AfD-Parteitag - Zwischen Listentreue und Holocaust-Vergleich

Auf dem Berliner Parteitag der AfD gewinnt der Abgeordnete Frank-Christian Hansel (vorne) den Platz fünf auf der Landesliste für das 19. Berliner Abgeordnetenhaus in der Stichwahl gegen Sell (Quelle: dpa/Riedl)
Audio: Inforadio | 05.06.2021 | S. Müller | Bild: dpa/Riedl

Die Berliner AfD bestimmt an diesem Wochenende ihre Kandidaten für die Abgeordnetenhauswahl im September. Die Partei-Oberen hatten auf einen friedlichen Parteitag gehofft - aber das erfüllte sich nicht ganz. Von Sabine Müller

Es ist halb zwei am Nachmittag, als sich erstmals abzeichnet, dass der gewünschte Burgfrieden nicht halten wird. Sondern dass es wieder "AfD-typische Verhältnisse" gibt, wie der Versammlungs-Leiter ironisch sagt.

Dabei war der Parteitag die ersten dreieinhalb Stunden lang ganz nach Plan gelaufen. Die Proteste und die dröhnende Musik von linken Gruppen und Anti-Rassismus-Bündnissen sind im Zelt auf der Brachfläche in Biesdorf kaum zu hören. Und wenn es doch mal zu laut wird, bekommt die Polizei vor Ort einen Hinweis und greift ein.

Harmonisch zur Spitzenkandidatur

Der Start in die Listenplatz-Wahl läuft wie geplant. Landeschefin Kristin Brinker ist die einzige Kandidatin für Platz eins. Vorgeschlagen wird sie von Beatrix von Storch, die ihr erst Mitte März in einer Kampfkandidatur um den Parteivorsitz knapp unterlegen war. Das ist als demonstratives Zeichen der Einigkeit zu verstehen.

In ihrer Vorstellungsrede rechnet Brinker unter großem Applaus mit dem rot-rot-grünen Senat ab: "Wir erleben eine durch und durch links-ideologisierte Regierungs-Politik, die sich immer mehr von Lebensrealität der Menschen entfernt." Brinker wird mit großer Mehrheit zur AfD-Spitzenkandidatin für die Abgeordnetenhaus-Wahl bestimmt, sie bekommt 213 der 238 abgegebenen Stimmen.

Auf den Plätzen zwei und drei folgen die Partei-Vizes Ronald Gläser und Karsten Woldeit. Ronald Gläser wedelt mit blauen Bierdeckeln: "Wir brauchen keinen roten Mietendeckel. Was wir brauchen, ist ein blauer Flüchtlingsdeckel, der auch die Lage auf dem Wohnungsmarkt verbessern würde."

Immer wieder wird die Einigkeit der Partei beschworen. "Die Aufgaben sind zu groß, als dass wir uns in Gezänk verlieren", sagt der Abgeordnete Harald Laatsch, der auf Platz vier gewählt wird. Kein Gezänk - das war auch die Intention von sechs führenden AfD-lern aus beiden Partei-Lagern, die gemeinsam eine Kandidaten-Vorschlagsliste erarbeitet haben. Diese Liste ist der Versuch, die innerparteilichen Gräben zuzuschütten. Indem man abgestimmt sowohl Hardliner als auch selbsterklärte Moderate aufstellt und Kampfkandidaturen zwischen den gewünschten Kandidaten möglichst vermeidet.

Hektik im Parteitagsplenum

Auf Platz fünf soll laut dieser Liste Partei-Schatzmeister Frank-Christian Hansel gewählt werden. Dass er einen Gegenkandidaten hat, ist erstmal nicht überraschend, das hatten Gläser, Woldeit und Laatsch auch. Aber Alexander Sell, der als Büroleiter bei einem Bundestags-Abgeordneten arbeitet, geht direkt zum Frontalangriff auf Hansel über. Der vernachlässige nicht nur offensichtlich sein Amt als Schatzmeister, sondern erzähle auch noch dauernd, wer alles nicht zur Partei gehöre, "weil wir bürgerlich sein wollen".

Damit spiele Hansel in die Hand des politischen Gegners, so der Vorwurf. An die Delegierten wendet sich Sell mit einem eindringlichen Appell: "Hört auf euer Gewissen, seid mutig, wählt nicht den Kandidaten, der euch von Kungelrunden empfohlen wird."

Es wird hektisch auf dem Parteitag, letztlich gewinnt Listen-Kandidat Hansel hauchdünn in der Stichwahl. Aber damit ist der Ärger nicht vorbei.

"Das erinnert mich an Schindlers Liste"

"Die Liste" wird offen zum Thema. Es geht um Platz neun: Antonin Brusek, ein Amtsrichter aus Schöneberg, tritt ans Mikrophon. Ihm sei von jemandem mit Macht in der Partei im Stile der Mafia gedroht worden, berichtet er: "Wenn Du es wagst, gegen 'Die Liste' anzutreten, dann wird das üble Folgen für Dich haben."

Dann bemüht Brusek einen Holocaust-Vergleich: "Diese Liste erinnert mich an Schindlers Liste. Das ist eine Liste, wenn man auf der steht, dann lebt man und wenn man nicht auf ihr steht, dann überlebt man nicht." "Schindlers Liste" bezieht sich auf eine Liste von jüdischen KZ-Gefangenen, die von dem Fabrikanten Schindler zur sogenannten kriegsentscheidenden Produktion angefordert und damit vor der Ermordung durch die Nationalsozialisten gerettet wurden.

Dafür gibt es Applaus und vereinzelte "Bravo"-Rufe. In der Stichwahl um Platz neun siegt Brusek. Die Plätze danach werden zwar wieder "listentreu" gewählt, aber die Delegierten haben wieder einmal bewiesen, dass AfD-Parteitage nie ganz berechenbar sind.

Um kurz vor halb neun lautet die Bilanz des ersten Tages: 17 der 30 Plätze sind bestimmt, 15 Mal fiel das Ergebnis so, wie es sich die Listen-Macher gewünscht hatten. Für AfD-Verhältnisse ist das erstaunlich diszipliniert. Deshalb resümiert Spitzenkandidatin Kristin Brinker auch: "Es ist perfekt gelaufen."

Sendung: Abendschau, 05.06.2021, 19:30 Uhr

Beitrag von Sabine Müller

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