Interview | Denkmal in Kreuzberg gefordert - "Es ist jetzt an der Zeit, die Leistungen der Gastarbeiter zu würdigen"

Archivbild: Eine türkische Gastarbeiterfamilie lässt am 19.09.1984 auf dem Mariannenplatz in Berlin-Kreuzberg ein Familienfoto von sich machen. (Quelle: dpa/Chris Hoffmann)
Video: rbb|24 | 27.07.2021 | Material: Abendschau | Bild: dpa/Chris Hoffmann

Die SPD-Bezirksabgeordnete Sevim Aydin will ein Denkmal für die erste Generation von Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern in Berlin-Kreuzberg aufstellen. Im Interview erklärt sie, warum sie eine solche Erinnerungsstätte für wichtig hält.

rbb: Frau Aydin, wir trinken polnischen Wodka, essen türkische Baklava, italienische Küche gehört sowieso schon lange fest in unseren Speiseplan. Deutschland wäre in seiner heutigen Form ohne Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen kaum denkbar. Warum brauchen wir ein Denkmal für sie?

Sevim Aydin: Wenn wir ein bisschen zurückblicken: Dieses Jahr im Oktober werden wir 60 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen feiern. Das erste Anwerbeabkommen wurde mit Italien 1955 abgeschlossenen, dann kamen Spanien, Griechenland und 1961 die Türkei. Danach Marokko, Portugal, Tunesien und auch Jugoslawien. Ich denke, gerade die erste Generation hat vieles geleistet und zum Wirtschaftswunder in Deutschland beigetragen. Doch wir reden viel zu wenig über deren Leistungen und auch im öffentlichen Erinnerungsraum ist davon wenig die Rede.

Ich finde, dass es jetzt einfach an der Zeit ist, die Leistungen der Gastarbeiter zu würdigen und zu erinnern. Das ist für mich eine Art Akzeptanz und Anerkennung. Sie wissen, der Impfstoff kam, und wir wir haben von Gastarbeiterkindern wie Ugur Sahin und Özlem Türeci gesprochen (Anm.d.Red.: die Biontech-Gründer). Wir haben zahlreiche Gastarbeiterkinder, die Journalisten, Filmemacher, Schauspieler sind. Aber wir reden halt zu wenig über die erste Generation, über unsere Väter und Mütter, die vieles gemacht haben für ihre Kinder und auch für dieses Land. Das ist mein Ansporn und mein Ansatz.

Wahlplakat der SPD mit Kandidation Sevim Aydin in Berlin. (Quelle: imago images)
Sevim Aydin ist Vize-Chefin der SPD-Fraktion in der BVV Friedrichshain-Kreuzberg | Bild: imago images

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Inzwischen hat jeder vierte Deutsche Migrationshintergrund, das macht auch die Vielfalt Deutschlands aus. Doch dafür fehlt stellenweise noch immer das Bewusstsein. Warum ist das so?

Das hat vielleicht auch mit der Geschichte zu tun. Es waren Gastarbeiter. Man hatte immer die Vorstellung, die werden gehen. Aber sie sind geblieben. Und der Satz von Max Frisch ist immer noch aktuell: 'Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen'.

Ich finde, man sollte anfangen, über die Erfolge der Migranten zu berichten. Vielleicht reden wir viel zu wenig über die Erfolge und sehen immer die Missstände. Aber für die Missstände hat die Politik oder auch das Land selbst auch etwas beigetragen. Wir haben die Industrie aufgebaut. Es wurden damals keine gebildeten Menschen reingeholt, sondern Menschen, die körperliche Arbeit leisten sollen. Aber man hat etwa nicht dafür gesorgt, dass sie weitergebildet werden. Heutzutage würden wir ganz anders denken. Schon wenn wir jetzt die Digitalisierung haben, denken wir ja schon, wie wir die Arbeitnehmer weiterbilden. Aber diese Schritte wurden nicht gemacht.

Die Idee für ein solches Denkmal gibt es schon in anderen Städten. In Frankfurt zum Beispiel laufen die Planungen seit 2001 – also seit 20 Jahren. In Dortmund ist auch eine Idee sehr, sehr positiv aufgenommen worden, wird jetzt aber immer geprüft. Wie optimistisch sind Sie, dass Ihr Vorschlag für ein Denkmal in Kreuzberg schneller durchgewunken wird?

