Zweiter BER-Untersuchungsausschuss - Kaum ein Baufehler, der nicht gemacht worden ist

Archivbild: Kabel liegen in der Baustelle im Terminalgebäude des Flughafen Berlin Brandenburg. (Quelle: dpa/Michael Kappeler)
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Audio: Inforadio | 16.07.2021 | Thomas Rautenberg | Bild: dpa/Michael Kappeler Download (mp3, 2 MB)

Der 2. BER-Untersuchungsausschuss des Berliner Parlaments hat seit 2018 das Bau- und Finanzdesaster auf der einstigen Flughafenbaustelle untersucht. Laut dem Abschlussbericht, der dem rbb vorliegt, wurde kein Fehler ausgelassen. Von Thomas Rautenberg

Am Fleiß der elf Ausschussmitglieder und deren Stellvertreter hat es ganz sicher nicht gelegen, dass die Öffentlichkeit von der Arbeit des 2. BER-Untersuchungsgremiums in den vergangenen Jahren kaum etwas mitbekommen hat. In den 43 Ausschusssitzungen wurden insgesamt 57 Zeugen gehört, von früheren und aktuellen Flughafenchefs über Bauprofis, verantwortliche Politiker bis hin zum Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD).

Auf 618 Seiten hat der Ausschuss schließlich aufgelistet, was in Schönefeld schiefgelaufen ist und was bei künftigen Großbauprojekten in Berlin besser gemacht werden soll. Dem rbb liegt der Abschlussbericht vor.

Auf der BER-Baustelle keinen Fehler ausgelassen

Nach den Zeugenaussagen Beteiligter gab es wohl kaum einen Planungs- und Baufehler, der auf dem BER nicht gemacht worden ist. Der erste datiert schon auf das Jahr 2008, als die Flughafeneigentümer Berlin, Brandenburg und der Bund entschieden hatten, das Hauptterminal T1 selbst zu bauen. Ursprünglich sollte ein Industrie- und Bankenkonsortium den Auftrag übernehmen und für alle Risiken geradestehen. Den Flughafeneigentümern war das Angebot aber zu teuer. So wurde der Staat schließlich selbst Bauherr, zitiert der Bericht Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup:

"Insgesamt [...] ein problematischer Schritt. Dazu hätte ab 2007 [...] eine schlagkräftige eigene Bauorganisation bei der FBB aufgebaut werden müssen. Man hätte damals ehrlicherweise eingestehen müssen, dass die Aufhebung des Vergabeverfahrens erhebliche terminliche Konsequenzen hat."

Baupfusch hielt Einzug

Die Folgen dieser Entscheidung sind hinreichend bekannt: Durch den Terminverzug vor der ursprünglich geplanten Eröffnung des Flughafens BER am 3. Juni 2012 wurde hektisch und oft ohne jeden Plan gebaut. Bloß fertig werden, hieß die Devise. Die Fehler, die dabei gemacht wurden, sind den Verantwortlichen später nach und nach auf die Füße gefallen, beschrieb der damalige Flughafenchef Hartmut Mehdorn vor dem Ausschuss:

"Als wir da waren, waren die Decken schön zu, alles war sauber, das Licht hat gebrannt. Wir konnten […] mit Fug und Recht glauben, dass das da oben alles in Ordnung ist. Und als die dann da Stichproben gemacht haben, sind die in Ohnmacht gefallen."

Wir konnten mit Fug und Recht glauben, dass das da oben alles in Ordnung ist. Und als die dann da Stichproben gemacht haben, sind die in Ohnmacht gefallen.

Hartmut Mehdorn, ehemaliger BER-Chef

Die Brandmelde- und Sprinkleranlage funktionierten nicht wie sie sollten. Die Entrauchungsanlage war nicht im Ansatz genehmigungsfähig. Die Kabeltrassen waren völlig überbelegt, bestätigte der damalige BER-Technikchef Horst Amann:

"Fakt war, dass er nicht funktionsfähig war. Also […] völlig überladene, auch gewichtsmäßig überladene Kabelpritschen, die so nicht hätten bleiben können. Fakt war, dass eine Durchmischung von verschiedenen Kabelarten vorlag, die aus Sicherheitsgründen so nicht hätten bleiben können, und es gab auch einfach fehlende Verbindungen. [...] Um dieses alles im Detail zu erfassen bei diesen unvorstellbaren Mengen und Kabellängen in diesem Gebäude hat mir einfach die Zeit nicht gereicht."

