Großer Zapfenstreich und Schlussappell - Soldaten nach Ende des Afghanistan-Einsatzes feierlich in Berlin geehrt

Soldaten nehmen an dem Großen Zapfenstreich in Berlin teil, um den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr zu würdigen (Bild: dpa/Christophe Gateau)
dpa/Christophe Gateau
Video: rbb|24 | 13.10.2021 | Material: Abendschau | Bild: dpa/Christophe Gateau

Zehntausende deutsche Soldatinnen und Soldaten waren in Afghanistan im Einsatz. Sie wurden am Mittwoch feierlich von den Spitzen des Staates gewürdigt - obwohl die Bilanz des Einsatzes selbst an diesem Ehrentag zwiespältig ausfällt.

Mit einem Großen Zapfenstreich vor dem Berliner Reichstagsgebäude sind am Mittwoch die am 20-jährigen Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr beteiligten Soldatinnen und Soldaten geehrt worden. Es ist das höchste militärische Zeremoniell der deutschen Streitkräfte, an dem am Abend rund 200 Soldaten stellvertretend für alle Afghanistan-Veteranen teilnahmen.

Die Würdigungen begannen am frühen Nachmittag mit einer Kranzniederlegung am Ehrenmal der Bundeswehr im Bendlerblock zum Gedenken an die in den Einsätzen getöteten Bundeswehr-Angehörigen begonnen. Am Nachmittag fand beim Bundesverteidigungsministerium der zentrale Abschlussappell statt. In seiner Rede zog Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier dabei eine zwiespältige Bilanz des Afghanistan-Einsatzes.

"Fragen nach dem Sinn dieses Einsatzes"

Es sei zwar richtig gewesen, 2001 den NATO-Bündnisfall auszurufen und nach Afghanistan zu gehen, sagte Steinmeier beim Abschlussappell. Stabile staatliche Strukturen habe man aber nicht aufbauen können. "Zwanzig Jahre nach dem 11. September und zwei Monate nach dem Fall von Kabul stellen viele Menschen, die in Afghanistan gedient und gelitten haben, Fragen. Fragen nach dem Sinn dieses Einsatzes", so Steinmeier. Er würdigte den Einsatz der Soldatinnen und Soldaten in Afghanistan. "Die Bundeswehr hat all das ausgeführt, was ihr die Politik aufgetragen hat."

Anschließend folgte ein Empfang im Bundestag auf Einladung von Parlamentspräsident Wolfgang Schäuble (CDU). Dieser dankte den Soldatinnen und Soldaten im Namen des Parlaments. "Der von uns erteilte Auftrag konnte nicht so erfüllt werden, wie wir es erhofft hatten", sagte er. "An ihnen lag das nicht. Auch das Parlament muss die Gründe dafür suchen und benennen. Und es muss Schlüsse daraus ziehen."

Grüne, FDP und Linke fordern zur Aufarbeitung der Afghanistan-Mission einen Untersuchungsausschuss des Bundestages.

Zwanzig Jahre nach dem 11. September und zwei Monate nach dem Fall von Kabul stellen viele Menschen, die in Afghanistan gedient und gelitten haben, Fragen

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

Stimmen für und gegen das Zeremoniell

Um den Großen Zapfenstreich hatte es vorab Diskussionen gegeben. Ursprünglich plante die Bundeswehr lediglich einen öffentlichen Appell am Bendlerblock. Es mehrten sich aber Stimmen - unter anderem aus der Politik -, die eine größere Würdigung der Soldatinnen und Soldaten forderten.

Kritik kam von der Linken. Dieser Große Zapfenstreich sei völlig deplatziert, der Afghanistan-Einsatz komplett gescheitert, sagte der Linken-Verteidigungsexperte Tobias Pflüger. Organisationen aus der Friedensbewegung forderten nicht nur die Absage, sondern auch den generellen Verzicht auf dieses Ritual. Diese Form der Würdigung des Einsatzes sei angesichts der zahllosen Opfer, der getöteten Bundeswehrsoldaten und der Lage in Afghanistan "völlig unangemessen", heißt es in einem Appell an die Verteidigungsministerin aus dem August, der von 24 Organisationen veröffentlicht wurde.

