Barrierefreiheit an Brandenburger Bahnhöfen - "Ohne Planung geht gar nichts"

Archivbild: Der blinde Joachim Haar, Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehinderten-Verbands Brandenburg e.V. (BSVB), steht auf dem Bahnhof der südbrandenburgischen Stadt Cottbus vor einem Fahrkartenautomaten, der von blinden Menschen nicht zu bedienen ist. (Quelle: dpa/P. Pleul)
Video: Brandenburg Aktuell | 21.07.2021 | P. Manske | Bild: dpa/P. Pleul

Mehr als jeder dritte Bahnhof gilt in Brandenburg offiziell nicht als barrierefrei. Doch im Alltag gibt es oft selbst dort Hürden, wo alles frei sein sollte. Von Oliver Noffke (Text) und Götz Gringmuth Dallmer (Grafik)

Thomas Schirmer ist viel mit der Bahn unterwegs. Beruflich ist er darauf angewiesen und privat reist er, so oft es geht. Seit Jahresbeginn hat der Cottbuser bereits 100 Fahrten zurückgelegt – doch auf 40 dieser Reisen ging etwas schief.

Schirmer ist kein besonderer Pechvogel, wenn es um Bahnreisen geht. Er hat eine starke Sehbehinderung und ist auf barrierefreie Bahnhöfe und Züge angewiesen, oft auf Informationen von Mitarbeitern.

"Ohne Planung geht gar nichts", sagt er. Mindestens 24 Stunden vorher meldet er seine Reise bei der Mobilitäts-Service-Zentrale der Deutschen Bahn an. Erst am Freitag hieß es dabei: "Die Hilfeleistung an Station und Service ist nicht möglich, weil Personal verplant ist."

In solchen Fällen sollte ihm eigentlich ein Kundenbetreuer zur Seite gestellt werden. 26 Mal hat das in diesem Jahr für Thomas Schirmer bisher nicht geklappt, auf jeder vierten Fahrt. "Die Unfallgefahr ist in solchen Fällen natürlich sehr hoch."

Jeder dritte Bahnhof ist nicht barrierefrei

In Brandenburg gibt es 343 Bahnhöfe. 36 davon werden auch oder ausschließlich von der Berliner S-Bahn angefahren. Laut dem Verkehrsbund Berlin-Brandenburg (VBB) sind 201 davon barrierefrei (Stand: September 2020). 118 Bahnhöfe – also mehr als jeder dritte – ist gar nicht barrierefrei. 24 sind es zumindest teilweise, mal fehlt ein Blindenleitsystem, mal ein stufenloser Zugang.

Doch selbst was von der Statistik als barrierefreier Bahnhof gezählt wird, ist oftmals nicht ohne Weiteres benutzbar. Der Hauptbahnhof Cottbus zum Beispiel. Bei einer Renovierung hat er ein Blindenleitsystem bekommen. Thomas Schirmer muss trotzdem auf seine Erfahrung bauen, um zu wissen, wann der richtige Aufgang zu seinem Bahnsteig kommt. Im Tunnel zu den Gleisen und in der Vorhalle seien die geriffelten Fliesen, an denen er sich mit einem Blindenstock orientieren könne, für ihn nicht ohne Weiteres nutzbar, sagt er.

Auch technische Defekte können eine Zugreise für Betroffene zum Albtraum werden lassen, wie Landesbehindertenbeauftragte Janny Armbruster sagt. "Es fehlt meines Erachtens am politischen Willen und vor allem in den Kommunen an den finanziellen Mitteln, den ÖPNV barrierefrei zu entwickeln."

Vor Kurzem sei ein Rollstuhlfahrer auf dem Bahnhof Cottbus gestrandet, erzählt Armbruster. Die Bahn wusste davon, denn die Fahrt war angemeldet. Auch von dem kaputten Fahrstuhl am Gleis habe die Bahn gewusst. Dennoch sei der Zug nicht auf ein anderes Gleis umgeleitet worden. Der Rollstuhlfahrer, der um 14 Uhr ankam, war im Ergebnis um 20 Uhr zu Hause.

