Thierse spricht von "baulicher Verachtung" - Initiatoren des Einheitsdenkmals kritisieren Flussbad-Pläne

Die undatierte Computergrafik zeigt den Entwurf der Gestalter Milla & Partner für das in Berlin geplante Freiheits- und Einheitsdenkmal. (Quelle: dpa/Milla & Partner)
Video: Abendschau | 24.06.2021 | Christian Titze | Bild: dpa/Milla & Partner

Zwei aufsehenerregende Projekte sollen am Berliner Humboldt-Forum entstehen: Für das Einheitsdenkmal laufen die Bauarbeiten, für ein Flussbad wird noch gekämpft. Doch die Denkmal-Unterstützer sind strikt gegen ein Bad in direkter Nachbarschaft.

Initiatoren des deutschen Einheitsdenkmals in Berlin, darunter der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, sind nicht mit den Plänen für das Flussbad in der Nähe des Denkmals einverstanden.

"Wir haben nichts gegen ein Flussbad, aber an dieser Stelle ist es unpassend", sagte Thierse am Donnerstag dem rbb. Es würde die Sicht auf das Denkmal und dessen Zugänglichkeit stark beeinträchtigen. Er kritisierte, dass die für das Flussbad geplante geplante Freitreppe, ein Fahrradständer und ein Aufzug die Sicht auf das Denkmal einschränken würden.

Wolfgang Thierse auf der Zuschauertribuene bei einer Sitzung des Deutschen Bundestag in Berlin (Quelle: dpa/Jens Krick)
Wolfgang Thierse | Bild: dpa/Jens Krick

Architekten erwägen Klage

"Das ist eigentlich eine bauliche Verachtung des Denkmals, das an das glücklichste Ereignis der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert erinnert", so Thierse über das geplante Flussbad. Die Initiatoren des Einheitsdenkmals fordern, dass das Flussbad an anderer Stelle an der Spree errichtet wird.

Die Architekten des Freiheits- und Einheitsdenkmals erwägen nach eigenen Angaben eine Klage gegen die Planungen des Aufzugsturms, der Batterie an den Fahrradständern und der Freitreppe in der geplanten Größe, wie sie dem rbb mitteilten.

Vor dem neuen Humboldt-Forum entsteht derzeit das Denkmal in Form einer begehbaren und beweglichen Schale. Baubeginn war im Frühling vergangenen Jahres. Die Planer sprechen von einer sogenannten sozialen Plastik: Die Besucher müssen sich verständigen und zu gemeinsamem Handeln entschließen, um etwas zu bewegen: Erst wenn sich auf einer Schalenhälfte mindestens 20 Personen mehr zusammenfinden als auf der anderen, soll sich die Schale langsam neigen.

"Projekt skandalisieren"

Das Konzept für das seit Jahren geplante Flussbad sieht wiederum vor, dass in dem Spreearm südlich der Museumsinsel auf 830 Metern geschwommen werden kann. Über zwei breite Treppen sollen die Besucher zum Wasser gelangen: Neben der Freitreppe am Humboldt-Forum soll es eine weitere gegenüber dem Auswärtigen Amt geben.

Die Befürworter der Flussbades argumentieren, dass die Freitreppe am Humboldt-Forum, für die derzeit die Vorbereitungsarbeiten laufen, Teil eines städtebaulichen Umbauprozesses und nicht eigentlich Teil des geplanten Flussbads ist. Der Berliner Senat hatte die Freitreppe Ende 2019 im Rahmen Stadtumbaugebiets "Umfeld Spreekanal" beschlossen.

Über die Höhe des geplanten Aufzugs könne man reden, sagte Tim Edler, der gemeinsam mit seinem Bruder vor über 20 Jahren die Idee zu dem Flussbad hatte, dem rbb. Doch darum gehe es den Flussbad-Gegnern seiner Ansicht nach nicht. "Wir halten das für eine Kampagne, die sich nicht darum bemüht, Fakten und Informationen bereitzustellen, sondern mit allen möglichen Ideen das Projekt zu skandalisieren und zu Fall zu bringen", so Edler.

Korrekturhinweis:
In einer früheren Fassung des Beitrags hieß es, dass die Architekten in Erwägung ziehen, gegen das Flussbad zu klagen. Sie ziehen jedoch eine Klage gegen die Planungen des Aufzugsturms, der Batterie an Fahrradständern und der Freitreppe in ihrer Größe in Erwägung. Wir haben das korrigiert und bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Sendung: Abendschau, 24.06.2021, 19:30 Uhr

68 Kommentare

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  1. 68.

