Interview | Shoa-Überlebender zu Prozess gegen Ex-Wachmann - "Mord ist Mord ist Mord"

Lagerbegrenzung des KZ Sachsenhausen (Bild: dpa/McPhoto-Schul)
Bild: dpa/McPhoto-Schul

Richard Fagot überlebte als Kind das KZ Sachsenhausen. Im Interview spricht der 85-Jährige über die letzten Tage des Krieges - und darüber, ob er den Prozess gegen einen ehemaligen SS-Wachmann für gerechtfertigt hält.

rbb: Herr Fagot, Sie waren neun Jahre alt, als Sie im April 1945 mit Ihrer Mutter und Schwester ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht wurden. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit und wie haben Sie die Wachmänner erlebt?

Richard Fagot: In den letzten Tagen von Sachsenhausen habe ich die Möglichkeit gehabt, die "glorreichen" Tätigkeiten der Wachmänner zu beobachten. Das ist eine wenig ruhmvolle Zeit gewesen. Und in diesen Tagen war es ausnahmsweise und erstmalig zu vermuten gewesen, dass diese Männer auch menschliche Eigenschaften besaßen. Die Rote Armee näherte sich. Der Himmel war rot. Man hörte die Geschosse der Flaks und die Wachmänner waren alle aufgeregt, nervös, liefen übereilig herum, schrien sich gegenseitig an. Und sie wollten nur schleunigst weg.

Sie waren sehr darum bemüht, auf keinen Einzigen aus den kümmerlichen Überresten des KZs zu verzichten und ausnahmslos alle Häftlinge mit auf dem Todesmarsch zu nehmen. Sie drohten, dass alle Baracken mit Sprengstoff unterminiert und in die Luft gesprengt würden. Es solle also niemand versuchen, sich zu verstecken. Aber genau das taten wir.

Meine Mutter war völlig erschöpft und hatte keine Kraft mehr auf irgendeinen Marsch, geschweige denn einen Todesmarsch, zu gehen. Sie sagte, es wäre ihr egal, wo sie sterben würde, sie würde sich nicht mehr vom Fleck rühren. Wir versteckten uns in einer leerstehenden Baracke unter Decken. Wir wurden nicht in die Luft gesprengt und am nächsten Tag war die Rote Armee da. Ich habe nur durch eine Reihe von glücklichen Zufällen überlebt.

Welch einen erzieherischen Wert kann so ein Prozess nach über 75 Jahren haben? Und was für eine Strafe kann er schon bekommen?

Ehemaliger KZ-Insasse Richard Fagot über den Prozess gegen einen Ex-Wachmann

Seitdem sind 76 Jahre vergangen. Nun beginnt der Prozess gegen einen ehemaligen SS-Wachmann in Sachsenhausen. Er ist inzwischen 100 Jahre alt. Finden Sie es richtig, dass er vor Gericht gestellt wird?

Das ist eine sehr schwierige Frage. Die kann ich nicht mit Ja oder Nein, mit Pro oder Contra beantworten. Mord ist Mord ist Mord - das lässt sich nicht wegwischen. Andererseits: Wo war die Justiz bis heute? Die Zeugen der Anklage werden die längst bekannten Gräuel erzählen. Und die, die daran nicht glauben wollen, werden weiterhin darauf beharren, dass alles gelogen sei und sich empört zeigen, dass man diese Materie überhaupt berührt. Auch die, die glauben, sind schon ermüdet und stumpf geworden. Also genug damit.

Sehr viele werden Mitleid haben, mit einem gutmütigen Greis. Sie werden eher den netten Nachbarn von nebenan sehen, anstatt einen vielfachen Mörder. Welch einen erzieherischen Wert kann so ein Prozess nach über 75 Jahren haben? Und was für eine Strafe kann er schon bekommen? Lebenslänglich? Ein Jahr? Der Verteidiger wird seine ekelerregenden Argumente vortragen.

Zur Person

Richard Fagot im Alter von 10 Jahren. (Quelle: R. Fagot/privat)
R. Fagot/privat

Richard Fagot wurde 1936 als Sohn einer jüdischen Familie im polnischen Lodz geboren. Nach dem Überfall der Wehrmacht zwangen die Nazis ihn und seine Familie, im Ghetto zu leben. 1944 wurde er in einem Viehwagen in das KZ Ravensbrück gebracht, später nach Königs Wusterhausen und Sachsenhausen.

