Völkermord - Verein Berlin Postkolonial kritisiert Abkommen mit Namibia

Symbolbild: Eine Frau und ein Mann stehen vor der Gedenktafel zur Kongokonferenz. Mehr als 100 Jahre nach den Verbrechen der deutschen Kolonialmacht im heutigen Namibia erkennt die Bundesregierung die Gräueltaten an den Volksgruppen der Herero und Nama als Völkermord an. (Quelle: dpa/P. Zinken)
Audio: JOURNAL | 28.05.2021 | A. Haufe | Bild: dpa/P. Zinken

Die Bundesregierung erkennt die Kolonialverbrechen in Namibia als Völkermord an und will einen Milliardenbetrag an Hilfsleistungen bereitstellen, verneint jedoch rechtliche Ansprüche auf Entschädigung. Das stößt beim Verein Berlin Postkolonial auf Kritik.

Der Verein Berlin Postkolonial hat die zwischen der Bundesregierung und Namibia erzielte Einigung mit scharfen Worten kritisiert. Das Abkommen, in dem Deutschland den Völkermord an den Herero und Nama anerkennen wolle, sei ein "Schritt in die falsche Richtung", erklärte der Verein, der sich kritisch mit der deutschen Kolonialgeschichte auseinandersetzt, am Freitag.

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) solle "das Frustration und Unfrieden statt Versöhnung stiftende Abkommen" nicht unterzeichnen.

"Fatal" sei zum einen der Ausschluss der regierungsunabhängigen Opferverbände in Namibia und der deutschen Zivilgesellschaft aus dem Verhandlungsprozess. Die von den bilateralen Gesprächen ausgeschlossenen Vertretungen der Nachfahren der damals am meisten betroffenen Bevölkerungsgruppen dürften im Versöhnungsprozess nicht ignoriert werden. "Ohne sie ist eine Versöhnung - die sich nicht erzwingen lässt - undenkbar!".

Zudem protestierte der Verein "gegen die anhaltende Nichtanerkennung des Genozids im völkerrechtlichen Sinne und die fortdauernde Verweigerung von Reparationsleistungen" durch Deutschland.

Wiedergutmachung in Höhe von 1.1 Milliarden Euro

Namibia - damals Deutsch-Südwestafrika - war von 1884 bis 1915 deutsche Kolonie. Zwischen 1904 und 1908 wurden unter der deutschen Kolonialherrschaft zehntausende Angehörige der Herero und Nama von Truppen des deutschen Kaiserreichs getötet. Historiker sprechen vom ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts.

Die Kritik des Vereins bezieht sich auch darauf, dass die Vereinbarung trotz finanzieller Unterstützungsleistungen für die Herero und Nama in Milliardenhöhe vor allem ein symbolischer Akt ist: Zwar bittet die Bundesregierung nach jahrelangen Verhandlungen mit Windhoek für die Gräueltaten der Jahre 1904 bis 1908 um Entschuldigung. Zudem stellt sie ein Hilfsprogramm für Namibia in Höhe von 1,1 Milliarden Euro bereit. Doch die Bundesregierung betont zugleich, dass sich aus ihrer Anerkennung des Völkermords und der Gründung des Hilfsfonds keine rechtlichen Ansprüche auf Entschädigung ergeben. Es sind also keine Reparationsleistungen.

Keine völkerrechtliche Anerkennung des Genozids

Deutschland erkenne keine Wiedergutmachungspflicht an, vielmehr stelle es seine Leistungen gegenüber Namibia "als freiwillige Hilfsaktion dar", kritisierte entsprechend Berlin Postkolonial. So erkläre sich die Bundesregierung lediglich zur finanziellen Unterstützung von sozialen Projekten in den vom Völkermord besonders betroffenen Regionen bereit. Die in einer finanziellen Notlage steckende namibische Regierung habe die von ihr verkündeten Ziele einer vollumfänglichen, also auch völkerrechtlichen Anerkennung des Genozids, einer offiziellen Entschuldigung von deutscher Seite sowie von Reparationsleistungen durch Deutschland nicht durchsetzen können, stellte der Verein fest.

Auch in Namibia wurde die Ankündigung teils mit deutlicher Kritik aufgenommen. In der Hauptstadt Windhuk kam es unter anderem vor der deutschen Botschaft zu Protesten.

Sendung: Inforadio, 28.05.2021, 17:00 Uhr

31 Kommentare

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  1. 31.

    "Eine Wiedergutmachungspflicht hat m. E. allenfalls der deutsche Kaiser und seine Nachkommen."
    Interessanter Ansatz. Wie war das mit den Hohenzollern und der Rückforderung von Kunstwerken?

  2. 30.

