Glienicker Brücke zwischen Berlin und Potsdam (Bild: imago images/Martin Müller)
Bild: imago images/Martin Müller

Analyse | 25 Jahre Nein zur Länderfusion - Warum wir nicht mehr vom Umland reden sollten

Vor 25 Jahren entschied sich eine Mehrheit der Menschen in Brandenburg gegen eine Fusion mit Berlin. Mark und Metropole kommen dennoch ganz gut miteinander aus. Doch für eine gemeinsame Zukunft braucht es mehr Impulse. Eine Analyse von Thomas Bittner

Gleich neben der Glienicker Brücke sollte die Länderfusion gefeiert werden. Politiker und Journalisten waren am Abend der Abstimmung nach Glienicke gekommen. "Ein Land in Sicht", hieß es. Und in Sichtweite stand das Symbol der Einheit als Verheißung.

Doch die Party an jenem 5. Mai vor 25 Jahren fiel aus. Das Projekt war an den Brandenburgern gescheitert. Die Glienicker Brücke blieb eine Grenz-Brücke. Und wer genau hinschaut, kann heute noch sehen: Die Brücke ist auf der Berliner Seite in einem anderen Farbton gestrichen als auf der Brandenburger Seite. Einfach ist Einheit nicht.

Dynamik der Jahrtausendwende ist dahin

Nach jenem Abend galt die Devise: Wenn schon keine Fusion der Herzen, dann wenigstens eine der Institutionen. Gut zehn Jahre nach der Volksabstimmung waren Berlin und Brandenburg die am stärksten miteinander verwobenen Bundesländer. Bis heute.

Ein Verkehrsverbund regelt den Nahverkehr. Obergerichte urteilen für Stadt und Land. Ein öffentlich-rechtlicher Sender ist für die gesamte Region da. Lehrpläne und Prüfungen in den Schulen sind abgestimmt. Eine gemeinsame Landesplanungsabteilung stellt die Weichen für die Zukunft. Eigentlich funktioniert das Miteinander. Doch die Dynamik der Jahrtausendwende ist dahin. Es fehlt an Impulsen für mehr Gemeinsamkeit.

Zu viele Gräben zwischen beiden Ländern

Warum gibt es immer noch keine gemeinsame Wirtschaftsförderung? Die dafür zuständigen Gesellschaften sind bis heute nicht zusammengelegt. Für eine Tesla-Ansiedlung in der Region haben die beiden Länder nicht gemeinsam geworben.

Das Nahverkehrsangebot in der Region müsste viel schneller an die wachsenden Pendlerströme angepasst werden. Corona hat nur vorübergehend für freie Sitzplätze in Rush-Hour-Regionalbahnen gesorgt. Ideen müssen stets für beide Länder mitgedacht werden. Das 365-Euro-Ticket nur für die Hauptstadt war als Alleingang ohne Brandenburg gedacht – ein falscher Ansatz.

Die Polizeiausbildung läuft immer noch weitgehend parallel statt gemeinsam. Dabei ist Polizei Ländersache, Potsdam und Berlin könnten sich ohne den Bund über mehr Zusammenarbeit einigen. Ein lange geplantes gemeinsames Einsatztrainingszentrum - möglicherweise in Forst Zinna - lässt weiter auf sich warten.

"Umland" ist das falsche Wort

Wenn in Berlin über die Zusammenarbeit mit Brandenburg gesprochen wird, hört man oft das Unwort "Umland". Das wirkt, als sei nur die unmittelbare Umgebung der Hauptstadt wichtig und alles, was hinter Falkensee, Potsdam oder dem Flughafen BER liegt, eigne sich maximal für Wochenend-Erholung. Darin liegt ein grundsätzliches Missverständnis. Die wachsende Metropole kann sich nicht wie ein Moloch mit Wohn- und Gewerbegebieten ins Nachbarland ausbreiten und die Peripherie übersehen. Man muss die Region bis Schwedt, Wittenberge und Spremberg denken.

