Streit um Teltowkanalroute - "Park und Radschnellweg passen nicht zueinander“

Teltowkanalroute (Bild: rbb/Jan Menzel)
Video: Abendschau | 14.05.2021 | Tobias Schmutzler | Bild: rbb/Jan Menzel

Ein Netz von Radschnellwegen soll die Berliner Innenstadt mit den Außenbezirken verbinden. Konkrete Pläne für die Teltowkanalroute im Südwesten liegen auf dem Tisch. Ein Abschnitt soll durch einen Park führen, was bei Fußgängern nicht gut ankommt. Von Jan Menzel

Im Hans-Baluschek-Park blüht jetzt der Flieder. Kinder toben, Spaziergänger flanieren und teilen sich den Weg mit Radfahrern. Hier am S-Bahnhof Priesterweg soll in wenigen Jahren die Teltowkanalroute entlangführen. So wie es im Mobilitätsgesetz steht als vier Meter breite Trasse, allerdings genau durch den Park. Das ruft Roland Stimpel auf dem Plan. Stimpel ist überzeugter Radfahrer, als Vorstand des Vereins FUSS e. V. vor allem aber Fußgänger-Lobbyist.

In dieser Funktion hat er sehr klare Vorstellungen: "Park ist nicht Verkehr, sondern Park ist Erholung, Entspannung, Verträumtheit." Kinder dürften dort kreuz und quer laufen, Erwachsene müssten zu dritt nebeneinander schlendern und quatschen können, auch wenn andere Spaziergänger ihnen entgegenkommen. Das macht für den gelernten Stadtplaner die Qualität von Grünflächen aus und so soll es am Baluschek-Park auch bleiben, wenn es nach dem Verein Fuss e.V. geht.

Roland Stimpel, FUSS e.V. (Bild: rbb/Jan Menzel)
Roland Stimpel | Bild: rbb/Jan Menzel

Fußweg schnurrt auf zwei Meter zusammen

Ein Blick in die mehr als 30-seitigen Vorplanungsunterlagen der landeseigenen Firma Infravelo zeigt aber, dass sich mit einem Radschnellweg in dieser langgestreckten Grün- und Erholungsfläche entlang der S-Bahn-Gleise einiges ändern wird. Nicht nur, dass mehr Menschen die Route mit den Rad nutzen und wohl auch mehr E-Bikes für mehr Tempo sorgen werden. Spaziergänger müssten sich auf ein paar Hundert Metern mit weniger Platz begnügen. Ihnen bliebe nur noch ein zwei Meter schmaler Streifen.

"Skandalös" nennt Fußverkehrsaktivist Stimpel den Plan und malt ein düsteres Verkehrsszenario: "Dann gäb’s hier am Sonntag nur noch Gänsemarsch und Ellenbogen. Park und Radschnellweg passen nicht zueinander."

Ähnliche Konflikte drohen auch weiter südlich, am Teltowkanal. Noch ist dort viel lauschiges Ufergrün. Längst nicht überall ist der Weg asphaltiert und besonders an Wochenenden kommen viele Menschen und suchen Erholung. Doch auch hier soll am Ufer eine vier Meter breite Trasse als Radschnellverbindung hergerichtet werden. Für Fußgänger:innen bliebe streckenweise nur noch ein 2,20 Meter breiter Weg. Und dann soll auch noch so gebaut werden, dass der Radweg an der Wasserseite verläuft, ärgert sich Roland Stimpel: "Die Fußgänger quetschen sich dann irgendwie eng am Zaun entlang."

Links: Markus Kollar, ADFC. Rechts: Roland Stimpel, FUSS e.V. (Bild: rbb/Jan Menzel)
Fahrrad-Aktivist Kollar (links) im Dialog mit Fußgänger-Aktivist Stimpel | Bild: rbb/Jan Menzel

Radfahrer wollen Fortschritte sehen

Für Stimpel und seine Mitstreiter heißt die Alternative: Umplanung. Sie wollen Fuß- und Radverkehr stärker voneinander trennen und die Radschnellwege auf die bereits asphaltierten Flächen der Hauptstraßen legen. Um den Hans-Baluschek-Park zu schonen, könnte die Teltowkanalroute über Rhein- und Hauptstraße führen, schlägt Stimpel vor.

