Archivbild: Regine Hildebrandt, Ministerin für Arbeit und Soziales während der 3. Volkskammertagung in Berlin, April 1990. (Quelle: dpa/akg)
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Audio: Antenne Brandenburg | 21.04.2021 | Kerstin Lehmstedt | Bild: dpa/akg

80. Geburtstag von Regine Hildebrandt - "Sagt mir nicht, dass es nicht geht"

Für die einen war sie die "Mutter Courage des Ostens" - für die anderen, ihre politischen Gegner, eine Nervensäge. Am Montag wäre Regine Hildebrandt 80 Jahre alt geworden. Kerstin Lehmstedt erinnert an die ungewöhnliche Brandenburger Politikerin.

Regine Hildebrandt entsprach so gar nicht dem Bild, das man von einer Politikerin im Kopf hat, weder im Osten noch im Westen Deutschlands. Image-, Stil- oder Medienberater dürften sich an ihr die Zähne ausgebissen haben. Mit einem Kostüm und einer Stehkragenbluse sei "ein Minimum an Anziehkultur" gewährleistet, wie sie einmal sagte, und dann gehe es hinaus ins wahre Leben. Das war ihre Devise von Anfang an.

Sie war im besten Sinne des Wortes ein Mutmacher

Dietmar Woidke über Regine Hildebrandt

Quasi über Nacht Ministerin

"Alles ging rasend schnell. Plötzlich war ich in der Volkskammer. Und weil unter den Blinden der Einäugige König ist und wir Minister finden mussten, war ick eben über kurz oder lang Minister. So isses", beschrieb Regine Hildebrandt ihren politischen Karrierestart.

Dass sie einmal eine politische Karriere machen würde, wäre ihr wohl nicht im Traum eingefallen, schon gar nicht in der DDR. Quasi über Nacht wurde die studierte Biologin im April 1990 für die SPD Ministerin für Arbeit und Soziales in der ersten frei gewählten DDR-Regierung. Nach der Wiedervereinigung holte der damalige Ministerpräsident Manfred Stolpe Regine Hildebrandt nach Brandenburg. Sie übernahm das Ressort Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen und war neun Jahre lang - bis 1999 - Ministerin in der SPD-geführten brandenburgischen Landesregierung.

Nach Ansicht von Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) hat Regine Hildebrandt maßgeblich am Fundament des Landes mitgebaut, vor allem in puncto Arbeits- und Sozialpolitik habe sie Maßstäbe gesetzt. Bis heute seien die Spuren ihrer Arbeit sichtbar. Man könne, so Woidke, Regine Hildebrandt zurecht als "Gründungsmutter" Brandenburgs bezeichnen.

Archivbild: Die SPD-Politikerin Regine Hildebrandt, aufgenommen am 20.04.2001 in Leipzig bei der MDR-Talkshow "Riverboat". (Quelle: dpa/Thomas Schulze)
Regine Hildebrandt 2001 in der MDR-Talkshow "Riverboat" | Bild: dpa/Thomas Schulze

In Ost und West eine unüberhörbare Stimme

"Ich interessiere mich nicht für Politik, ich interessiere mich für die Menschen und ihre Schicksale", sagte Regine Hildebrandt einmal über ihr Selbstverständnis als Politikerin.

Arbeitslosigkeit, schmale Renten im Osten, Kitaplätze oder die Berufstätigkeit von Frauen, das waren die Felder, die sie beackern musste. Das Wichtigste war für sie der Zusammenhalt unter den Menschen und soziale Gerechtigkeit. Dafür kämpfte und arbeitete sie unermüdlich, sie wollte für und mit Menschen Politik machen.

Die kleine, energische Frau war in Ost und West bald eine unüberhörbare Stimme. Egal ob sie in Bürgerversammlungen sprach, in hochoffiziellen Ministerrunden saß oder ihre Politik in irgendwelchen Talkrunden erklären sollte - Regine Hildebrandt nahm kein Blatt vor den Mund. Mit "Herz und Schnauze", aber auch "mit großer Sachkenntnis und Klugheit" habe sie Politik gemacht, erinnert sich ihr SPD-Parteikollege Günter Baaske.

