Erdogan-Kritiker - Türkischer Exil-Journalist Acarer in Berlin angegriffen

Archivbild: Erk Acerer, türkischer Journalist, am 09.05.2017 bei der taz in Berlin. (Quelle: imago images/Jürgen Heinrich)
Audio: Inforadio | 08.07.2021 | Thomas Weber | Bild: imago images/Jürgen Heinrich

Der Exil-Journalist Erk Acarer ist in Berlin von drei unbekannten Männern angegriffen und verletzt worden. Er vermutet Anhänger des türkischen Präsidenten Erdogan hinter der Attacke. Politiker und Journalistenorganisationen fordern Konsequenzen.

Der regierungskritische türkische Journalist Erk Acarer, der im deutschen Exil lebt, ist in Berlin angegriffen worden. Nach Angaben der Polizei wurde Acarer am Mittwochabend im Bezirk
Neukölln von mehreren Angreifern verletzt. Er erlitt eine Wunde am Kopf und wurde medizinisch behandelt.

Der Angriff ereignete sich demnach gegen 21:50 Uhr im Innenhof seines Wohnhauses im Stadtteil Rudow. Zwei Männer hätten den 48-jährigen Journalisten geschlagen und getreten, ein dritter Mann habe die Umgebung beobachtet. Als Zeugen aufmerksam wurden, seien die Männer geflohen, teilte die Polizei am Donnerstag mit.

Der für politisch motivierte Taten zuständige Staatsschutz im Landeskriminalamt (LKA) ermittelt. Zahlreiche Journalisten und Politiker erklärten sich solidarisch mit Acarer. Die Polizei äußerte sich zunächst nicht dazu, wer hinter dem Angriff stecken könnte.

"Du wirst nicht schreiben"

Nach dem Angriff twitterte Acarer am Mittwochabend ein Foto von sich und schrieb dazu auf Türkisch: "Ich bin in meinem Haus in Berlin mit Messer und Faust angegriffen worden." Er sei nicht in Lebensgefahr, habe einige Schwellungen am Kopf und sei im Krankenhaus. "Ich kenne die Täter. Ich werde niemals vor dem Faschismus kapitulieren." Er und seine Familie stünden unter Polizeischutz.

In einem Video von Donnerstagmorgen sprach der Journalist von drei Angreifern mit Waffen. Einer von ihnen habe gesagt: "Du wirst nicht schreiben." Weil viele Zeugen im Hof gewesen seien, hätten die Angreifer die Waffen nicht benutzen können. Weiter sagte er: "Dieser Angriff ist der Beweis dafür, dass alles, was wir gegen die islamistische und faschistische AKP-MHP-Regierung geschrieben und gesagt haben, korrekt ist."

Acarer ging 2017 ins Exil

Die islamisch-nationalistische AKP ist die Partei des regierenden Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Sie bildet ein Regierungsbündnis mit der ultranationalistischen MHP, ohne die sie im Parlament keine Mehrheit hätte. Die MHP steht zudem der rechtsextremistischen türkischen Bewegung der "Grauen Wölfe" ("Ülkücü"-Bewegung) in Deutschland nahe. Staatschef Erdogan geht seit Jahren massiv gegen türkische Oppositionelle vor - auch unter Missachtung der Pressefreiheit.

Acarer war im April 2017 mithilfe von "Reporter ohne Grenzen" (RSF) mit seiner Familie nach Berlin gekommen. Davor hatte er zuletzt für die linke regierungskritische Tageszeitung "Birgün" über islamistischen Terror, Fundamentalismus und den Krieg in Syrien berichtet.

Aktuell weist Acarer auf seinem Twitter-Profil auf sein Buch "Die IS und die Türkei" aus dem Jahr 2017 hin. Darin geht es auch um IS-Strukturen in der Türkei und um den von vielen Seiten erhobenen Vorwurf, die türkische Regierung habe lange Zeit mit dem IS kooperiert.

