Interview | "Kassiber-Bestellungen" zwischen Ost und West - "Es wurden munter Zettel über die Mauer geworfen"

Dokument von der Stiftung Berliner Mauer. Schenkung von Christa Arndt. (Quelle: Stiftung Berliner Mauer/C. Arndt)
Bild: Stiftung Berliner Mauer/C. Arndt

"Neuneinhalb, nicht zu hell, nahtlos" - Ostgrenzsoldaten bestellten mithilfe klein gefalteter Zettel Damenstrümpfe oder Autobatterien im Westen. Historiker Hanno Hochmuth erzählt, wie Menschen auf beiden Seiten der Mauer in Kontakt blieben.

rbb|24: Herr Hochmuth, seit diesem Montag ist die Chronik der Mauer um die Geschichte der Kassiber reicher: Obwohl durch den Mauerbau möglichst alle Kontakte zwischen Ost und West unterbunden werden sollten, haben sich Ostberliner-Grenzpolizisten mit Menschen aus dem Westen Zettelchen, so genannte Kassiber, hin und hergeworfen. Wie lief das ab?

Hanno Hochmuth: Wenn man sich die Kassiber genau anschaut, sieht man, dass das sehr kleine Zettel sind. Man erkennt, dass sie auf alten Kalenderblättern geschrieben worden sind. Wenn man noch genauer schaut, sieht man, dass sie acht bis zehn Mal gefaltet wurden. Sie waren also sowieso nicht groß – am Ende nur noch etwa zwei Mal zwei Zentimeter. Sie waren also auch nicht sehr auffällig und ließen sich – vielleicht auch, weil sie so gefaltet waren – sicher recht gut über die Mauer werfen.

Dokument von der Stiftung Berliner Mauer. Schenkung von Christa Arndt. (Quelle: Stiftung Berliner Mauer/C. Arndt)
"Bitte schreiben Sie uns eine Adresse auf, wo wir die Strümpfe hinschicken können oder wir werfen die Strümpfe hier herüber, wenn Sie wieder hier stehen, oder das erste wäre wohl besser!"Bild: Stiftung Berliner Mauer/C. Arndt

Wir gehen davon aus, dass es das Phänomen der geworfenen Kassiber nur in den ersten Wochen und Monaten nach dem Mauerbau gab. Da war die Mauer noch nicht so, wie man sie später kannte. Sie war nicht 3,40 Meter hoch, sondern an vielen Stellen noch provisorisch. So auch in der Bernauer Straße – wo die Kassiber, über die wir verfügen, rüber geworfen wurden. Da gab es zunächst nur einen Stacheldraht-Verhau und die alte Friedhofsmauer als Abgrenzung. Und irgendwo dort konnten die DDR-Grenzer diese kleinen Papierzettel relativ unbeobachtet rüber werfen.

Dokument von der Stiftung Berliner Mauer. Schenkung von Christa Arndt. (Quelle: Stiftung Berliner Mauer/C. Arndt)
"Leider darf ich keine Adresse angeben. Deshalb passen Sie bitte auf, wenn ich wieder hier Wache stehe. Nochmals Besten Dank. Ihr Freund"Bild: Stiftung Berliner Mauer/C. Arndt

Sie gehen wegen der Bauweise der Mauer davon aus, dass es diesen Austausch nur kurz gegeben hat?

Ja. Es gibt dazu auch Zeitungsberichte aus dem Jahr 1965. Da berichtet die Westberliner Morgenpost über diese Kassiber-Praxis – sagt aber auch, dass es das nicht mehr gibt. Es wurde mit dem Weiterbau der Mauer sicher immer schwieriger, etwas über die Mauer zu werfen, und es wurde auch immer schwieriger, die Mauer überhaupt irgendwo zu durchdringen. Daher waren diese Kassiber-Bestellungen ein Phänomen, dass es nur relativ kurze Zeit gab.

Chronik der Mauer

Sie sagten gerade "Kassiber-Bestellungen". Waren es tatsächlich vor allen Dingen Bestellungen, die in den Nachrichten standen?

Die meisten Kassiber, die der Sammlung der Stiftung Berliner Mauer erhalten geblieben sind, haben eindeutig diesen Charakter. Was am häufigsten bestellt wurde sind Zigaretten – und zwar gute, echte West-Zigaretten, die interessanterweise auch mit D-Mark bezahlt wurden. Auf einem dieser Kassiber steht "Wir haben 10 D-Mark". Und dafür wollten die Ostgrenzer West-Zigaretten. Das heißt, auch die DDR-Grenzsoldaten besaßen oft verbotenerweise West-Geld. Es gib aber auch einen Zettel, wo beispielsweise eine Batterie – ich nehme an, es handelt sich hierbei um eine Auto-Batterie – bestellt wurde. Und wir haben auch Kassiber, wo Damenstrümpfe in Größe "Neuneinhalb, nicht zu hell, nahtlos" der Wunsch waren. Konsumartikel, die es in Ost-Berlin schlecht oder nur in schlechter Qualität gab, waren besonders begehrt.