1949 emigrierte Richard Fagot mit seiner Familie nach Israel. Er wurde Arzt. Seit vielen Jahren engagiert sich Fagot als Zeitzeuge und spricht mit Schülern über seine Erinnerungen.

Damit er sich nicht selbst lächerlich macht, wird er vielleicht nicht behaupten, dass der Angeklagte nichts gewusst habe. Hat der Angeklagte selbst auf den Auslöser gedrückt? Nee, höchstens zugeschaut. Nach den damals herrschenden Werten war er ein Held seines Vaterlandes. Allenfalls nur ein Schräubchen im System. Was soll also der Zirkus? Vielleicht wäre es zweckmäßiger, die Ressourcen anderweitig zu verwenden. Zum Beispiel muss noch mehr versucht werden, in den Grund - und Mittelschulen aufzuklären. Also ich selbst habe den Glauben an Erziehung und Aufklärung noch nicht ganz verloren.

Können Sie sich vorstellen, dass jemand, der fast drei Jahre lang auf dem Wachturm stand, nichts mitbekommen hat von der industriellen Tötungsmaschinerie?

Das ist lächerlich. Das ist unmöglich. Jeder im Lager wusste, was vor sich geht. Und auch außerhalb des Lagers wusste man das. Nur die, die die Augen verschließen wollten, wussten nichts.

Was würden Sie dem Angeklagten gerne sagen, oder was würden Sie ihn fragen, wenn Sie ihm begegnen würden?

Tja. Sie stellen mir immer schwierigere Fragen. Ich bin kein Jurist und ich bin auch nicht rachsüchtig. Ich würde ihm sagen, dass sie das Land Deutschland kaputt gemacht haben. Dass er und seine Gleichdenkenden Millionen von Menschen vernichtet haben. Nicht nur Juden, auch Russen, Polen, Menschen, die nicht ganz gesund waren. Das war alles gegen den humanistischen Gedanken. Was soll ich ihm sagen? Ich würde ihm sagen, er solle sich schämen!

Herr Fagot, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führt Claudia Baradoy, rbb Kultur.

Sendung: rbb Kultur, 05.10.21

15 Kommentare

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  1. 15.

    Der hinkende Vergleich beinhaltete auch die Frage, ob die massiven namendlichen Schuldzuweisungen am Tode von tausenden Menschen, u.a. auch durch seriöse Medien, nur verbale, überflüssige Attacken sind, oder ob nicht eventuell eine juristische Aufarbeitung angesichts des vielgepriesenen Wertekanons und der allgemeinen Erregung ein Beitrag zur allseits geforderten Gerechtigkeit wäre ?

  2. 14.

    Für den 100 jährigen mutmaßlichen Massenmörder wird sich mit dem Urteil nichts ändern. Er wird anschließend wieder ins Altenheim gebracht. Gleichwohl ist ist die strafrechtliche Aufarbeitung richtig und wichtig. Je mehr sich die Rechten dagegen echauffieren, umso wichtiger ist die weitere Aufarbeitung und eindringliche Vermittlung des Geschehenen an den Schulen.

  3. 13.

    "Da bestand vor allem in der BRD wenig Interesse die Gräueltaten der Nazis aufzuklären."
    Etwas Lektüre für sie:
    https://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/der-zweite-weltkrieg/211771/die-ahndung-von-ns-und-kriegsverbrechen-in-der-sbz-ddr

  4. 12.

    Dass "Otto Krause" hier vor allem durch Zynismus und "Das wird man ja wohl noch sagen/fragen dürfen" auffällt, ist ihnen geläufig, Steffen? Der Mann hat längst aufgegeben, vernünftig argumentieren zu wollen.

  5. 11.

    Es geht aber gar nicht um Mord sondern um Beihilfe. Wegen Mordes hätte der Herr schon vor Jahrzehnten angeklagt werden müssen und können.

  6. 10.

    Nicht alles was hinkt, ist auch ein Vergleich! Das Thema ist ein wenig zu ernsthaft dafür.

  7. 9.

    Erst die Nürnberger Gesetze kompromisslos bei den begangenen Massenvebrechen anwenden und dann die aktuelle bundesdeutsche Gesetzeslage ignorieren wollen - das soll man kapieren und als zusammenpassend verstehen.. ??

