Reaktion auf rbb|24-Recherche - Barrierefreiheit in allen BVG-Bahnhöfen wird 2022 nicht erreicht

Ein Rollstuhlfahrer verlässt am 10.02.2016 in Berlin im U-Bahnhof Neue Grottkauer Straße den Bahnhof über eine Rampe. Quelle: dpa/Klaus-Dietmar Gabbert
Bild: dpa/Klaus-Dietmar Gabbert

In Berlin und Brandenburg verfehlen Verkehrsbetriebe das gesetzlich vorgeschriebene Ziel, alle Bahnhöfe bis 2022 barrierefrei umzubauen. Aus beiden Ländern heißt es: Das Vorhaben sei in der vorgegebenen Zeit nicht zu schaffen gewesen.

Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) werden das gesetzlich vorgeschriebene Ziel verfehlen, dass der Nahverkehr ab kommendem Jahr bundesweit barrierefrei sein soll. Die Vorstandsvorsitzende der BVG, Eva Kreienkamp, bestätigte dies am Mittwoch in der rbb-Abendschau und reagierte damit auf eine Recherche von rbb|24.

Man bemühe sich ernsthaft, die Berliner U-Bahnhöfe etwa mit Fahrstühlen auszustatten, sagte die BVG-Chefin. Veränderungen an einem alten System brächten aber immer unvorhersehbare Probleme mit sich. Außerdem könne man nicht alle Bahnhöfe zur gleichen Zeit umbauen.

36 U-Bahnhöfe nicht stufenlos erreichbar

rbbl24 hatte zuvor über den Verzug beim Ausbau barrierefreier Bahnhöfe in Berlin berichtet. Demnach sind von den 175 U-Bahnhöfen in Berlin 36 nicht stufenlos erreichbar – also mehr als jeder fünfte. Unter den 139 stufenlos erreichbaren Bahnhöfen verfügen 131 über einen Aufzug zum Bahnsteig, acht über eine Rampe. Hinzu kommt, dass an 45 U-Bahnhöfen ein Blindenleitsystem fehlt. Hauptsächlich werden dazu geriffelte, helle Fliesen in die Böden eingelassen, die ein sicheres Navigieren per Taststock ermöglichen. Konkret heißt das: Nur 120 Bahnhöfe sind derzeit sowohl für Menschen mit Gehbehinderungen als auch für Menschen mit Sehbehinderungen geeignet.

Als Übergangslösung werde die BVG Hilfe für Fahrgäste mit Handicap anbieten. Über eine App sollen sie Unterstützung anfordern können. Laut der BVG-Chefin werden sie dann individuell an ihren Zielort gefahren.

118 Bahnhöfe in Brandenburg nicht barrierefrei

In Brandenburg müssen Fahrgäste mit Rollstuhl oder einer Sehbehinderung ebenfalls länger auf barrierefreie Bahnhöfe warten. Von den insgesamt 343 Bahnhöfen im Land werden 36 auch oder ausschließlich von der Berliner S-Bahn angefahren. Laut dem Verkehrsbund Berlin-Brandenburg (VBB) sind 201 davon barrierefrei (Stand: September 2020). 118 Bahnhöfe – also mehr als jeder dritte – sind gar nicht barrierefrei. 24 sind es zumindest teilweise, mal fehlt ein Blindenleitsystem, mal ein stufenloser Zugang.

Landesbehindertenbeauftragte Janny Armbruster (Grüne) sagte am Mittwoch in Brandenburg Aktuell, das Land könne den jetzigen Zustand der Bahnhöfe nicht hinnehmen. Zugleich betonte Armbruster, dass das Ziel, den Umbau in dem vorgesehenen Zeitraum zu stemmen, aufgrund der Finanzierung der Baumaßnahmen zu ambitioniert gesetzt worden sei. "Bund, Land und Kommunen müssen sehen, dass sie den Ausbau nun gemeinsam mit voranbringen", sagte Armbruster.

