Mehr politische Teilhabe - Gehörlosen-Aktivist schon seit einer Woche im Hungerstreik

Mo 25.10.21 | 18:06 Uhr
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Steffen Helbing, Vorsitzender des Landesverbands der Gehörlosen Brandenburg, sitzt vor dem Bundeskanzleramt vor seinem Zelt. Helbing ist vor dem Bundeskanzleramt im Hungerstreik und fordert einen Rechtsanspruch auf Gebärdendolmetscher im politischen Diskurs. (Quelle: dpa/C. Gateau)
Video: Brandenburg Aktuell | 25.10.2021 | L. Smolka/J. Kersten | Bild: dpa/C. Gateau

Vergeblich hat er bisher vor dem Reichstag demonstriert. Nun befindet sich der Chef des Brandenburger Gehörlosenverbands seit letzter Woche im Hungerstreik. Mit seinem Protest will er mehr politische Teilhabe von Gehörlosen durchsetzen.

Seit knapp einer Woche ist der Vorsitzende des Brandenburger Landesverbands der Gehörlosen, Steffen Helbing, nach eigenen Angaben im Hungerstreik, um mehr politische Teilhabe durchzusetzen.

Mit seinem Protest seit Dienstag vor dem Bundeskanzleramt in Berlin wolle er mehr Teilhabe für Gehörlose im politischen Leben erreichen, sagte Helbing am Montag dem rbb. Dabei gehe es ihm insbesondere um einen Rechtsanspruch auf Gebärdendolmetscher im politischen Diskurs, etwa bei Gremiensitzungen oder Parteitagen.

Bei seinen Parteifreunden in der CDU sei er bislang mit seinem Anliegen nicht vorangekommen, berichtete Helbing. Eine Woche lang habe er zudem vergeblich vor dem Reichstag demonstriert, dann habe er sich zu dem Hungerstreik entschlossen.

Helbing seit 16 Jahren politisch aktiv

Helbing selbst hatte den Angaben zufolge in einem Schreiben erklärt: "Ich trete in den Hungerstreik, weil ich müde geworden bin. Seit über 16 Jahren bin ich ehrenamtlich aktiv, sowohl politisch, gesellschaftlich als auch privat. Doch geändert hat sich nicht viel. Mein Engagement und das vieler gehörloser Menschen ist weiterhin stark eingeschränkt." Eine Teilhabe, also aktive Beteiligung am politischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Leben, sei nahezu ausgeschlossen.

Immer wieder habe er bis zum heutigen Tag Barrieren erfahren: "Für mich gab es in all den Jahren keinen barrierefreien Zugang. Ich habe aber auch Probleme, die nicht nur in der Politik sind, sondern generell auch in der Gesellschaft", teilte Helbing weiter mit. Diese Probleme wollte er auch ansprechen, aber es herrschte nach seinen Angaben demgegenüber eine Ignoranz.

Auch viele andere Gehörlose seien frustriert. "Wir wollen einen freien Zugang, um die Gesellschaft mitgestalten zu können. Dazu brauchen wir Kommunikationshilfen. Den Bedarf haben wir einfach", so Helbing im rbb. Viele Menschen würden bei Barrierefreiheit vor allem an Rampen für Rollstuhlfahrer denken, aber nicht an die Kommunikation.

Landesbehindertenbeauftragte begrüßt Forderungen

Die Brandenburger Landesbehindertenbeauftragte Janny Armbruster war am Montag zu Helbing gefahren und hatte ihn gebeten, seinen Hungerstreik abzubrechen. Gleichzeitig unterstütze sie aber sein Anliegen "besonders die nach politischer Teilhabe, die nach der UN Behindertenrechtskonvention allen Menschen zusteht". Helbing erklärte, er werde seinen Hungerstreik fortsetzen. "Ich hoffe, dass Vertreter der Parteien bereit sein werden, mit mir über meine Anliegen zu reden", sagte er. Die überdachte Behausung Helbings steht vor dem Kanzleramt.

Helbing ist gehörlos und Rollstuhlfahrer. Im September war er für das ehrenamtliche Engagement seines Verbandes von Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) ausgezeichnet worden.

Sendung: Abendschau, 25.10.2021, 19:30 Uhr

14 Kommentare

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  1. 14.

    Tausend Dank an Herrn Helbing und seine direkten und vor allem indirekten Mitstreiter*, die dieser enormen Diskriminierung mit so viel jahrzehntelangem Einsatz und so vielen Enttäuschungen trotzen - und sie publik machen. Und auch an den rbb, dass er seine mediale Macht für wirklich Benachteiligte einsetzt. Ich hoffe, auch dieser Themenkomplex bleibt kein kurzes Strohfeuer.

  2. 13.

    Etwas mehr Empathie würde Ihrem Post gut zu Gesicht stehen. Haber Sie sich mal in die Lage von Herrn Helbing versetzt - gehörlos und auf Rollstuhl angewiesen. Da fühlt man Diskriminierungen doppelt erniedrigend.

  3. 12.

