Inklusion im ÖPNV - Berliner Bahnverkehr wird frühestens 2024 barrierefrei sein

Archivbild: Eine Rollstuhlfahrerin wird in ein U-Bahn-Abteil geschoben. (Quelle: dpa/G. Breloer)
Video: Abendschau | 21.07.2021 | N. Hagemann | Bild: dpa/G. Breloer

Ab 2022 soll der Nahverkehr in Deutschland barrierefrei sein. Doch Berlin wird dieses Ziel verfehlen. Insbesondere die U-Bahn stellt vielen unüberwindbare Hürden. Von Nils Hagemann und Oliver Noffke (Text) sowie Götz Gringmuth-Dallmer (Grafik)

Bettina Theben muss sich mit aller Kraft und ausgestreckten Armen am Handlauf der Rolltreppe festhalten. Andernfalls droht der Rollstuhl, in dem sie sitzt, hinunterzustürzen. Aber am U-Bahnhof Pankstraße kann sie sich nur so nach oben ziehen. Hier gibt es keinen Aufzug.

Menschen, die wie die 51-jährige Bettina Theben in ihrem Alltag auf einen Rollstuhl angewiesen sind, haben es nach wie vor schwer, sich in Berlin mit U- oder S-Bahn fortzubewegen. Ab dem kommenden Jahr soll der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) vollständig barrierefrei sein, also stufenfrei zugänglich und mit einem Blindenleitsystem ausgestattet sein. Das sieht eine UN-Konvention zur Stärkung der Rechte Behinderter vor, die 2009 von Deutschland ratifiziert wurde. Ab 2022 muss der Nahverkehr damit bundesweit barrierefrei sein.

Derzeit sind aber von den 175 U-Bahnhöfen laut Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) 36 nicht stufenlos erreichbar – also mehr als jeder fünfte. Unter den 139 stufenlos erreichbaren Bahnhöfen verfügen 131 über einen Aufzug zum Bahnsteig, acht über eine Rampe.

Nur 120 Bahnhöfe für Geh- und Sehbehinderte geeignet

Ein Kuriosum ist die U-Bahnstation Schloßstraße in Steglitz. Dort ist der Bahnsteig über einen Fahrstuhl erreichbar – allerdings nur wenn ein benachbartes Einkaufszentrum geöffnet ist, zu dem der Fahrstuhl gehört. Deswegen wird der Bahnhof von uns nicht als stufenfrei zugänglich gewertet. Das gilt auch für Bahnhöfe, die nur mit Rolltreppen ausgestattet sind, da sie von Menschen im Rollstuhl nur sehr bedingt genutzt werden können.

Hinzu kommt, dass an 45 U-Bahnhöfen ein Blindenleitsystem fehlt. Hauptsächlich werden dazu geriffelte, helle Fliesen in die Böden eingelassen, die ein sicheres Navigieren per Taststock ermöglichen. Konkret heißt das: Nur 120 Bahnhöfe sind derzeit sowohl für Menschen mit Gehbehinderungen als auch für Menschen mit Sehbehindeungen geeignet.

Die BVG weiß um den Handlungsbedarf und erklärt auf Anfrage des rbb, sie gehe davon aus, dass 2024 all ihre Bahnhöfe entsprechend umgebaut sein werden. Bei 36 Bahnhöfen mit fehlendem Aufzug ist das ein ambitionierter Zeitplan.

Barrierefrei heißt, nicht auf Hilfe angewiesen zu sein

Doch selbst als barrierefrei geltende Bahnhöfe können Hürden bereithalten für Menschen mit eingeschränkter Mobilität oder sensorischen Beeinträchtigungen – etwa einer Sehschwäche. Zugestellte Blindenleitsysteme, kaputte Fahrstühle, fehlende Ansagen bei Zugausfällen oder andere technische Defekte können zum abrupten Ende einer Reise werden und sich für die Betroffenen anfühlen, als wären sie gestrandet.

Auch Bettina Theben, die an einem Berliner Gymnasium als Lehrerin arbeitet, erlebt solche Situationen immer wieder. Und selbst wenn wirklich alle Aufzüge funktionieren, braucht sie meist länger als die reguläre Fahrtzeit. Denn immer wieder muss sie warten: Bis der Aufzug frei ist – oder bis ein Zug kommt, bei dem die Türen auf Bahnsteighöhe sind.