Damit es hier überall lebenswert bleibt, muss eher in Korridoren gedacht werden - entlang von Verkehrsachsen, wo auch gute Arbeit und bezahlbares Wohnen möglich sind. Und von wo man schnell und klimaschonend mit der Bahn alle 30 Minuten in die Großstadt kommt.

Große Unterschiede bei der Digitalisierung

Eine solche Achse wächst zum Beispiel gerade auf der Strecke vom Forschungsstandort Berlin-Adlershof über den Flughafen BER, das Hochschulzentrum Wildau, vorbei an der Freizeitlandschaft um das "Tropical Islands" bis in die Lausitzer Energieregion. Um diesen Korridor lebendig zu halten, müsste eine schnelle Bahnverbindung zwischen Berlin und Cottbus kommen. Aber bis zu einer ICE-Fahrt zwischen den beiden Orten werden noch mindestens zehn Jahre vergehen.

Bis heute hat Cottbus nicht einmal eine Direktverbindung zum Willy-Brandt-Airport, vor dem Flug muss man in Königs Wusterhausen oder mitten in Berlin umsteigen. Und wenn den mobilen Pendler gleich hinter der Berliner Stadtgrenze das erste Funkloch angähnt, weiß man: In Berlin und Brandenburg gibt es auch bei der Digitalisierung unterschiedliche Maßstäbe.

Zusammen leben ohne Fusionsvertrag

Die Menschen in Berlin und Brandenburg sind manchmal weiter als Politiker denken. Sie leben das gemeinsame Land auch ohne Fusionsvertrag. Ein Coworking-Dorf mit Bahnanschluss nach Berlin entsteht gerade als private Initiative in Wiesenburg. Studierende der Frankfurter Viadrina-Universität kommen oft direkt aus Berlin zu Vorlesungen und Seminaren. Viele Berliner Familien ziehen in Städte in der zweiten Reihe hinter dem Speckgürtel. Von all den Ausflüglern mal abgesehen, die zwischen Spreewald und Berliner Zoo, Uckermark und Fernsehturm hin und her reisen.

Ein neuer Anlauf für eine Länderfusion ist in die Ferne gerückt. Da ist kein Land in Sicht. Aber an einem gut organisierten und zukunftsorientierten Zusammenleben führt kein Weg vorbei. Und Brücken werden gebraucht.

Sendung: Brandenburg aktuell, 05.05.2021, 19:30 Uhr

Die Kommentarfunktion wurde am 05.04.2021 um 12:09 Uhr geschlossen

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Beitrag von Thomas Bittner

17 Kommentare

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  1. 17.

    Jede Ortschaft hat einen Namen. Wie wäre es denn wenn sie diesen auch benutzen!

  2. 16.

    Brandenburg ist ein schönes Land, sehenswert und tolle Menschen. Aber (auch wenn das eingebildet klingt) ich bin Berlinerin. Liebe Brandenburger tut es euch nicht an.

  3. 15.

    Brandenburg und Berlin passt einfach nicht zusammen. Die Berliner meckern über alles in Brandenburg, kriegen aber selbst nichts auf die Reihe. Die Berliner sähen und ernten nichts, erzeugen keinen Strom, aber wissen alles besser. Fusion? Nein, danke!

  4. 14.

    In Berlin klappt vieles nicht was in Brandenburg geht. In Brandenburg siehts ggü. Berlin genau so aus. Angenommen es wird mal ein Land, mit gemeinsamen Politikern, ... und dann komme ich ... muhahaha.

  5. 13.

    Selbst für den RBB endet ja oft genug Brandenburg an der Stadtgrenze von Potsdam. Mal eine Stunde Inforadio hören, da wird auf das Land ja kaum mehr eingegangen. Nicht anders wäre es nach der Fusion gewesen. Nein Danke.

  6. 12.