    Es wurde von baulicher Verachtung gesprochen, nicht von menschlicher Verachtung. Gleich davon, was mensch vom Sinngehalt eines Einheits-Denkmals oder dieses Einheits-Denkmals hält.

  2. 67.

    Das ist gewiss (mit) ein Grund, jedoch keineswegs eine Zwangsläufigkeit. Dies in dem Sinne, dass Menschen nichts anderes übrig bliebe, so zu handeln. Gewiss auch, dass die AfD-Granden nichts unversucht lassen, eine derartige Lage in ihrem Sinne auszunutzen, wo ein gewisses Maß an Selbstreflektion jedes Menschen weiterführend wäre.

  3. 66.

    Die Standorte für das Einheitsdenkmal und das Flussbad sind unpassend gewählt und sollten neu vergeben werden. Das Einheitsdenkmal in der geplanten Ausführung halte ich für geschmacklos.

  4. 65.

    Ich habe nichts gegen ein Einheitsdenkmal, aber an dieser Stelle ist es unpassend. Es beeinträchtigt die Sicht auf das Schloss und die Zugänglichkeit. Ich bin dafür, es an einer anderen Stelle zu errichten.

  5. 64.

    Chapeau! Man sieht wer die rechtsextreme AfD wählt, es sind nicht die Verlierer der "Einheit", die noch immer keine ist, es sind die Kinder der Verlierer der "Einheit". Zumindest wenn man sich die Wahlanalyse der letzten Landtagswahl ansieht.

    Sehr überspitzt gesagt sind es die Kinder derjenigen, die ihre eigenen klugen Köpfe zugunsten der DM niedergebrüllt haben und der schnellen "Wiedervereinigung". Die Kinder derjenigen die zugesehen haben wie ihre Eltern zerbrachen oder blitzschnell ihre Prinzipien über Bord warfen.

  6. 63.

    „Verachtung“ ist schon etwas heftig, ne? Herr Thierse, essen Sie ne Semmel zur Beruhigung....

  7. 62.

    Ich verstehe Sie. Mehr als eine tatsächliche Einheit von Zweien, die etwas Neues, Drittes geschaffen hätten, war es ein simpler Beitritt. Ein Beitritt der Ostdeutschen zu einem bereits Vorhandenen.

    Bei den Volkskammerwahlen im Frühjahr 1990 ist dies mehrheitlich so entschieden worden, wobei andere Utopien, wie sie die Ersten, die auf die Straße gingen, im Kopf hatten, auf der Strecke blieben. Das ist vielleicht menschlich nachvollziehbar, sich Weitergehenderes nicht vorstellen zu können, eine faktische Tragödie war und ist es dennoch.

    So empfinde ich es. Bleibend. Welten liegen in der Tat zwischen 1989 und 1990. Wenn sich Menschen nicht noch zusätzlich kleingemacht hätten, wäre mehr in die Wagschale gekommen als bloß das Sandmännchen, die Naturschutzeule und, na ja, der Grüne Pfeil. Es kann nicht zurückgedreht werden, doch bleibende Spuren hat es gleichwohl hinterlassen.

  8. 61.

    Zeit sich die Iniatoren des Denkmals anzu sehen, ein Stadtplaner, der ein persönlicher Freund eines Diktators war, ein Systemgünstling der DDR Diktatur, ein Journalist (den ich sonst sehr schätze)und ein Politiker, der den überhasteten Beitritt der DDR noch zusätzlich beschleunigte.

    Ja Beitritt, keine Wiedervereinigung! Und es war auch keine friedliche "Revolution", es war ein Zusammenbruch. Die Bevölkerung der DDR hat es ihren eigenen besonnenen Leuten zu verdanken dass es kein zweites Tian'anmen-Massaker gab. Die selben besonnenen Menschen, die sie später niedergebrüllt haben. Diese Leute sind die wahren Helden.

    Statt des potthäßlichen Denkmals, das sich ausgerechnet auf dem Sockel des Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal erheben soll, soll man die Millionen lieber den Opfern des Beitritts spenden, in Ost UND in West. 150 € mehr für jeden Tranferleistungsempfänger und armen Rentnern.

  9. 60.

    1. flussbad und spassbad sind doch zwei verschiedene dinge, 2. wenn laufen und gedenken, wie es beispielsweise beim Sachsenhausen-Gedenklauf, üblich ist, dann sollte auch schwimmen und gedenken möglich sein

  10. 59.