Wegen seiner kritischen Berichterstattung sei Acarer in der Türkei immer wieder bedroht worden, erklärte "Reporter ohne Grenzen". Acarer wurde in der Türkei auch angeklagt. Vorgeworfen wurden ihm und seinen Kollegen die Veröffentlichung von geheimen Informationen zur staatlichen Sicherheit und zu Geheimdienstaktivitäten. Hintergrund waren nach Angaben von Amnesty International unter anderem Berichte über einen in Libyen getöteten Mitarbeiter des türkischen Geheimdienstes.

Özdemir: "Ungeheuerlich"

Reporter ohne Grenzen erklärte am Donnerstag, der Angriff sei besorgniserregend und könnte andere Exiljournalistinnen und -journalisten einschüchtern. "Medienschaffende im Exil sind vor Repressionen in ihren Heimatländern geflohen", sagte RSF-Geschäftsführer Christian Mihr. "Sie müssen sich hier sicher fühlen können."

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir twitterte: "Es ist ungeheuerlich, dass Exilanten aus der Türkei hierzulande Angst haben müssen um ihre Sicherheit. (...) Bin auf die Reaktion der Bundesregierung gespannt." Die Linke-Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen schrieb: "Erdogans Schergen greifen in Berlin einen Exil-Journalisten in seiner Wohnung mit Messern an. Wie lange will die Bundesregierung dem lebensgefährlichen Treiben des Erdogan-Netzwerks noch zuschauen?" Auch viele türkischstämmige Journalisten warfen Erdogan vor, für den Angriff verantwortlich zu sein.

Dündar: "direkte Botschaft" von Erdogan

Der ebenfalls im deutschen Exil lebende türkische Journalist Can Dündar wertete den Angriff als "direkte Botschaft" des türkischen Staatschefs Recep Tayyip Erdogan, der damit deutlich machen wolle, dass die Türkei "einen regimekritischen Journalisten sogar in Berlin angreifen" könne. Auch die Journalistin Mesale Tolu, die 2017 mehrere Monate in der Türkei in Untersuchungshaft saß, verurteilte den Angriff.

Solidaritäts-Demo am Kottbusser Tor

Am Donnerstagabend fand eine Demonstration in Solidarität mit Erk Acarer und anderen Exil-Journalistinnen und -journalisten aus der Türkei am Kottbusser Tor statt. Das hatte zuvor der RSF-Geschäftsführer Mihr auf Twitter angekündigt. Rund 200 Menschen nahmen an der Demo teil.

Sendung: Inforadio, 08.07.2021, 7 Uhr

32 Kommentare

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  1. 32.

    Leider sehr treffender Kommentar, auch wenn den wohl ein Herr wieder nicht verstanden hat. Das Problem ist, dass die EU sich Erdogan so weit ausgeliefert und selbiger innerhalb der EU, vor allem aber in Deutschland, treue und fanatische Anhänger hat, dass man kaum noch Handlungsmöglichkeiten gegen diesen Diktatoren hat. Mich erinnert das Schweigen und Stillhalten fatal an das Jahr 1938. Alle hoffen, es würde schon irgendwie gut gehen und dann geht es richtig schief.

  2. 31.

    Der beste Kommentar hier den ich mich anschliesse.
    Sehr gut formuliert und den Tatsachen entsprechend.

  3. 30.

    Was für ein wirrer und weltfremder Kommentar. Was wäre die Alternative? Sich in der Türkei verhaften und foltern lassen?

    Und ich glaube kaum dass Dissidenten diesen Despoten wählen. Ich bin froh dass sich z.B. ein Heinrich Mann ins Ausland retten konnte als hier die NS Barberei wütete.

  4. 29.

