Archivbild: Ein Demonstrantin hält während einer Kundgebung ein Plakat mit der Aufschrift «Solidarität mit den Betroffenen des NSU 2.0». (Quelle: dpa/A. Dedert)
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Audio: Inforadio | 05.05.2021 | F. Angermund | Bild: dpa/A. Dedert

53-Jähriger in U-Haft - Mutmaßlicher "NSU 2.0"-Verfasser gab sich offenbar als Polizist aus

Wie ist der mutmaßliche Urheber der "NSU 2.0"-Drohbriefe an Polizeidaten gekommen? Nach der Festnahme des Berliners gehen die Ermittler davon aus, dass er sich als Polizist ausgegeben haben könnte. Viele Fragen bleiben gleichwohl offen.

Nach der Festnahme des mutmaßlichen Verfassers der "NSU 2.0"-Drohschreiben sind die Ermittlungen nach Angaben der Frankfurter Staatsanwaltschaft keineswegs abgeschlossen. "Es gibt weitere offene Fragen", betonte Albrecht Schreiber, der Leiter der Behörde, am Mittwoch bei der Vorstellung der bisherigen Erkenntnisse.

Offen sei vor allem nach wie vor die Frage, wie der am Montagabend festgenommene 53-jährige Berliner sich die Daten mit den Adressen seiner Opfer verschafft habe. Auch ob er eventuell Helfer oder Mittäter gehabt habe, müsse untersucht werden: "Wir sind nicht am Ende."

Ermittler gehen von "social engeneering" aus

Nach "aktuellem Wissenstand" deute nichts auf die Beteiligung von Polizeibeamten an den Drohschreiben hin, sagte Hanspeter Mener, der im vergangenen Jahr als Sonderermittler die Ermittlungen übernommen hatte. Wie der Mann, der seit mehreren Jahren arbeitslos war und nach eigenen Angaben eine Ausbildung im IT-Bereich habe, an die Adresse der Empfänger der Drohschreiben kam, müsse noch geklärt werden.

Die Hypothese gehe von erfolgreichem "social engineering" des Verdächtigen aus, der sich erfolgreich als Polizist oder Behördenmitarbeiter ausgegeben haben könnte. Wegen der Abfragen an den Polizeicomputern in Frankfurt, Wiesbaden und Berlin war die Polizei unter großen Druck geraten.

Rätsel um nicht zugängliche Personendaten

Unterzeichnet waren die Drohschreiben mit "NSU 2.0" in Anspielung an die Mordserie der rechtsextremen Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). Empfänger der Drohschreiben waren überwiegend Personen des öffentlichen Lebens, vor allem aus der Medienwelt und der Politik.

Die Linke-Fraktionschefin im Berliner Abgeordnetenhaus, Anne Helm, sagte dem rbb, an die teilweise gesperrten Meldeadressen der Empfänger komme man nicht ohne weiteres heran. Die Frage, wie der Festgenommene an die Daten gekommen sein soll, bleibe nach wie vor offen.

Wegen Amtsanmaßung bereits vorbestraft

Der Beschuldigte hatte sich der Staatsanwaltschaft zufolge 1992 schon einmal als Kriminalpolizist ausgegeben und wurde deshalb wegen Amtsanmaßung verurteilt.

Auf die Spur kamen die Ermittler dem Mann nach eigenen Angaben über die Auswertung und Überwachung rechtspopulistischer Plattformen und Foren. Dabei sei ein User eines Forums aufgefallen, dessen Beiträge in Form und Duktus den Drohschreiben ähnelten. Eine sprachwissenschaftliche Analyse des BKA habe den Verdacht erhärtet. Über ein namensgleiches Profil in einer Schachplattform und die IP-Adresse sei man schließlich auf den Verdächtigen gekommen.

Am Dienstag war der Verdächtige in Untersuchungshaft genommen worden. Ein Richter am Amtsgericht Berlin Tiergarten habe den Haftbefehl in Vollzug gesetzt, teilte die Staatsanwaltschaft Frankfurt mit.

Sendung: Inforadio, 05.05.2021, 07:30 Uhr

7 Kommentare

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  1. 7.

    Ich wette, die beteiligten Polizisten werden angeben, sich "an nichts mehr" erinnern zu können.

  2. 6.

    Was möglicherweise schlicht daran liegt, dass es diese angeblich rechtsextreme Blase hier gar nicht gibt sondern vielmehr Sie in einer solchen leben und argumentieren. Ach für Sie gilt: Wenn Sie weiterführende gesicherte Erkenntnisse darüber haben, dass der Täter Unterstützer in den Reihen der Polizei hatte, ist das Landeskriminalamt Hessen ein dankbarer Abnehmer dafür. Ihre pauschalisierten Vorwürfe gegen alles, was Uniform trägt, hat schon einen Bart. Erkenntnisgewinn bleibt dagegen bei Null.
    Davon ab verniedlichen und verharmlosen Sie mit Ihren Pauschalrundumschlägen Rechtsextremismus.

  3. 5.

    Das kommt davon dass der Kommentar nicht mit ihrer rechtsextremen Informationsblase kompatibel ist. rbb-24-nutzer steht mit seiner Meinung nicht alleine da.

    "Im Laufe der Ermittlungen wurde im Frankfurter Revier eine rechtsextreme Chatgruppe entdeckt, mehrere Beamte wurden suspendiert. Später musste auch Landespolizeipräsident Udo Münch zurücktreten, ein Sonderermittler wurde eingesetzt."

    Die Behörden haben, wie bei dem "NSU", nicht wirklich Interesse alles aufzuklären.

  4. 4.

    Wenn Sie weitere Kenntnisse zu der Sache haben, sollten Sie diese den Behörden mitteilen. Ich habe allerdings in Ihrem Wortgeklingel nichts dergleichen gefunden.

  5. 3.

    So gut es ist, dass ein mutmaßlicher Verfasser von Drohschreiben etc. nun einem Prozess zugeführt werden kann, so bleibt doch ein besonders bitterer Beigeschmack, insbes. wenn man sich die heutige Pressekonferenz dazu anschaute. Unisono und pauschal entkräftigten ein Beamter noch dem anderen, dass die hessische Polizei nichts mit den Vorfällen zu tun habe und vom Vorwurf der Mittäter*innenschaft frei sei. Völlig falsch. Weder ist die Serie an Drohschreiben aufgeklärt noch sind die u.a. wegen Beteiligung an rechtsextremen Netzwerken und Foren suspendierten Teile der hessischen Polizei von den Anschuldigungen entlastet. Eine Aneinanderreihung des bewussten Ausblendens, des Delegieren von Verantwortung und von intransparenter sowie unüberzeugter, antifaschistischer Arbeit, zu der die Polizei qua Eid verpflichtet ist. Viel mehr erweckt es den Eindruck, der Korps-Geist regiere anstelle von Vernunft und Rechtsstaatlichkeit. Das diskreditiert zudem die Beamt*innen, die kritischer sind.

  6. 2.

    Wenn er das per Telefon erledigt hat, müssten die Anrufe nachvollziehbar sein. Sind sie es nicht, bleibt diese Frage offen.

    Interessant wären die Aussagen der Polizisten, die die Datenbankabfrage durchgeführt haben. Haben sie von Anrufen gesprochen?

  7. 1.

    Ich bezweifle, dass die Öffenlichtkeit mehr Details erfahren wird. Der Apparat muss unter allen Umständen unbeschadet bleiben. Vermutlich wird über den Fall in wenigen Tagen kein Wort mehr zu lesen sein.

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