    Sorry, sollte ich Ihnen zu nahe getreten sein. Das war nicht meine Intention. Ich wollte dem nur entgegen halten, dass Feindbilder nicht gepflegt werden müssen. Unfriedlich und unfreundlich gesinnte Staaten gibt es auch so und dies erfordert leider eine kostenintensive und wirksame Verteidigungsbereitschaft.
    Zu den Punkten, dass Europa die Expansionsstrategie Chinas sträflich verschlägt, bin ich voll bei Ihnen. Es ist gut, wenn Europa aus moralischen und ethischen Gründen von der Ausbeutung von Drittstaaten abrückt. Es ist aber fatal, wenn China genau in diese Lücke stößt und sich dadurch gar nichts ändert. Wir haben dann zwar ein gutes Gewissen, aber ansonsten ändert sich nichts.

  3. 29.

    Zitat:

    „ Dieses "Abkommen" ist aus meiner Sicht völlig unzureichend. Von der Übernahme von Verantwortung kann nicht die Rede sein. Dieses Land sollte sich um seine ehemaligen Kolonien kümmern und ihnen substantiell und dauerhaft zur Seite stehen. Für mich heißt das in erster Linie finanzielle Unterstützung.“

    Deutschlands Kolonien dauerten gerade mal knapp eine Generation an. Da jetzt nach über 100 Jahren noch von Verantwortung zu sprechen, halte ich für nicht nachvollziehbar. Bei den Briten und Franzosen sieht man das ganz sicherlich nicht so.

  4. 28.

    Ich kann in diesem Zusammenhang den ausführlichen Artikel von Bartholomäus Grill beim SPIEGEL von 2016 empfehlen. Dort werden die Ereignisse am Waterberg sehr detailliert erzählt und analysiert.

  5. 27.

    In Afrika liegen die Bodenschätze der Zukunft und in Namibia auch Uran , Geld sichert Einfluss und Frankreich macht es mit seinem Neokolonialismus vor, wie man von verflossenen Kolonien noch profitieren kann.

  6. 26.

    Wie böse und kriminell es auf unserer Erde zugeht brauchen sie nicht zu beschreiben. Wenn alle nur defensive Interessen hätten wäre fast alles gewonnen. Wenn ich das viele Elend und dagegen den unermesslichen Reichtum einiger Menschen sehe kann ich nur verachten. Mich hat die Ausbombung und die folgende Not meiner Eltern mit geprägt. China war ein armes Land. Strenge Führung mit Intelligenz aber ohne Skrupel haben die nur sehr erfolgreich kopiert und das auch in einem EU-Staat. GR; ich meine den Erwerb des Hafens von Piräus. Wie haben unsere Leute nur geschlafen ? Afrika ist verschuldet u. alle sahen zu. Auch Chinesen sollen gut leben aber nicht auf Kosten anderer. Deutschland muss viel fleißiger sein aber nicht für Lobbyisten und politische Dummredner. Herzog sprach vom Ruck; wann kommt der ?

  7. 25.

    Ich halte von derartigen Anerkenntnissen ohnehin nichts.
    Für was sollen wir denn heute noch alles verantwortlich sein?
    Sollen wir zukünftig auch noch für Ereignisse aus dem 14. oder 15. Jahrhundert zahlen?!

    Und selbst wenn man das macht, damit sich Herr Maas dann besser fühlt, warum erkennt man dann nicht alles an?

    In Bezug auf Polen sieht man ja bekannterweise keine Notwendigkeit.

    Nein das ist einfach fatal.

    Und letztlich ist es so, dass jene, die heute die Gelder erhalten mind. Die 3. Generation danach sind. Was haben sie denn tatsächlich direkt erlitten? Nichts!

    Oder soll DEUTSCHLAND mal von anderen Ländern Wiedergutmachung fordern?

  8. 24.

    Ich kann die Kritik des Vereins nicht verstehen. Das heutige Deutschland kann gar nicht mehr als eine "freiwillige Hilfsaktion" leisten. Eine Wiedergutmachungspflicht hat m. E. allenfalls der deutsche Kaiser und seine Nachkommen.

  9. 23.

    In der Tat kann die heutige Bevölkerung Deutschlands nicht für die Schandtaten ihrer Ausbeuter und Monarchen vor über 100 Jahren haftbar gemacht werden. Da bin ich ganz bei Ihnen.

  10. 22.

    Das Problem daran ist aber, dass der Mensch von Grund auf leider kriegerisch veranlagt ist, wenn es über sein allernächstes Umfeld hinaus geht. Es beginnt schon mit dem sprichwörtlichen Krieg am Gartenzaun und hört bei Gebiets- und Machtanspüchen ganzer Staaten und Religionen nicht auf. Daher sind defensive Streitkräfte leider eine reale Notwendigkeit und daran wird sich auch auf lange Sicht nichts ändern. Wer sich nicht verteidigen kann, wird überrannt.
    Die früheren Kolonien sind ja das beste Beispiel dafür. Aus Gründen der wirtschaftlichen Macht wurden sie schlicht gewaltsam vereinnahmt und dieser Status dann auch mit härtester militärischer Gewalt aufrecht erhalten. Dieses Denken ist noch lange nicht überwunden, nur wird es heute meistens subtiler gemacht. China vereinnahmt sich gerade systematisch den afrikanischen Markt. Ob es friedlich bleibt, wenn diese Staaten sich einmal anfangen, dagegen zu wehren, sehe ich skeptisch.

