Interview | Christopher Street Day - "Wir wollen dieses Jahr den CSD wieder politischer machen"

Teilnehmer der «CSD Berlin Pride» gehen als Sterndemo durch Berlin in Richtung Alexanderplatz. (Quelle: dpa/Christophe Gateau)
Audio: Radioeins | 23.07.2021 | Interview mit Nasser El-Ahmad | Bild: dpa/Christophe Gateau

Der Berliner CSD ist zurück - aber ohne Party-Trucks. Auf der Demo melden sich Aktivisten und Künstler zu Wort, es gibt einen langen Forderungskatalog an die Politik. CSD-Anmelder Nasser El-Ahmad erklärt, warum das wichtig ist.

 

rbb|24: Nasser El-Ahmad, warum ist es so wichtig für die Community, auf die Straße zu gehen – und nicht wie im vergangenen Jahr, den Christopher Street Day im Netz zu feiern?

Nasser El-Ahmad. Unter anderem, weil ich in insbesondere in der Pandemie mit diesem Satz geworben habe: Nur weil wir gerade Corona haben auf der ganzen Welt, und wir als Menschen eine Pause einlegen, heißt das nicht, dass Homo- und Transphobie genauso eine Pause eingelegt haben. Im Gegenteil: Insbesonderen in einer Großstadt wie Berlin ist man schon schockiert, wenn man sieht, dass sich die Statistik von 2019 und 2020 verdoppelt hat. Und das passiert halt nicht nur virtuell, sondern auch auf der Straße.

Nasser El-Ahmad
Nasser El-Ahmad | Bild: rbb

Die Zahl der Übergriffe im Netz hat sich verdoppelt, und auch die Gewalttaten sind angestiegen. Auch damit beschäftigt sich der Forderungskatalog des CSD. 32 Punkte umfasst er insgesamt, einer davon ist es, gegen Hate Speech und gegen Gewalt vorzugehen. Welche Schwerpunkte setzt er noch?

Wir haben gefordert, dass alle Straftaten aufgeklärt werden, beziehungsweise keine Toleranz und Diskriminierung und Gewalt gegenüber queeren Personen so einfach herrscht. Unter anderem fordern wir das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz und alle weiteren Parteien auf, eine umgehende Änderung der Reform des Abstammungsgesetzes einzuleiten: Mutterschaftsanerkennung analog zur Vaterschaftsanerkennung, Mutterschaft bei lesbischen Eltern, geschlechtsneutrale Formulierung von Mutter, Vater und Elternteil. Es ist wirklich ein ganz großer Forderungskatalog mit insgesamt 32 Forderungen.

Wir wollen dieses Jahr den CSD wieder politischer machen, weil die letzten Jahre der Berliner CSD-Verein immer wieder in die Kritik kam, weil gesagt wurde: Er ist zu kommerziell, zu sehr wie eine Party. Es ist richtig, dass wir auch eine Party sind. Die Community ist schrill, bunt, laut, und das ist gut so. Aber das Politische muss einfach in den Vordergrund. Und man muss sagen: Wenn nicht wir, wer dann? Und wenn nicht jetzt, wann dann?

Die Demo startet an der Leipziger Straße, zieht über den Potsdamer Platz am Brandenburger Tor und der Siegessäule vorbei zur Urania. Es gibt keine Party-Trucks, sondern vom Veranstalter gestellte Wagen, auf denen vor allen Reden gehalten werden sollen. Was sind die Highlights?

Unter anderem gibt es zum Beispiel Künstler, die auch in der Pandemie gelitten haben. Wir haben etwa eine lesbische Aktivistin, Annette, die seit Jahren in der Community dabei ist, und sich möglichst bei jeder einzelnen Demo engagiert. Von "Travestie für Deutschland" ist Jacky-O Weinhaus dabei, eine Künstlerin, die sich gegen Hate Speech beziehungsweise auch gegen Rechtsradikale engagiert.

