Prozessbeginn in Brandenburg/Havel - Angeklagter KZ-Wachmann will sich nicht zu Vorwürfen äußern

Do 07.10.21 | 12:59 Uhr
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Der angeklagte ehemalige KZ-Wachmann sitzt mit seinem Anwalt Stefan Waterkamp im Gerichtssaal. Der inzwischen 100-jährige Angeklagte soll zwischen 1942 und 1945 im Konzentrationslager Sachsenhausen nahe Berlin wissentlich und willentlich Hilfe zur Ermordung von Lagerinsassen geleistet haben, heißt es in der Anklage. Es gehe um Beihilfe zum Mord in 3518 Fällen. (Quelle: dpa/Fabian Sommer)
Video: rbb|24 | 07.10.2021 | Material: ARD-aktuell | Bild: dpa/Fabian Sommer

In Brandenburg/Havel hat der Prozess gegen einen ehemaligen Wachmann im KZ Sachsenhausen begonnen. Dem 100-Jährigen wird Beihilfe zum Mord in mehr als 3.500 Fällen vorgeworfen. Der Angeklagte schweigt zu den Vorwürfen.

Im Prozess um die Massentötungen im damaligen Konzentrationslager Sachsenhausen will sich der angeklagte ehemalige Wachmann der SS nicht zu den Vorwürfen äußern. Dies erklärte sein Verteidiger Stefan Waterkamp am Donnerstag beim Auftakt des Prozesses unter strengen Sicherheitsvorkehrungen in Brandenburg/Havel.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann als Mitglied einer SS-Einheit Beihilfe zum Mord in 3.518 Fällen in der Zeit von Januar 1942 bis Februar 1945 vor.

Anklage verlesen

Sein Mandant wolle sich aber am Freitag zu seinen persönlichen Verhältnissen äußern, soweit dies nicht die Vorwürfe betreffe, erklärte der Anwalt.

Bei der Verlesung der Anklage hatte Staatsanwalt Cyrill Klement ausführlich die systematischen Tötungen von Tausenden Lagerinsassen während der Jahre 1941 bis 1945 beschrieben.

Dazu gehörten Massen-Erschießungen in speziellen Anlagen, Vernichtungsaktionen in Gaskammern und das Sterben durch Entkräftung und Krankheiten. "Der Angeklagte unterstützte dies wissentlich und willentlich zumindest durch gewissenhafte Ausübung des Wachdienstes, die sich nahtlos in das Tötungssystem einfügte."

21 Prozesstage bis Januar vorgesehen

In die Zeit, in der der Angeklagte in Sachsenhausen im Dienst war, fällt unter anderem der Mord an 71 niederländischen Widerstandskämpfern, die Erschießung von 250 "jüdischen Geiseln" als Vergeltung für einen Anschlag auf eine NS-Ausstellung in Berlin, der Beginn der Deportation jüdischer Häftlinge nach Auschwitz. 1943 sei in Sachsenhausen dann auch eine Gaskammer installiert worden. Erbaut wurde das Konzentrationslager im Sommer 1936. Insgesamt waren hier bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 mehr als 200.000 Menschen inhaftiert.

Für den Prozessauftakt am Donnerstag war nur die Verlesung der Anklage geplant. Bis in den Januar hinein sind weitere 21 Prozesstage vorgesehen. Der Angeklagte sei nur bis zu drei Stunden am Tag verhandlungsfähig. Der Prozess sei auch deshalb von Neuruppin in die Nähe seines Wohnortes in Brandenburg an der Havel verlegt worden, sagte eine Gerichtssprecherin: "Eine kürzere Anfahrt führt dazu, dass mehr Zeit für die Hauptverhandlung zur Verfügung steht."

Anwälte: Justiz hat Aufarbeitung zu lange vernachlässigt

An dem Prozess nehmen nach Angaben des Nebenklägeranwalts Thomas Walther 16 Nebenkläger teil, darunter sieben Überlebende des Konzentrationslagers und neun Angehörige von Opfern. Er vertritt nach eigenen Angaben elf von ihnen. Die deutsche Justiz habe die Aufarbeitung der NS-Verbrechen jahrzehntelang vernachlässigt, so Walther. Für die Nebenkläger sei das Verfahren ungemein bedeutsam. "Sie werden dort gehört werden und das ist bislang nicht genug geschehen."

