Synagogenbau in Potsdam - Möglicher Ausweg aus einem endlosen Schlamassel

Kinder, die Kippa tragen, haben sich im Arm und tanzen vor dem Bauplatz der zukünftigen Synagoge in Potsdam (Quelle: DPA/Annette Riedl)
Bild: DPA/Annette Riedl

Potsdam ist die einzige deutsche Landeshauptstadt ohne eigenen Synagogenbau. Mit sanftem Druck und Verhandlungsgeschick könnte sich das ändern - und eine jahrzehntelange Streiterei ein Ende finden. Von Hanno Christ

Wer in Brandenburg eine Synagoge sucht, der mag sich wundern, wenn er in einer Kirche fündig wird. Die wohl markanteste Einrichtung einer jüdischen Gemeinde des Landes befindet sich in Cottbus in der alten Schlosskirche. 2015 wurde das Gebäude in der Spremberger Straße umgewidmet und von einem christlichen Gotteshaus zu einem jüdischen.

Ein Provisorium, um den teils versprengten jüdischen Gemeinden ein Zentrum zu geben, in der Hoffnung, das Judentum wieder zu mehr Leben zu erwecken. In Cottbus waren sie kreativ bei der Synagogenfindung. Nur in der Landeshauptstadt blüht an Stelle eines jüdischen Gotteshauses eine Wiese - und seit Jahren der Zank.

Schüles Meisterstück

Nun soll in Brandenburg eine Synagoge von Grund auf neugebaut werden. Also doch. Es wäre ein strategisches Meisterstück von Kulturministerin Manja Schüle (SPD), gelänge ihr damit doch ein Schlussstrich unter jahrzehntelanges Ziehen und Zerren. Sie hat eine Idee ihrer Vorgängerin Martina Münch wiederbelebt und sich einflussreiche Fürstreiter an Bord geholt, wie den Präsidenten der Zentralwohlfahrtstelle der Juden in Deutschland (ZWST), Abraham Lehrer, und den Präsidenten des Zentralrates der Juden, Josef Schuster.

Gemeinsam unterzeichneten sie eine Erklärung für einen Neubau eines Synagogen- und Gemeindezentrums in Potsdams Mitte in Sichtweite des Landtages. Grundlage soll der Entwurf des Berliner Architekten Jost Haberland sein. Es sind noch keine Nägel mit Köpfen, aber immerhin Papiere mit Unterschriften drauf. Fehlen noch die Taten. 2024 soll Eröffnung sein. Das Land finanziert den Bau mit rund 13,7 Millionen Euro.

Gemeinden uneins über Gestaltung und Nutzung des Gotteshauses

Dabei könnten sie in Brandenburg schon deutlich weiter sein. Die Idee, eines Synagogenneubaus wurde bereits seit den neunziger Jahren lebhaft diskutiert und seit 2007 geplant. 2005 hatte sich das Land verpflichtet, den Neubau einer Synagoge mit fünf Millionen Euro zu fördern. Die Baugenehmigung für den Haberland-Entwurf erfolgte 2010.

Schon zwei Jahre später hätte die Synagoge stehen sollen. Gedacht war sie als klares Bekenntnis zu den Juden in Deutschland. Die Entscheidung sollte den jüdischen Gemeinden so leicht wie möglich gemacht werden. Ein geschenkter Neubau, das musste doch klappen, so die Annahme. Tat es nicht. Die politisch Verantwortlichen in Potsdam hatten die Rechnung ohne die potentiellen Nutzer gemacht und ohne den Zwist innerhalb einzelner jüdischer Gemeinden.

In Potsdam zofften sich gleich drei Gemeinden in wechselnden Allianzen mal um Architektur, mal um den Zweck und mal um die Planung des Projektes. Mehrfach stand es auf der Kippe, der Synagogenstreit driftete in Richtung einer Blamage. Mittlerweile zählt Potsdam fünf jüdische Gemeinden, deren Mitglieder nicht nur aus religiösen, sondern auch aus ganz weltlich-persönlichen Gründen keine gemeinsame Sache machen können. Der Streit gehört zu den wohl kompliziertesten und unübersichtlichsten Auseinandersetzungen der jüngeren Brandenburger Landesgeschichte.

Wer darf Synagogen bauen?

So reagierte die Synagogengemeinde Potsdam mit ihrem streitbaren Vorsitzenden Ud Joffe - als eine der beiden großen jüdischen Gemeinden - oftmals gereizt auf Einmischung von außen. Die Finanzierung der öffentlichen Hand wurde akzeptiert, planerische Vorgaben allerdings weniger. "Nur Juden dürfen ihre Synagoge bauen!" prangte noch 2020 auf einem Transparent, das kurzzeitig über dem geplanten Bauareal an einer Hauswand befestigt war.

Dort angebracht hatte es der Synagogen-Förderverein, der der Synagogengemeinde um Joffe nahesteht. Die Argumentation: Das Land baut Landtage, die Städte bauen Rathäuser, Christen bauen Kirchen und Juden bauen ihre Synagogen. So sollte es auch in Potsdam sein. Das Plakat hing nicht lange. Der Streit gärte weiter.