"Die Bahn hat versagt in der Kommunikation mit der Kommune, die wiederum zuständig ist für den Fahrstuhlbetrieb", sagt Armbruster. An dieser Stelle offenbare sich das deutsche Zuständigkeitsproblem. "Hier muss es eigentlich ein Alarmsystem geben, damit alle sehen: Okay, hier gibt es ein Problem."

Stark variierende Bahnsteighöhen sind eine große Hürde

Ist der Weg zum Gleis überwunden, kommen die nächsten potenziellen Hürden. Was für ein Zug fährt eigentlich ein? Liegen die Türen auf einer Höhe mit dem Bahnsteig? Weiß das Zugpersonal Bescheid, dass jemand nicht genug sieht, um sicher einsteigen zu können?

Thomas Schirmer sagt, er erkenne mittlerweile an den Geräuschen bei der Einfahrt in den Bahnhof, was für ein Zug halten werde. E-Lok oder Diesel sei erkennbar, aber auch ein doppelstöckiger Zug klinge beim Bremsen anders als ein einfacher.

Genau dieses Wissen kann einen entscheidenden Unterschied machen. Er weiß dann, wo er sich ungefähr am Bahnsteig positionieren muss. Für Menschen in Rollstuhl oder mit Rollator ist die Frage nach dem Zug ebenfalls wichtig, denn ein stufenloser Einstieg ist für sie unabdingbar. Aber: Die Sache ist kompliziert.

In Brandenburg variieren die Bahnsteighöhen stark. Zwischen Frankfurt (Oder) und Cottbus liegt so gut wie jeder Bahnsteig niedriger als 38 Zentimeter, ebenso an vielen Stopps auf Nebenstrecken. Meist handelt es sich um recht alte Bahnhöfe. An S-Bahnhöfen wiederum liegen 96 Zentimeter zwischen Gleisbett und Bahnsteig, was mit dem technischen Aufbau der S-Bahnzüge zusammenhängt.

Und was gilt nun als barrierefrei? Das Allgemeine Eisenbahngesetz definiert eine barrierefreie Einstiegshöhe mit 76 Zentimetern - ideal für Fernzüge und einstöckige Regionalbahnen. Bei doppelstöckigen Zügen liegt der Einstieg allerdings ganze 21 Zentimeter niedriger, nämlich bei 55 Zentimetern.

Eine Differenz, die schnell eine unüberwindbare Stufe darstellt. Nicht jeder Zug ist also an jedem Bahnsteig stufenlos erreichbar - und das selbst dann, wenn der Bahnhof grundsätzlich nach VBB-Einstufung als barrierefrei gilt.

Was, wenn ein Ersatzzug kommt?

Verantwortlich für den baulichen Zustand der Bahnhöfe ist der Betreiber, in der Regel die DB Station und Services. Welche Züge im Regionalverkehr fahren sollen, organisieren wiederum die Länder. Im September 2019 hat Brandenburg über den Bundesrat eine Initiative eingebracht, mit der auch Bahnsteige vom Gesetz als barrierefrei eingestuft werden sollen, die von doppelstöckigen Zügen angefahren werden.

Alles andere gehe an der "Lebenswirklichkeit" vorbei, teilte die damalige Verkehrsministerin Kathrin Schneider (SPD) dazu mit. Man wolle schnell Barrierefreiheit umsetzen, aber schließlich seien gerade auf Pendlerstrecken Doppelstockzüge sinnvoll.

Momentan hängt die Initiative im Getriebe der Gesetzgebung fest. Der Bundesrat stimmte dem Vorschlag aus Brandenburg zu, die Bundeskanzlerin bat den Bundestagspräsidenten kurz darauf, dass der Bundestag bitte darüber diskutieren solle. Doch wann das geschehen soll, ist bisher nicht absehbar, wie eine Anfrage des rbb ergab.