Sendungen: Abendschau und Brandenburg Aktuell, 21.07.2021, 19.30 Uhr

6 Kommentare

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  1. 6.

    Dazu kommt, dass angeblich voll barrierefreie Verbindungen es überhaupt nicht sind. Entweder funktioniert der Fahrstuhl doch nicht oder die Einstiegskanten sind so hoch, dass man mit Elektrorollstuhl kaum einsteigen kann. Wenn es dann noch nass ist, die Räder daher weniger Halt haben, ist es ganz aus.

    Davon, dass der Weiterbau der U-Bahn z.B. ins Märkische Viertel nicht mit Hochdruck weiter verfolgt wird, so dass dort (und anderswo) die Busse hoffnungslos überfüllt sind, es kaum Platz für Einkäufe in den Bussen gibt usw. ganz zu schweigen. Alternativen wie ein geförderter Lieferdienst, der neben Paketen auch Einkäufe nach Hause bringt, werden nicht einmal erwogen. Und dann wundert man sich, dass die Menschen immer mehr im Internet kaufen.

    Statt die Öffis zu einer echten Alternative zu machen, die man gerne nutzt, wird versucht das Auto zu verdrängen.

  2. 5.

    2011 und 2015 hatte die BVG jeweils stolz verkündet, dass die Bahnhöfe bis 2020 barrierefrei sein sollten.

  3. 4.

    Was die Bauleute auf den Baustellen Bismarckstraße und Sophiechalotteplatz an zeit für den Umbau und den einbau des Fahrstuhls benötigt haben und zum Teil wegen fehlender Fliesen immer noch, geht auf keine Kuhhaut. Wo es am Sophchaloteplatz auf Polizei seite noch recht flott ging, macht man auf der anderen Seite durch fehlendw Kenntnis der Versorgungsleitungen viel Zeit und Probegrabungen sich keine Ehre. Die Bauzeit verlaengerte sich stetig.

  4. 3.

    Das isr zwar nicht schön, aber die BVG gibt es zu und arbeitet dran also - „Lieber eine ehrliche Ohrfeige als ein falscher Kuß“ ;-)

  5. 2.

    Gründe, warum die Menschenrechtskonvention nicht eingehalten wird, gibt es viele. Verzögert wurde z.B. der Einbau eines Aufzuges am U-Bahnhof Möckernbrücke die das Stadtenwicklungamt des Baustadtrates Schmidt. Das hatte im Februar 2019 zunächst eine Aufzug abgelehnt. Erst im Dezember 2019 wurde die Ablehnung nach Protesten der Behindertenverbände aufgehoben.

    Eine Verarschung der Gehvehinderten ist der Bahnhof Elsterwerdaer Platz mit seiner viel zu steilen und langen Rampe, dem der RBB sogar grünes Licht gibt, obwohl er eben nicht barrierefrei ist ist.

  6. 1.

    Es ist gut, dass endlich eine gesetzliche Verpflichtung zur Barrierefreiheit besteht. Ich habe selbst miterlebt, wie die Deutsche Bahn Verkehrszählungen in die Ferienzeit gelegt hat, nur um Fahrgastzahlen in ihrem Sinne herunter zu drücken, damit kein Ausbau erforderlich ist. Zurzeit wird endlich ausgebaut. Allerdings müssen umfangreiche Anpassungen gemacht werden, die damals bei der Tunnelsanierung gleich mitgeplant hätten können. So wird es teuer und die Arbeiten sind bereits Monate in Verzug. Da wundert es dann nicht, dass das nicht zu schaffen ist. Statt günstiger Rampen werden fast immer Fahrstühle verbaut. Die dann oft verdreckt und defekt sind. Ein kaputter Fahrstuhl ist am Ende genauso wenig barrierefrei wie kein Fahrstuhl. Traurig, wie da mit Steuergeld umgegangen wird.

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