Interview | Oppositioneller zur Stasiunterlagen-Behörde - "Die Vergangenheitsbetrachtung darf nie zu Ende sein"

Künstler Hans-Hendrik Grimmling. (Quelle: S. Ketzscher)
Audio: Inforadio | 17.06.2021 | Oda Tischewski | Bild: S. Ketzscher

Als unbequem galt der Maler Hans-Hendrik Grimmling in der DDR. 1986 reiste er aus. Später konnte er in seiner Stasi-Akte nachlesen, was ihm vorgeworfen worden war. Für Grimmling ist es essenziell, dass die Vergangenheit weiter beleuchtet wird.

Bei der NVA degradiert, im Studium immer wieder Ärger, geschlossene Ausstellungen, abgelehnte Reisen: Bequem war es für den Maler Hans-Hendrik Grimmling in der DDR nicht – und bequem war auch er nicht. 1984 gehörte er zu den Organisatoren des legendären "1. Leipziger Herbstsalons", einer halblegalen Ausstellung der surrealistisch-abstrakten Kunst, abseits des sozialistischen Realismus und der staatlichen Kunstförderung. Kurze Zeit später verließen Grimmling und einige Kollegen das Land in Richtung Westen – einen zweiten Herbstsalon würde es nicht geben.

Zehn Jahre später konnte Hans-Hendrik Grimmling in seiner Akte nachlesen, wie groß die Gefahr gewesen war, in der er zu dieser Zeit schwebte.

Archivbild: Der Künstler Hans-Hendrik Grimmling steht im Gropiusbau in Berlin während der Vorbesichtigung der Ausstellung «Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976-1989» neben seinem Ölbild <<Die Umerziehung der Vögel>>. (Quelle: dpa/S. Stache)
dpa/S. Stache

Zur Person - Hans-Hendrik Grimmling

Hans-Hendrik Grimmling (geb. 1947 in Zwenkau), Maler, studierte in Leipzig bei Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer und war anschließend in Dresden Meisterschüler bei Gerhard Kettner. Grimmling organisierte 1984 den "1. Leipziger Herbstsalon" mit. 1986 verließen er und seine Frau, die Fotografin Stefanie Ketzscher, die DDR in Richtung West-Berlin. Hans-Hendrik Grimmling hat heute Ateliers in Berlin-Wedding und Fürstenwalde.

rbb: Wann begann Ihre Beobachtung durch die Staatssicherheit der DDR?

Hans-Hendrik Grimmling: Nach meinem jetzigen Erkenntnisstand begann der "OV Salon" [OV = Operativer Vorgang, Anm. d. Red.] erst während des Herbstsalons 1984. Aber ich hatte ja sehr viel Westgäste, ich hatte eine WG mit einem damaligen Leipziger Schauspiel-Star. Bei uns gab es verschiedene Salons und Treffen – also wir waren schon eine Fundgrube.

Beim "1. Leipziger Herbstsalon" zeigten im November 1984 wichtige Vertreter der DDR-Kunstszene abseits der ideologisch erwünschten und staatlich geförderten Bereiche ihre Arbeiten. Versuche des Regimes, die Ausstellung zu verhindern, scheiterten – man wollte im Westen kein Aufsehen erregen. Klar war aber: Einen zweiten Herbstsalon würde es nicht geben. Für Sie war das kurze Zeit später der Anlass, nach West-Berlin auszureisen. Zehn Jahre darauf konnten Sie in Ihrer Stasi-Akte lesen, was Ihnen die Geheimpolizei anhängen wollte. Was stand da?

Man hatte sehr viele Paragrafen aufgeführt, um tätig zu werden, wenn man es denn nützlich fände: Während des Herbstsalons hatten wir Druckerzeugnisse gemacht, einen Katalog, der sofort vergriffen war. Also haben wir gleich neu aufgelegt, und das fiel unter den Paragrafen "Unerlaubte Druckerzeugnisse". Dafür kriegte man schon drei Jahre. Und: unerlaubte Kontaktaufnahme mit Journalisten aus dem westlichen Ausland. Da konnte man auch schon drei Jahre kriegen. Aber der härteste Terminus – das war eine große Überraschung: "Landesverräterischer Treuebruch". Ich wusste bis dato nicht, dass ich Treue geschworen hätte, höchstens die Vereidigung bei der Armee. Der "landesverräterische Treuebruch" war bei mir Rot unterstrichen und da gab es bis zu zehn Jahre Haft, im besonders schweren Fall lebenslängliche Freiheitsstrafe oder gar Todesstrafe. Ich habe zwar gelacht, aber es war eher ein hysterisches Lachen als ein freudiges.