Zuletzt noch 1.100 Bundeswehrsoldaten in Afghanistan

Bei dem Einsatz in Afghanistan sollten ursprünglich die USA nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 militärisch unterstützt werden. Im Januar 2002 trafen die ersten Kräfte in der afghanischen Hauptstadt Kabul ein. Rund 93.000 Soldatinnen und Soldanten waren laut dem Bundesverteidigungsministerium seitdem - teilweise mehrfach - in Afghanistan, 59 von ihnen verloren dort ihr Leben.

Zunächst war er zur Friedenssicherung gedacht, wurde dann aber zum Kampfeinsatz gegen die aufständischen Taliban. Zuletzt war der Kernauftrag der Nato-Truppe die Ausbildung afghanischer Streitkräfte.

Die Bundeswehr hatte den Abzug zuletzt deutlich vorantreiben müssen, nachdem die US-Regierung unter Präsident Joe Biden den Abzug beschleunigt hatte. Vor Beginn der Rückverlegung im Mai waren noch 1.100 Männer und Frauen der Bundeswehr im Land.

Nach dem Rückzug der internationalen Truppen folgte die schnelle Machtübernahme durch die militant-islamistischen Taliban und eine militärische Evakuierungsmission der Bundeswehr für deutsche Staatsbürger und gefährdete Afghanen aus der Hauptstadt Kabul.

Sendung: Abendschau, 13.10.2021, 19:30 Uhr

Korrektur: In einer früheren Version dieses Beitrags war von 160.000 Soldatinnen und Soldaten die Rede, die in Afghanistan im Einsatz waren. Tatsächlich waren es 93.000. Da einige von ihnen mehrfach nach Afghanistan flogen, "ergibt sich rein rechnerisch die Summe von 160.000", so die Erklärung der Bundeswehr [bundeswehr.de].

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60 Kommentare

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  1. 60.

    Nur mal als Denkanstoß:
    Noch 1990 hatte die Bundeswehr fast 600.000 Soldaten. Heute sind wir auf 184.000 Soldaten zusammengespart worden. Gegen wen wollen wir denn damit im "Krieg/ V-Fall" antreten?
    1. China 2.185.000 Soldaten
    2. Indien 1.445.000 Soldaten
    3. USA 1.400.000 Soldaten
    4. Nordkorea 1.300.000 Soldaten
    5. Russland 1.014.000 Soldaten
    6. Pakistan 654.000 Soldaten
    7. Südkorea 600.000 Soldaten
    8. Iran 525.000 Soldaten
    9. Vietnam 482.500 Soldaten
    10. Saudi-Arabien 480.000 Soldaten
    Googeln Sie mal die Truppenstärke im europäischen Ausland....

  2. 59.

    Es ist doch so:
    Eine Armee zu haben, die über alle erforderlichen Mittel verfügt um zumindest einen gleichwertigen Feind „besiegen“ zu können, ist kostspielig.
    Im Zusammenhang mit dem Thema „Steuergelder“ möchte aber der Deutsche am liebsten nur „Straßenbau, Kindergärten, Bildung und Digitalisierung“ hören. Schließlich ist man ja als Deutscher von europäischen Freunden „umzingelt“. Wer braucht da schon eine teure Armee?
    Die Drecksarbeit (Bündnisfall – egal ob NATO oder EU) können doch die anderen machen – und am besten bezahlen die auch gleich dafür. Na klingelt es? An diesem Punkt waren wir schon mal (..Herr Genscher und sein Scheckbuch).

    Und was die „nicht gewonnenen Kriege der Bundeswehr angeht“ – die Bundeswehr gibt es erst seit 1955…und nicht schon seit 187 - da gab es noch nicht mal die „BRD“ (je nach Sichtweise existiert diese erst seit dem 23. Mai 1949 – oder erst seit dem 3. Oktober 1990)
    (Also wie lautet da Ihre Gleichung: Äpfel = Birnen?).

  3. 58.

    Machen wir uns doch nichts vor:
    die Bundeswehr doch dann nur im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht, wenn da mal was schiefgeht. (Hierbei sollte man aber tunlichst nicht vergessen, dass die Soldaten ein Spiegelbild der Gesellschaft sind. Damit meine ich nicht nur die Selfies mit Totenschädeln).
    Und dann ist jeder plötzlich total erzürnt, enttäuscht und ein Militärexperte!
    Beispiel:
    „Das Sturmgewehr G36 schießt um die Ecke!“
    Ernsthaft? Dann müsste man dem Konstrukteur der Waffe gratulieren…
    In keinem meiner Auslandseinsätze/ in keinem Feuergefecht/ bei keiner Schießübung habe ich 1000 Patronen Gefechtsmunition in so kurzer Abfolge verschossen, dass mein Gewehr (weil es dann rotglühend wäre) „um die Ecke schießt“. Aber genau dieser Mist wurde erzählt und plötzlich war jeder ein Waffenexperte!!