    Weder die Freitreppe noch das Flussbad werden das Denkmal beeinträchtigen. Es wird lediglich ein lebendiger Ort in der Stadtmitte geschaffen, an dem Menschen aus unterschiedlichen Gründen zusammenkommen können.

  11. 58.

    @ Immanuel

    Zu 1: Das freut mich, habe ich hier allerdings noch nicht von Ihnen gelesen.

    Zu 2: Irgendwann ist immer das Allererste. Von vornherein eingebaut ist gleich oft vorkommend wie lediglich Vorgebautes. Die Nutzung als Humboldt-Forum steht für das Neue, die baulichen Abmessungen und die vorgeblendete Fassade stehen für die zeitübergreifende Gestalt und das Überlieferte. Beides macht eine Gesellschaft aus. Jede Gesellschaft, soweit sie nicht nur aus dem hohlen Bauch schöpfen will. Nur über die Art und Weise solcher Kombination ließe sich streiten.

  12. 57.

    Wer sind denn "Weißköpfe"? Die Gebenden und Schaffenden oder die Nehmenden und Fordernden? Klingt diskriminierend? Klingt rassistisch? Klingt Homophob? Klingt verletzend von Leuten die was geleistet haben?

  13. 56.

    Bauliche Verachtung? Glücklichste Ereignis der Deutschen im 20. Jahrhundert?
    Sie können da gerne mal einen Gang runterschalten Herr Thierse.
    Das "glücklichste Ereignis" hat seine Vorgeschichte auch im 20. Jahrhundert und wenn wir uns diese gespart hätten würde so ein "glückliches Ereignis" gar nicht erst auf der Liste stehen.
    Und unter baulicher Verachtung verstehe ich, dass die Einheit so hochheilig gesprochen wird, dass sich die Bürger am besten nicht beteiligen, weil sie sonst die Symbolbilder missachten? Das ist doch in sich eine Karrikatur wenn man sich in Berlin überall treffen kann und unterschiedlichste Dinge machen kann, aber bei dem Symbol der Einheit wird getrennt, der Wippende und der Badende sollen sich schon mal nicht zu nahe kommen.
    Die Wippe selbst scheint gut geeignet zu sein als Symbol. 64 Millionen Menschen wiegen schwerer als 16 Millionen. Satire ist aber selten als Denkmal geeignet.

  14. 55.

    Also ich persönlich empfinde eher das nachgebaute Schloss und diese Betonwippe als geschmacklos. Man hätte einfach den Palast der Republik stehen lassen sollen, das war nämlich authentische Geschichte.

    Und was ist an Bademoden an diesem Ort geschmackloser als oberkörperfreie Menschen in Einkaufsstraßen?

  15. 53.

    Also bei Ihrer Deutung bietet sich doch eine Verbindung beider Vorhaben an: Bei Überbelegung einer Seite der Wippe rutschen alle ins Flussbad.

  16. 52.

    Super Skater-Lokation, die freuen sich schon wenn endlich die Weißköpfe nach dem sie ihr Öffnungsband zerschnitten haben auf nimmer wiedersehen verschwunden sind!

  17. 51.

    genau das dachte ich auch! Und ich bezweifle, dass die Wippe gebaut wird und die Herren jeden Tag mit einem Klappstuhl vorsitzen und sich freuen.

    Und das zweite: Man kann das Schwimmbad nicht in jeder Rinne machen. Da wo Schiffe fahren wird das irgendwie schwierig. Oder da wo Leute wohnen dann zu laut. Die Stelle ist genial. Und genau: das Denkmal sehen noch viel mehr Leute richtig lange und vor allem Dauerbewacht - Denkmalschmierern fällt es damit deutlich schwerer.
    Und mal anders betrachtet: das Schwimmbad wird von März bis Oktober genutzt? Die andere Hälfte des Jahres ist Ruhe.

    Und was meine Steuergelder betrifft: mit ist ein Schwimmbad drei mal lieber, das ist nämlich im hie rund heute und eine sinnvolle Ausgabe in einer eh oft zu engen Stadt im Sommer. Es ist in Ordnung das die überteuerte Wippe da steht, aber Sinn und Zweck davon? Wenns ums erinnern geht - ich glaube nicht das wir Berliner das Thema vergessen.

  18. 50.

    Ich ertappe mich manchmal auch dabei, für alle sprechen zu wollen ...

  19. 49.

    …. und als ich gestern den Bericht in der Abendschau sah, dachte ich: alte-weiße-Männer Probleme. Meine Fresse ey. Man kann sich auch eines größeren Publikums verwehren.

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