Jeder Fehler kostete Geld

Die Kosten für das Flughafenprojekt haben sich über die Jahre auf rund 6,5 Milliarden Euro nahezu verdreifacht. Und die Flughafengesellschaft braucht bis 2025 noch einmal 2,4 Milliarden Euro aus der Steuerkasse, um wirtschaftlich auf eigenen Beinen zu stehen. Gefragt ob sich der BER für die öffentliche Hand rechnen wird, antwortete der frühere BER-Bau- und Technikchef Carsten Wilmsen:

"6,5 Milliarden Euro zu refinanzieren – ich lege mich da jetzt mal fest: Das werde ich nicht mehr erleben wahrscheinlich."

6,5 Milliarden Euro zu refinanzieren – ich lege mich da jetzt mal fest: Das werde ich nicht mehr erleben wahrscheinlich.

Carsten Wilmsen, ehemaliger BER-Technikchef

Das darf sich nicht wiederholen

Um künftig teure Baupleiten wie in Schönefeld zu verhindern, listet der Untersuchungsausschuss einen ganzen Katalog von Forderungen auf.

So soll bei vergleichbaren Bauvorhaben künftig eine Projektgesellschaft die Bauherrenfunktion übernehmen. Auch ständige Planänderungen während der Bauarbeiten dürften nicht mehr stattfinden. Und vor allem müssten Großprojekte von Anfang an ausreichend finanziert sein. Eine mögliche Teilprivatisierung des Flughafens wird kategorisch ausgeschlossen: Das, so der Ausschuss, würde zu einer Sozialisierung der bisherigen Kosten und einer Privatisierung künftiger Gewinne führen.

Ein Ausschuss, den kaum einer bemerkt hat

Der Ausschuss war am 28. Juni 2018 auf Druck der Opposition im Abgeordnetenhaus ins Leben gerufen worden: Der geplante Eröffnungstermin für den BER im Herbst 2017 war geplatzt. Ob der BER überhaupt jemals an den Start gehen würde, stand in den Sternen. Eine Steilvorlage natürlich für Parteien wie FDP oder AfD, die den Altflughafen Tegel offenhalten wollten.

Doch dann wendete sich das Blatt: Ende Oktober 2020 wurde der BER fertig und Tegel wurde eine Woche später für immer aufs Altenteil geschoben. Die Corona-Krise kam und von fehlenden Kapazitäten am BER war plötzlich keine Rede mehr. Das öffentliche Interesse an der Arbeit des 2. BER-Untersuchungsausschusses war nahezu erloschen.

Sendung: Inforadio, 16.07.2021, 6 Uhr

Beitrag von Thomas Rautenberg

40 Kommentare

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  1. 40.

    Ich befürchte sie wissen nicht einmal was Geschichtsklitterung bedeutet. Sie behaupten Wowereit und Platzeck wären verantwortlich. Das ist falsch oder waren die Herren in der Bauaufsicht oder -leitung?

    Ihre populistischen Quatsch glauben nicht einmal die Mitglieder des Untersuchungsausschuß. Außerdem unterschlagen sie absichtlich den Bund als dritten Flughafeneigentümer.

    "Der erste datiert schon auf das Jahr 2008, als die Flughafeneigentümer Berlin, Brandenburg und der Bund entschieden hatten, das Hauptterminal T1 selbst zu bauen."

    Wenn sie schon Verantwortliche suchen dann bei Rainer Schwarz, Mehdorn und Konsorten und vor allem bei den beteiligten Firmen. Erstere wegen der mangelnden Aufsicht, die anderen wegen unglaublichen Pfusch Made in Germany. Nicht nur beim BER.

  2. 39.

    Wer zahlt eigentlich für den Baufusch? Die Verantwortlichen- und das sind sehr viele- sind alle vom Staat versichert! Macht weiter so !

  3. 38.

    Soviel Pfusch wird niemals zu beseitigen gehen. Die Folgekosten sind dann immer groß.

  4. 37.

    Politiker sollten halt nicht die Bauaufsicht haben, sondern das Ganze stets schlüsselfertig von einem Generalunternehmer übergeben bekommen. Die Politik hat bei der kompletten Planung und Durchführung versagt. Doch man kann sagen: Das Ergebnis des Flughafens in der Metropolregion Berlin-Brandeburg ist einfach nur toll. Übersichtlich, zeitlos und genug Platz.

  5. 36.

    Es wird sich immer wieder wiederholen, da ja ausgiebig demonstriert wird, daß niemand mit Bestrafung rechnen muß.

    Ausser Pfandbons werden unterschlagen.
    Entschuldigung EIN Pfandbon!

  6. 35.

