch!" Generell, also auch in Pandemiezeiten, glaube ich, dass das Wahlplakat tatsächlich ein wichtiger Träger von Wahlkampf ist. Vielleicht sogar noch ein bisschen wichtiger als sonst, weil eben diverse direkte Form von Wahlkampf jetzt gerade nicht möglich sind.

Das Internet hat das Plakat also nicht als wichtigstes Wahlkampinstrument abgelöst?

Das würde ich nicht behaupten. Tatsächlich ist es eine andere Form von Wahlkampf, die Sie im Internet finden. Wenn wir uns zum Beispiel die zurückliegenden Landtagswahlen angucken: Da wurde über das Internet probiert, viel von dem an Wählerinteraktion reinzuholen, was wir momentan auf Marktplätzen auf den Straßen, in den Einkaufsstraßen so nicht durchführen können. Die Funktion des Plakatwahlkampfes ist erstmal nur, das gesamte Angebot an Parteien und Kandidat*innen und deutlich machen soll, was etwas anderes als das, was wir im Internet erleben. Dort geht es vielmehr um Interaktion und Austausch.

Gerade Soziale Medien werden ja schnell zu einer Art Blase. Spricht man mit Onlinewahlkampf also vor allem Menschen an, die sich schon entschieden haben – während man dem Plakat nicht "entkommen" kann?

Das kommt wirklich stark darauf an, wie viel Know-how und Kompetenz die Parteien haben. Theoretisch bietet das Internet sehr viele Chancen, sehr gezielt Wählergruppen anzusprechen. Es kommt darauf an, was die Strategie der einzelnen Partei ist: die eigene Wählerschaft mobilisieren oder neue Wähler*innen überzeugen. Beides ist im Internet steuerbar. Der Flaschenhals ist tatsächlich, wie gut die Kampagnen selbst im Stande sind, diese gezielte Ansprache, das Microtargeting, auch umzusetzen und auf die Straße zu bringen.

Ich denke, da lernen wir in Deutschland noch wie gut das funktioniert und was wir dafür an Daten und Informationen brauchen. Das Vorbild ist immer der Wahlkampf in den USA, wo das tatsächlich sehr gezielt gemacht wird. Doch der Vergleich hinkt, weil wir in Deutschland beim Datenschutz ein anderes regulatorisches Korsett haben, in dem dieser Wahlkampf dann stattfindet.

Die Berliner CDU plakatiert bereits in der Stadt, auf angemieteten Werbeflächen. Das ist erlaubt, aber kommt das nicht so viele Monate vor der Wahl im September etwas zu früh?

Ich sehe den Grund eindeutig in der Person von Kai Wegner (Spitzenkandidat der CDU). Der ist nicht ansatzweise so bekannt wie es beispielsweise die Spitzenkandidatin der SPD, Franziska Giffey, ist - als Bundesministerin und ehemalige Bezirksbürgermeisterin von Neukölln. Das ist tatsächlich die erste Hürde, über die Spitzenkandidat*innen bei so einer Wahl springen müssen. Auf Landesebene ist das immer noch mal komplizierter als auf Bundesebene, weil man weniger im Scheinwerferlicht steht. Darum ist ein früher Beginn der Kampagne, in der Kai Wegner eine gewisse Bekanntheit erarbeitet wird, durchaus sinnvoll. Sie sehen das auch bei den Grünen die sehr früh Bettina Jarasch nominiert haben: Auch da gibt es schon Kampagnenmotive, die zumindest im Internet verfügbar sind. Das macht durchaus Sinn.

Wir können also damit rechnen, dass bald auch Bettina Jarasch von den Videotafeln am Bahnhof oder vom Werbeplakat an der Autobahn herunterlächelt?

Wir müssen mitdenken, dass die Abgeordnetenhauswahl natürlich zusammenfällt mit der Bundestagswahl. Wir haben also kurz vor der Wahl eine Situation, in der wir zwei Wahlkämpfe haben, die sich um die Aufmerksamkeit streiten. Da wird es auf den letzten Metern schwierig, mit einer neuen Person durchzudringen, sie zu positionieren. Das frühzeitig in Angriff zu nehmen ist also gar nicht so blöd.

Bei dieser Wahl wird es wahrscheinlich viele Briefwähler geben. Wird das Auswirkungen auf den Wahlkampf haben?

Der Briefwahlanteil ist tatsächlich ein wichtiges Thema für die Planung von Kampagnen. Die haben eigentlich klare Phasen, und die letzte Phase wenige Tage vor der Wahl ist voll darauf konzentriert, die Wählerinnen und Wähler an die Urnen zu bringen, sie zu mobilisieren. Mit der Frist für die Briefwahl wird der Moment der Stimmenabgabe über einen längeren Zeitraum ausgedehnt. Heißt für die Kampagnen: Sie müssen damit rechnen, dass zu jedem Zeitpunkt gewählt wird. Sie können also nicht mehr diese Einteilung machen, in der ein langer Spannungsbogen kulminiert in einem großen Sprint zum Wahltag hin.