Vor allem für die Menschen im Osten sei sie in den Nachwendejahren zur "Mutmacherin" geworden, sagt Ministerpräsident Woidke. Fast jeden Tag war sie in Brandenburg unterwegs. Sie wollte wissen, wie es den Leuten ging, welche Sorgen und Nöte sie hatten. Schon auf dem Rückweg von Terminen fing Regine Hildebrandt an, sich in ihrem "Autobüro" zu kümmern, und schickte ihre Mitarbeiter*innen in die Spur. Ihr Credo: "Sagt mir nicht, dass es nicht geht!"

Archivbild: Regine Hildebrandt paddelt auf dem Woltersdorfer See, 5.10.2000. (Quelle: dpa/Kalaene Jens)
Mit dem Kajak unterwegs auf einem See bei Woltersdorf (Oder-Spree) | Bild: dpa/Kalaene Jens

Den Krieg und seine Folgen noch erlebt

Regine Hildebrandt wurde 1941 in Berlin-Mitte in die Musikerfamilie Radischewski hineingeboren. Musik blieb wichtig in ihrem Leben. Jahrelang sang sie im Chor der Domkantorei, sie spielte Klavier und selbstverständlich wurde später auch in ihrer eigenen Familie die Hausmusik gepflegt. Als waschechte Berliner Pflanze gehörte sie zu der Generation, die die Folgen des Krieges hautnah miterlebt und noch in den Trümmerlandschaften gespielt hatte. Die Stadt Berlin als Ganzes war ihre Heimat und der Mauerbau 1961 ein tiefer Einschnitt. Die große Familie war in Ost und West verstreut und nun getrennt. In ihrem Herzen blieb die Stadt weiter ungeteilt.

Wenn Sie also bei uns zu Hause aus dem Fenster geguckt haben, waren Sie mit dem Kopf im Westen und mit dem Hintern im Osten

Regine Hildebrandt

Zur Zeit des Mauerbaus war Regine Hildebrandt gerade 20 Jahre alt. Sie blieb in der DDR und erstritt sich ihr Studium der Biologie an der Humboldt Universität. Mit ihrem Mann Jörg, den sie seit Kindertagen kannte, gründete sie eine Familie. Gemeinsam zogen sie ihre drei Kinder groß. Selbstverständlich war Regine Hildebrandt berufstätig - nicht weil sie zuverdienen musste, sondern weil sie arbeiten wllte. Ihren moralischen Werten und Vorstellungen als Christin fühlte sie sich verpflichtet und sie versuchte - auch gegen Widerstände - danach zu leben und sich nicht verbiegen zu lassen. Ihr Maß war das menschliche, gerechte Miteinander, egal ob in der Familie, im Freundeskreis, in der Gemeinde oder im Arbeitskollektiv. Und sie war ein ausgesprochen fröhlicher Mensch.

Archivbild: Lachend stehen die ehemalige brandenburgische Sozialministerin Regine Hildebrandt und Bundeskanzler Gerhard Schröder am 26.4.2001 mit einem großen Blumenbukett auf der Bühne des Nikolaisaales in der brandenburgischen Landeshauptstadt Potsdam. (Quelle: dpa/Ralf Hirschberger)
Regine Hildebrand 2001 mit dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder | Bild: dpa/Ralf Hirschberger

Engagiert trotz Krebserkrankung

Als Politikerin war Regine Hildebrandt beliebt und populär, aber sie war auch Anfeindungen ausgesetzt und musste bittere Erfahrungen machen. Ein tiefer Einschnitt in ihrer politischen Karriere war die Wahlniederlage der Brandenburger SPD 1999. Eine Koalition mit der CDU war für Regine Hildebrandt nicht vorstellbar und sie trat als Ministerin zurück. Ein Rückzug ins Privatleben kam für sie trotz ihrer Krebserkrankung, die sie 1996 öffentlich gemacht hatte, nicht in Frage. Sie bezog ein kleines Büro im Willy-Brandt-Haus in Berlin, arbeitete im Forum Ost der Sozialdemokratie mit und engagierte sich weiter. Am 26.November 2001 starb Regine Hildebrandt in Woltersdorf.

Ihre Tochter Elske ist inzwischen in die Fußstapfen ihrer Mutter getreten: Seit anderthalb Jahren ist sie in Brandenburg Landtagsabgeordnete für die SPD.