    Nachdem ich mir diesen Bericht, mit all seinen Verlinkungen, zu Gemüte geführt habe, fühle ich mich irgendwie heftig versch.... aukelt. Ok, es ist kein Vergleich, aber vor rd. 20 Jahren in Berlin einen Carport bauen war wohl behördenseitig besser kontrolliert. Förmlichen Bauantrag mit gegengezeichneter Statik einreichen, nach Genehmigung die Punktfundamente setzen, Bauamt bescheid sagen, Nachmessen lassen, Holzarbeiten durchführen, Schweissbahn aufbringen, Bauamt anrufen und auf, kein Witz, Rohbauabnahme warten, vorher ein dauerhaft witterungsbeständiges Schild mit Art und Menge des verwendeten Holzschutzes (Kg/m³)an einer witterungsgeschützten Stelle anbringen. Der Typ vom Bauamt hatte sogar eine Winkelschmiege dabei, hätte nur noch gefehlt, das ein Prüfwürfel für die Punktfundamente gefordert worden wäre. Nächstes Mal baue ich mir auch einen Flughafen. Rauf und den Besen und wech.

  7. 34.

    Das Kompliment der Geschichtsklitterung gebe ich gern zurück. Der UA hat sich nicht mit der Standortentscheidung befaßt, sondern mit der Realisierung des Bauwerks. Und da liegt die Hauptverantwortung bei den beiden Länderchefs der SPD, Wowereit und Platzeck. Oder wer hat in der maßgeblichen Zeit nach Ihrer Ansicht regiert?

  8. 33.

    Es wird noch mehr unter den Deckel gekehrt, als in dem Bericht enthalten. Der Name des Herrn Schwarz, bis 2012 zur verfehlten Eröffnung Flughafenchef, wird nicht erwähnt. Und von München her wegen der befürchteten Konkurrenz des BER gab es wohl keine Aktivitäten?

  9. 32.

    Zur Frage, ob Private es besser gekonnt hätten, steht im wikipedia-Artikel zum BER-Bau u.a. folgender interessanter Satz: "Das neue Konsortium legte im September 2001 ein gemeinsames Angebot vor, das etwa drei Milliarden Mark teurer als die ursprünglichen Angebote der einzelnen Konsortien war und umfangreiche Garantien der öffentlichen Hand für die Einnahmen der Betreiber forderte." - Es scheint also prinzipiell durchaus sehr vernünftig, Profitinteressen Privater in öffentlichen Aufträgen zu begrenzen, denn deren Gewinnvorstellungen übertreffen die Gehälter von Politiker*n deutlich. Ein entscheidendes Versäumnis der Politiker, die ja auch nur Manager sind, scheint Lütke Daldrups Satz zu benennen: "Dazu hätte ab 2007 [...] eine schlagkräftige eigene Bauorganisation bei der FBB aufgebaut werden müssen." - Quelle zum Zitat oben: https://de.wikipedia.org/wiki/Bau_des_Flughafens_Berlin_Brandenburg#Chronologie_des_Projektablaufs

  10. 30.

    De facto kommt hier keiner auf's Schafott - auch nicht im übertragenen Sinn: Keiner der am Bau Beteiligten muss wirklich spürbare Verantwortung übernehmen für all die - teils offenbar völlig vorhersehbaren - Fehler. Nun sollte es also denen, die den ganzen Spaß am Ende bezahlen, zumindest erlaubt sein darüber zu reden, was denn da eigentlich (mal wieder und wieder und wieder) schief gelaufen ist. Zählen Sie auch zu den Zahlenden? Wenn ja, ist es Ihnen egal, wo Ihre Steuern hinfließen? Interessant. Mir selbst ist meine Arbeit dafür zu anstrengend, und es gibt zu viele andere, wirklich wichtige Löcher zu stopfen.

  11. 29.

    Toll das wir nun einen Bericht mit 600 Seiten haben. Ich frage mich aber immer wieder wozu, wenn die Verantwortlichen nicht benannt und zur Rechenschaft gezogen werden.

  12. 28.

    "Der Hauptteil der politischen Verantwortung fällt auf den Reg. Bürgermeister Klaus Wowereit und den brandenburgischen Ministerpräsidenten Platzeck, beide SPD. "

    Geschichtsklitterung wie man es von ihnen und ihresgleichen gewöhnt ist. Völlig faktenfrei. Diepgen und Wissmann (beide cDU) wollten den BER entgegen allen Empfehlungen der Experten unbedingt bauen. Man hat Stolpe über den Tisch gezogen.