Haben Sie damit gerechnet?

Nein. Wir wollten den Staat eigentlich verändern. Ich hatte keine Idee, wie man ihn stürzen konnte. Wir wollten frei sein, weiter gar nichts. Wir wollten die gleichen Rechte wie die blöden Reisekader, wie meine Professoren. Und wir waren natürlich neidisch, auch klar. Wir suchten nicht nur die Gerechtigkeit, sondern wir waren auch verletzt. Ich habe meinen Professor sehr geschätzt. Aber ich hielt ihn nicht unbedingt für besser. Ich war auch ein Guter. Wir wollten uns auch diesem Vergleich aussetzen. Ich wollte in die offenen Räume und wollte mich gerade diesem kapitalistischen Wettbewerb aussetzen und keiner Vorzensur, die da heißt: Das sind unsere Künstler.

Wenn man Einsicht in die Akte beantragt, hat man ja sicher Verdachtsmomente im Kopf, Personen, die man verdächtigt – mit welchen Emotionen passiert das?

Dieser Leidenschaft im Sinne - wer hat wen mehr verraten -, der war ich nicht sonderlich erlegen und wurde auch nicht fündig. Die paar IMs [Inoffizieller Mitarbeiter, Anm.d.Red.], die da stehen, spielen eigentlich gar keine Rolle. Das waren vielleicht Verräter aus Leidenschaft oder sie wurden bezahlt. Die haben mein Leben in dem Sinne nicht beeinflusst. Man hat auch immer in den Kneipen so ungefähr gewusst: An den Tisch setzt du dich nicht, da sind sie. Das hat mehr oder weniger funktioniert. Da bin ich nicht sonderlich überrascht worden mit Namen in den Akten, vielmehr eben von der Härte der anwendbaren Gesetze.

Haben Sie mittlerweile alle Akten eingesehen, die über Sie existieren?

In Leipzig habe ich das Diplom gemacht. In Dresden war ich drei Jahre Meisterschüler bei Kettner, der dort Rektor war. Es gibt nirgends Papiere von mir. Mich hat es nie gegeben. Also natürlich müsste ich immer weiter Anträge auf Akteneinsicht stellen, auch weil ich noch über manche Beziehung ein bisschen Aufklärung suche. Ich weiß nicht, ob das Nachlässigkeit ist. Müdigkeit auch, gerade weil die jeweilige Gegenwart sich immer wieder so schwer tut mit der Aufarbeitung. Und in der nächsten Zeit wird es nicht einfacher. Ich glaube, wir haben schon viel geleistet, dass überhaupt so ein Amt da war und es so viel Budget hatte. Es sind tolle Veröffentlichungen zustande gekommen. Das sollte nicht unterbrochen werden. Es gehört zur Vergangenheit dazu. Die Vergangenheit wächst. Die Zukunft wird immer kleiner. Wir können nicht so tun, als ob irgendwann mit irgendetwas Schluss ist. Nichts ist nie erledigt.

Sehen Sie heute, mit dem Wissen um den Inhalt Ihrer Akte im Hinterkopf, manche Erinnerung anders?

Das Einzige, was ich für mein Leben daraus entnehmen könnte, wäre, immer wieder: Man kann nur erkennen, wenn man die Bereitschaft zur Korrektur auf die Vergangenheit legt. Denn das Morgen, das Übermorgen ist nur eine Essenz aus dem Vergangenen. Also so wie wir morgen sein werden oder sein wollen, können wir nur sein, wenn wir das Vergangene bearbeiten, immer wieder weiter bearbeiten. Iinsofern ist das Gebrüll "Es ist, muss doch endlich mal Schluss sein!" mit irgendetwas tautologischer Mist. Das gibt es eigentlich nicht, denn wir denken ständig über die vergangene Sekunde nach.

