Familiennachzug aus Afghanistan - Ali bangt in Berlin um Mutter, Vater und Geschwister

Ali auf dem Balkon des Cura-Vormundschaftsvereins, die Beratungsstelle in Steglitz. (Quelle: rbb/Miersch)
Audio: Inforadio | 13.09.2021 | Annette Miersch | Bild: rbb/Miersch

Die erneute Machtergreifung der Taliban versetzt in Deutschland lebende Afghanen in größte Sorge um ihre Angehörigen. Darunter sind auch viele Minderjährige, die sich nichts mehr wünschen, als ihre Familie hierher zu holen. Von Annette Miersch

Ali wirkt selbstbewusst und herzlich. Der 16-Jährige geht in Berlin in die zehnte Klasse und spielt begeistert Fußball. Anfang 2016 kam er als unbegleiteter Minderjähriger nach Deutschland. Da war er knapp elf Jahre alt. Seine Eltern und Geschwister hat Ali seitdem nicht mehr in die Arme schließen können. Sie leben mittlerweile in der Nähe von Kabul, berichtete er.

Ali und Ulrich Deroni, Leiter der Beratungsstelle und Pädagoge vor dem Büro. (Quelle: rbb/Miersch)
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Seitdem er weg sei, habe die Mutter seine fünf Geschwister allein versorgen müssen, weil der Vater bei den Taliban in Gefangenschaft gewesen sei, sagt Ali. Erst vor Kurzem sei ihm die Flucht gelungen. Er verstecke sich nun bei der Familie, könne das Haus nicht verlassen. "Die Taliban suchen ihn", erzählte der Jugendliche. Der Vater sei verletzt, die Mutter krank.

Kontakt droht abzureißen

Bis vor Kurzem, sagt Ali, habe er mehrmals in der Woche mit ihnen telefoniert. Das werde immer schwieriger. Die Sorge um seine Brüder und Schwestern werde immer größer: "Die Taliban können einfach kommen und Deinen Sohn oder Deine Tochter mitnehmen. Du kannst nichts tun und Dich nicht wehren. Wenn Du Dich wehrst, erschießen sie Dich. Denen ist egal, ob Du Mensch oder Tier bist", sagt Ali.

Mitarbeiter des Cura-Vormundschaftsvereins, die Beratungsstelle in Steglitz. (Quelle: rbb/Miersch)
Bild: rbb/Miersch

Seine Familie ist bereits seit 2015 auf der Flucht vor den Taliban. Von ihrem Dorf aus sind sie nach Kabul in die afghanische Hauptstadt gelangt. Dort übergab Alis Mutter den Jungen an einen Nachbarn, der ihn mit nach Europa nehmen sollte. Sie verschuldete sich, um die Schlepper zu bezahlen.

Ali schaffte es bis Berlin. Doch sein Asylantrag wurde von den deutschen Behörden abgelehnt. Die Lage in Afghanistan sei ruhig, wurde ihm damals mitgeteilt. "Die wissen gar nicht, was da wirklich abgeht", sagt er. So schlimm, wie es jetzt in den Nachrichten gezeigt werde, sei es dort schon die ganze Zeit gewesen. "Nur, dass jetzt die Taliban an der Macht sind."

Doch ohne einen anerkannten Flüchtlingsstatus hat Ali, wie die meisten anderen afghanischen Geflüchteten in Deutschland, kein Recht, seine Familie herzuholen - obwohl er minderjährig ist.

Warum ist der Familiennachzug so schwierig?

Afghanische Geflüchtete in Deutschland werden zum größten Teil nur geduldet. Die Lage in Afghanistan wurde nämlich bislang vom Auswärtigen Amt und dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) als nicht gefährlich genug bewertet. Nur wer persönlich verfolgt war, wurde und wird anerkannt, kann einen Antrag auf Familiennachzug stellen. Das gilt allerdings nur für die Kernfamilie - also Ehepartner, die eignen Kinder und Eltern von Minderjährigen.

Die Angehörigen wiederum müssen sich ein Einreisevisum für Deutschland beschaffen. Das bekommt man jedoch nur, wenn man in einer deutschen Botschaft persönlich vorspricht.

In Kabul geht das seit 2017 nicht mehr, Angehörige aus Afghanistan müssen deshalb in die deutsche Botschaft nach Islamabad oder Neu Dehli. Das war schon vor der Rückkehr der Taliban nicht einfach, mittlerweile ist das – erst recht für Frauen – geradezu unmöglich.

Ohnehin musste man allein auf den Termin ewig warten, oft ein bis zwei Jahre, das berichten Flüchtlingshelfer. Zuletzt standen laut Auswärtigem Amt rund 4.000 Afghanen auf den so genannten Terminwartelisten der beiden Botschaften.

Blankes Entsetzen bei den Menschen

Für Minderjährige sei die Ungewissheit besonders schwer auszuhalten, sagt Ulrich Deroni, Leiter des Cura-Vormundschaftsvereins aus Steglitz. Der Verein führt und vermittelt berlinweit Vormundschaften für geflüchtete Kinder und Jugendliche wie Ali. "Es herrscht blankes Entsetzen bei den Menschen und eine wahnsinnige Angst um ihre Angehörigen", berichtet Deroni. In seiner Beratungsstelle liefen die Telefone heiß.