Ich denke, Berlin ist bereit. Ich glaube, hier gab es immer eine gewisse linke Politik, und ich hoffe, dass viele dafür stehen und es schneller umgesetzt wird. Ich bin sogar der Auffassung, wir sind spät dran in Berlin, gerade die Bevölkerung hier ist einfach vielfältig und bunt. Wenn ich eine Idee habe, bin ich natürlich erst mal Optimistin und werde dafür kämpfen.

Ist es nicht so, dass, wenn man einer Sache ein Denkmal setzt, man sich immer weiter von diesem Denkmal entfernt und sich denkt: Damit muss ich mich jetzt eigentlich nicht mehr so richtig beschäftigen?

Ich glaube, das hängt dann von der Person ab, die es voranbringen möchte. Natürlich müssen die anderen Parteien auch mitmachen. Das ist die Voraussetzung. Aber ich glaube, gerade in Berlin spricht wirklich nichts dagegen. Insofern erwarte ich von allen Parteien, die hier in Berlin aktiv sind, auf Bezirk- und Landesebene, dass das unterstützt wird.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Sevim Aydin sprach Max Spallek für Radioeins. Der Beitrag ist leicht gekürzt und redaktionell bearbeitet. Das Originalinterview können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Aufmacherbild nachhören.

Sendung: Radioeins, 26.07.2021, 15:15 Uhr

18 Kommentare

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  1. 18.

    Niemand wurde "alleingelassen", Jeder hat die Chance gehabt. Es ist in keinem Einwanderungsland der Welt so, daß besonderer Aufwand betrieben wird, daß die Einwanderer die Minimalvoraussetzungen vom Einwanderungsland bezahlt bekommen. In Australien werden sie erst gar nicht ins Land gelassen, wenn sie die entsprechenden Sprachkenntnisse und beruflichen Fähigkeiten nicht besitzen. Da müssen die sich schon selbst drum kümmern.

  2. 17.

    Danke an alle Gastarbeiter auf diesem Wege.
    Ihr habt auch dazu beigetragen, daß mein Leben mit Wohlstand begleitet war.

  3. 16.

    "Was das ganze mit rechts zu tun hat, erschließt sich auch nicht so ganz."
    Dein Zitat "Gastarbeiter würden Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen" gilt doch mittlerweile als rechte Sichtweise,daher dachte ich,du willst darauf hinaus.
    Mehr verfügbare Arbeitnehmer bedeuten immer ein Drücken des Lohnniveaus. Das ist keine Vermutung.

    Die Probleme begannen doch nicht erst in den 80ern und 90ern.
    Kurzfristig gab es bestimmt einen positiven Effekt,langfristig aber war es kontraproduktiv. Ich betrachte das nur aus Sicht des Arbeitnehmers.

  4. 15.

    Vergestt nicht die eindeutigen Wort in der Präambel des deutschen Grundgesetzes UND: Deutschland ist schon ziemlich lange Einwanderungsland https://www.deutschlandfunkkultur.de/hugenotten-gastarbeiter-einwanderer-eine-kurze-geschichte.976.de.html?dram:article_id=426096

  5. 14.

    Danke, Gabriele, ich bin Ihrer Meinung. Die meisten Kommentare schweifen schon wieder sehr vom Inhalt des Artikels ab. Eigentlich redet die Nachkriegs-Generation nicht gern darüber, dass ihr sog. "Wohlstand" nur mithilfe der 1. "Gastarbeiter"-Generation (furchtbarer Begriff) aufgebaut werden konnte.
    Nach dem Mauerbau im August 1961 fehlten auf Berliner -u. auf bundesdeutscher Seite einfach die Arbeitskräfte , um den Lebensstandard aufrechtzuerhalten und voranzutreiben, deshalb das Anwerbeabkommen im Oktober 1961. Es handelte sich um Tätigkeiten, die keine umfangreiche Ausbildung erforderte bzw. die niemand machen wollte (Fabrikarbeiter, Putzfrauen etc.) Und in der patriarchischen, bundesdeutschen Gesellschaft durfte die Hausfrau ja bis weit in die 70er Jahre nur dann arbeiten, wenn ihr Mann dem zugestimmt hatte. Also ja, diese 1. Generation von ausländischen Arbeitskräften hätte mehr Anerkennung verdient. Allerdings bin ich der Meinung, dass ein Denkmal nicht das Richtige ist.

  6. 13.