    Wer vor dem "Sultan vom Bosporus" flieht und ausgerechnet in Berlin meint, vor dem und seinen Schergen sicher zu sein, hätte sich die Reise ins Ausland sparen und gleich neben dem überdimensionierten Präsidentenpalst in Türkiens Hauptstadt ein Zelt errichten und dort wohnen können. Vermutlich hat Erdogan in Berlin und Deutschland mehr Anhänger als sonst wo in der Welt.
    Die wohnen immerhin noch weit genug weg von Ankara um das Elend der dezimierten Demokraten dort nicht sehen zu müssen, aber noch dicht genug dran, um ihn wenigstens wählen zu können. Schön, wenn man sich ins Ausland absetzen, in Neukölln seine Freiheiten leben und im Herkunftsland am "Osmanischen Reich" bauen kann.
    Mit einem gewissen Abstand sieht Scheiße eben wie Schokolade aus.

  5. 28.

    Ich halte Deutschland inzwischen für eines der tollerantesten und weltoffensten Länder der Welt. Rassismus ist in vielen Ländern weit verbreitet und hier waren es scheinbar Türken, die einen Türken angegriffen haben.
    Im Gegensatz zu Snowden oder Assange besteht für Herr Acerer die Möglichkeit auf Exil ohne Auslieferung an die Türkei und die Ausübung der Pressefreiheit sowie Polizeischutz. Wie soll die Hilfe Ihrer Meinung nach denn noch aussehen? Wie soll der Einfluss Erdogans verhindert werden, außer durch Ausweisung von Unterstützern, was oftmals aufgrund der deutschen Staatsbürgerschaft nicht gelingen dürfte? Gegen Straftaten gibt es Gesetze.
    @Daniel - Snowden ist in Russland, weil wir ihm das Exil verweigert haben. Ansonsten hat "Düsentrieb" es schon wunderbar geschrieben. Einfach mal schlau machen, was damals los war! Ich sprach von politisch Verfolgten, nicht von "Helden"! Hinzudichten der eigenen Meinung ist scheinbar Mode.

  6. 27.

    Sie schreiben:

    "Zur Not. Ja. Direkt NACH der Haftstrafe. Angenommen die (wohl mit Messern bewaffneten) Täter leben hier vll mit Ihren Famien und haben die deutsche Staatsbürgerschaft NICHT inne, wäre das ein deutliches Signal, dass wir pol. motivierte Anschläge hier nicht dulden. JEDER dieser Fanatiker würde sich somit 2x überlegen, ob er solch eine Tat begeht, weil er somit sein Recht verwirkt, hier zu leben."

    Da rennen Sie eigentlich offene Türen ein. Denn sollte es sich bei den Tätern um Türken handeln, dann werden die wohl ziemlich sicher nach Strafverbüßung abgeschoben.

  7. 26.

    "Warum hören so wenige zu?"

    Gute Frage. Es scheitert ja schon an winzigen Bekenntnissen zur Demokratie, siehe Regenbogenfarben und Pressefeind Nr. 1 in Europa, Orban und sein Regime.

    Die Demokratiefeinde werden immer mehr, bei uns, in der EU und weltweit.

  8. 25.

    Ich unterstütze Herrn Acarer und wünsche ihm gute Besserung und weiter viel Mut in seiner Berichterstattung. Journalisten müssen ihre wichtige Arbeit machen dürfen, ohne Gewalt. Unsere Demokratie ist in Gefahr. Leider begreifen viele Menschen den Zusammenhang von freier Meinungsäußerung und Gewaltlosigkeit nicht. Im Übrigen ist es für mich wichtig, dass Journalisten, Rettungskräfte und alle anderen Arbeitenden ihre Berufe ohne Gewalt von hirnlosen Einzeltätern ausüben können. Die Demokratie ist durch Hass und Gewaltbereitschaft in Gefahr. Viele Autoren, Liedermacher, Bands, Schauspieler etc. weisen immer wieder darauf hin. Warum hören so wenige zu?

  9. 24.