    "Der Ministerpräsident Brandenburgs Stolpe (SPD) bot 1995 eine stärkere Kostenbeteiligung Brandenburgs für den Standort Sperenberg an. Wissmann und Diepgen kündigten an, sich an Mehrkosten für den BER in Sperenberg nicht beteiligen zu wollen. Daraufhin legte Stolpe 1996 ein Finanzierungskonzept vor, mit dem Brandenburg alle Mehrkosten übernehmen könne. Aufgrund einer sich verschlechternden Finanzlage des Landes Brandenburg einigten sich Wissmann, Diepgen und Stolpe am 28. Mai 1996 auf einem Spitzengespräch in Berlin schließlich auf den Standort Schönefeld."

  13. 27.

    Zumindest nach diesem kurzen Artikel ist mein Eindruck, Grundursachen der BER-Probleme sind dieselben wie bei der Vereinigung der beiden Deutschlands: Großmannssucht, autoritäres Gehabe, wenig Urteilsvermögen, miserables Fehlermanagement. Zitat: "Bloß fertig werden war die Devise". Ja, wie kommt sowas? Wohl nicht zuletzt weil auch beim BER wieder ein paar eitle, hohe Tiere hofften, sich das Ding auf ihre Fahnen schreiben zu können - und weil deshalb vermutlich jede rechtzeitige Warnung unterdrückt wurde und ein Klima der Angst wuchs. Über- und falsch belegte Kabeltrassen etwa entstehen ja nicht von einem Tag auf den anderen: Ich wette, mindestens die Hälfte der Beteiligten hat gesehen, was da Phase ist - aber sicherheitshalber den Mund gehalten. Keine Ahnung, ob private Bauherren das besser und billiger hingekriegt hätten. Traurig in jedem Fall, wie viele heute den Preis für die Selbstüberschätzungen Einzelner zahlen müssen.

  14. 26.

    Ich wußte doch, dass mir was gefehlt hat …..
    und wieder soviele selbstgerechte Menschen hier, die alles anders und vor allem besser gemacht hätten und die andere gerne aufs Schafott schicken.

  15. 25.

    „ Das ist doch auch schon was, dass wir uns hier den Ärger und Verdruss von der Seele schreiben dürfen. Eben schon ein ganz bissel Demokratie. Mehr ist nicht drin.“
    Gebe ich Ihnen Recht. Leiden geht einigen hier aber auch das gute Benehmen und die Ernsthaftigkeit beim diskutieren abhanden, das ist sehr schade.

  16. 24.

    Da sieht man, was die Vetternwirtschaft anrichten kann. Die Brandenburger mussten ja verschwägerte Kleinstbaufirmen und aufgeblasene Bauzeichner beauftragen, dir dann das Desaster besorgten. Traurig nur, dass mit Bundesgeld mühsam versucht werden musste, alles wieder zu richten. Der Imageschaden für Region und Land sind immens.

  17. 23.

    Das ist doch auch schon was, dass wir uns hier den Ärger und Verdruss von der Seele schreiben dürfen. Eben schon ein ganz bissel Demokratie. Mehr ist nicht drin.

  18. 22.

    Abgesehen davon, dass die letztliche Entscheidung zum Standort auf Basis älterer Planungsunterlagen gefällt wurde, ist nicht zu verstehen, wie schamlos sich Baufirmen und so mancher Leiter aus dem sog. Geldtopf bedient haben. In meinem Berufsleben musste ich jeweils "die Trümpfe" (anerkannte Abschlüsse) und Top-Beurteilungen "auswerfen", ab einer bestimmten Ebene scheint das nicht mehr zu gelten, wie man ahnte und nun sieht. Nein, es war auch kein Ruhmesblatt der Verwaltungen, man hatte offenbar das richtige Parteibuch in der Tasche und war Verwaltungsfachwirt, was dann reichte. Beschämend, und am Ende seiner Tage muss man dann noch lesen, dass eine Doppelbe-steuerung von Renten rechtens sind. Was für eine Gesellschaft hat sich da etabliert? Da sollten sich doch mal diese Verantwortlichen darüber einigen, dass man zu Unrecht erworbene Gelder in den Rententopf zurückgibt und nicht noch Hochbetagte (ü98) zur (Steuer)kasse bittet.

  19. 21.

    Der Ausgangspunkt für dieses Desaster war die Fehleinschätzung der Politik (Wowereit und Platzek) Das der Staat preiswerter bauen kann, als die Bauprofis. Da man Bauherr war wurden auch ständige Änderungen/Anpassungen während das Baues gefordert und realisiert, ohne die Auswirkungen auf das Gesamtprojekt zu beachten. Dazu kommt noch, das sich die Kosten für den Lärmschutz der Anwohner und hier insbesondere der nach Beschluss Bau BER (damals noch BBI, in Unkenntniss der Realität) hinzugezogenen vervielfacht haben. Auch daran haben einige derer die heute alles besser wissen einen nicht unerheblichen Anteil.

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