Auch Stefan Waterkamp, der Verteidiger des Angeklagten, erklärte, das Verfahren sei zwar rechtsstaatlich korrekt, komme aber viel zu spät. "Es hätte viel mehr Frieden und Gerechtigkeit geben können, wenn wir das in der 1970er, 80er und 90er Jahren gemacht hätten", meinte er. Denn dann hätten noch viel mehr Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden können. "Und das hätte zu einer viel umfassenderen Aufarbeitung geführt."

Sendung: Inforadio, 07.10.21, 12:00 Uhr

24 Kommentare

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  1. 24.

    Zitat: "Jetzt im nachhinein neue Gestzte zu verabschieden, um die Sache noch mal aufzurollen, ist Idiotie. Wenn dieser Staat " BRD " hundert jährige vor Gericht zerrt, ist es mit der ach so hochgelobten Demokratie und Menschenwürde auch nicht weit her!" . . . "Ich kommentiere nicht ins Leere, sondern weiß schon von was ich rede."

    Sie wissen offensichtlich nicht, wovon Sie "reden", Gibert. Der entsprechende Passus bei wiki liest sich wie folgt: "Den für eine Verurteilung wegen Beihilfe zum Mord erforderlichen konkreten Einzeltatnachweis gab die Rechtsprechung erstmals mit der rechtskräftigen Verurteilung von John Demjanjuk im Jahr 2011 und Oskar Gröning im Jahr 2016 auf."

    Es wurden also in der (von Ihnen bezeichnenderweise in "Strichel" gesetzten) BRD dbzgl. keinen neuen Gesetze verabschiedet, sondern bestehende aus guten Gründen novelliert.

  2. 23.

    Stimmt, solche Personen gehören vor Gericht egal wie alt sie sind, solange sie gesundheitlich in der Lage sind.
    Gegen Nachahmer und unverbesserliche.

  3. 22.

    Bitte nachschauen unter " NS-Prozesse" bei Wikipedia, Abschnitt "Prozesse im 21. Jahrhundert". Diese Rechtsprechung die ich meine, gibt es erst seit den 90 iger Jahren. Damit wurde eine ganz neue Gesetzeslage geschaffen. Ich kommentiere nicht ins Leere, sondern weiß schon von was ich rede.

  4. 20.

    Sorry Gibert, aber niemand hat hier irgendwelchen neuen Gesetze verabschiedet.

  5. 18.

    Natürlich wurden alle durchleuchtet. Besonders die Justiz und die Geheimdienste waren absolut frei von hochrangigen Nazis. Schon lächerlich was hier von sich gegeben wird.

  6. 17.

    Das hieße aber, das sich niemand einer Verantwortung stellen müsste. Nirgendwo. Das würde dann auch die Neuentstehung von Diktaturen wahrscheinlicher werden lassen. Zudem hat der Angeklagte die Möglichkeit alles aus seiner Sicht und den Zusammenhängen zu schildern.

  7. 16.

    absolutes JA für die Fragestellung: wer hat Schuld. Aber andere Frage drängen sich mir auf: Wo war der Prozess gegen den Lagerleiter? Wo war der Prozess gegen den Leiter der Wachmannschaften? Und jetzt der Prozess gegen einen derart alten Mann, der Millimeter vor seinem eigenen Ableben steht?
    Die wirklich wichtige Kernfrage wäre: was wäre diesem Wachmann passiert, wenn er damals zu Hitlers knallharten Zeiten NEIN gesagt hätte?
    Wenn die Wachmänner damals plötzlich erkannt hatten, was da eigentlich abläuft... hätten sie DAMALS den Auftrag ablehnen können?
    Im Jahr 2021 zu urteilen ist das Eine. Aber die Verantwortlichkeiten von DAMALS müssen unter dem Licht von DAMALS betrachtet werden.

  8. 15.