20.000 Teilnehmer hat der CSD e. V. angemeldet. Es könnten aber viel mehr werden. Wie wollen Sie sichergehen, dass die Corona-Regeln eingehalten werden und der CSD nicht zum Superspreader-Event wird?

Wir haben diese 20.000 nicht irgendwie einfach mal so benannt, wir haben uns wirklich die Statistiken angesehen. Die letzte Jahre hat man immer gesagt, das ist ein Riesen-Event mit einer Million Teilnehmern. Das ist richtig, aber man muss unterscheiden: Einmal gab es die Endveranstaltung am Brandenburger Tor mit etlichen Ständen, einer Bühne und allem Drumherum. Und dann gab es die Demo, die normalerweise am Kudamm angefangen hat, und bis zur Siegessäule ging: Dort waren nach der Statistik der Versammlungsbehörde zwischen 60.000 und 80.000 Menschen. Unter anderem wurden auch die Touris, die drumherum standen, mitberücksichtigt. Und wenn diese Touris und die Partymeile mit allem Drumherum fehlen, ist 20.000 aus jedem Fall eine realistische Zahl.

Wir arbeiten daran, dass die Hygiene-Maßnahmen eingehalten werden. Wir haben auf jeden Fall etliche Ordner und Volunteers angeheuert. Die Polizei hilft uns, und wir haben zusätzlich ein Hygiene- und Schutzkonzept entworfen, das vom Gesundheitsamt und von der Versammlungsbehörde abgesegnet wurde. Es gibt automatische Ansagen: Bitte haltet Abstand. Tragt eure Masken, damit der Umzug auch weiterläuft. Und ich vertrauen jedem Demonstranten, dass es eingehalten wird. Jeder Einzelne, der da hingeht, möchte auch, dass die Demonstration weitergeht.

Mit Nasser El-Ahmad sprachen Frauke Oppenberg und Tom Böttcher für Radioeins. Dieser Beitrag ist eine gekürzte und redaktionell leicht bearbeitete Version. Das Originalinterview können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Artikelfoto nachhören.

Sendung: Radioeins, 23.07.2021, 08:34 Uhr

Die Kommentarfunktion wurde am 24.07.2021 um 16:26 Uhr geschlossen

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28 Kommentare

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  1. 28.

    Dann wäre auch Ihr Kommentar etwas Privates und gehört nicht in die Kommentarspalte. Noch haben wir aber alle gleiche Rechte und kein Rassist, kein Nationalist und kein Homophober kann irgendetwas von unseren Grundrechten einschränken. Auch Sie nicht.

  2. 27.

    Alle geimpft, alle mit Maske, sonst noch ein homophober Einwand?

  3. 26.

    Sie kommen ehemals aus Russland, orthodox? Da ist Ihnen ja dieser Kommentar bestimmt sehr wichtig. Homophobie kann man doch einfacher beschreiben. Sprechen Sie es doch einfach aus.

  4. 25.

    Wenn -jeder-mal sein eigenes Leben im' Privaten' führen würde und die eigenen,egal welcheProbleme persönlich von Angesicht zu Angesicht klären würde, was wäre das für eine Wohltat für alle!
    Früher ging es doch auch,aber nein heute wird jeder 'Furz' digital gepostet und nun wundert man sich.
    Jeder soll Leben wie es ihm gefällt,aber bitte im privaten!
    Vor allem gibt es solche Probleme,erst seit den Zeiten des Internets!
    Haschen nach Aufmerksamkeit im Netz, ist der Sinn des Lebens für die meisten geworden und im wahren Leben...?


  5. 24.

    Das sehen meine homosexuellen Freunde genauso! Danke für den Beitrag!

  6. 23.

    "Angepasst hingegen finde ich Leute, die unter Schutz der Medien und linker Parteien hinter den immer gleichen Klima- und Benachteiligungs-Plakaten hinterherlaufen."