Ein Vorteil für die Parteien, die mehr Geld haben?

Nicht unbedingt. Es kann auch ein strategischer Vorteil für die mit weniger Geld sein – wenn sie gut darin sind, ihre potenziellen Wähler*innen im Moment der Kontaktaufnahme gleich zur Stimmabgabe zu motivieren.

Wird diese Pandemie die Art, wie Wahlkämpfe geführt werden, auch über Corona hinaus verändern?

Ich glaube tatsächlich, dass jetzt gewisse Kompetenzen im Internet aufgebaut werden, gerade was diese Frage von Targeting angeht, aber auch die Produktion von Inhalten. Was funktioniert eigentlich als Format im Internet? Die Parteien bemühen sich auch aktiv darum und geben den Landesverbänden Wissen weiter, um dann Instrumentenkasten aufzubauen. Aber klar ist auch, dass Wahlkampf immer eine soziale Dimension hat. Das Treffen mit den Wähler*innen, in der Einkaufsstraße oder auf einer großen Bühne bei der Marktplatzrede, wirkt nun einmal anders als diese vermittelten Kontakte über das Internet. Diesen Wahlkampf werden wir auch wieder erleben.

32 Kommentare

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  1. 31.

    Bei "CDU Wanderwitz" war mein erster Gedanke, es handelt sich um einen "Running Gag" über die xxU. Wie man sich doch täuschen kann.

  2. 30.

    Think positiv ....
    Er will damit zum Ausdruck bringen, das er Kriegsgegner ist und "verheerend" ist zu militaristisch.

  3. 29.

    Warum sollte man auch dem evigen Blabla neue Plakate widmen. Nachdem Merkel und Steinmeier gerade versuchten die Politik reinzuwaschen sind ausserhalb der Grünen kein neues Denken festzustellen. Auch Grün - Schwarz wäre nur mit grüner Führung auszuhalten.

  4. 28.

    "Oft nur leere Versprechungen. Ansonsten sehe ich Wahlplakste als Geldverschwendung an."
    Wahre Worte!
    Da aber die Digitalisierung und schnelles Internet in Dtschl. noch in den Tiefen der Bürokratie schlummert werden diese überflüssigen Plakate noch ewig anstehende Wahlen begleiten. :-(

  5. 27.

    Welche Pandemieentleerten Straßen ?

  6. 26.

    Fast nix ist so verbindlich und so sicher vor Verfälschung wie eine öffentlich aufgehängte (Plakat-)Botschaft. Denn diese versorgt alle Bürger zeitgleich mit der exakt gleichen Botschaft ... Man glaube nämlich besser nicht daran, dass man auf dem Smartphone bzw. in den (A-)Sozialen Medien die exakt gleichen Botschaften erhält, wie sein Nachbar … Da ist sehr Vieles schon längst zielgruppengerecht adressiert … Plakate sind also ehrlich(er), direkt(er) und demokratiefreundlich(er).

  7. 24.

    Wer vertraut denn da den Habeck ? Dann wohl auch noch Baerbock ? Politiker haben jetzt bis zur Wahl nur eines im Sinn zu haben: Corona durch Impfung zu besiegen. Unser aller Alltag ist so anders; ja; unerträglich geworden- besonders für Familien mit Kindern. Wer hält von den Geschäftsleuten das alles noch lange durch ? Reißt euch zusammen und habt nur den Kampf gegen Corona im Sinn.

  8. 23.

    Hauptsache es gibt nicht wieder RRG. Das wäre für die Stadt verhärend. Leider wird es genau wieder so kommen, weil deren Wähler nicht über den Tellerrand schauen können der wollen.
    Wer Taten will, der muss keine Koalitionen mit Kompromissen wählen.
    Mit arm aber sexy kommt man nicht weit. Meistens landet man damit auf dem Strich.

  9. 22.

    Das tolle am Plakat ist, dass es nix sagt! Alles, was jeder Politiker (vielleicht außer der Habeck)jetzt noch von sich gibt und Bezug auf die Zukunft oder die Zeit seit Februar 2020 nimmt, ist doch eh KOMPLETT unglaubwürdig! Da kommt den (meist) Herren ein Plakat ohne Sprachaussage gerade recht... Nur das face, nen 08/15 Spruch, der auch bei jeder anderen Partei passen würde - fertig!

    Super Konzept. Aber durchschaut.

  10. 21.

    " Aber es ist durchaus legitim und auch legal, sich gegen die Asylpolitik der Merkel-Regierung zu wenden." Ist es, nur sind nicht alle die dagegen sind auch Demokraten.

    Und auch Sozialdemokraten sind vor Populismus nicht gefeit. Asylpolitik ist ein weites Feld und kein Berliner Wahlkampfthema, zumindest aktuell nicht.