Sendung: Antenne Brandenburg, 26.04.2021, 07:42 Uhr

Beitrag von Kerstin Lehmstedt

28 Kommentare

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  1. 28.
    Antwort auf [Wolfram Schulz] vom 26.04.2021 um 20:02

    Sie ist ausgestiegen beim Einstieg in die Koalition mit der CDU. Soweit die SPD zu diesem Zeitpunkt maßgeblich aus Ostdeutschen bestand, war die CDU für sie die Vertreterin des geschäftlichen Westens.

  2. 27.
    Antwort auf [Wolfram Schulz] vom 26.04.2021 um 20:02

    "Sorry, wirklich hier nur positive Bewertungen?
    Werden hier etwa negative Beiträge gefiltert?"
    Ihr Kommentar beweist das Gegenteil.
    Hier werden auch negative und in ihrer Wortwahl völlig respektlose Kommentare gepostet.
    Mir fällt zu Ihrem Beitrag noch viel mehr ein
    aber ich schließe mich Alice @26 und dem Joschka Fischer Zitat an, dass ist hölflicher.

  3. 26.

    Ich habe noch ihre Stimme im Ohr :-) und das Lachen - bei dem man meinte, Frau Hildebrandt habe mehr Zähne für ein sooo breites Lachen als alle anderen von uns ;-)ansteckend! Und sowohl das Lachen als auch das Meckern waren wirklich ernst - und nicht nur ernst gemeint! Wir hatten sie eingeladen, zur Betriebsversammlung, das ICC war voll.... ach...


    Es bedrückt noch heute, wenn man sich vor Augen hält, dass sie nur 60 wurde - ein randvolles Leben, viel zu kurz!

  4. 25.
    Antwort auf [Wolfram Schulz] vom 26.04.2021 um 20:02

    Ich darf mal Joscke Fischer "zitieren":
    Mit Verlaub, Herr Schulz, sie sind ein .....
    ...8<...snip....

    Man stelle sich diese Republik mit einer Kanzlerin mit diesem Format vor. Vor Frau Hildebrandt ziehe ich jeden Hut.
    "Sagt mir nicht, dass es nicht geht" anstatt "Wir schaffen das." Ein Träumchen.

  5. 24.

    So kenne ich die Frau Hildebrandt auf dem Flakensee. Auch schwimmend. Stets einige Worte gewechselt. Sie war einmalig. Schämt euch ihr anderen. Aber, Frau Hildebrandt würde euch heute noch Flötentöne beibringen.

  6. 23.

    Ich fand Sie immer sehr erfrischend und ehrlich. Mehr davon. Und mir wäre nicht Bange um unsere Demokratie.

  7. 22.

    Tolle Frau mit Verstand, Gewissen, Herz und Humor. Sie fehlt.

  8. 21.

    Dieser Meinung bin ich auch. Sie fehlt wirklich; sie war authentisch und vor allem: MENSCH.
    Allet jute Frau Hildebrandt, ejal - wo Sie jerade sind - aber da rocken Sie bestimmt allet :-)

  9. 20.

    Eine Politikerin(Volksvertreterin), die sich für die Belange der Bevölkerung interessiert und eingesetzt hat; die keine Scheu davor hatte, auch mal unbequem zu sein und -nach oben- anzuecken; die offen ihre Meinung äußerte und auch dazu stand - ohne zu heucheln und sich zu winden wie ein Aal.
    Sie hat das Kunststück vollbracht, Politikerin zu sein und trotzdem ein aufrichtiger Mensch zu bleiben.

    Danke Regine! Du fehlst!

  10. 19.

    es ist höchst selten das sich alle kommentatoren einig sind, in ihrer würdigung . auch ich möchte mich anschließen. meine hochachtung für diese frau. mfg melusine

  11. 18.

    Solch ein Format wie sie es war fehlt, besonders in der jetzigen Zeit!

  12. 17.

    Eine wahre und ehrliche Dienerin des Volkes. Solcherart Politiker*innen gibt es nur alle Jubeljahre mal ein/einen.

  13. 16.

    Selten sind sich mal alle Kommentatoren so einig wie hier. Ja, Regine Hildebrandt war großartig und musste leider viel zu früh gehen.

  14. 15.

    Eine engagierte, streitbare, ehrliche, starke, großartige Politikerin - so sollten die Mitglieder dieses Berufsstandes sein. Sie fehlt!