ZUR PERSON

Dr. Hanno Hochmuth, Sammlungsleiter der Stiftung Berliner Mauer (Quelle: Silvia Soyter)
Silvia Soyter

Dr. Hanno Hochmuth ist Historiker am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam und lehrt an der Freien Universität Berlin. In seinen Büchern beschäftigt er sich vor allem mit der Geschichte Berlins im 20. Jahrhundert. Er ist in Prenzlauer Berg aufgewachsen und lebt seit vielen Jahren in Kreuzberg.

Gab es Bestellungen nur von Ost nach West oder auch umgekehrt?

Bestellungen von Waren gab es nur von Ost nach West. Aber es gab Antworten von West nach Ost. Mit den Zigaretten zusammen, aber zum Teil auch so, antworteten die Menschen auf der West-Seite der Mauer. Sie warfen den DDR-Grenzpolizisten also ihrerseits Kassiber hinüber und schrieben beispielswiese, diese sollten nicht zu viele Zigaretten verlangen, weil die anderen Kameraden auch welche wollten. Sie gaben aber auch andere Ratschläge wie den, dass diese Kassiber unbedingt verbrannt werden sollten.

Den Menschen im Westen war offenbar auch klar, dass da etwas Verbotenes passierte, das nicht auffliegen sollte. Deshalb sind diese Zettel auch anonym verfasst. Es steht keine Adresse und so gut wie kein Name darauf. Es wird darum gebeten, die Waren rüberzuwerfen, wenn der Besteller wieder Dienst hat.

Dokument von der Stiftung Berliner Mauer. Schenkung von Christa Arndt. (Quelle: Stiftung Berliner Mauer/C. Arndt)
"Wir haben 10 DM-West könnt Ihr uns dafür Zigaretten holen!"Bild: Stiftung Berliner Mauer/C. Arndt

Die Waren wurden dann also über die Mauer geworfen?

Ja, das war bei den Zigaretten und den Damenstrümpfen vermutlich relativ einfach. Ob wirklich auch Batterien rüber geworfen wurden, lässt sich nicht sagen. Bei den Zigaretten und den Strümpfen wissen wir aber von West-Kassibern mit Antworten, die in den Osten geworfen wurden, dass sie durchaus ankamen. Wir können richtige Briefwechsel rekonstruieren aus den Kassibern. Die Zettel wurden hierfür gewendet und nochmals beschrieben. Es waren also nicht nur punktuelle Vorgänge. Es wurden munter Zettel über die Mauer geworfen.

Dokument von der Stiftung Berliner Mauer. Schenkung von Christa Arndt. (Quelle: Stiftung Berliner Mauer/C. Arndt)
"Teilt euch die Zigaretten gut ein, die Anderen wollen auch immer welche haben und wir sind leider keine Kapitalisten!! Wann bist Du wieder hier? (Verbrennen!)"Bild: Stiftung Berliner Mauer/C. Arndt

Gab es diese Praxis nur in Berlin oder auch an anderen Stellen?

Ich denke, das ist nur in Berlin – in diesem ganz engen urbanen Kontext – möglich gewesen. Da wurde ja eine Straße wie die Bernauer Straße einfach halbiert – und die eine Hälfte gehörte zu Westberlin, die andere zum Osten. An vielen anderen Stellen – auch in Berlin – war ja der Todesstreifen viel breiter, da wäre das gar nicht möglich gewesen. Und an der innerdeutschen Grenze schon mal gar nicht. Die war ja schon seit 1952 abgesperrt und dicht. Es ist also ein Berliner Phänomen.

Die Stadt war in den Jahren 1949 bis 1961 politisch schon sehr stark geteilt, aber im Alltag noch miteinander verflochten. Das änderte sich auch am 13. August 1961 nicht einfach von einem Tag auf den anderen. Aber es hatten dann nur noch die Ost-Grenzer die Möglichkeit, diese Verbindung aufrecht zu erhalten, weil nur sie so nah an die Grenze herangehen durften.

Was hätte denn den Grenzern gedroht, wenn sie aufgeflogen wären? Und liefen die Menschen auf der Westberliner Seite auch Gefahr, bestraft zu werden?

Bemerkenswert ist, dass auch die Westberliner Personen keine Adressen oder Namen angaben. Sie blieben ähnlich anonym wie die Ost-Grenzer und unterzeichnen meist mit "Ihr Freund". Aber es waren natürlich die DDR-Grenzpolizisten, die das auf keinen Fall durften. Wir wissen von Überlieferungen aus der Stasi-Unterlagenbehörde, dass die DDR-Verantwortlichen über diesen Austausch Bescheid wussten und ihn als Problem sahen. Es drohten den Grenzern empfindliche Strafen. Wir wissen aber bisher noch von keiner Entdeckung. Der schon erwähnte Artikel aus der Berliner Morgenpost von 1965 schildert interessanterweise, dass die Menschen auf der Westberliner Seite auch Polizisten gewesen seien. Das macht die Sache ja noch heikler.

