200 zusätzliche Plätze - Berliner Senat will 24/7-Angebote für Obdachlose ausbauen

Fr 05.11.21 | 14:31 Uhr
  5
Obdachlose liegen morgens im U-Bahnhof Tempelhof unter einfachen Decken auf der Erde und schlafen, aufgenommen am 12.10.2021. (Quelle: dpa/Matthias Tödt)
Audio: rbb 88.8 | 29.10.2021 | Silke Mehring | Bild: dpa/Matthias Tödt

Das Angebot jenseits der klassischen Notübernachtungen soll für Obdachlose in Berlin vergrößert werden. Ab November will der Senat 200 zusätzliche Plätze zur Verfügung stellen, die sieben Tage die Woche und 24 Stunden am Tag für sie geöffnet haben.

Nach guten Erfahrungen in der Corona-Pandemie will die Berliner Senatssozialverwaltung bei der Obdachlosenhilfe das Angebot jenseits der klassischen Notübernachtungen ausbauen. So sollen zu den angestrebten 1.000 Plätzen ab November zusätzlich 200 kommen, die an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr zur Verfügung stehen, wie Sprecher Stefan Strauß sagte.

"Wir haben in der Pandemie sehr gute Erfahrungen mit 24/7-Angeboten gemacht", so Strauß. In traditionellen Kältehilfe-Unterkünften müssen die Bewohner hingegen nach dem Frühstück wieder zurück auf die Straße und können erst abends wiederkommen - wenn noch Platz ist.

"Aktive Beteiligung von Hilfesuchenden wird erwartet"

Im vergangenen Winter standen einmalig mehr als 500 solcher 24-Stunden-Plätze zur Verfügung. Unter anderem in einer Jugendherberge, die im Lockdown schließen musste. "Diese Angebote waren so erfolgreich, dass unverständlich wäre, sie zu beenden", so der Sprecher der Senatssozialverwaltung.

Die Berliner Stadtmission begrüßt diese Pläne. "24/7-Einrichtungen sind ein erster großer Schritt auf dem richtigen Weg", sagte Sprecherin Barbara Breuer. Neben Unterkunft und Versorgung werden in diesen Einrichtungen auch psychologische Hilfe und Sozialberatung angeboten. "Von den Hilfesuchenden wird dort allerdings auch erwartet, dass sie sich aktiv einbringen", so Breuer.

Ehemaliges Hostel wird Anlaufstelle für Frauen

Bis 2023 sollen laut Senatssozialverwaltung drei Berliner Unterkünfte nach dem 24/7-Modell mit 11,4 Millionen Euro aus EU-Mitteln zur Bewältigung der Corona-Krise finanziert werden. Ein ehemaliges Hostel am Halleschen Ufer werde nur Frauen aufnehmen, berichtete Strauß. Träger der anderen beiden Unterkünfte in den Stadtteilen Mitte und Treptow seien die Stadtmission und der Internationale Bund.

"Housing First" könnte 1,3 Millionen Euro jährlich kosten

Nach den Vorschlägen von Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) soll es in Berlin langfristig einen Paradigmenwechsel hin zu gesamtstädtisch gesteuerten und nachhaltigen Angeboten geben. Ein Beispiel dafür ist das Modell "Housing First", bei dem Obdachlose, die Anspruch auf Hartz IV haben, eine eigene Wohnung bekommen können. Fast 80 Menschen fanden so in den vergangenen drei Jahren über das Modellprojekt nach US-Vorbild eine eigene Bleibe.

Das gilt in dieser Gruppe und dem mehr als angespannten Berliner Wohnungsmarkt als Erfolg. Würde dieser Weg konsequent weiterverfolgt, wären allerdings allein für "Housing First" nach Berechnungen der Sozialverwaltung 1,3 Millionen Euro pro Jahr nötig. "Die Entscheidung darüber liegt beim neuen Abgeordnetenhaus", sagte Strauß. Das Projekt laufe deshalb noch bis zum Ende des ersten Quartals 2022 weiter.

Ziel lautet, Obdachlosigkeit bis 2030 zu beenden

Die 24/7-Unterkünfte "gehören zu den ersten Maßnahmen und Projekten, die wir jetzt umsetzen, damit wir unser gemeinsam mit der EU formuliertes Ziel erreichen, die Obdachlosigkeit bis zum Jahr 2030 zu beenden", konkretisierte Breitenbach. Weiterhin sei es Ziel, dass die Gäste der Einrichtungen ihre gesundheitliche Situation verbessern.

In Berlin leben nach einer ersten Zählung im Januar 2020 rund 2000 Obdachlose - wobei sich nicht alle Betroffenen zählen ließen.

Folgende Einrichtungen sind als 24/7-Unterkünfte eingerichtet:

Haus der Stadtmission

- Auguststraße 82, 10117 Berlin

- Platz für 80 Männer und Frauen, barrierearm, Frauenetage

Ehemaliges Hostel Sezer

- Adlergestell 129, 12439 Berlin

- Platz für 62 Männer und Frauen, Frauenetage

Happy Bed Hostel

- Hallesches Ufer 30, 10963 Berlin

- Einrichtung ausschließlich für obdachlose Frauen, 50 Einzelzimmer

Sendung: Fritz, 29.10.2021, 07:18 Uhr

Die Kommentarfunktion wurde am 29.10.2021 um 20:13 Uhr geschlossen. Die Kommentare dienen zum Austausch der Nutzerinnen und Nutzer und der Redaktion über die berichteten Themen. Wir schließen die Kommentarfunktion unter anderem, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt.

5 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 5.

    Die meisten Sozialverbände und auch der Berliner Mieterverein sprechen von über 10.000 obdachlosen Menschen. Ein paar Zimmer zur Verfügung zu stellen oder UBahnhöfe zu öffnen, löst nicht das Problem. Wir brauchen preiswerten Wohnraum, Mietpreisbremse, Stopp von Luxussanierungen statt (häufig) leerstehenden Eigentumswohnungen. Und mit ALG 2 findet man auch keine Wohnung...

  2. 4.

    Wie oft hat der Senat das schon versprochen. Das ist doch auch diesmal nur gequatschte, man baut doch lieber Tempohomes.

  3. 3.

    Eigenes Geld aus dem laufenden Landeshaushalt möchte der Senat nicht opfern ? Dann ist daß dem Senat von Berlin auch nicht wichtig.

  4. 2.

    Angekündigter staatlicher Mißbrauch von EU-Fördermitteln. Weil es doch unverständlich wäre auf Bewährtes zu verzichten.

  5. 1.

    Jeder legal in Berlin lebende Obdachlose hat Anspruch auf - das fälschlicherweise immer Harz4 genannte - Alg2. Er/Sie benötigt nur eine Postanschrift um dort regelmäßig ihreseine Post abzuhlolen. ( Beratungsstellen, Tagesstätten ...).

Nächster Artikel