Trotz der dramatischen Zuspitzung in Afghanistan hat das BAMF offenbar erstmal eine Vollbremsung hingelegt. Nach Auskunft der Asyl-Beratung der AWO Berlin-Mitte gibt es seit Mitte August, als die Taliban Kabul einnahmen, einen Entscheidungsstopp für Asyl- und/oder Nachzugs-Anträge afghanischer Menschen.

Viele Berater und Betreuer sind empört. "Alles steht still. Vor den Bundestagswahlen will niemand mehr etwas riskieren. Die Bundesregierung betreibt eine Abschottungspolitik", kritisiert ein Berufsvormund der Caritas gegenüber dem rbb.

Gefährdungslage soll neu bewertet werden

Mit dem Machtwechsel in Afghanistan wird jetzt eine Neubewertung der Gefährdungslage im Land erwartet. Damit hätten afghanische Geflüchtete eventuell die Möglichkeit, den Asylantrag erneut zu stellen und die Familie herzuholen. - Ali will das auf jeden Fall. „Meiner Familie geht es da jetzt gerade echt Scheiße", sagt er. "Ich will, dass meine Geschwister eine Zukunft haben."

Alis ehrenamtlicher Vormund informiert sich gerade, wie man einen Asyl-Folgeantrag stellt. Darüber freut sich Ali sehr. Doch auch wenn der Jugendliche nun doch noch einem Anspruch auf Familiennachzug erhalten sollte, müssten seine Eltern und Geschwister extreme Hürden überwinden, schon allein um aus Afghanistan herauszukommen.

"Je länger das dauert, desto schwieriger wird es für meine Familie", sagt der Schüler. Fest steht: Die Zeit läuft davon.

Sendung: Inforadio, 13.09.2021, 08:30 Uhr

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Beitrag von Annette Miersch

10 Kommentare

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  1. 10.

    Falsch. Und das hat nichts mit rechts oder links zu tun. Sondern mit dem Einzelfall. Ich weiß nicht, ob Ali in Afghanistan verfolgt werden würde. Die Taliban stabilisieren das Land derzeit. Ja, nach islamischem Recht. Aber das gilt auch für andere Länder.

  2. 9.

    Wir haben aber keine Einwanderungen. Jedenfalls noch nicht. Es geht hier um Flüchtlinge bzw. Asyl. Und das ist doch etwas komplexer als Sie es sich vorstellen wollen. Aktuell ist in Afghanistan niemand mehr vom Krieg bedroht. Uns kann zwar die Herrschaft der Taliban nicht gefallen, aber ob und wer nun dort bedroht ist, kann derzeit niemand abschließend beurteilen.

  3. 8.

    Deutschland hat nicht am meisten Flüchtlinge aufgenommen, da die Türkei schon knapp 4 Mil. Flüchtlinge beherbergt. Jordanien 3 Millionen. Lebanon etc.
    Wenn man hier schon schreibt, dann muss man ehrlich sein. Es geht doch um die Herkunft/Hautfarbe der Leute, wieso man so ablehnend ist. Nichts anderes. Vorgeschobene und ausgedachte "Gründe" sind lächerlich.

  4. 7.

    Das ist natürlich ein absolut tragisches Einzelschicksal. Doch wir können unmöglich ganz Afghanistan aufnehmen. Deutschland hat nach den USA am meisten Flüchtlinge weltweit aufgenommen. (Quelle: WELT). Wie soll das weitergehen?

  5. 6.

    Eigentlich eine Unverschämtheit was Sie hier schreiben. Haben Sie sich je mal Gedanken darüber gemacht, was es für eine Familie bedeutet, ihre minderjährigen Kinder auf solch eine gefährliche u.teure Reise zu schicken, nur um sie vor die Taliban zu schützen. Ein junger Syrer erzählte es mir haarklein genau, was mit ihm passiert wäre, hätte dieser sein Heimatland nicht verlassen. Auch er vermisst seine Familie sehr. Lernt fleißig unsere Sprache und möchte auch hier sehr gerne am gesellschaftlichen Leben in Deutschland teilnehmen und Arbeiten.

  6. 5.

    1. Er ist hier und bleibt hier. 2. Eine Reise ist offensichtlich nicht möglich. 3. Du weißt auch ganz genau, dass was ganz anderes gemeint ist.

  7. 3.

    "Doch sein Asylantrag wurde von den deutschen Behörden abgelehnt". Erzählungen eines Minderjährigen, der als Ankerkind vorgeschickt wurde, sollte man in einem realistischen Kontext zu sehen. Soweit ersichtlich könnte man sonst faktisch ganz Afghanistan aufnehmen.

  8. 2.

    Es gibt bestimmt viele solcher Geschichten. Aber wir können nicht die ganze welt aufnehmen. Das schafft auch bei uns weitere Probleme und Spannungen. Mich würde mal interessieren ob seine Geschwister wenn sie weiblich sind hier auch Fußball spielen dürfen oder hat er auch so ein engstirniges Frauenbild. Andere Länder sind jetzt auch mal im Zugzwang Flüchtlinge aufzunehmen nur dieses wehren sich dagegen erfolgreich.

  9. 1.

    Wenn er zu seiner Familie möchte, wer hindert ihn daran, nach Kabul zu reisen?

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