Interview | Drag-Queen Morgan Wood zur CSD Pride Week - "Ich will Menschen zeigen, wer sie sein können"

Morgan Wood (Quelle: Victor Hensel-Coe)
Bild: Victor Hensel-Coe

Morgan Wood tritt als Drag-Queen auf. Mit ihren Shows will die gebürtige Londonerin Menschen zeigen, was möglich ist - nicht nur zur Pride Week, sondern das ganze Jahr über. Ein Gespräch über Sichtbarkeit, Provokation und Drag-Shows in Biergärten.

rbb|24: Die Pride-Week am Samstag startet unter anderem wegen Corona mit einer Stern-Demo. Es wird drei größere Demos zu unterschiedlichen politischen Themen geben, die sich schließlich am Alexanderplatz treffen. Hilft das der queeren Szene oder wird sie dadurch zersplittert?

Morgan Wood: Ich glaube, das ist eine Debatte, die in der queeren Community schon lange geführt wird. Der Unterschied ist nur jetzt, dass auch hetero-normative Menschen das bemerken. Ich glaube, es ist eine gute Sache. Es zeigt spezifischer und nuancierter, wie die queere Community ist. Man könnte zynisch sein und es nur unter Corona-Gesichtspunkten verstehen. Aber am Ende geht es doch zurück zu den eigentlichen Wurzeln der Pride. Es geht nicht darum, eine Parade und Spaß zu haben, sondern aufzustehen für unser Recht, existieren zu dürfen und akzeptiert zu werden.

Wie hast du die Debatte um die Stadion-Beleuchtung beim Spiel der Deutschen Nationalelf gegen Ungarn empfunden?

Hier wurde von offizieller Seite der Fokus auf die Toleranz gegenüber der queeren Community gelegt, weil es für sie nützlich war. Diese Gesten sind ziemlich inhaltsleer. Sie zeigen für eine Woche: "Hier ist ein Regenbogen". Im Gegenteil, es schadet sogar, denn Menschen sehen das und denken vielleicht, dass queere Rechte wirklich ernst genommen werden und sich etwas verbessert, aber am Ende passiert nichts.

Werden wegen dieser Debatte nun trotzdem mehr Menschen für die Rechte der LGBTIQ*-Community demonstrieren?

Ich hoffe es! Vielleicht sagen jetzt einige, dass ich eine schlechte Drag-Queen bin, weil ich nicht zu Pride-Paraden gehe. Aber für mich ist Queersein das ganze Jahr und ich fühle mich in großen Gruppen nicht wohl, was jetzt manche Menschen überraschen dürfte (lacht). Ich habe den Eindruck, die Pride-Events sind aufregender für hetero-normative Menschen. Weil es etwas ist, dass an diesem einen Tag stattfindet. Es ist ein Grund zum Feiern und das ist schön. Aber wir sind Menschen, die die ganze Zeit dafür kämpfen, um zu überleben. Aber natürlich bringt es uns Sichtbarkeit, was immer der erste Schritt zu Toleranz und dann hoffentlich zu Akzeptanz ist.

Wie würdest du deine Drag-Queen-Show beschreiben?

Ich versuche es möglich zu machen, dass die Diversität in der Drag-Szene zur Geltung kommt. Und dass Drag für alle Menschen zugänglich ist. Ich bin ein weißer, schwuler Cis-Mann, das ist schon ganz gut repräsentiert in der Szene. Ich möchte auch andere Menschen einbinden: Frauen*, Drag-Kings, Trans-Drags, People of Colour, weil Drag nicht nur eine Sache davon ausmacht, sondern alles ist.

Künftig wirst du zwei Mal im Monat in einem Biergarten in Friedrichshain auftreten. Was reizt dich daran?

Seit ich angefangen habe, Drag zu machen [vor drei Jahren, Anmerkung der Redaktion], hatte ich immer diese Idee, Shows da zu machen, wo man sie normalerweise nicht erwarten würde. Zum Beispiel in Biergärten oder in einem Café. Ich finde es toll, dass wir das jetzt draußen, bei Tageslicht machen können. Denn normalerweise denken Menschen bei Drag immer an Kneipen, Clubs oder den Abend, also irgendwie ans Dunkle und Verborgene. Ich will das normalisieren, zum Beispiel, dass auch Kinder zuschauen können. Ich stelle mir vor, wenn ich als Kind eine Drag-Show gesehen hätte, wäre das wunderschön für mich gewesen.

Wie provokativ dürfen Drag-Shows sein?

Ich spreche nur für mich selbst. Ich selbst bezeichne mich nicht so, aber manche Menschen sehen in mir eine Art Botschafterin der Community. Es ist deshalb unsere Verantwortung, provokativ zu sein. So bekommen wir Aufmerksamkeit und können auf die Probleme aufmerksam machen, die bestehen zwischen einer Gruppe von Menschen, die unterdrückt wird, und einer Mehrheitsgesellschaft. Wenn ich es schaffe, hier eine Sichtbarkeit und Mitgefühl als Künstlerin zu erreichen, erfülle ich diese Verantwortung. Wir sollten uns nicht zensieren. Wir bitten ja auch keine Heteropaare, nicht mehr Händchen in der Öffentlichkeit zu halten oder keine komischen Partys zu feiern, bei denen das Geschlecht des Babys erraten werden soll. Solche Sachen sind ebenfalls anstößig, aber normalisiert.