    Da ich selbst für einige Jahre in Oberkrämer gewohnt habe und dadurch die vielen Nachteile erleben durfte ich sage nur S-Bahn Ausbau bis Velten denke ich sollte es erneuten Anlauf geben beide Länder zu vereinigen, um dann für Projekte besser Fördermittel zu erhalten.
    Ich denke alle möglichen Verkehrsmittel besser anzubieten und um Berlin endlich mal damit anzufangen eine Kreisbahn als Schwebebahn zu errichten für die Zukunft dieser Metropole und das wäre der richtige Schritt für beide und den Menschen um Ihr Auto aufzugeben.

  7. 11.

    Wie sollen "wir" Berliner Brandenburg oder wenigstens den "Speckgürtel" um Berlin denn benennen, wenn nicht "Umland"?

    Vororte?
    Vorstädte?
    "kommende Eingemeindungskandidaten"?

    All das würde die Eigenständigkeit der Berlin umgebenden Landgemeinden und Städte wohl eher herabwürdigen denn betonen.
    Ich finde "Umland" korrekt beschreibend und neutral!

  8. 10.

    Die Fusion ist vor 25 Jahren gescheitert und das war auch gut so.
    Das man in gewissen Bereichen zusammenarbeitet ist lobenswert.
    "Lehrpläne und Prüfungen in den Schulen sind abgestimmt."
    Da sollte sich Brandenburg mal lieber mit dem Land Sachsen abstimmen und deren Erfolgskonzept übernehmen.
    Das eine gemeinsame Polizeiarbeit von Vorteil wäre liegt eigentlich auf der Hand. Vielleicht tut sich da mal etwas wenn irgendwann die Digitalisierung bei den Behörden vorankommt.
    Der Begriff UMLAND sollte überall gestrichen werden! Danke

  9. 9.

    "Warum gibt es immer noch keine gemeinsame Wirtschaftsförderung?"
    Weil Berlin und Brandenburg dabei komplett andere Bedürfnisse haben.

  10. 8.

    Meiner Ansicht nach muss in Brandenburg auch das Wohnungsproblem von Berlin gelöst werden. Ich staune immer wieder, wenn ich die Stadtgrenze überschreite und dann ist dahinter nichts außer Feldern. Natürlich müssen neue Wohngebiete dort umweltbewusst entwickelt werden. Es könnten aber zigtausend Wohnungen gebaut werden, quasi ohne einen einzigen Baum zu fällen. Stattdessen soll in Berlin immer mehr nachverdichtet werden. Wahrscheinlich wegen der Steuereinnahmen.

  11. 7.

    Damals vor 25 Jahren stimmte ich als Brandenburger aus guten Gründen gegen die Fusion. Beispielsweise erinnere ich an die Schulden - und Finanzpolitik in Berlin, welche ich nicht auch im Land Brandenburg haben wollte. Auch als ländlicher Außenbezirk von Berlin mit Zwangsfusion (Kreisgebietsreform in Brandenburg ab 1.01.1994) ist mir immer noch ein Graus! Bei einer Fusion die daraus mögliche resultierende Bevormundung von Städtern, welche die Probleme, Lebensweise und -qualität der ländlichen Kreise ignorieren - NEIN DANKE! Immer wieder versuchen Politiker die Vorteile eines noch größeren Großberlins klar zu machen, dabei wurde Berlin schon bereits 1920 schon erheblich flächenmäßig zum Beispiel nach Osten bis Berlin Mahlsdorf, dem damaligen Groß Berlin, zu Lasten des Umlands erweitert. Brandenburg als Bundesland, hat nun mal andere Prioritäten als Berlin, da kann man nicht Äpfel und Birnen durcheinander schmeißen, da kommt nicht viel Gutes dabei heraus. Berlin hat genug eigene Probleme und Brandenburg ebenso aber teilweise andere. So sollte der Berliner Senat erst einmal im Innenbereich die öffentliche Nahverkehrskonzeption (derzeit aus den1920 er Jahren) komplett neu planen und realisieren. Da helfen einzelne Planungen - mit wenigen Realisierungen von Straßenbahn - und U-Bahnlinien nichts, es muss grundsätzlich groß gedacht werden, - in Kooperation mit Brandenburg. Auch Brandenburg hat in Randregionen erheblichen Nachholbedarf. Funklöcher im Wald oder auf dem Feld damit kann man leben, aber auf dem Dorf natürlich nicht. Ich glaube damit kann jeder leben. Eine Fusion von Berlin und Brandenburg lehne ich nach wie vor ab, aber ich hätte nichts gegen eine sehr gute Kooperation. Mein Vorschlag: Vielleicht kann Berlin und Brandenburg auch bei langfristigen Großprojekten besser zusammenarbeiten, als gleichwertige Partner, dann kann man bestimmt bessere Chancen haben und höherwertige Ergebnisse erzielen in vielen Bereichen des Lebens. Vielleicht wäre ein gemeinsamer Fond in Übergangsbereichen überlegenswert, das würde vielen helfen. Aber bitte nicht vergessen, die ländlichen Regionen lebenswert zu erhalten, weil sonst strömt alles in die Großstadt und die Randregionen entwickeln sich zu Geisterdörfern.

