Deutsch-russisches Museum in Berlin-Karlshorst - Ukrainischer Botschafter boykottiert Gedenken mit Steinmeier

Mi 16.06.21 | 14:50 Uhr
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Das deutsch-russische Museum in Berlin-Karlshorst
Bild: dpa/POP-EYE/Christian Behring

Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk boykottiert eine Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, weil sie im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst stattfindet.

Dies sei "aus Sicht der Ukrainer ein Affront, sehr bedauernswert und befremdlich zugleich", schreibt der Botschafter in einem Brief an den Museumsdirektor Jörg Morré, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt und über den zuerst der "Tagesspiegel" berichtete.

"Geschichtsverdrehung, die vehement abzulehnen ist"

Der Botschafter kritisiert, dass die Dauerausstellung in dem Museum dem Vernichtungskrieg Nazi-Deutschlands gegen die Sowjetunion (UdSSR) gewidmet ist und das Museum trotzdem nur Russland im Namen trägt - und nicht andere Sowjetrepubliken wie die Ukraine und Belarus, die im Zweiten Weltkrieg ebenfalls Millionen Opfer zu beklagen hatten.

"Auf diese Weise wird de facto die UdSSR mit Russland gleichgesetzt, was eine Geschichtsverdrehung darstellt und vehement abzulehnen ist", schreibt Melnyk. "Es ist wirklich brandgefährlich, vor allem für die künftige deutsch-ukrainische Aussöhnung, dass diese gezielte russische Geschichtsumdeutung nach wie vor in der Bundesrepublik ein breites politisches und gesellschaftliches Echo findet."

Bundespräsidialamt bedauert Absage - und widerspricht Kritik

Aus dem Bundespräsidialamt hieß es dazu, die Absage sei bedauerlich, weil die dem Anliegen Steinmeiers widerspreche, durch Erinnerung Versöhnung zu fördern. Zugleich sei sie angesichts des russischen Vorgehens "zu respektieren".

Ausdrücklichen Widerspruch äußerte das Bundespräsidialamt gegenüber der Kritik des Botschafters an der deutschen Gedenkpolitik. Es handele sich um einen "nicht zu akzeptierenden Rundumschlag", der den beiderseitigen Beziehungen einen schlechten Dienst erweise, sagte ein Sprecher.

Deutscher Überfall aus Sowjetunion jährt sich zum 80. Mal

Das Deutsch-Russische Museum Berlin-Karlshorst befindet sich in dem Gebäude, in dem die Oberbefehlshaber der Wehrmacht in der Nacht vom 8. zum 9. Mai 1945 vor Vertretern der Sowjetunion, der USA, Großbritanniens und Frankreichs die bedingungslose Kapitulation unterzeichneten. Damit endete der Zweite Weltkrieg in Europa.

Am 22. Juni jährt sich der deutsche Überfall auf die Sowjetunion zum 80. Mal. Aus diesem Anlass eröffnet das Museum an diesem Freitag die Ausstellung "Dimensionen eines Verbrechens. Sowjetische Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg". Steinmeier will aus diesem Anlass die zentrale Gedenkrede zum Jahrestag halten. Der Bundestag hatte den Jahrestag bereits in der vergangenen Woche mit einer Debatte gewürdigt.

Historiker schätzen die Zahl der Weltkriegs-Opfer auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion auf etwa 27 Millionen. Die Ukraine hatte prozentual an ihrer Gesamtbevölkerung nach Belarus die höchsten Bevölkerungsverluste. Ukrainischen Angaben zufolge kamen zwischen acht und zehn Millionen damalige Bewohner des heutigen ukrainischen Staatsgebiets zwischen 1939 und 1945 ums Leben.

Sendung: Inforadio, 16.06.2021, 12:40 Uhr

9 Kommentare

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  1. 9.

    Ja, der demokratische Staat Russland ist schon zu bemitleiden. Ich heule dann später... Als "Freigeist" hätten Sie in Russland wohl schlechte Karten....

  2. 8.