Also fühlst du dich als eine Art Brückenbauerin?

So würde ich meine Rolle nicht bezeichnen. Ich bin immer glücklich, Kontakt zu neuen Fans von Drag-Shows zu haben. Vor Corona habe ich auch Menschen eingeladen, die vorher nichts mit Drag zu tun hatten, und habe sie in meiner Show auftreten lassen. Das hat Spaß gemacht, es war aber auch viel Arbeit, weil ich ihnen gleichzeitig mit dem Make-Up geholfen und mich selbst gestylt habe. In diesem Sinne habe ich vielleicht sogar als eine Art Brückenbauerin fungiert, aber das war nicht meine Intention. Ich will Freude und Spaß verbreiten und will Menschen zeigen, dass sie sein können, wer sie wollen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Birgit Raddatz, rbb 88.8

9 Kommentare

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  1. 9.

    Solange auf deutschen Schulhöfen ,,Schwuchtel" das beliebteste Schimpfwort ist und der Hauptgrund für Suizide im Bereich von Jugendlichen, Mobbing aufgrund ihre sexuellen Orientierung ist, ist nichts normal. Leider. Von daher: Empowerment! Empowerment ! Empowerment !

  2. 8.

    Kommt mir alles vor wie eine schlechte Operette!

  3. 7.

    Ich weiß nicht wie alt Ihre Enkel sind. Aber sie scheinen mir sehr aufgeklärt zu sein was Toleranz anbelangt. Und das freud mich ungemein. Und mal ganz ehrlich, auch ich als Erwachsener Schwuler Mann finde immernoch manch Dragqueen urkomisch und zum Lachen. Aber auch das gehört dazu. Bloß ja nichts zu bierernst nehmen. Humor darf niemals dabei fehlen. Als ich zum ersten Mal im meinem Leben einen Transvestiten ( heute sagt man es nicht mehr ) sah, die fast 2 Meter groß und sehr gut geschminkt war, ging ich mutig auf sie zu und fragte, bist Du eine Frau oder ein Mann? Dann schaute Sie mich schmunzelnd an und sagte mit sehr tiefer stimme: na was glaubst Du denn? Und danach waren wir gute Bekannte. Sie arbeitete in einer sehr verschwiegenen Bar damals noch in Münster Ende der 60er Jahre.

  4. 6.

    Also ich glaube, DragQueens stellen keine Gefahr für Kinder da.
    Die finden doch sowas witzig.
    Die Überschrift offenbart sinnbildlich aber das Dilemma.
    Ich möchte nicht von Heten erklärt bekommen, wer ich sein KÖNNTE. Genauso brauchen auch DragQueens nicht anderen Menschen zeigen, wer sie sein KÖNNTEN.
    Jeder soll nach seiner Fasson selig werden.
    Man muss das nicht immer alles als eine Art Missionierung sehen.
    Ebenso ist dieser ständige Diversitäts-Drang auch Unsinn.
    Niemand würde ja auch in keiner Travestie-Show ein paar Leute austauschen, damit es nicht zu bunt ist.
    Einfach mal locker bleiben.

  5. 5.

    Meine Enkel akzeptieren Menschen, die anders sind und anders leben wollen, aber dieses Bilder und diese Theater finden sie einfach nur komisch.

  6. 4.

    Kinder sind längst in der Lage mit ihren Smartphones Seiten hervorzusuchen, die ihre Neugierde befriedigt. Darunter können sogar Pornos sein. Das Internet ist voll davon. Und eine Dragqueen ist bestimmt nicht darunter.

  7. 3.

    Toleranz auf jeden Fall, Akzeptanz geht bei mir nicht.
    Dazu bin ich auch nicht bereit.
    Wie man den Bericht entnehmen kann ist da viel Ehrgeiz dahinter um das zu verwirklichen was er vorhat, aber um das zu normalisieren das Kinder zuschauen können, ist , so glaube ich, die Gesellschaft nicht bereit dafür .

  8. 2.

    Ich verstehe nicht, warum die alle so eine Welle machen. Sollen sie doch ihr Leben leben wie sie möchten, warum muss man so ein Theater abziehen.

  9. 1.

    Toller Beitrag. Ich als NICHT-LBGTIQler bin tolerant genug euch zu respektieren die sich dieser Gruppe zuordnen. Eure Freiheit ist aber auch meine Freiheit so zu sein wie ich bin. Ich möchte auch selbst entscheiden welchen Umgang ich habe und welchen ich vermeide. Aber dieser LGBTIQ-Hype dreht gerade ins weniger tolerante schon beinahe aggressive Auskommen miteinander.

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