    Kommt ein Thema auch mal ohne ihre rechtsextremistischen Verschwörungstheorien und "Lügenpresse" Geblöke aus?

  7. 22.

    Dass Schwule in Polen oder Ungarn nicht alles dürfen, heißt noch nicht, dass sie dort unsicherer leben.
    Siehe Bericht in der BILD-Zeitung aus Köln: Autoposer bedrohen Homosexuelle.
    Also tun Sie nicht immer so, als seien Ungarn oder Polen die für Schwule Schlimmsten Länder der Welt.
    Dies entspricht nicht den Fakten.

  8. 21.

    Und wer bestimmt wer sich anzupassen hat? Ein Blick nach Polen oder Ungarn dürfte Warnung genug sein.

  9. 20.

    Was ist daran so schlimm sich anzupassen?
    Eine Gesellschaft funktioniert nur wenn jeder sich anpasst!
    Und die so „ tolle queere Community „ ist nichts besseres!!!
    Und ich bin gerne angepasst, auch nach 40 Jahren outing!!!

  10. 19.

    Aber was heißt denn angepasst bei Ihnen?
    Also (wenngleich ich ihn politisch nicht mag) Jens Spahn, der sich im Politbetrieb öffentlich mit seinem Mann zeigt, finde ich nicht angepasst. Eher fortschrittlich und mutig.
    Angepasst hingegen finde ich Leute, die unter Schutz der Medien und linker Parteien hinter den immer gleichen Klima- und Benachteiligungs-Plakaten hinterherlaufen.

  11. 18.

    Ja, das stimmt.
    Jeder soll leben dürfen, wie er will.
    Auch Angepasste tragen zur Verständigung bei.
    Wenn sich alles nur noch um Geschlechtsumwandlungen, Queere Quoten, Queeres Leben, Queerer Wohnen usw. dreht, ist doch nichts erreicht.
    Man sollte dafür werben, jeden Menschen so zu akzeptieren, wie er ist. Dazu muss man nicht überall Regenbögen hinmalen und die Leute dazu erziehen, alles schön zu finden.
    In Wahrheit schert sich die Schwule Partystimmung auch nicht darum, ob jemand weiß, schwarz oder Trans ist. Man will sich amüsieren und sein Leben leben. Gelebte Buntheit JA! Vorgeschrieben Buntheit NEIN!

  12. 17.

    „ Hauptsache sich unauffällig und ja nicht zu tuntig verhalten.“
    Ganz genau, wie sich ebend Menschen im täglichen Leben verhalten, die genug Selbstbewußtsein haben. Die brauchen keine Publicity und keine halbnackten Partys mit Riesentrucks auf öffentlichen Straßen.

  13. 15.

    @Lothar

    Es ist niemand im rechten bürgerlichen Lager angesiedelt, der Kritik äußert. Aber es geht beim csd nicht um politische Ziele sondern einfach nur noch um
    Party und teilweise um zu provozieren. Wenn jeder sich im Rahmen verhält bzw. lebt interessiert es niemand, aber mein Eindruck ist, das alles um den nollendorf Kiez einfach provozieren und auffallen will.
    Wenn Einsätze in den dortigen Szenenkneipen sind, dann ist das teilweise unerträglich wie sich dort verhalten wird bzw wie man sich uns gegenüber verhält.
    Toleranz muss von beiden Seiten kommen, aber leider ist es im besagten Kiez und beim CSD nicht so mit der Toleranz gegenüber nicht Angehörigen der dortigen Community weit her.
    PS unser bekennender Schwuler Kollege schäumt sich jedesmal wenn wir dort im
    Einsatz sind.

  14. 14.

    Nein Motte, weil die Demonstranten keine Abstände halten werden, ihre Masken nicht tragen werden usw...und dann muss sofort eingegriffen werden...rigoros...
    Wird es eigentlich im TV übertragen? Wenn ja, bitte anschauen...