  12. 6.

    Doch darf und soll man vom Umland reden, wenn dessen Bewohner nichts mit Berlin zu tun haben wollen, außer hier zu arbeiten, einzukaufen oder feiern gehen zu wollen, um danach wieder uff ihre Kuhbleeke faahn zu woll´n, weil ihnen Berlin ja stinkt.
    Wer das eine nicht will, braucht das andere nicht zu wollen.

  13. 5.

    Das war eine richtige Entscheidung. Damals wollte sich das arme und sehr sexy Berlin Brandenburg einverleiben. Hat nicht funktioniert. Gut so. Wären Berlin und Brandenburg vereinigt worden müssten die Brandenburger auch noch die desaströse Berliner Politik mitfinanzieren.

  14. 4.

    Berlin und Brandenburg, das sind nach wie vor zwei verschiedene Welten. Und wer in Brandenburg möchte schon das KOMPLETT KAPUTTE Berliner Schulwesen haben? In Berlin funktioniert so vieles einfach gar nicht, das schreckt schon enorm ab. Eine Länderfusion würde die Lausitz übrigens noch mehr abhängen. Bereits jetzt konzentrieren sich auch Brandenburger Institutionen um die Hauptstadtregion herum. Der Rest des Landes, z.B. Cottbus, ist komplett aus dem Rennen. Das würde sich mit einer Fusion nur noch verstärken.

  15. 3.

    Die Länderfusion zur Metropolregion Berlin-Brandenburg ist längst überfällig, um hier z.B. eine gerechtere Gewerbesteuerverteilung und Länderfinanzausgleich zu erreichen. In de Realität pendeln viele Menschen regelmäßig aus dem Speckgürtel nach Berlin rein, nutzen also auch die Infrastruktur und wir haben auch bereits sinnvollerweise eine gemeinsame große Infrastruktureinrichtung. Als springt über euren Schatten nach über 25 Jahren bzw. Nach über 30 Jahren und führt zusammen, was längst zusammen gehört. Lasst uns die Kleinstaatlichkeit und das Kleinbürgertum endlich überwinden.

  16. 2.

    Ich bin sehr dankbar, dass diese Fusion gescheitert ist und hoffe, ich werde sie nie erleben!
    Beide Länder - Berlin und Brandenburg - sind viel zu einzigartig für ein gemeinsames Land.

  17. 1.

    Vielleicht ist auch das beständige Verwechseln von Einheit und Einheitlichkeit Teil des Problems. Alles sollte nach 1989 auf West getrimmt werden. Kein Wunder, dass es da eine Gegenbewegung gab. Und die Entscheidung gegen Sperenberg als Flughafen für Berlin war auch eher kontraproduktiv.

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