Nach Ablauf des Ultimatums - Zwei hungerstreikende Klimaaktivisten wollen nun auch nichts mehr trinken

Fünf Klimaaktivisten, begleitet von einer Sprecherin der Gruppe (r), berichten am 23.09.2021 bei einem Pressegespräch über die Erfahrungen ihres beendeten mehrtägigen Hungerstreiks. (Quelle: dpa/Paul Zinken)
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Audio: Inforadio | 23.09.2021 | Andreas Lob-Hüdepohl | Bild: dpa/Paul Zinken

Nachdem das Ultimatum für ein öffentliches Gespräch mit den drei Kanzlerkandidaten abgelaufen ist, erheben die Klimaaktivisten im Berliner Regierungsviertel schwere Vorwürfe. Zwei Hungerstreikende wollen nun in den Durststreik treten.

Die hungerstreikenden Klimaaktivisten im Berliner Regierungsviertel haben der Politik ein weiteres Ultimatum gesetzt. Das noch verbliebene Duo erklärte in der Nacht zu Freitag, es erwarte von SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz, dass er persönlich den Klimanotstand ausruft. Andernfalls werde man am Samstag in einen Durststreik übergehen und kein Wasser mehr zu sich nehmen.

Die Forderungen werden nach Angaben der Aktivisten nun direkt an Scholz gerichtet, weil dieser mit großer Wahrscheinlichkeit der nächste Bundeskanzler Deutschlands werden könne. In der nächsten Legislaturperiode würden die Weichen für das Überleben auf dem Planeten gestellt. Scholz müsse sicherstellen, dass Hunger und die Sicherstellung einer sozial gerechten Ernährung der Gesellschaft Thema in den Koalitionsverhandlungen würden.

Scholz wiederholte am Freitag das Angebot, nach der Wahl mit den jungen Menschen ein Gespräch zu führen. Auf die neue Forderung, den Klimanotstand öffentlich auszurufen, ging der Sozialdemokrat nicht ein. Stattdessen rief er die verbliebenen Klimaktivisten dazu auf, die Aktion abzubrechen.

Leere Stühle symbolisieren Abwesenheit der Kanzlerkandidaten

Sieben junge Erwachsene hatten am 30. August in der Nähe des Reichstagsgebäudes in Berlin einen Hungerstreik für eine radikale Klimawende begonnen. Damit wollten sie unter anderem ein öffentliches Gespräch mit den Kanzlerkandidaten Armin Laschet (CDU), Olaf Scholz (SPD) und Annalena Baerbock (Grüne) erreichen.

Da es von den Politikern nur ein Angebot für Einzelgespräche nach der Wahl gab, brachen fast alle Teilnehmer den Hungerstreik ab und protestierten am Donnerstag in ihrem Lager am Spreebogen mit leeren Stühlen gegen die Abwesenheit der Kandidaten. Zwei Aktivisten wollen den Hungerstreik aber nach eigenen Angaben fortsetzen und verschärfen, indem sie auch Flüssigkeit verweigern.

"Ich war noch nie so wirksam und so wirkungslos zugleich"

Die Klimaaktivisten und -aktivistinnen übten scharfe Kritik an den Kanzlerkandidaten von Union, SPD und Grünen. Diese hätten sich nicht zum Gespräch bereit gefunden, obwohl junge Menschen hungernd ihr Leben aufs Spiel gesetzt hätten, erklärten die Aktivisten am Donnerstag in Berlin. Die Ignoranz der Verantwortlichen habe ein Ausmaß angenommen, das nicht mehr zu übertreffen sei, sagte der 27-jährige Jacob Heinze. Wichtig seien nun Widerstand und sozialer Ungehorsam.

Der 22-jährige Simon Helmstedt, der nach 23 Tagen Fasten seit Dienstagabend wieder Nahrung zu sich nimmt, zog eine bittere Bilanz. "Ich war noch nie so wirksam und so wirkungslos zugleich", sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Es sei viel über die Aktion berichtet worden. "Und gleichzeitig fühlst du dich sehr machtlos, wenn du in diese Gleichgültigkeit blickst von den Politiker:innen, die absolut nichts zu tun bereit sind."

Grünen-Chef Habeck appelliert an Protestierende

In der Nacht zu Freitag war der Parteivorsitzende der Grünen, Robert Habeck, vor Ort, um die verbleibenden beiden Aktivisten im Hungerstreik zu überzeugen, ihre Aktion zu beenden. "Ich versuche Euch zu sagen, dass das was der Hungerstreik erreichen kann, erreicht ist", sagte Habeck. "Ihr habt die maximale Aufmerksamkeit für die Sache, ganz Deutschland redet darüber, alle Parteien sind besorgt. Niemandem ist damit gedient, wenn ihr hier sterbt." Abgebrochen wurde die Aktion bislang jedoch nicht.

Carla Reemtsma, Sprecherin der Initiative Fridays for Future, verteidigte den Hungerstreik hingegen als legitimes Mittel des Protestes sei. Dem Sender RTL/NTV sagte Reemtsma: "Ich finde es vor allem erstmal erschütternd, dass junge Menschen in Anbetracht des politischen Versagens, das wir im Bereich der Klimakrise erleben, das Gefühl haben, zu diesem Mittel greifen zu müssen." In der Klimabewegung stehe man für dieselben Ziele ein, so Reemtsma. Fridays for Future rufe allerdings nicht zum Hungerstreik auf.

Theologe Lob-Hüdepohl: Das grenzt an Erpressung

Aus Sicht des Theologen Andreas Lob-Hüdepohl grenzt die Aktion an Erpressung, denn hier würden Einzelpersonen in Haftung genommen: "Sollten sie [die Hungerstreikenden] zu Schaden kommen, wird man sagen können: Na, hätten die [Kanzlerkandidaten] nicht mal eben fünf Minütchen vorbeischauen können, um den Tod von jungen Menschen abzuwenden?", sagte Hüdepohl, der auch Mitglied des Ethikrates ist, dem rbb.

Der Theologe äußerte Hochachtung und Respekt für die Ernsthaftigkeit der Hungerstreikenden und das starke Zeichen, dass sie setzten. Sie sollten es jedoch nicht zum Äußersten kommen lassen, mahnte der Professor der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin im rbb-Inforadio: "Die politische Botschaft ist ja gesendet und ich glaube auch verstanden."

"Hungerstreik kann nur letztes Mittel sein"

Die Klimakrise sei eine extrem bedrängende und bedrohliche Situation vor allem für die Zukunft der jungen Generation, sagte Lob-Hüdepohl. "Dass es deswegen jetzt zu Handlungen und nicht bloß zu Absichtserklärungen kommen muss, ist auch unzweifelhaft, denke ich. Ich wünschte mir, dass die Wissenschaft ähnlich gehört werden könnte wie in der Pandemie."

Protestaktionen seien aus seiner Sicht legitim und Ausdruck einer lebendigen Demokratie. Zwischen einer weinenden Greta Thunberg, einem Schulstreik und dem Selbsteinsatz des Lebens von Hungerstreikenden gebe es aber einen sehr großen Unterschied: "Ein Hungerstreik kann, wenn überhaupt, nur äußerstes Mittel sein, letztes Mittel sein. Das scheint mir derzeit nicht der Fall zu sein." Wenn Schülerinnen und Schüler wegen des Schulstreiks unentschuldigt im Unterricht fehlten, fände er das konsequent, sagte Lob-Hüdepohl.

Sendung: Inforadio , 23.09.2021, 19:05 Uhr

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