  4. 57.

    Keine Sorge - ich bin nicht beleidigt.
    Das hat man in der Vergangenheit schon öfter erfolglos versucht.
    Ich wurde in Uniform angespuckt und als „Mörder“ oder/ und „Zivilversager“ oder „Schleifer“ bezeichnet. Mal ganz ehrlich – glauben Sie ernsthaft, dass ein kleiner Zapfenstreich – oder irgendeine andere öffentliche Form des Gedenkens an einen Einsatz der Bundeswehr und ihre gefallenen Soldaten in diesem Forum für mehr Anerkennung gesorgt hätte?
    Fakt ist jedoch, dass für das Hin- und Her der Regierung nicht die Bundeswehr oder die Soldaten die Verantwortung tragen. Und dass man den gefallenen Soldaten gedenken muss -allein schon deshalb, damit man sich (wieder) seiner Verantwortung als Staatsbürger/ Wähler einer Regierung bewusst wird, die Soldaten in Auslandseinsätze entsendet.

  5. 56.

    Guten Tag

    erstens hat sich 20 Jahre keiner für einen Einsatz in Afghanistan interessiert da es weitweg ist und viele nicht wissen um was es ging. Daher war auch die Berichterstattung über ISAF OEF und zu letzt RS eher mau und nur spannend wenn was passiert ist.
    Plötzlich zieht man (Ironie) und es bricht Chaos aus ... Zack alle sind auf einmal Experten und wissen was die letzten 20 Jahre passiert und wo die Fehler waren. Komisch oder?

    Der Einsatz in Mali interessiert auch keinen und Berichte darüber sind nur dann wenn wieder was passiert und auch nur eine kleine Meldung wert.

    Mali ist nicht anders wie Afghanistan ... kein Interesse.

    Ich sage Ihnen jetzt schon was passiert wenn man aus Mali rausgeht: Das Chaos wird ausbrechen und alle sind wieder Experten. Man fordert wieder den EInsatz der Bundeswehr zur Evakuierung der Ortskräfte usw. ... Erinnern Sie sich an diese Worte :-)

  6. 54.

    Geht's noch? Welche Lügen sollen das gewesen sein? Bin Laden hatte sich ja wohl nachweißlich in Afghanistan verkrochen, nachdem seine Al Kaida den Staat Amerika heimtückisch und in kriegerisch-terroristischer Weise angegriffen und dabei knapp 3.000 unschuldige Menschen ermordet hat. Damit ist der NATO-Bündnisfall eingetreten. Kann es sein, dass Sie in Ihrer ideologischen Verblendung Afghanistan mit dem Irak verwechseln?

  7. 52.

    Mit größter Verachtung habe ich mir gestern den Vordemokratischen Zapfenstreich reingewürgt! Eine Demokratie nicht würdig dem preussischen Militarismus schon.

  8. 51.

    Ja, natürlich haben Sie Recht mit Ihrem inhaltlich treffenden Sachvortrag und Anerkennung ist den Einsatzkräften zu zollen! Tut mir leid, sollt eich Sie persönlich beleidigt haben - das liegt mir völlig fern. Ne Nr. kleiner hätte es aber vielleicht nach dem Hin-und-Her der Regierung auch getan, z. Bsp. ein kleiner Zapfenstreich.
    Den Kommentaren 46 - 48 vermag ich mich mit Überzeugung anzuschließen! (Zur Landesverteidigung und im Katastrophenfall bereit zu stehen ist o.k. aber mit der Ausrüstung würde die Bundeswehr doch trotz perfekter Ausbildung wahrscheinlich jeden Krieg haushoch verlieren; nur mal zur Statistik: seit 1871 nix mehr gewonnen und trotzdem war die letzte Verteidigungsministerin die beste, die die BRD je hatte, weil mit ihr auch kein Krieg verloren wurde).

  9. 49.