    Von daher betrachte ich ihre Versuche als Abkenkungsmanöver, auf neudeutsch derailing. https://t3n.de/news/derailing-im-netz-636526/

  11. 20.

    Auch wenn ich die Politik der sozialdemokratisch geführten dänischen Regierung für wohlstands-beflissen halte, also recht egoman, so bestehen doch erhebliche Unterschiede zu jenen völkisch gesinnten "Volksgenossen" im östlichen Sachsen. Diese Begriffe benutze ich übrigens ganz bewusst, denn diese Linie gibt es ja durchaus.

    Das eine ist die errichtete Schranke gegenüber Menschen, die einfach nur die "Frechheit" besitzen, dem Strom der Waren aus ihren Ländern zu folgen. Das andere ist die Vorstellung eines einheitlichen, quasi biologischen Volkskörpers, der vor Verunreinigung geschützt werden müsse.

    Deshalb auch steht die AfD zu Recht im Fokus.

  12. 19.

    Mal ehrlich....Inhalte werden mit diesen Plakaten in den seltensten Fällen vermittelt. Die Dinger stehen definitiv nur im Weg, behindern die Sicht eines jeden Verkehrsteilnehmers, werden meist dafür genutzt um mehr oder minder begabten Undergroundkünstlern eine "Chance" zu geben, sich doch noch zu verwirklichen, kosten ein Heidengeld und verschmutzen schlussendlich auch noch die Umwelt.... alles in allem kann ich nichts positives oder nützliches an den Dingern finden

  13. 18.

    Vielen Dank für den Link. Aber es ist durchaus legitim und auch legal, sich gegen die Asylpolitik der Merkel-Regierung zu wenden. Alle EU Staaten sind dagegen. Merkel ist mit ihrer Asylpolitik gescheitert. Lesen Sie beispielsweise, was beispielsweise die sozialdemokratische Regierung n Dänemark davon hält.

    https://www.stern.de/politik/ausland/daenemark--regierung-will-zahl-der-asylbewerber-auf-null-absenken-30011836.html

  14. 17.

    Thema verfehlt, setzen, sechs! Ansonsten gebe ich Wanderwitz ausnahmsweise mal recht. Wozu Maaßen, wenn man das Original, die rechtsextreme AfD wählen kann?

    Aber das sich ausgerechnet Wanderwitz darüber mokiert ist schon verwunderlich, hat er doch Erfahrungen mit Rechtsextremen.

    https://www.tagesspiegel.de/politik/fremdenhass-im-erzgebirge-anti-asyl-initiative-gegen-die-freie-presse/13334652.html

  15. 16.

    Oft nur leere Versprechungen. Ansonsten sehe ich Wahlplakste als Geldverschwendung an.

  16. 15.

    CDU Wanderwitz, von Merkel installierter "Ostbeauftragter" macht sich Sorgen. Er nennt eine mögliche Maaßen-Kandidatur für den Bundestag „Irrsinn“.

    https://www.welt.de/politik/deutschland/article229698719/CDU-Politiker-Wanderwitz-nennt-moegliche-Maassen-Kandidatur-Irrsinn.html

    Der interessierten politischen Öffentlichkeit ist Wanderwitz in guter Erinnerung. Wanderwitz gehörte zu den neun Bundestagsabgeordneten, die gegen die zwangsweise Veröffentlichung ihrer Nebeneinkünfte durch das 2005 verabschiedete Transparenzgesetz vor dem Bundesverfassungsgericht klagten und dort scheiterten.

  17. 14.

    Jedes zweite, dritte und vierte Plakat, was hinter dem ersten in einer Straße aufgereiht ist, verkörpert den Vorwurf an die Wählenden, dass diese eigentlich so dumm seien, dass eine Sache in beliebiger Weise wiederholt werden müsse. Nach dem zweiten Plakat drehe ich mich innerlich ab, gleich so bei übergroßen Buchstaben, ob nun gedrucktes Massenblatt oder aber Parolen an Häuserwänden oder auf Plakaten.

    Für einen Hinweis, wann die nächste Veranstaltung auf welchem Platz mit welcher kandidierenden Person stattfindet, bin ich immer dankbar. Da kann und werde ich mich dann ggf. einfinden.

    Ansonsten sagen Wahlprogramme m. E. recht wenig aus, gerade in Zeiten, in den absolute Mehrheiten passé sind, in denen folglich ein Koalitionspartner gefunden werden muss und es der puren Spekulation überlassen bleiben muss, welcher Aspekt bei Verhandlungen denn als Erstes "über Bord" geworfen wird.

  18. 13.

    Ich bezog mich nicht auf das gezeigte CDU Plakat, sondern auf alle sinnlos in der Stadt aufgehängte. Inhaltsleer sind alle. Nichtssagend und verlogen auch noch.

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