Trotz Einschränkungen allein unterwegs sein zu können, ist jedoch eine Grundvoraussetzung für Barrierefreiheit. So beschreibt es das Berliner Landesgesetz über die Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderung [berlin.de/sen/soziales/]. In der Konsequenz heißt das: Auch ausklappbare Rampen, wie sie an den Bussen, Straßenbahnen oder S-Bahnen zum Einstieg für Menschen mit Rollstuhl oder Rollator eingesetzt werden, sind laut Gesetz nicht barrierefrei.

Die S-Bahn ist weiter, aber nicht perfekt

Bei der Berliner S-Bahn sieht es zumindest bei den reinen Zahlen besser aus: Nur neun der 168 Bahnhöfe haben laut S-Bahn Berlin weder einen Fahrstuhl noch eine Rampe zum Gleis. Doch auch das muss längst nicht heißen, dass im Alltag alles funktioniert.

"Es gibt keinerlei Spontaneität"

Ursula Engelen-Kefer, Vizepräsidentin des Sozialverbands Deutschland (SoVD), sieht ein weiteres Kriterium für die Frage nach der Barrierefreiheit: den Zeitaufwand. "Barrierefreiheit heißt, dass Menschen mit Behinderung oder im Alter mit Rollator, mit Gehschwierigkeiten oder als Familie mit Kinderwagen sich spontan frei bewegen können." Eine Reise, die sorgfältig geplant werden muss, sei deshalb nicht barrierefrei, sagt sie.

Ursula Engelen-Kefer, Vorsitzende des Sozialverbands Deutschland in Berlin und Brandenburg (Quelle: rbb/Oliver Noffke)Ursula Engelen-Kefer

"Es gibt keinerlei Spontaneität mehr, so wie das für gesunde Menschen, die keinerlei Einschränkungen haben, der Fall ist", sagt Engelen-Kefer. "Wenn man von Lichtenberg zum Bahnhof Zoo fahren will, um einen schönen Tag zu nutzen, muss man das planen." Solche Pläne würden dann oftmals durchkreuzt, weil Fahrstühle kurzfristig ausfielen oder gewartet würden. Ein Blick in die Apps der BVG und Bahn sei unabdingbar. "Dann hoffe ich, dass ich ausreichend Informationen bekomme. Aber es kann auch vorkommen, dass ein Ausfall noch gar nicht angezeigt wird."

Alternativen sind rar oder teuer

Wirkliche Alternativen, die barrierefrei und spontan genutzt werden könnten, seien in Berlin nach wie vor entweder rar oder mit erheblichen Mehrkosten verbunden, sagt SoVD-Vizepräsidentin Engelen-Kefer.

Da wäre zum Beispiel der Rufbus Berlkönig. Die Flotte umfasst mittlerweile 150 Wagen, alle geeignet für Rollstühle, so die BVG. Allerdings wird dieser Service in den Außenbezirken nicht angeboten. Immerhin soll ab dem kommenden Jahr ein ähnliches Angebot die östlichen Bezirke Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf und Treptow-Köpenick mit dem Ostkreuz verbinden. Allerdings handelt es sich um einen Testprojekt, dass 2025 wieder auslaufen wird.

Gescheitert ist der Senat mit seinem Vorhaben, Taxi-Unternehmen Anreize zu geben, ihre Flotten behindertengerecht umzurüsten. Bis Ende des Jahres sollten 250 sogenannte Inklusionstaxen auf Berliner Straßen unterwegs sein. Es gibt derzeit 26, berichtete der "Tagesspiegel" vor Kurzem. Der SoVD hatte sich für dieses Projekt intensiv eingesetzt.

Ursula Engelen-Kefer bezeichnet das Ergebnis als "Tropfen auf den heißen Stein". Weil es so wenige behindertengerechte Taxen gebe, müsse wieder alles langfristig geplant und teurer bezahlt werden. "Da ist nichts mehr mit Spontaneität."