    Ja, was hat der Botschafter nun davon? leider ist die Geschichtsvergessenheit in der Ukraine und vor allem in der EU und Deutschland doch groß. Die Krim gehörte immer zu Russland, wurde jedoch unter Chrutschow der Ukrainischen SSR warum auch immer zugeordnet. Was sind diese paar Jahre gegen jahrhunderte anderweitige Zugehörigkeit? Man darf die Geschichte nicht verdrehen. Und anscheinend werden nur unter diesem merkwürdigen Ansatz der namentlichen Ausrichtung des Museums und der deerzeitigen politischen Umstände der wirkliche Gedenktag boykottiert. Da sieht man mal, wer in der Ukraine das Sagen hat. DEemokraten können das nicht sein.

  3. 7.

    Das Deutsch-Russische Museum Karlshorst dient seit über 50 Jahren und über zwei politische Systeme hinweg der Lebendigerhaltung der Geschichte, der politischen Bildung, der Völkerverständigung und der Mahnung an die Verbrechen des NS. Soweit ich weiss hat niemand jemals ernstzunehmende Argumente gegen die Wissenschaftlichkeit und Neutralität dieser Einrichtung erhoben. Meiner Meinung nach leistet der ukrainische Botschafter der Aussenwahrnehmung seines Landes, oder wenigstens seiner Regierung, mit dieser unkonstruktiven Demonstration nationalistischer Empfindlichkeit einen Bärendienst.

  4. 6.

    Da hat der Botschafter leider recht. Entspricht aber dem Alltagssprachgebrauch im Westen und Osten alle Bewohner der SU als Russen zu bezeichnen. Genauso wie alle die nach dem Ende der SU nach Deutschland ausgewandert sind. Alles Russen.

  5. 5.

    Obwohl wir ja keine Feindbilder brauchen übt der Westen mit NATO und EU das Einkreisen und wundern sich,dass das den Russen nicht gefällt-

  6. 4.

    Sind Sie Putinist? Die Annexion der Krim war für Sie dann völlig in Ordnung? Ein Völkerrechtsbruch?

  7. 3.

    Der Überfall Nazi-Deutschlands fand auf die Sowjetunion statt. Zu diesem Staat gehörte seinerzeit u a die ukrainische Sowjetrepubkik. Ich erinnere mich ans westfernsehen seinerzeit in den 70'er und 80'ern,wo korrospondenteten der ÖR auch von Russland, nicht von der SU oder UdSSR sprachen. Wo es so Gang und Gebbe war war u. a in der Sendung "Kennzeichen D" beim ZDF, was ich als Gegenpart zum "Schwarzen Kanal", ebenso propagandistisch, wahrnahm. Die Reaktion des ukrainischen Botschafters zeigt, dass er überhaupt kein Interesse an Aussöhnung hat. Wenn überhaupt, dann NUR nachukrainischen Bedingungen.

  8. 2.

    "...durch Erinnerung Versöhnung zu fördern..."

    Man sollte diese Strategie einmal überdenken.
    Denn offensichtlich funktioniert sie nicht, und nicht nur bei dem Thema.

    Aber die Verantwortlichen begreifen nicht, dass sie durch diesen Ansatz die Vergangenheit für einige Gruppen erst richtig interessant machen. Und je weiter die "Ereignisse" in der Vergangenheit liegen und je mehr mit "Erinnerung" immer weiter versucht wird, diese "Erinnerung" wach zu halten, umso schlimmer wird es.

    Und ja...Steinmeier sollte nicht Bedauern sondern erkennen, dass es schon mehr als fatal ist hier faktisch die UdSSR mit Russland gleichzustellen oder zumindest deren Assoziation billigend in Kauf zu nehmen.

    Aber vermutlich liegt das eben an der Biografie Steinmeiers.
    Vermultich wussten die Ostdeutschen eben doch mehr über den Westen, als es andersherum heute noch ist.

  9. 1.

    UdSSR und Russland ist ja wohl sowas von unterschiedlich wie DDR und Deutschland.
    Solange die Nato vor Russlands Grenzen Waffen stationiert, muss sich niemand, insbesondere die Ukraine, über Putins Reaktionen aufregen. Da sollte sich jeder mal bitte an die Cubakrise erinnern. Da können wir froh sein, dass die Russen nicht so aggro sind wie die Amis und bereit sind beinahe einen 3. Weltkrieg vom Zaun zu brechen.

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