    So ein ausgemachter Schwachsinnn...! Wo soll sowas anfangen und aufhören. Diese Leute sind damals nach dem Krieg komplett durchleuchtet und verurteilt worden. Wenn es keinen hinreicheneden Tatverdacht gab, war es erledigt. Jetzt im nachhinein neue Gestzte zu verabschieden, um die Sache noch mal aufzurollen, ist Idiotie. Wenn dieser Staat " BRD " hundert jährige vor Gericht zerrt, ist es mit der ach so hochgelobten Demokratie und Menschenwürde auch nicht weit her!

  9. 14.

    Wenn ich demnächst ihr Auto klaue werde ich darauf hinweisen, dass es Diebe gab, die nie verurteilt worden sind. Manche Leute haben eine merkwürdige Rechtsauffassung.

  10. 13.

    Gesetze sind zu 100% unverbiegbar und Mord verjährt nicht. Darum ist das ganze Gelaber sinnlos.

  11. 12.

    Es ist nicht nur der Wachmann, der sich schuldig gemacht hat. Es ist auch der Beamte, der das Einschreiben dem Juden zustellen ließ, sich zum Abtransport am Bahnhof einzufinden. Der Finanzbeamte, der das Vermögen des Juden eingezogen hat. Der Lokführer der Deutschen Reichsbahn, der die Juden nach Auschwitz transportiert hat. Die Beamten, die die Krematoriumsöfen geplant und an eine Firma in Erfurt vergeben hat. Die Richter die sich nach 1933 darin gegenseitig überboten haben, die Nazigesetzgebung blutige Realität werden zu lassen. Lehrer, die jüdische Kinder vom Unterricht an Schulen ausgeschlossen haben. Ich könnte stundenlang weiter machen … ach - habe ich bereits erwähnt, dass die AFD bei der letzten Bundestagswahl in einigen Regionen von Sachsen über 30 % erhalten hat ?! Die Beamten und Richter werden auch einer AFD Regierung als willige Vollstrecker dienen …

  12. 11.

    Gerechtigkeit oder Rache.

    Timothy Snyder (amerikanischer Historiker)hat viel über die Shoah geschrieben.

    Eine seiner Aussagen hat mich sehr erschreckt:

    Warum liebt jeder Holocaust Memorials, weil es uns erlaubt uns mit den Opfern zu identifizieren und wir daher nicht darüber nachdenken müssen ob wir nicht auch Täter sein könnten

    Pardon über die holprige Übersetzung

  13. 10.

    "Insgesamt waren hier bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 mehr als 200.000 Menschen inhaftiert." und nochmals 60.000, teils gerade mal 12 Jahre, von 1945 bis zur endgültigen Schließung des Lager im Jahr 1950.

  14. 9.

    Solange es noch Überlebende/HInterbliebene dieser monströsen Gräueltaten gibt, sollten die Verantwortlichen auch öffentlich bestraft werden. Ob die Verurteilung nun eher symbolische Wirkung hat oder nicht, ist da zweitrangig.

    Das "Argument", dass solche Verhandlungen den Gerichten die "Zeit stiehlt", andere, "sinnvollere" und schnellere Verurteilungen zu erwirken, gehört wirklich nicht hierher und halten keinerlei Vergleich stand. Da sträuben sich bei mir ja die Nackenhaare....

  15. 8.

    Nach dem Krieg haben sich die Siegermächte sich die Leute herausgesucht die ihnen von Nutzen waren und in ihre Länder gebracht. Ein gutes Beispiel ist Werner von Braun. Er wusste bestimmt was um ihm herum vorgegangen ist. Jedoch wurde er nie dafür belangt. Auch viele hohe Nazi's fanden nach dem Krieg in Politik und Wirtschaft ihren Platz. Eine Sekretärin oder einen Wachmann, die eh nicht mit der Entscheidungsfindung zu tun hatten, stellt man nach 80 Jahren vor Gericht. Dies schmeckt alles mehr nach Rache als nach Gerechtigkeit.

  16. 7.

    "Oder er beteuert, er habe im Lauf seines langen Lebens seine Schuld eingesehen, bereue seine Taten und bitte um Entschuldigung dafür - dann liefert er sich auch ans Messer, und ob die überlebenden Opfer und deren Angehörige darin Genugtuung finden, ist fraglich."