Doch das ist gerade nicht die Art von Verkehrswende, von der Radfahrer:innen träumen. Markus Kollar von der Schöneberger Stadtteilgruppe des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs ADFC setzt sich seit langem dafür ein, dass die oft versprochene Rad-Infrastruktur endlich im Stadtbild sichtbar wird. "Wir reden mehr, als sich getan hat", stellt Kollar angesichts der jahrelangen Planungs- und Beteiligungsverfahren resigniert fest.

Durch neue Diskussionen über Routen und neue Untersuchungen würden die ohnehin langwierigen Planungen für die Radverbindung von Teltow zum Bahnhof Südkreuz noch stärker unter Zeitdruck geraten. Ob dann die Teltowkanalroute wie angestrebt bis Anfang 2025 fertig werden kann, ist fraglich. Radaktivist Kollar will aber nicht nur deshalb am Schnellweg durch den Baluschek-Weg festhalten: "Für den Radverkehr soll die Strecke natürlich attraktiv sein. Wir wollen ja gerade, dass Menschen, die bisher Auto fahren, aufs Rad umsteigen. Und die wollen dann nicht an jeder Ampel halten."

Senat setzt auf "gute Kompromisse"

Genau das droht an den Hauptverkehrsstraßen mit ihren komplexen Ampelschaltungen, die nicht mal eben umprogrammiert werden können. Ganz zu schweigen von Abgasen und möglichen Konflikten mit Autofahrern. Der Sprecher der Verkehrsverwaltung, Jan Thomsen, pflichtet dem ADFC grundsätzlich bei: Radschnellwege seien "hochsinnvoll" und sie sollen dort angelegt werden, wo man gerne fahre. Thomsen betont aber auch, dass der endgültige Verlauf der einzelnen Abschnitte der Teltowkanalroute noch nicht beschlossen sei.

"Die allermeisten Abschnitte werden an Straßen entlangführen", sagt der Sprecher der Verkehrsverwaltung. Er räumt aber ein: "Einige werden auch durch Grünanlagen führen können. Wir haben das nicht ausgeschlossen." Alle Einwände würden geprüft und auch wenn am Ende vielleicht nicht alle jubeln, werde man "gute Kompromisse" finden.

Wie die im Park und am Kanal aussehen könnte, ist allerdings noch nicht klar erkennbar. Vor dem S-Bahnhof Priesterweg, wo die Teltowkanalroute auf den Hans-Baluschek-Park einschwenken soll, lässt sich aber besichtigen, dass sich einiges ändern muss: Holpriges Kopfstein-Pflaster, hohe Bordsteine, unzählige Poller und eine viel zu enge Rampe werden weder Radfahren noch Fußgängern gerecht.

Sendung: Inforadio, 14.05.2021, 6:05 Uhr

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Beitrag von Jan Menzel

65 Kommentare

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  1. 65.

    Ich wäre auch für eine Begrenzung der Rad-Geschwindigkeit, weil ich mich bei meinem individuellen Tempo (meist um die 15 km/h) durch die vielen, mich waghalsig überholenden Radfahrer oft gefährdet sehe. Es wird oft an viel zu schmalen Stellen überholt, rote Ampeln - auch grüne Fußgängerampeln - ignoriert und damit langsame Radfahrer und Fußgänger gefährdet.

  2. 64.

    Man bau allerdings auch keine Autobahnen ohne deutliche Abgrenzung zum Gehweg. In Kopenhagen hat man nicht nur aus dem Fehlern gelernt, dass das Rad selbt in der deutlich kleineren Stadt nur bedingt den MIV ersetzen kann, sondern zudem festgestellt, dass Fußgänger auch Rechte haben. Die für den Murks mitverantwortlichen externen Berater wurden vor ein paar Monaten von der Dame mit dem Dienstwagen, die das Rad nur für kurze Wege im Kiez nutzt, engagiert.
    https://velocityruhr.net/blog/2017/07/22/kopenhagen-fussgaenger/

  3. 63.

    Busse und Straßenbahnen sind Verkehrsteilnehmer, wie alle anderen auch. Verkehrshindernisse sind all die Fahrzeuge, die rücksichtslos und überflüssigerweise unterwegs sind, bzw. sich nicht an die StVO halten! Und das sind eher nicht die Busse und Straßenbahnen.

  4. 62.