    Wo waren die Berliner als die Gastarbeiter Berlin wiederaufgebaut haben ? Wo haben die vielen Deutschen Steuerflucht-Förderungsbeschenkt-Firmen die Familien ihrer Vertragsarbeiter untergebracht ? Wer hat die Lehrer mit der schönen kulturellen Vielfalt Allein gelassen ? Welche Ausbildungsmöglichkeiten hatte die 1.Kinder-Generation ? Wer hat die Deutschsprachigen Kinder in den Schulen mit Sprach-, Kultur- und Gewaltproblemen Allein gelassen ? Wir brauchen Orte der Erinnerung ! Aber ich glaube nicht, daß Deutsche Politiker und Manager Ihr Totalversagen ständig in die Nasenlöcher gesteckt bekommen möchten.

  7. 12.

    Kein Problem, dann werden die Gastarbeiter aus Ungarn, Algerien, Kuba, Mosambik und Vietnam, die in der DDR Wirtschaft tätig waren, miteinbezogen. Damit nicht nur das "Wessinnarretiv" bedient wird.

  8. 11.

    "Wahlrecht für alle " ist doch nur linksradikaler Agitprop für "Deutschland abschaffen". Wählen ist ein Privileg und auf Landes- und Bundesebene können gewählte Parteien, bei entsprechender Mehrheit, die Verfassung verändern. Sollen jetzt auch Dauercamper aus Holland über unsere Verfassung und Zukunft abstimmen dürfen? Wie wäre es wenn sie den Betroffen nach 30 Jahren in DE mal bei der Anmeldung zur deutschen Staatsbürgerschaft helfen würden?

  9. 10.

    Wir sollten die Generation würdigen die unser Land nach dem 2.Weltkrieg aufgebaut haben und den Grundstein des heutigen Wohlstands gelegt haben.
    Es sind diese Menschen die großes geleistet haben! Die Herkunft ist irrelevant!

  10. 9.

    So ein Denkmal ist doch eine nette Wahlkampfidee. Wahlrecht für alle wäre netter! Aber das will die SPD immer noch nicht wirklich umsetzen, oder?! Mehrere "Gastarbeitergenerationen" warten seit Jahrzehnten auf faire politische Beteiligung. Nicht nur von der SPD kam dazu leider bisher sehr wenig. Siehe verlinktes Interview mit dem Migrationsrat.
    Viele der ersten Gastarbeitergeneration werden diese Anerkennung durch ein Denkmal für sie leider nicht mehr erleben.

  11. 8.

    Anerkennung und über erfolge reden, Ja - Verklärung, Nein. Nach politischen Paternalismus nun teils Verklärung und vor allem westdeutsche Narrative.

  12. 7.

    Fakt ist doch, dass nach Mauerbau die billigen ostdeutschen AK fehlten und deshalb neue billige AK benötigt wurden. Und wer kam dafür in Frage?

  13. 6.

    Sie sind hergekommen, weil ihr Heimatland ihnen diese Möglichkeiten nicht anbieten konnten. Dann haben sie einen Job ihrer Qualifiaktion verrichtet und sie waren damit zufrieden. Denn wieder zurückgegangen ist kaum einer.
    Es ist überall in der Welt so, dass man sich seine Existenz durch eine Arbeitsaufnahme sichern muss. Ich wüßte auch nicht, warum man diese Tätigkeiten gesondert belobigen sollte.

  14. 5.

    Das sich der Artikel auf die Anfänge der Anwerbung bezieht, ist aber unstrittig? Zu dieser Zeit waren die von Ihnen angeführten Probleme nicht im Fokus. Und die ausländischen Arbeitnehmer weiteten nichts aus, sondern füllten Lücken Das Lohnniveau dieser Epoche habe ich nur steigend wahrgenommen. Das es später, in den 80ern und vor allem 90er Jahren zu der von ihnen beschriebenen Situation kam, unbestritten, aber darum geht es in diesem Beitrag nicht. Was das ganze mit rechts zu tun hat, erschließt sich auch nicht so ganz. Diese Ängste wurden damals breit diskutiert, auch das sog. schweizer Saisoner Modell, 9 Monate arbeiten, 3 Monate Heimat, und nur auf Abruf Wiederaufnahme der Tätigkeit, Familiennachzug nicht möglich, war im Gespräch. Und zwar vom Gewerkschaftler bis zum konservativen Politiker.
    Es ging um Verfahrensweise,nicht um Gesinnung.

  15. 4.