Sendung: Abendschau, 21.07.2021, 19.30 Uhr

Beitrag von Götz Gringmuth-Dallmer, Nils Hagemann und Oliver Noffke

56 Kommentare

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  1. 56.

    Der meiner Wohnung am nächsten liegende U-Bahnhof, U8 Heinrich-Heine-Straße, fehlt auf der abgebildeten Grafik völlig. Vielleicht, weil er früher mal ein Geisterbahnhof war? Aber, Spaß beiseite, auf den Aufzug dort warten wir hier seit vielen Jahren. Versprochen war er erst für 2018, dann für 2020, nun für 2023. Ob ich das als Seniorin zu meinen Lebzeiten wohl noch erlebe?

  2. 55.

    Es kann sehr albern wirken wenn in der ach-so-fahrradfreundlichen Eisenbahn möglichst hinter einer qualmenden Diesellok im Fahrradwagen unzählige Räder umwelt"freundlich" transportiert werden, oder hinter einer E-Lok, wenn der Oberleitungsstrom noch in einem Kohlekrafrtwerk produziert wird.

  3. 53.

    "Es ist doch ganz einfach...Fahrräder gehören nicht in den ÖpNV"
    DANKE, das sehe ich auch so. Rollstuhlfahrer,Rollatornutzer und Eltern mit Kinderwagen usw. brauchen den ÖpNV als Transportmittel,wenn sie kein Auto nutzen. Fahrradfahrer haben ihr Transportmittel dabei und gerade für sie wird ja seit geraumer Zeit die Straßenlandschaft umgestaltet/ angepasst. Also bitte auch nutzen.

  4. 52.

    1. Rollstühle (haben Vorrang vor)
    2. Kinderwage (haben Vorrang vor)
    3. Fahrräder
    findet man in den neusten S-Bahnen.
    https://sbahn.berlin/fileadmin/_processed_/f/3/csm_SBB_BR483_7664b_1feebc640f.jpg
    Das deckt sich mit den ABB des VBB, in die Sie wohlweislich nicht schauen wollten. Deshalb nochmals extra für Sie:
    § 11 Beförderung von Sachen
    (1) Ein Anspruch auf Beförderung von Sachen besteht nur bei Handgepäck.
    ...
    (2) Sofern ausreichend Platz vorhanden ist, darf jeder Fahrgast genau ein Fahrrad in den Zügen des Eisenbahn-Regionalverkehrs, der S-Bahn und der U-Bahn sowie auf Fähren über den gesamten Verkehrszeitraum hinweg mitnehmen.

  5. 51.

    Bis genügen Platz für alle ist, müssen Radfahrer aber ggf. draußen bleiben. Sie mögen sich für gleichgestellt mit mobilitätseingeschränkten Personen und Menschen mit Kinderwagen halten. Das geben aber weder die UN Menschenrechtskonvention her noch die ABB des VBB. Denken Sie mal selbstkritisch darüber nach, warum viele Radfahrern ablehnend gegenüber stehen.

    Ein Radlobbyist wollte mir mal erklären, dass es für jeden Zweck das passende Rad geben soll. Er lag offensichtlich falsch.

  6. 49.

    Es gibt eindeutige Aufkleber in den Mehrzweckabteilen, die je nach Zug auch explizit in Wort darauf aufmerksam machen, dass für Rollstühle, Fahrräder (!) etc. der Platz freigegeben werden muss.

    (PS an Herta: Leihautos bringen mir nichts. Habe kein Führerschein und damit würde ich zu viel Platz verbauchen und Luft verschmutzen. Für Leihräder bin ich leider zu groß.)

  7. 48.

    Was immer alle gegen Fahrräder haben. Also das Problem nicht verfügbarer Aufzüge, Stufen zu Altbauzügen, zu steiler Rampen wird nicht gelöst, wenn Fahrräder ausgeschlossen werden. Damit alle mitkommen, braucht es dichtere Taktungen und längere Züge. Die Baureihen 483/484 ist in Auslieferung (84 Wagen mehr als ausgemustert werden), Die Baureihe J/Jk ist bestellt (bis zu 1500 Wagen) und die Bestellung weiterer S-Bahn-Wagen ist in Vorbereitung.

  8. 47.