Dokument von der Stiftung Berliner Mauer. Schenkung von Christa Arndt. (Quelle: Stiftung Berliner Mauer/C. Arndt)
"Wenn Chrutschtow in den Himmel steigt, wenn Karl-Marx-Stadt wieder Chemnitz heißt, wenn Ullbricht wieder in den Puff. Dann sind die Grenzen wieder uff."Bild: Stiftung Berliner Mauer/C. Arndt

Wie kommt es, dass sie jetzt über diese Kassiber verfügen, wo kommen die denn her?

Alfred Kuhnert, der offenbar ein ganz normaler Westberliner aus der Bernauer Straße war, hat diese Zettel aufgehoben. Er wohnte genau da, wo sich heute das Besucherzentrum der Gedenkstätte Berliner Mauer befindet. Er sammelte die Kassiber und hat sie verwahrt. Erst seine Tochter hat diese nach seinem Tod gefunden und sie der Sammlung der Stiftung Berliner Mauer vor einigen Jahren übergeben.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Sabine Prieß, rbb|24

Baubeginn vor 60 Jahren - die Berliner Mauer in Bildern

Mauerbau im rbb

Mauer Macht Mensch | Endlich lacht das Morgenrot © HABANS Patrice / Kontributor
HABANS Patrice / Kontributor

Podcast bei rbbKultur - Mauer Macht Mensch

In neun Radio-Dokus und Hörspielen aus dem Rundfunkarchiv wird erzählt, wie die Mauer das Schicksal der Menschen im Osten und Westen der Republik geprägt hat und unser Leben bis heute noch beeinflusst. rbb-Moderator Knut Elstermann unterhält sich vorab mit den Autoren und Autorinnen über ihre Werke.

ARCHIV - Berlin: Arbeiter bauen die Mauer an der Sektorengrenze an der Bernauer Straße in Berlin, August 1961
dpa

Übersicht - 60 Jahre Mauerbau im rbb Fernsehen

Das rbb Fernsehen erinnert mit diversen Sendungen an den Mauerbau. Am 13. August werden zwei Gedenkveranstaltungen aus Berlin und Brandenburg übertragen:

Um 09:55 Uhr Live von der Bernauer Straße

Um 16:25 Uhr: Live aus Hohen Neuendorf

9 Kommentare

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  1. 9.

    Der Weltrekord im Weitwurf liegt bei über 380 m. Also 50 m mit einem frisierten Tennisball bekommt Frau locker hin und geht nich' gabs nich' - in beiden Richtungen. Achso ... Olympionik:in ... 50 m reichen für die Quali nicht - aber bei Bundesjugendspielen waren die schon fast die halbe Miete für 'ne Ehrenurkunde.
    Männer - macht mehr Sport, dann klappt auch die Kommunikation ;-).

  2. 8.

    Sehr schöne Geschichte. Wir haben unseren Verwandten jahrzehntelang Waren per Post geschenkt/geschickt. Es fehlte ja echt Vieles. Wieso taucht denn hier eigentlich der unnötige Kalte-Kriegs-Kampfbegriff „Westberlin“ in diesem Artikel auf? Das ist total unnötig! Es gab nur Berlin (West) und Berlin (Ost) oder West-Berlin und Ost-Berlin. Kein normaler Mensch schriebe auch Südhamburg, Nordköln oder Randwolfsburg. Vielleicht wird das in dem Artikel noch korrigiert!

  3. 6.

    Wer die Mauer noch kennt, weiß, dass das nicht möglich war! Vielleicht noch 1961 im Juli, aber danach nicht mehr! Denn der Mauerstreifen war 50m breit und dann hätte der Werfer Olympionike sein müssen. Also mal wieder eine Ente!

  4. 4.

    wobei niemand sicher sein konnte, ob das im Auftrag der Stasi (DDR-Sprech Mfs) Provokationsversuche waren, um jemand irgendwo im Sinne der Scheinlegitimation innerhalb des Unrechtsstaates zu belangen

  5. 3.

    Wieder etwas mehr Originalsachen als Zeitdokumente. Danke dem Herren für das aufheben und das die Tochter diese dem Museum gegeben hat.

  6. 2.

    Interessant... diese Wunschzettel von den ersten Grenzern seinerzeit sind auch ein gutes historisches Zeugnis, dass beim Bau der Mauer ganz normale Menschen mitten aus dem Volk dort Posten schoben. Z.B. die Kampfgruppen der Betriebe. Dass es solche Zetteln ab Mitte der 1960er Jahre vielleicht nicht mehr gab, ist sicher auch dem Umstand geschuldet, dass die Grenze lichter weiter wurde und dass dort extra ausgebildete und politisch eingewiesene Genossen ihren Dienst taten.
    Erstaunlich ist, dass diese Zettel auf dem damals qualitativ nicht so langlebigen Papier bis heute überlebt haben. Respekt!

  7. 1.

    Toll, was es nicht alles gab und es gab auch jemand der es aufgehoben hat. Echt toll.

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