  15. 14.

    Regine Hildebrandt, eine Politikerin mit Herz,Schnauze und Rückrad. Unverkennbar und unverwechselbar.
    Für mich gehört sie in die Riege von Brandt,Genscher,Schmidt. Also kein Vergleich zu vielen der aktuellen politischen Akteuren,von den die Mehrzahl austauschbar ist,ohne Spuren zu hinterlassen.
    Es gibt z.Zt. zuviele Selbstdarsteller,die sich nicht nur während des Wahlkampfs mehr um sich statt um ihre politischen Aufgaben kümmern.

  16. 13.

    Darf mich Ihren Worten anschließen. Sie war eine wahrhaft aufrechte Politikerin, mit Herz und Schnauze. Ich vermisse sie noch heute so sehr.

  17. 12.

    Regine Hildebrandt fehlt den Brandenburgern, glaube ich zumindest. Ihr Mundwerk und ihr Herz. Danke dem RBB für die Sendungen anläßlich Ihres Geburtstages, auch wenn diese u.a. Redaktionsschluß 2002 hatten.
    So manche Nachfolgepolitiker werden inzwischen gemerkt haben, dass Regine Hildebrandt einen sehr großen Fußabdruck hinterlassen hat und nicht in diesen hineinpassen. Die aktuelle Ministerin sollte mit Ehrfurcht das Lebenswerk von Frau Hildebrandt studieren um nicht nur mit wohlfeilen Sonnntagsreden aufzuwarten um am Ende Ihre Zuständigkeit an das Innenministerium abzutreten (Impfmanagement). Handeln ist das Gebot der Zeit und nicht schwafeln.....
    Regine Hildebrandt ist mit Brandenburg untrennbar verbunden. Danke für ihr Engagement. UNVERGESSEN!!!

  18. 11.

    Ja, sie war abgrundtief ehrlich und geradeaus.

    Und: Viele, die sie heute im Nachhinein als Ikone hochleben lassen, haben sie seinerzeit kritisiert und würden sie mit gleicher Vehemenz auch heute kritisieren, wenn sie denn noch lebte und in Amt und Würden wäre. Das liegt daran, dass für sie Hilfe für die "einfachen Menschen" im Vordergrund stand, nicht die hundertprozentig perfekte Organisation des Ministeriums. Das wurde ihr damals als Chaos und Schlamperei vorgeworfen. Und von keinem der seinerzeit Kritisierenden wurde das jemals zurückgenommen, ob dieser Prioritätensetzung.

  19. 10.

    SAG MIR NICHT, DASS ES NICHT GEHT!!
    Wenn heute mehr Politiker diese Einstellung hätten und wirklich Taten folgen lassen würden, ginge es Deutschland viel viel besser in dieser Pandemie.
    Sie fehlt, genau wie H. Schmidt, Politiker der Tat und nicht der Worte.
    R.I.P. liebe Regine.

  20. 9.

    Für mich ist und bleibt Regine Hildebrandt – nicht eine, sondern – die Ikone des/der Politikers/in als Diener*in des Volkes. Uneitel, lebensklug, pragmatisch, kämpferisch, unangepasst, ihrem inneren Wertekanon vertrauend. Eine Frau, bei der einem die Spucke wegblieb, wenn sie sich mit Vehemenz für etwas einsetzte (gerne auch mal mit dem Kopf durch die Wand), wenn sie ihre Herangehensweise an Politik in der Öffentlichkeit vertrat. Dass sie als Gerechtigkeitskämpferin (um -fanatikerin zu vermeiden) zuerst oder zumindest nicht zuletzt den "kleinen Mann" im Blick hatte, ohne das große Ganze aus dem Auge zu verlieren, hebt sie noch heute wohltuend und gleichzeitig bedauernd von einer Vielzahl ihrer Kolleg*nnen ab. Die gerechtere Gesellschaft, die ihr vorschwebte, ist in der Zwischenzeit noch ungerechter geworden, als sie zu ihrer Zeit war. Ikone, weil, nach ihr kam dann nichts mehr...

    Ohne dich, liebe Regine Hildebrandt, gäbe es diesen so wichtigen Bezugspunkt nicht. Danke dafür!

    D.M.

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