    DAS ist eigentlich das Mindeste, das er tun kann und sollte, wenn es denn der Wahrheit entspricht.
    Wo kommen wir denn da hin, wenn Straftätern geraten wird, in solchen Fällen die Aussage zu verweigern ?

    Und juristisch wird das eher keine Rolle spielen, denn die ihn erwartende Bestrafung wird angesichts des Alters so oder so den Rest seines Lebens kosten.

  17. 6.

    Auch hier wieder die erwartbaren verharmlosenden, rationalisierenden Kommentare. "Ans Messer liefern" ist bei jemandem, dem zur Last gelegt wird, an der Ermordung mehrerer tausend Menschen beteiligt gewesen zu sein, ein ziemlich unpassender Sprachgebrauch. Warum sollte man Mitleid haben oder gar eine Opferrolle darin sehen, dass jemand mutmaßlich teil der NS-Tötungsmaschinerie war? Für die Ermordeten oder ihre Angehörigen haben Sie keine Gedanken übrig - wenig überraschend. Bei Leuten wie Ihnen würde sich Fritz Bauer im Grabe umdrehen.

    Dass es überhaupt zum Verfahren kommt, ist nicht nur offentlich-rechtliche Anerkennung der Verbrechen, sondern stellt einen kleinen Teil des Ansehens der Justiz im Zshg. mit der juristischen Aufarbeitung der NS-Verbrechen wieder her, wennauch, angesichts der Vielzahl an Verbrechen und der ebenso hohen Anzahl von Gelegenheiten, NS-Verbrecher*innen zu verfolgen, es nur ein marginal kleiner Teil ist.

  18. 5.

    Leider finden diese Verfahren viel zu spät statt.
    Aber sowohl aus juristischer Sicht als auch zum geschichtlichen Umgang sind sie absolut richtig. Und für die Nebenkläger wohl mehr als wichtig!
    Schade nur wenn es zu keiner Aussage des Angeklagten kommt.

  19. 4.

    Was soll das solch ein alten Menschen vor Gericht zustellen, Die sollen mal alle Stasi Mitarbeiter vor Gericht bringen, da haben sie genug zutun

  20. 3.

    Irgendwann muss es auch mal gut sein. Wem bringt es etwas, wenn unsere Justiz 96 oder 100 Jährige verfolgt. Völlig unsinnig ausgegebenes Geld, das an anderer Stelle dringend benötigt wird. Nach mehr als 75 Jahren sollten diese Geschichten verjährt sein. Das sage ich, obwohl in meiner Familie mind. 3 Personen Opfer der Nazis wurden. Mensch sein bedeutet auch vergeben und nicht die nächsten Generationen mit dieser Last leben zu lassen.
    Gegen der Naziherrschaft werde ich meinen Kindern keine Schuldgefühle einreden. Auch wenn alle davon sprechen "wir dürfen das nicht vergessen", sag ich doch, lasst uns das dunkle Kapitel vergessen und mit unseren Kindern in die Zukunft sehen!

  21. 2.

    Und was bringt es? Urteil und dann zurück ins Altersheim. Vielleicht Hausarrest aber auch nicht mehr. Die ganze Maschinerie an Anwälten und Richtern würde mal besser anders eingesetzt. Viele Kleinkriminelle und Ersttäter werden erst Monate nach ihrer Tat belangt. Da könnte man noch was erreichen und denen den richtigen Weg weisen. Was soll ein 100jähriger der nur von Tag zu Tag lebt nich bereuen und in seinem Restleben andeds machen.

  22. 1.

    Was soll er auch sagen - falls er sich noch erinnert ?

    Entweder er sagt, er habe nichts mitbekommen - das wird man ihm nicht glauben.
    Oder er sagt, er habe gewusst, was vor sich geht und bewusst mitgemacht- dann liefert er sich ans Messer.
    Oder er beteuert, er habe im Lauf seines langen Lebens seine Schuld eingesehen, bereue seine Taten und bitte um Entschuldigung dafür - dann liefert er sich auch ans Messer, und ob die überlebenden Opfer und deren Angehörige darin Genugtuung finden, ist fraglich.

    Also ist es - zumindest juristisch - das beste, sich nicht zu äußern...

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