Wenn Bahnsteige mit einer bestimmten Höhe per Gesetz als barrierefrei gelten sollen, es in der Realität aber nicht sind, sorgt das vor allem für Unsicherheit. Und wenn dann vom Ersatzzug abhängt, ob der Einstieg noch stufenlos ist, kann die aufwendige Planung einer Person im Rollstuhl vollkommen unnütz sein.

Nerven, anders geht es nicht

Dass so viele Faktoren ineinandergreifen müssten, um den Betroffenen eine sichere Reise zu garantieren, sei ziemlich ärgerlich, sagt Janny Armbruster. "Ich wünschte mir, dass wir immer von den Bedürfnissen der Schwächsten unserer Gesellschaft her denken", sagt sie. "Also: Was bedeutet es für Rollstuhlfahrer oder Menschen mit Rollatoren, wenn dieser Fahrstuhl nicht funktioniert?" Dann würden Probleme ausgeräumt, bevor Betroffene wirklich behindert werden. "Ziel muss es sein, dass Menschen mit Behinderungen selbstbestimmt reisen können."

Thomas Schirmers renitentes Auftreten hat ihn auch auf anderen Wegen weitergebracht. Er wurde vom Fahrgastverband Pro Bahn als Mitglied geworben. Mittlerweile setzt er sich in Brandenburg für die Belange behinderter Zugreisender ein.

Er sagt, er nerve die zuständigen Stellen auch, bis er seine Informationen bekomme. Anders geht es nicht. "Die Hilfeleistung muss zuverlässiger werden und informativer“, sagt er, "dann muss die Kommunikation zwischen der Mobilitäts-Service-Zentrale und den Verkehrsunternehmen verbessert werden." Es komme schonmal vor, dass er Reisen anmeldet und dann niemand davon wisse.

Sendung: Brandenburg aktuell, 21.07.2021, 19.30 Uhr

Beitrag von Götz Gringmuth-Dallmer und Oliver Noffke, Mitarbeit Antonietta Miro

3 Kommentare

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  1. 3.

    1905 wurde in der Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung Bahnsteighöhen von 38 cm und 76 cm vorgeschrieben. Zwischen den 70ern und 1991 waren auf dem Gebiet der ehemaligen DDR auch 55 cm gemäß UIC-Norm für Neubauten zulässig. Mit der Dritten Verordnung zur Änderung der Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung vom Mai 1991 war das aber wieder Geschichte. Anfang 2019 erhielt die ODEG den Zuschlag für den RE1 und plant den Einsatz von Zügen, die an 76cm-Bahnsteigen barrierefrei sind. Im September 2019 will das Land Brandenburg immer noch an 55cm-Bahnsteigen festhalten. Über den (Un-)Sinn von 55 cm oder 76 cm kann man viel diskutieren. Nur darf man als Landesregierung das nicht als Ausrede missbrauchen, dass man nichts tun wolle. Gerade beim RE1 müssen bekanntlich eh viele Bahnsteige umgebaut werden. Auf der Strecke Berlin-Dresden hatte das Land das bei acht von achtzehn Bahnsteigen versäumt, weil es mit dem Kopf durch die Wand wollte. Bahnsteigen können 100 Jahre halten, Züge aber nur 30.

  2. 2.

    In Sedlitz kommt man noch nicht mal von einem Bahnsteig zum anderen.
    Es gibt da zwar eine Unterführung unter den Gleisen. Doch ist weder eine Rolltreppe noch einen Fahrstuhl vorhanden um überhaupt, als Geh oder anderweitig Behinderter, von einem zum anderen Bahnsteig zu gelangen.
    Soviel zum Thema Seenland und Tourismus.

  3. 1.

    Die entsprechend qualifizierten Betroffenen einstellen und selber planen lassen kann viel nützlicher sein. Wenn man wirklich will, geht so einiges...

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