    Schon vergessen wie Snowden dort hinkam? Oder gar nicht kapiert wie das gelaufen ist? Ganz schön Millennial, ey.

  10. 22.

    Wer spricht den von den "Grauen Wölfen"? In deutschen Parlamenten sitzen Rechtsextreme und Faschisten. Von Gerichten und Behörden amtlich festgestellt.

  11. 21.

    Ach, da ist ja der Erste! Die „Logik“, die Sie da anwenden, muss man erst mal versuchen, nachzuvollziehen!

  12. 20.

    Echt? In welchen deutschen Parlamenten sitzen denn die grauen Wölfe?

  13. 19.

    Zur Not. Ja. Direkt NACH der Haftstrafe. Angenommen die (wohl mit Messern bewaffneten) Täter leben hier vll mit Ihren Famien und haben die deutsche Staatsbürgerschaft NICHT inne, wäre das ein deutliches Signal, dass wir pol. motivierte Anschläge hier nicht dulden. JEDER dieser Fanatiker würde sich somit 2x überlegen, ob er solch eine Tat begeht, weil er somit sein Recht verwirkt, hier zu leben.

  14. 18.

    "In Deutschland wählen 65,7 Prozent der hier lebenden Türken Erdogan."

    Das ist falsch. Es sind vielmehr (bzw vielweniger...) 65,7 % der in Deutschland lebenden Türken, die gewählt haben. Auch bei den Türken gibt es nämlich Nichtwähler....

  15. 17.

    Sie schrteiben:


    In Deutschland wählen 65,7 Prozent der hier lebenden Türken Erdogan.

    Der Türken, die a) wahlberechtigt sind und b) auch wählen.

    Aus der Frankfurter Rundschau:

    " Von den 3,5 Millionen türkischstämmigen Einwohnern in Deutschland sind bloß 1,4 Millionen türkische Staatsbürger und damit wahlberechtigt. Von diesen 1,4 Millionen haben rund 700 000 abgestimmt. 450 000 votierten für die Präsidialverfassung. Das bedeutet unter dem Strich: 450 000 von 3,5 Millionen Deutschtürken stärkten Erdogan den Rücken."

    Es lohnt sich immer, Zahlen etwas näher zu betrachten.

  16. 16.

    "Im Gegenteil, beide Parteien möchten eine faktisch ungesteuerte Migration."

    Und was genau hat das mit dem Thema zu tun? Nichts.

  17. 15.

    "Das würde aber eine robuste Migratiomnspolitk an den EU Aussengrenzen erfordern. Das möchten Özdemir und Dagdalen aber auch nicht. Im Gegenteil, beide Parteien möchten eine faktisch ungesteuerte Migration. "

    Und wieder mißbrauchen die hier bekannten Rechtsextremisten ein Thema für ihre widerliche Gesinnung!

  18. 14.

    "Wer für Erdogan und damit gegen unsere demokratischen Werte ist, sollte keinen Aufenthaltstitel bekommen können.",

    In Deutschland wählen 65,7 Prozent der hier lebenden Türken Erdogan.

    https://www.focus.de/politik/ausland/tuerkei-wahl-erdogans-wahl-sieg-provokationen-wecken-zorn-bei-tuerken-in-deutschland-viele-waehlen-ihn-aus-trotz_id_9155532.html

  19. 13.

    Sie schreiben:

    " Ein gutes Zeichen wäre es vll bei diesem versuchten politisch motivierten MORDANSCHLAG, die Täter umgehend in Ihre Heimat auszuweisen, sofern die Täterschaft bewiesen ist."

    Nehmen wir mal an, daß die Täter türkische Staatsbürger sind. Was ja überhaupt nicht klar ist.

    Wollen Sie die wirklich in die Türkei ausweisen? Wo sie dann mit Sicherheit straffrei ausgehen und vielleicht noch mit Orden behängt werden?

    Das kann es doch wohl nicht sein.

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