    Oder einfach, wie in New York City (160km), viel mehr Straßen komplett für die Fußgänger freigeben :) Vor hundert Jahren fuhr hier die Straßenbahn entlang vieler breiter Gehwegpromenaden. Über die für Berlin geforderten 3m breiten barrierefreien Gehwege können Menschen im New Yorker Stadtzentrum nur lachen ;)
    https://www.timeout.com/newyork/news/nyc-has-opened-23-more-miles-of-streets-to-pedestrians-062420

  5. 61.

    Die Fahrrad- und Fußgänger-Situation am Priesterweg ist unmöglich, ich habe nie verstanden, warum das nicht schon vor Jahren geändert wurde. Es würde ausreichen, den Priesterweg zumindest im südlichen Teil zu asphaltieren, um es den Radfahrern möglich zu machen, ihn zu befahren. Sind dafür die Denkmalschützer verantwortlich, die das Kopfsteinpflaster nicht opfern wollen?

    Im nördlichen Teil des Hans Baluschke-Parks ist genug Platz, um Radfahrer und Fußgänger zu trennen. Nur Richtung Sachsendamm wird es etwas kompliziert, ist aber auch machbar.

  6. 60.

    Vielleicht sollten Radfahrer erst mal alle Radwege in richtiger Richtung nutzen. Ein Autofahrer kann auch nicht die andere Richtung benutzen weil es ihm gerade so passt. Genauso kann er nicht durch einen Park einfach fahren. Wenn er einen Radfahrer überholt soll er einen Abstand einhalten. Warum muss der Radfahrer keinen Abstand zum Fussgänger haben? Um nicht angerempelt zu werden, auf dem Fußweg vom Radfahrer, muss der Fussgänger beiseite gehen. Sonst hätte es schon viel mehr Unfälle gegeben.
    Es ist auch nicht gerade schön die Fussgängerwege gegen die Radwege auszuspielen. So das am Ende die Straße und die Autofahrer logischer Weise dran glauben müssen.

  7. 59.

    In diesem Artikel des RBB finden Sie den Grund, warum das in Berlin nicht geht:
    https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2021/05/berlin-teltowkanalroute-radschnellweg-streit-fussgaenger.html
    Tipp: Der ADFC will das nicht.

  8. 58.

    "Deshalb sind alle Betriebshöfe des Nahverkehrs ja eher am Stadtrand angesiedelt" Sie unterschätzen wieder einmal die Größe Berlins. Die meisten Betriebshöfe der BVG sind dichter an am Alex / Zoo dran als ein Großteil der hier thematisierten Rad-Route. Dabei bereut man aber mittlerweile auch, dass man noch weiter drinnen gelegen Höfe aufgeben und verkauft hatte. Immerhin ist mit Cicero wenigstens einer innerhalb des S-Bahn-Ringes verbleiben und andere wie Indira-Gandhi, Müller oder Lichtenberg sind auch nicht gerade Stadtrand.

  9. 57.

    Schönwetter-Infrastruktur. Beim ersten Regentropfen, bei der ersten Schneeflocke, bei der ersten Kälte sitzen doch alle wieder im ÖPNV oder im eigenen Auto.
    Radfahrer passen nicht in eine Stadt. Städte entstehen an Straßen und Handelswegen und wachsen durch sie.
    Wo sollte man ohne die Straßen der Autos die ganzen Bus- und Radspuren aufmalen?

  10. 56.

    Vielleicht sollte man auch mal die "Spielregeln" für gemeinsam genutzte Weg überarbeiten. Zum Beispiel wäre ich sehr dafür auf diesen Strecken die Rad-Geschwindigkeit zu begrenzen. Dann können die Rennradfahrer entweder langsamer (und ohne Fußgänger zu gefährden) durch den Park fahren, oder eben auf der Straße fahren, wo 50 km/h erlaubt sind.

  11. 55.

    So geht es mir auch. Ich fahre selber Fahrrad, aber die Agressivität, mit der manche Radfahrer unterwegs sind ist wirklich erschreckend. Neulich wurde meine Tochter fast umgefahren und dann noch angeschrien, weil sie über den (gemeinsam genutzten) Weg gelaufen ist. Es sollte eigentlich klar sein, dass auf einem gemeinsam genutzten Fuß- und Radweg nicht mit hoher Geschwindigkeit Rennrad fahren trainiert werden darf.

  12. 54.