Dagegen sind die anderen großen Gemeinden - die Jüdische Gemeinde zu Potsdam und die Gemeinde Adass Israel Potsdam - heute Befürworter des Projektes in dieser Form. Der Bau sei zentrale Voraussetzung, damit sich jüdisches Leben und jüdische Religion in Potsdam entfalten könne. Je eher es losginge, umso besser. Das Ministerium beteuert, dass der Neubau für und mit den Jüdinnen und Juden im Land gebaut werden würde.

Neuer Leuchtturm jüdischen Lebens

Irgendwann muss der Ministerin wohl der Geduldsfaden gerissen sein. Statt wiederholt zwischen allen - letztlich erfolglos - zu vermitteln, hebelte Manja Schüle den Konflikt aus, in dem sie dem Projekt mit der ZWST und dem Zentralrat überparteiliche Partner an die Seite stellte, die erhaben über das Klein-klein der Potsdamer Religionsgemeinschaften sind.

Die ZWST ist die Dachorganisation der Wohlfahrtspflege für rund 100 jüdische Gemeinden und einer der sechs Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege. Durch die Landes- und Stadtpolitik ging ein Aufatmen, der Zuspruch ist bis heute groß. Die ZWST wird den Bau nicht nur begleiten, sondern den Betrieb des Zentrums in den ersten drei Jahren treuhänderisch in eigener Verantwortung übernehmen.

"Man wolle", so sagt es Präsident Lehrer, "ein funktionierendes Haus übergeben."Erst danach soll der Landesverband der jüdischen Gemeinde Land Brandenburg als Träger übernehmen. Bis dahin, so die Hoffnung, ist vielleicht auch mancher Graben zugeschüttet, der durch den langen Zwist aufgerissen wurde.

Ein solches Zentrum wäre ein sichtbares Zeichen gegen neu aufkeimenden Antisemitismus. Potsdam ist mit dem Abraham-Geiger-Kolleg bereits ein Knotenpunkt der Rabbiner-Ausbildung in Deutschland. Die Synagoge wäre nun ein weiterer Schritt und eine Art Leuchtturm für neues jüdisches Leben im Land.

Sendung: Radioeins, 21.06.2021, 17 Uhr

Beitrag von Hanno Christ

15 Kommentare

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  1. 15.

    Provokativ formuliert könnte ich auch sagen: Alles ist Glauben und ein Teil dieses Glaubens ist auch Wissen. Jener Teil nämlich, der auf angenommenen und gesetzten Hypothesen und Prämissen beruht und diese wiederum verifiziert oder falsifiziert.

    In der Tat haben sich im Laufe von Jahrzehnten und Jahrhunderten Grundannahmen fundamental verändert. In diesem Sinne kann zumindest alles, was mit einem menschlichen Zusammenleben zu tun hat, immer nur von vorläufigen Annahmen geprägt sein. Diejenigen, die es gleichfalls so sehen, gleich welchen Glaubens sie auch immer anhängen oder nicht, sind mir am Liebsten. Die anderen hingegen hauen sich im Zweifelsfall die Köpfe ein.

  2. 14.

    Wiese muss Jede Landeshauptstadt eine Synagoge haben? In welchem Gesetz setht das denn?
    Und wenn ich schon lese "mit leichten Druck"... das sagt mir schon wieder alles.

  3. 13.

    Ich persönlich bin da ganz Ihrer Meinung. Aber auch als Atheist erlaube mir schon Toleranz (nicht nur in Glaubensfragen).

  4. 12.

    Da bin ich persönlich ganz Ihrer Meinung. Andrerseits hat das ganze etwas mit Toleranz zu tun. Und Toleranz erlaube ich mir nicht nur in Glaubensfragen auch als Atheist.

  5. 11.

    Als Atheist sollte man Religion an und für sich links liegen lassen, mit anderen Worten weder Kirchen noch Synagogen. Das das alles zu unserer Geschichte gehört steht allerdings nicht zur Diskussion.
    Für mich ist es wichtig Wissen zu verbreiten und keinen Glauben.

  6. 10.

    @ Heiko: Ihre Aussage wird durch mehrmaligen wiederholens nicht besser. Ich als überzeugter Atheist sage, Judentum gehört zu Deutschland wie das Christentum. Also gehören Synagogen zu Deutschland wie auch Kirchen.

  7. 9.

    Zu Ihrem ersten Satz: Nirgends bestreite ich das. Dass ich Berlin und Cottbus in einem Atemzug erwähne, heißt nicht im Umkehrschluss, dass Cottbus nicht im Land Brandenburg läge.

    Zu Ihrem zweiten Satz: Es braucht Bauten UND Bildung. Ich weiß nicht, was die Ausschließlichkeit soll. Bauten sind materiell und haben zeitübergreifende Wirkung, Bildung ist gut verstanden immateriell und kann einen langen Zeithorizont haben, muss es aber nicht. Beides ergänzt sich hervorragend.

    Dass das Gemeinwesen einen großen Sack bereithalte, aus dem, wenn der eine mehr will, der andere daraus dann weniger hat und umgekehrt, dieses geht mit einer staatlichen Haushaltspolitik nicht überein. Da steht die unterschiedliche Ressortverteilung dagegen.