  15. 13.

    Es ist schon ein ziemlicher Unsinn zu schreiben. dass man jahrelang nicht gesehen wurden. Ich bin auch von der Fraktion und erlebe den CSD seit fast 30 Jahren laut und sichtbar auf den Straßen. Ich fühle mich aber nicht davon vertreten weil ich nicht den ganzen Tag schrill kreischend durch die Lande laufen und mein Schwulsein jeden aufdrängen muss. Das hat auch nicht mit einem angepasst sein zu tun. Ganz im Gegenteil. Ich habe meinen Mann vor 10 Wochen geheiratet , halte Händchen wann und wo ich will und küsse ihn wann und wo ich will.
    Zu diesen Zeiten finde ich es nicht ok, dass der CSD stattfindet. Der Karneval der Kulturen sagt ab aber der CSD findet statt. Und sein wir doch mal ehrlich. Sie und ich wissen, was vor und nachher oft ( wenn auch nicht immer) abgeht. Wenn nicht in Clubs, dann eben irgendwo zu Hause. Sicher nicht mit Maske.
    Wir sind immer noch eine Minderheit und werden dies auch bleiben. Man sollte nicht versuchen der Mehrheit unser Lebensgefühl aufzudrücken !

  16. 12.

    Liebe Paula. Sie schreiben hier den falschen an. Alles mir wohl bekannt. Ich bin aktiver Homosexueller auch noch mit 70 und würde es besonders zu schätzen wissen, wenn sich gerade unser Gesundheitsminister mit Partner in unsere Hauptstadt an vorderster Front stellen würde. Herr Wowereit und sein leider schon verstorbener Ehemann waren sich für solch Auftritte nie zu schade. Selbst in der riesigen Metropole NY City fährt normalerweise der Bürgermeister ganz vorne im Wagen mit. Muß ja hier nicht unbedingt auch so sein. Aber soviel mir bekannt ist hätte Herr Müller bestimmt als letzter dazu nein gesagt.

  17. 11.

    Die Aufklärung von Straftaten gehört zu selbstverständlichen Pflichten unsres Staates.

    Die Forderung die Abstamungsgesetzgebung nur auf Bedürfnisse von gleichgeschlechtlichen Ehen zuzuschneiden, das finde ich daneben, weil, bis jetzt ist diese Gesetzgebung auf Rechte der Kinder ausgerichtet.
    Wer weis, vieleicht wird den Kindern auch das genommen, damit die Erwachsenen ( mit ihren vielen Rechten ) endlich zur Zufriedenheit finden.

  18. 10.

    Warum sollte die Polizei das tun, weil Sie homophob sind?

  19. 9.

    "Ebenso die angepassten Schwulen u.Lesben. Siehe unser Gesundheitsminister. Wo bleibt der eigentlich, wenn man ihn mal für eine Symbolik braucht?"
    Lieber Lothar,es ist egal ,wer wen liebt,denn es geht
    mmer um den Menschen, sagte Samantha Fox 2003. Egal ob Lesben,Schwule Bisexuelle oder Transsexuelle. Und wenn das wirklich Alltag sein soll, müssen m.E. auch alle selbst entscheiden können und dürfen,wie sie privat und beruflich leben wollen. Einige öffentlich schrill und wir kennen Mittlerweile auch viele " prominente" ,
    also in der Öffentlichkeit stehende Personen, die sich beruflich in der Politik,den Medien usw. einen Namen gemacht haben und sich nun völlig selbstverständlich mit ihren gleichgeschlechtlichen Partnern/ Ehepartnern zeigen. Damit tragen sie m.E. das ganze Jahr über dazu bei, dass auch diese Lebensform sichtbar bleibt. Und das ist auch gut so :-)
    Der nun grad verstorbene Bio hat uns das doch schon früh und lange vor Wowi bewiesen.

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