  11. 21.

    Da sind wir doch fast einer Meinung.
    Nach so langer Zeit, da kann es nur um den Umgang eines Staates mit diesem Erbe gehen.
    Die Bundesrepublik wird eine befriedigende Lösung finden, da bin ich mir sicher.

  12. 20.

    Was ist denn da in Texas los ? Da vertreibt einer die dort wohnenden Bürger nur um seine mitunter explodierenden Raketen starten zu können. Eine so tolle Gegend; eine Familie wehrt sich. Man ist gespannt was der Typ noch alles anstellt.

  13. 19.

    Heute gilt nach wie vor: Ein Feindbild muss "gepflegt" werden um zu rüsten. Rüstung ist so klimaschädlich; fast so wie Krieg. Wann sind die Menschen endlich ehrlich zueinander ? Unsere Erde mag keinen Krieg. Krieg ist so menschenverachtend.

  14. 18.

    Die anderen Länder haben in Afrika auch nur geplündert und gemordet. Jetzt gerade wieder über Kanada gehört-wie die die Ureinwohner mordeten und die Kinder umerziehen wollten. Erspare mir hier konkreter zu schreiben. Ich predige schon immer echte Hilfe für Afrika. Aber was die Kulturschätze betrifft: Man kann die nicht in irgendwelche Schuppen stellen. Leihgaben sind nicht die schlechteste Lösung. Kunstschätze müssen auch an Wert erhalten werden. Ein Anfang ist aber gemacht.

  15. 17.

    Dieses "Abkommen" ist aus meiner Sicht völlig unzureichend. Von der Übernahme von Verantwortung kann nicht die Rede sein. Dieses Land sollte sich um seine ehemaligen Kolonien kümmern und ihnen substantiell und dauerhaft zur Seite stehen. Für mich heißt das in erster Linie finanzielle Unterstützung. Das sollte in oberste Priorität haben. Aber nein, anstatt wirklich Unrecht wieder gut zu machen, benennen wir lieber ein paar Straßen um und unterstützen irgendwelche NGO´s die sich in den ehemaligen Kolonien benehmen wie Kolonialherren.

    Afrika braucht keine europäischen Besserwisser, sondern faire Handelsvertäge und mit Sicherheit keine Almosen.

    Das gilt auch für die geraubte Kunst in Berliner Museen. Warum wird darüber überhaupt noch geredet? Die Lage ist doch glasklar. Das alles gehört dahin, von wo es geraubt wurde und das so schnell wie möglich.

  16. 15.

    Werte Dagmar, da Sie das Nachdenken so vehement einfordern: Die Verjährung von Mord, inklusive Völkermord, tritt mit dem Tod des letzten beteiligten Täters automatisch ein, es gibt keine Erbschuld. Rein juristisch ist also gar niemand mehr zu belangen. Es ist absolut richtig, Völkermord als solchen anzuerkennen und aufzuarbeiten. Nach dieser langen Zeit kann er aber ohnehin nur noch symbolisch geahndet werden, denn weder Täter, noch direkt Betroffene sind noch am Leben. Es gibt schlicht niemanden mehr, an dem man persönliche Wiedergutmachung leisten könnte. Von daher ist es richtig, eine Geste an den betroffenen Staat zu senden und sich ansonsten formal auszusöhnen. Das hat die Bundesregierung getan, dabei sollte es bleiben. Dass bestimmte Personen auf finanzielle Vorteile für nie kennengelernte Vorfahren erhofft hatten, ist persönlich nachvollziehbar, aber völkerrechtlich unbegründet. Nur direkt betroffene Angehörige, wie Witwen oder Kinder hätten Anspruch u. auch der verjährt.

  17. 14.

    Mein Beitrag bezog sich auf Kommentar 7.
    Die Bundesrepublik Deutschland, als Rechtsnachfolger, ist in Verantwortung, und nicht Ethnien oder Religionen etc.. Das war auch nach dem II.Weltkrieg so.

  18. 13.

    "An den von Deutschland bisher gezahlten Entschädigungen und Reparationen beteiligen sich nicht nur die steuerzahlenden Deutschen, sondern auch die hier lebenden steuerzahlenden Ausländer."

    Deshalb sprach ich von Menschen in Deutschland. Wobei ich sogar bestreiten würde, dass es für die Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft noch merkwürdiger ist, in die Kollektivhaftung einbezogen zu werden. Es ist für beide merkwürdig. In anderen Fällen wird sehr strikt darauf bestanden, für die Taten einzelner nicht eine ganze Ethnie oder Religion in Haftung zu nehmen.

    Die Fragen Bestrafung und Wiedergutmachung sind bei Mord getrennt zu bewerten. Für das eine hätte man Lothar von Trotha u.a. individuell den Prozess machen müssen, was versäumt wurde. Für Entschädigung/Wiedergutmachung gibt es eine Grundlage nur durch Abkommen wie das zur Diskussion stehende.

  19. 12.

    Weiss jemand, wo dieses Foto aufgenommen wurde? Danke

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