    Meine Familie denkt seit 2003 da etwas anders drüber, nachdem wir ein Familienmitglied in einem Sarg wieder bekommen haben. Wenn sie vor Ort waren und dort nur Friede Freude Ei…. Erlebt haben sollten sie sich glücklich schätzen! Inzwischen habe ich 2 gute Kollegen in meiner Unternehmen mit Ausbilden dürfen die auch vor Ort waren! in einem Land wo wir hätten nie sein sollen und diese Menschen haben da einiges erlebt und haben mit ihrem normalen Lebensaltag so ihre Probleme (sagen wir es mal so) menschenansamlungen oder größer Veranstaltungen sind bei beiden einfach nicht möglich, bei einem zerbrach am Ende die Familie! Ja gut man kann es ja sagen wie Sie! Das sie dafür ja Geld bekommen haben. Aber vielleicht werden auch Menschen wie sie es irgendwann verstehen GELD IST NICHT ALLES IM LEBEN! Diese Würdigung heute ist schon ein bisschen eine Würdigung für die Soldateninen und Soldaten aber sie ist auch das nächste Kapitel was mir wieder beweist wie unfähig diese Regierung in unserem Land ist! Diese Vertreter sollten sich einfach nur schämen mit all ihren Aussagen und Taten.

  10. 48.

    Es ging nie um die Freiheit der Afghanen, geschweige denn um die Rechte der Frauen! Letztendlich, eine traurige show zu einem traurigen Einsatz! Mögen sich die Toten geehrt fühlen!

  11. 47.

    ´ Wir schicken unsere Soldaten in Kriege, um Demokratie, Menschenrechte und unsere Werte zu verteidigen´
    ach Steffen, wäre es doch nur darum gegangen! Mag ja sein , das der ein oder andere Soldat deswegen dort war! Letztendlich ging es den politischen Auftraggebern nicht darum! Das war ein ungerechtfertigter Kriegs Einsatz in einem fremden Land auf Grundlage von Lügen eines amerk. Presidenten.
    Gekostet hat es hunderttausenden Afgahnen u.a. das Leben und den Steuerzahler über 50 Milliarden Euro, gebracht hat es nichts.

  12. 46.

    Ist man als Soldat etwas besonderes?
    Dient der Normalbürger nicht dem Staat? Bekommt der Normalbürger auch Respekt wenn er einen Arbeitsunfall hatte?
    Auch andere frieren, schwitzen und bluten wenn sie ihrer Tätigkeit nachgehen und gefahrlos ist der Alltag auch nicht.
    Der Normalbürger hält den Laden hier am Laufen! Das ist wahrscheinlich zu alltäglich.

  13. 45.

    Vermutlich sind wir vom Frieden derart verwöhnt, dass man es für selbstverständlich erachtet und viele Menschen den Respekt vor der Arbeit eines Soldaten verloren haben.
    Das ist schon angemessen.

  14. 43.

    Meine Achtung, meinen Respekt und ein Danke….für Ihre Einsätze für unser Land. Und Sie haben Recht! Es wird als Selbstverständlich angesehen, was die Einsatzkräfte tun und somit erleben. Auch ihre Familien. Ich nehme mich da auch nicht aus. Die letzten wenigen Wochen, Reportagen haben mich / uns zum Denken in dieser Hinsicht mal wieder geführt und ich bin beschämt über mein Hinnehmen. Weiter fehlen mir leider die Worte.

  15. 42.

    " Bundespräsident Steinmeier hat Recht, wenn er gerade jetzt sagt: "Wir müssen über Afghanistan reden." Für dieses Gespräch kann der Tag des Gedenkens nur der Ausgangs-, nicht der Endpunkt gewesen sein. Und dieses Gespräch darf nicht, wie in der Vergangenheit, wieder zu einem Selbstgespräch unter Soldatinnen und Soldaten werden. Sonst verkommt die tiefe Verbeugung der Politik am Afghanistan-Gedenktag zur einmaligen, leeren Pose. " ( ARD heute )

  16. 41.

    Eigentlich habe ich mir geschworen hier nie wieder etwas zu schreiben, da ich dieses "Forum" mittlerweile hasse und verachte. Ich mache ihretwegen eine Ausnahme.
    Als ehemaliger Berufssoldat erweise ich ihnen für ihren Kommentar meinen ungeteilten Respekt.

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