    Es ist eine Unverantwortlichkeit gegenüber der Geschichte, Juden Synagogen vorzuenthalten, wo es speziell Deutsche waren, die mit den Menschen auch deren Bauwerke vernichteten. Es lässt sich auch so herum betrachten.

  8. 8.

    Cottbus liegt doch irgendwie in Brandenburg oder sollte ich mich irren ?
    Um Verantwortung zu übernehmen braucht es keine Bauten sondern Bildung, eine universelle!

  9. 7.
    Antwort auf [Sebastian Rother] vom 22.06.2021 um 12:29

    weil es die damaligen staatlichen Organe waren die 1938 und später Synagogen angezündet und zerstört haben bzw. in Ihrem Auftrag gehandelt wurde. Die heutigen jüdischen Gemeinden sind teilweise so klein durch die bekannte Vorgeschichte das sie nicht in der Lage sind Synagogen selbst zu finanzieren. Dafür zahle ich gerne steuern. Ich kann es nicht mehr hören die Geschichte mit unseren Steuergeldern und so. In Deutschland werden jedes Jahr Milliarden Steuergelder verpulvert für unsinniges Zeug. Der Bau der Synagoge ist dagegen gut angelegt. Schalom

  10. 6.

    Halt du sie dumm, ich halte sie arm.
    Religion ist zwar ein Grundrecht, das heißt aber noch lange nicht das ich das ganze unterstützen muss. Die Religionsgemeinschaften haben viel zu viel Einfluss auf das öffentliche Leben, das wissen Sie wahrscheinlich so gut wie ich. Ich habe etwas dagegen für eine private Sache zu zahlen, von der ich auch nichts habe.
    Die Menschen sollen sich bilden und nicht glauben, Schulen sind wesentlich wichtiger als solche Bauten. Die Religionsgemeinschaften sollten ihre Dinge selbst bezahlen.
    Vielleicht kommen wir dann mal zu einer Trennung von Kirche und Staat.

  11. 5.
    Antwort auf [Sebastian Rother] vom 22.06.2021 um 12:29

    So wichtig es ist, dass niemand in den Nachteil gegenüber dem anderen gesetzt werden kann, was die Ausübung dessen Rechte angeht, so unterschiedlich ist wiederum die Lage zwischen Juden und Muslimen, was deren systematische Verfolgung und nahezu Total-Auslöschung in der Vergangenheit angeht.

    Kein Deuschland ohne Juden und keine Juden ohne Synagoge, gleich eigener Zugetanheit zu einer Religion oder nicht. Dass brandenburgische Juden erst nach Berlin oder Cottbus fahren müssen, um in einer Synagoge zu beten, ist schlichtweg ein unhaltbarer Zustand. Es gibt zweifellos eine Abtragung von Schuld, die in einer heutiger Sichtweise als wahrgenommene Verantwortung bezeichnet werden kann. Das heißt: Die heute lebendige Generation hat keine Schuld auf sich geladen, was die planmäßige Vernichtung jüdischen Lebens in Deutschland angeht, wohl aber hat sie die Verantwortung, die Schuld der Vorgänger-Generationen zu bewältigen und darauf eine Antwort zu finden.

    Das passiert gerade.





  12. 4.

    Was lange währt, wird hoffentlich endlich gut. Eine jüdische Synagoge ist für die brandenburgische Landeshauptstadt ein beredtes Zeichen, dass ERKENNBARES jüdisches Leben in Potsdam stattfindet. Der Weg ist jetzt ein pragmatischer geworden, denn anders lässt sich die tatsächliche Streiterei, die es ja ist, offenbar nicht auflösen. Wenn zwei sich gerade geeinigt haben, hebelt ein Dritter das gerade Vereinbarte wieder aus.

    Manchmal hilft doch die "normative Kraft des Faktischen", um es einmal bewusst etwas hochtrabend zu formulieren.

  13. 3.

    Dann sollen sie aber ihre Freiheit auch selbst finanzieren. Es kann nicht sein dass nicht Gläubige (der größere Teil der Bevölkerung) über ihre Steuern Gotteshäuser, Gehälter und Renten für die Geistlichen bezahlen müssen. Im speziellen Fall der Synagoge würde ich aufgrund der Historie ein finanzielle Beteiligung akzeptieren, generell brauchen wir aber endlich eine echte Trennung von Staat und Religion.

  14. 2.

    Ja, Religion ist Privatsache, aber ich bin mir sicher, die wenigsten nutzen "irgendwelche Tempel" fürs Home-Office. Religionsfreiheit ist ein Grundrecht. Also, wo liegt Ihr Problem? Der Verweis auf Defizite im Bildungswesen geht völlig am Thema vorbei, er taugt bestenfalls als Entschuldigung für Ihren Kommentar...

  15. 1.

    Statt irgendwelcher Tempel sollte man Schulen errichten und mit qualifizierten Lehrern ausstatten.
    Ansonsten geht das mit der Unwissenheit weiter!
    Religion ist ein privates Thema.

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