Wie betrachten Sie die heutigen Aufarbeitungsbemühungen, auch die Ostalgie, von der man manchmal hört – ist das der richtige Weg?

Akteneinsicht oder Aktenmaterial ist nur das eine. Die Kunst, so wie ich Kunst auffasse, ist immer der mühevolle Blick einer kleinen, erreichbaren Vogelperspektive. Und das Draufschauen ist Vergangenheit. Aufarbeitung impliziert, es wäre mal zu Ende. Das gibt es aber nicht. Ich glaube daran, dass das Wort Aufarbeitung vielleicht mal durch etwas Schlaueres ersetzt wird. Die Vergangenheitsbetrachtung, die Recherche, die darf nie zu Ende sein. Die Akten sind nur ein Teil. Akten sind Schritte, sehr schmutzige Schritte, sind Stapfen im immer wiederkehrenden Schnee. Und es ist immer mit Schmutz verbunden. Aber wir haben ja Schuhe an den Füßen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Oda Tischewski

Sendung: Inforadio, 17.06.2021, 07:45 Uhr

7 Kommentare

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  1. 7.

    Bekanntlich ist der Rechtsextremismus die größte Gefahr, schon immer gewesen. Und die DDR war linksextremistisch? Von ihnen und ihren Gesinnungsgenossen ist man ja so manchen haarsträubenden Blödsinn gewöhnt und auch dass sie Rechtsextremismus verharmlosen wollen aber das toppt alles.

  2. 6.

    Der 17. Juni mahnt uns: Keine Verharmlosung von Linksextremismus mehr!

  3. 5.

    Hmmm, finden Sie? Ich hatte nie den Eindruck, dass der 17. Juni vergessen wurde. Aber natürlich können Sie mich gerne kritisieren. Ansonsten gehe ich nochmal in mich....

  4. 4.

    Werter Markus, meine Wortmeldung ist eine Replik über eine sehr selektive Geschichtsvergessenheit im obwaltenden Zeitgeist.
    Ihre Reaktion darauf lässt mir zwei Schlüsse zu:
    erstens, Sie haben das nicht verstanden (was ich Ihnen nicht verübeln würde),
    zweitens und wahrscheinlicher, Sie haben sehr wohl verstanden und finden sich in herzlicher Verbundenheit mit eben diesem Zeitgeist genötigt, diese polit-mediale Selektion zu verteidigen. Dann können Sie sich von mir kritisiert fühlen.

  5. 3.

    Was erwarten Sie denn? Medial wurde der 17. Juni doch immer wieder verarbeitet. Fehlt Ihnen der Feiertag oder was wollen Sie? Als Ossi werde ich den 17. Juni nie vergessen; auch wenn ich damals noch nicht geboren war.

  6. 2.

    Apropos Vergangenheitsbetrachtung - aufschlussreich ist auf alle Fälle, wie auch in diesem "multimedialen Nachrichtenportal" der 17. Juni als ehemaliger (!) Feiertag der deutschen Einheit und tatsächlicher Nationalfeiertag gewürdigt wird. Ich kann mich noch gut erinnern, wie selbst uns Kinder damals das rachelüsterne, von russischen Panzern gestützte Wüten der Kommunisten/Stalinisten gegen die aufständischen Arbeiter erschreckt und verschüchtert hat. Das heutige dröhnende Schweigen der meisten Parteien und Medien über den damaligen Aufstand für Einheit, Freiheit und Volksherrschaft hätte die Corona der damaligen Volksfeinde sehr gefreut - und freut wohl auch ihre Erben im Geiste und totalitärer Gesinnung.

  7. 1.

    "Man kann nur erkennen, wenn man die Bereitschaft zur Korrektur auf die Vergangenheit legt."

    Das empfinde ich als Offenheit. Wer hingegen fokussiert sucht, wird im besten Falle nur fokussiert dasjenige finden, was ohnehin gesucht wird, kaum etwas anderes.

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