    "Zu vermuten, ausländische Arbeitnehmer sollten das Lohnniveau drücken, sehe ich als Mär der gleichen Gruppen, die schon damals behauptet haben, Gastarbeiter würden Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen."
    Das habe ich erwartet. Auch das ist beeindruckend,wie solch eine Sichtweise als rechts gebrandmarkt wird.

    „Aus ihrer Sicht weiteten Gastarbeiter das Arbeitsangebot aus, dämpften den Lohnanstieg und sorgten mit ihren niedrigen Stundenlöhnen dafür, dass das wirtschaftliche Wachstum bei hohen Gewinnen aufrechterhalten werden konnte. Allerdings konnten so auch unrentable Unternehmen weitergeführt werden. Investitionen in arbeitssparende Maschinen wurden vernachlässigt. Der Strukturwandel wurde vertagt, und als er dann doch einsetzte, waren die Arbeitsplätze der Ausländer überproportional betroffen.“

    https://de.wikipedia.org/wiki/Anwerbepolitik_der_Bundesrepublik_Deutschland

  16. 3.

    Damit, dass erst ein paar Jahre zuvor 5,5 Millionen zum großen Teil noch SEHR junge deutsche Männer in einem Krieg – den wir Deutschen auch noch selbst angezettelt haben – vollkommen sinnlos verheizt worden sind, hatte der darauffolgende Arbeitskräftemangel aber auch rein gar nichts zu tun, nein? (Von den über zwei Millionen Toten in der Zivilbevölkerung ganz zu schweigen)

    Ach, Sie haben ja geschrieben, dass es nach dem Krieg eigentlich gar keinen Arbeitskräftemangel gegeben hätte, richtig? Pardon, wie dumm von mir!

    Was hätte dieses Land ohne den glücklichen Umstand dieses grandiosen Krieges bloß mit den Millionen überzähligen Arbeitskräften gemacht? Oder meinen Sie, die loszuwerden ist insgeheim der Plan dahinter gewesen? Das wäre ja ganz schön gewitzt gewesen, auf diese Weise Millionen junge deutsche Männer vor der drohenden Arbeitslosigkeit zu bewahren … er war schon ein wahrer Gutmensch, dieser Hitler! (Übrigens endlich mal einer, der diese Bezeichnung auch wirklich verdient)

  17. 2.

    Möchte ich so nicht ganz unterschreiben. Anfang/Mitte der 60er Jahre waren Arbeitslose auf Stellensuche eine bedrohte Tierart. Wenn man sich alleine die Personalzuwächse bei VW in Wolfsburg anschaut, war dieses aus der heimischen Bevölkerung nicht zu stemmen. Auch in Westberlin wurde über Prämien versucht, Arbeitskräfte aus dem Bundesgebiet abzuwerben. Die Löhne und Gehälter hatten ein hohes Niveau. Der Zugriff auf ausländische Mitarbeiter war auch dem rasanten Wachstum der Wirtschaft geschuldet. Das hohe Lohn und Sozialniveau hatte natürlich auch politische Gründe. Man wollte dem Ostblock, und natürlich den Sympathisanten in der Bundesrepublik zeigen, dass der Arbeitnehmer trotz kapitalistischem System, einen höheren Lebensstandard erreicht als im real existierenden. Zu vermuten, ausländische Arbeitnehmer sollten das Lohnniveau drücken, sehe ich als Mär der gleichen Gruppen, die schon damals behauptet haben, Gastarbeiter würden Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen. Und da die meisten in die Industrie gegangen sind, waren die Tarifverträge sowieso bindend.

  18. 1.

    Ein wenig romantisierend,oder nicht?
    Die Gewerkschaften waren in den 50ern einfach zu erfolgreich,so dass die Wirtschaft Druckmittel für die hiesige Bevölkerung brauchte. Ein rein kapitalistischer Beweggrund.

    Die Einführung der 40-Stunden-Woche ist ja nun auch schon über ein halbes Jahrhundert her und seitdem hat sich nicht viel getan.
    Die Wirtschaft braucht nun mal ausreichend Arbeitskräfte,um am längeren Hebel zu sitzen. Ist heute auch nicht anders.

    https://de.wikipedia.org/wiki/40-Stunden-Woche

    Ich wundere mich,dass eine Frau von der SPD so etwas nicht weiß. Vielleicht ist sie aber auch befangen.

    Beeindruckend finde ich,dass der Kapitalismus es dann auch noch schafft,so ein Gebaren als links zu verkaufen.

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