    "Ach es ist doch immer das Selbe. Damit die heilige Kuh Autofahrer nichts von ihrem Platz abgeben muss werden Radfahrer und Fußgänger gegeneinander ausgespielt. Warum nicht einfach die Parkspuren am Grazer Damm zu einem Radweg umbauen?"

    So ist es und mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

  13. 53.

    Sorry, wenn mehr ÖPNV dann bitte unter die Erde und ohne Fahrräder. Fahrräder sind eigenständige Fahrzeug, es nimmt ja auch niemand sein Auto oder Motorrad mit in den Bus oder Bahn. Auch wenn es hier nicht hingehört Busse und Straßenbahn sind einfach Verkehrshindernisse, übrigens auch für Radfahrer.

  14. 52.

    Es wird langsam mal Zeit, dass man statt irgendwas mit Fahrrad- zu bauen anfängt zu verstehen, was das überhaupt bedeutet. Fahrradfahren ist nicht immer dasselbe. Da muss dann auch für die jeweilige Nutzung nachgedacht und geplant werden. Für die motorisierte Verkehrsplanung geht das doch auch. Da gibt es Übungsplätze, Parkplätze, kleine Straßen, Schnellstraßen und Autobahnen. Und letztere sind keine Übungsplätze oder dafür da, dass man bei Sonnenschein dreispurig mit 10km/h nebeneinander fährt. Und es gibt dort auch keine anderen Fahrzeugarten oder Fußgänger. Genausowenig gehören Bänke in U-Bahneingänge wo viele Menschen schnell gehen wollen. Obwohl sie an Spazierwegen sinnvoll sind... Zum Glück gibt es noch keine Fahrradständer quer über die Radschnellwege. Obwohl die auch irgendwas mit Fahrrad zu tun haben...

  15. 51.

    Guten Tag ERIC, der Senat macht das vollkommen richtig und das ist auch gut so. Besten Gruß, Klaus Wowereit

  16. 50.

    Wer Ampeln für Radschnellwegen fordert, will auch welche auf Autobahnen.

  17. 49.

    Die Grundhaltung, dass man die Fahrrad der König der Stadtsstraßen sei, wird hier durch Herrn Koller vom ADFC noch zusätzlich befeuert. Seine Truppen sind sich zu fein um an der Ampel anzuhalten und es muss der kürzeste Werg mitten durch den Park sein, damit die Radwege auch sichtbar werden. Mit Blick in die Hasenheide kann ich letzteres sogar nachvollziehen. Viele Radfahrer sind dort trotz geschütztem Randstreifen weiterhin am dem Gehweg unterwegs. Vermutlich haben die den Randstreifen nicht gesehen.

  18. 48.

    Wichtiger wären Ampelschaltungen, die den ÖPNV bevorzugen. Dessen Anteil am Modal Split ist größer als der der Radfahrer, es werden bedeutend längere Wege damit zurückgelegt und bei Regen lassen viele Radler ihr Fahrzeug eh zu Hause.

  19. 47.

    Deswegen wurden Autos gebaut, damit man sich keine schweren Verletzungen zuzieht, wenn man auf die Fr…. fliegt, damit man sicher und trocken von Ort zu Ort kommt und auch noch mehrere Personen und Waren transportieren kann.
    Jetzt sollen genau wie für die schon vorhandenen Straßen für Autos auch noch Radschnellwege durch Parks und Wälder gebaut werden. Ihr tickt doch wohl nicht richtig.
    Kümmert Euch lieber um die Sicherheitsausstattungen und die Kraftstoffe für die Autos und lasst diese scheinheilige Neid- und Umweltdebatten und Demonstrationen, das ist doch nur noch unglaubwürdig.

  20. 46.

    Warum denn nun noch mehr Asphalt? Ich dachte, Radfahrer seien auch für mehr Natur und Grün. Generationen von Radfahrerinnen konnten auf Sand- und Rasenwegen, auch auf Kopfsteinpflaster gut fahren...eben nicht rasen und brettern.
    Aber wie der Radfahrer, der letzte Woche eine 8jährige Radfahrerin, die alles richtig gemacht hatte, am Prager Platz auf dem Gehweg umfuhr, rief, als Passanten ihn baten wenigstens stehen zu bleiben: " ich muss meine timeline einhalten, ihr......."
    Zum Glück waren Fussgänger da um zu helfen.

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