  8. 8.

    Am meisten zum nachdenken regt diese Frage von Herr`n Fagot an: "wo war die Justiz bis heute"

  9. 7.

    Stimmt Mord ist und bleibt Mord. Auch die Schuld bleibt Schuld nach 75 Jahren.Nur Was will man noch von einen sehr alten Mann? Wie soll mein einen verurteilen ? Lebenslänglich ist auch manchmal noch zu wenig

  10. 6.

    Wenn das Gericht ihn für schuldig befindet soll, muss er auch verurteilt werden.
    Hatte die Nazigerichtsbarkeit etwa auf Juden, Roma, Kinder und Babys deren Mütter, Väter und Geschwister, Oma, Opa, Tanten und Onkel, Neffen, Nichten, Andersgläubige, Widerstandskämpfer verschiedener demokratischer Parteien, alte und kranke Menschen Rücksicht genommen?
    Er kann froh darüber sein heute in einer Demokratie vor Gericht zu stehen und muss nicht befürchten hingerichtet, in eine Gaskammer gesteckt oder auf einen Todesmarsch geschickt zu werden.

  11. 5.

    Ob die Männer und Frauen die Schuld auf sich geladen haben, ist offen. Glaube ehr, sie sind froh nicht erwischt geworden zu sein. Frau Furchner die SS-Sekretärin wollte ja noch fliehen.

  12. 4.

    Könnte oder müsste man nicht sogar nach dieser Logik, aktuell führende Politiker ebenfalls wegen Beihilfe zu verschiedenen Tatbeständen vor Gericht stellen und aburteilen ? In den vergangenen Jahren wurde z.B. Horst Seehofer für die Toten im Mittelmeer von Aktivisten massiv verantwortlich gemacht oder die AfD für Gewaltexzsesse von Altparteien u. verschiedenen Institutionen. Alles nur zur Diffamierung und Propaganda oder berechtigt ?

  13. 3.

    An Schulen aufklären, dass der Mörder davon kommt, wenn er nur alt genug ist? Zum Glück leben wir im Rechtsstaat, wo sowas weiterhin verfolgt wird. Es wird in anderen Fällen, auch so gehandelt. Oder warum soll man einen Mörder nach 50 Jahren nicht mehr verklagen?

  14. 2.

    Ich finde auch, dass die Mittel, die dieser Prozess verschlingen wird besser für die Aufklärung an Schulen eingesetzt werden sollten, denn die Gefahr, dass so etwas wieder geschehen könnte ist lange nicht gebannt. Selbst der Herr Fagot sieht das so. Die Versäumnisse liegen in den Jahrzehnten davor. Da bestand vor allem in der BRD wenig Interesse die Gräueltaten der Nazis aufzuklären. Man hat sich lieber an den Wohltaten des Wirtschaftswunders erfreut. Der Wohlstand führt übrigens bei einigen Zeitgenossen auch heute zu Gleichgültigkeit und Egoismus. Was geht mich da fremdes Elend an? Hauptsache mir geht gut.

  15. 1.

    Das Problem bei all diesen späten Prozessen ist ja, dass es nicht um Schuld an sich geht. Diese haben alle dieser Männer und Frauen unzweifelhaft auf sich geladen. Es geht darum, ob diese Schuld noch justiziabel ist. Recht und Gerechtigkeit sind oft zwei verschiedene Dinge und das trifft hier in besonderem Maße zu. Wenn es um Mord geht, so hätte der Herr schon vor Jahrzehnten vor Gericht gestellt und verurteilt werden müssen. Dies war die ganze Zeit möglich. Nur musste die Schuld eben individuell festgestellt werden. Dies ist auch oft gelungen und wurde dann auch verurteilt. Jetzt wird Jahrzehnte zu spät versucht, die individuelle Schuld über den Tatbestand der Beihilfe abzulösen, was nur für Todeslager zulässig ist. Dort reicht allein das Wissen und Helfertätigkeiten jeglicher Art, um mitschuldig am Mord zu sein, den Andere begangen haben - juristisch schwierig. Es mag Recht sein, für Gerechtigkeit ist das zu spät und trifft meist nur kleine Lichter im Mordsystem.

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