    Busse und Bushaltestellen könnte man barrierefrei Bau. Ich schlage 80 Euro im Jahr für die Nutzung des ÖPNV vor.



    Ach halt, das kostet ja schon Jahreskarte.

  9. 46.

    Barrierefreiheit ist doch einfach umzusetzen. Zum einen muss die Zugfrequenz erheblich erhöht werden zu einem Minimum von einem Zug alle zwei Minuten. Dann sollte jeder Bahnhof mindestens zwei Aufzüge haben die nah voneinander aber möglichst Bahnsteig mittig stehen. Bei Bussen kann man die Kante nicht verhindern aber man kann auch hier die Frequenz erhöhen. Straßenbahn sollten am besten komplett durch U-Bahn Strecken ersetzt und abgeschafft werden und das Fahren aller Linien muss natürlich 24/7 geschehen. In anbetracht des momentanen "Service" der BVG und der S-Bahn und der momentanen Barrierefreiheit würde ich empfehlen den Preis um 90% zu senken. Meine Motivation den ÖPVN zu nutzen ist es das Ziel schnellstmöglich zu erreichen. Jetzt kommt es mir eher wie ein Bequemlichkeitsfahren vor. Ich frage mich weshalb jemand erwarten würde das es dann bei essenzielle Themen wie Barrierefreiheit eine bessere Anstrengung geben sollte.

  10. 45.

    Sorry, ich meinte "angedreht", nicht "angedroht". Das chinesische Huawei-Stasi-Tablet meinte wohl, meine Rechtschreibung korrigieren zu müssen. Ich habe den "Fehler" übersehen. An einen Tippfehler glaube ich nicht, die Buchstaben e und o liegen auf der Tastatur zu weit auseinander.

  11. 44.

    Gehe ich recht in der Annahme, daß es Staaten der Dritten Welt sind, die daran interessiert sind? Die Dritte Welt bekommt ja oft angedroht, was hier veraltet ist oder aus anderen Gründen nicht mehr gewollt. Zum Beispiel alte stinkende Fossilien von Autos, während sich die Europäische Union als Klimaschutzvorreiter feiert. Bei den alten Straßenbahnen ist es ökologisch weniger schlimm, aber dennoch moralisch fragwürdig. Behinderte, Alte und Kinderwagen gibt es auf der ganzen Welt.

  12. 43.

    Das mit den Kindenwagen können Sie gleich knicken. Haben Sie den Auszug aus den ABB nicht gelesen?

  13. 42.

    Je nach Rollstuhltyp kommt man rückwärts über den Spalt oder man hebt die Vorderräder an. Problematischer sind größere Höhenunterschiede. Max. 5 cm sind nach DIN 18040-3 sind zulässig.

  14. 41.

    Was ist das denn?? Kinderwagen vom Transport in der Bahn für gewisse Zeiten aussperren......Haben Sie Kinder???

  15. 40.

    Fahrradsperrzeiten in Berlin wäre top. Und für mehrere Termine in Berlin gibt es mittlerweile genug Sharinganbieter für Fahrräder, Roller und Mopeds sowie Freenow und Co. Das man also überall sein eigenes Rad in Berlin hinschleppen muss ist Unsinn.

  16. 39.

    Ins DDR-Museum? Andere Länder waren ganz wild auf die ausgemusterten Bahnen. Hier draußen im Betriebshof Köpenick stehen noch ein paar Tatras als Museumsbahn, außerdem auch schöne Oldtimer, mit denen ich einmal im Jahr fahre...

  17. 38.

    Theorie und Praxis sage ich da nur liegen bei dem Thema soooo weit auseinander. Man sollte Sperrzeiten mit 100 Euro Bussgeld von 07-10h und 16-19h für Fahrräder, Kinderwagen und Co.für den ÖPNV ddefinieren. Bei allem Verständnis für Inklusion!

  18. 37.

    Es war vorne die erste Tür. Aber es stimmt, es war ein relativ schmaler Spalt zwischen Bahnsteig und Straßenbahn und über diesen kamen wir schlecht rüber. Tatras fahren hier zum Glück nicht mehr. M.E. in Berlin überhaupt nicht mehr.

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