    Ihre Besserwisserei geht manchmal arg an die Grenze des Erträglichen. Herr Helbing ist seit 16 Jahren ehrenamtlich aktiv, das können Sie nun wahrhaftig nicht als "wenn ich was nicht sofort bekomme" titulieren. Und zahllose andere Hörbehinderte sind von Geburt an von vielem ausgeschlossen, weil Sie eben nicht hören können. Es bleibt dem Engagement der Eltern überlassen, wie ihr Kind in die Gesellschaft integriert wird. Das kann in einem so hochentwickeltem Land wie unserem einfach nicht sein! Andere Länder machen es vor, Beispiele wurden hier genug genannt! Schlimm genug ist es, wenn es hierzulande tatsächlich erst einen Hungerstreik braucht, damit ein so wichtiges Anliegen medial wahrgenommen wird!

  4. 11.

    Schön, das wird offenbar zur neuen Mode: Wenn ich irgendetwas nicht sofort durchbekomme, mach ich Hungerstreik. Die Medien freuen sich ja auch immer, wenn sie was zu berichten haben. Zumal wenn es so schön dramatisch wird oder wenigstens werden könnte.

    Was wohl, sollte diese Gewaltanwendung gegen die eigene Person nicht klappen (z.B. weil zu viele Leute für teils einander entgegenstehende Dinge hungerstreiken), als nächstes kommen wird? Diskussion und andere mühsame Überzeugungsarbeit scheinen ja aus der Mode zu kommen.

  5. 10.

    Mir als Hörendem geht es mächtiog auf den Pinsel, immer wieder erleben zu müssen, wie sehr unsere Politik trotz der zur Schau getragenen Großmäuligkeit nichts für unsere Menschen mit Einschränkungen macht. Wir haben mehrere gehörlose Kollegen und Kolleginnen - mit denen können wir uns austauschen - sei es mit Händen, Füßen oder geschrieben. Es funktioniert und wir haben auch unseren Spaß und gegenseitigen Respekt. Aber in der Öffentlichkeit sind Gehörlose und anders eingeschränkte Menschen einfach mal alleingelassen - ein tolles Beispiel Deutscher Amtsidiotie: immer tönen, nix, aber auch nix machen. Andere Länder sind da weit besser aufgestellt und dort kann man den Respelt spüren, mit denen eingeschränkte Menschen im Leben integriert sind -. Hierzulande wird nur geschwafelt - aber die Hilfe muss man selbst organisieren, anbieten oder suchen. Beschämend ist das. Die Mißstände bei den Menschenrechte in anderen Ländern anprangern aber im eigenen Land wegschauen.

  6. 9.

    Unsere Tochter ist Gebärdensprachendolmetscherin und wie fast alle ihre Kollegen und Kolleginnen freiberuflich tätig. Wohltuend für sie: Endlich! Am 09.10.2021 wurde von der Kultusministerkonferenz Gebärdensprache zugelassen. Zuvor war sie z.B. in Bayern nicht erlaubt. Gehörlosen Mitmenschen steht eine Teilhabe zu und wenn sie dafür einen Dolmetscher benötigen auch dieser. Unser Alltag benötigt „Ansagen“ in Schriftform, damit Gehörlose oder eingeschränkt Hörende Gleisänderungen oder ähnliches mitbekommen können. Ich kann den Protestierenden sehr gut verstehen, obwohl ich persönlich das Mittel unangemessen finde. Es macht sich kaum jemand, der nicht mit Betroffenen zu tun hat, eine Vorstellung davon, wieviel Kampf es für Eltern bedeutet, gehörlose Kinder mit Dolmetscher in einer x-beliebigen Schule beschulen zu lassen. Und statistisch wäre es auch interessant, wieviele Bildungsangebote und Bildungswege Gehörlosen verschlossen bleiben, weil Inklusion nicht wirklich stattfindet und sie von der Teilhabe ausgeschlossen sind. Da hat Deutschland echt einen „ blinden Fleck“.

  7. 8.

    Wir erlebten im September auch in einem Zug, wo alle Fahrgäste aus unserem Abteil ausstiegen. Dachten, sie müssten in einem anderem Zug woandershin und wir nicht. Haben nicht schlecht gestaunt, als eine Frau uns draußen durchs Fenster versuchte mitzuteilen, dass wir den Zug wechseln müssen, da kam auch schon die Schaffnerin, die in letzter Sekunde an uns dachte und nachsehen wollte, ob wir auch den Zug verlassen haben. Sie haben mitbekommen, dass wir uns in DGS unterhielten. Wenn sie nicht wären, wäre unser Ersatzzug weggefahren. Die Durchsage konnten wir nicht verstehen, es gab Fernseher, da wurde diese Info nicht eingeblendet. Ich hatte den Wlanzug benutzt, da gab auch keine Meldungen. So sieht es hier aus! D tut sich schwer mit uns Gehörlosen an Barrierefreiheit und Teilhabe. Gerade bei den öfftl. Verkehrsmitteln.
    Der Schaffnerin tat es so leid und als Entschädigung stellte sie uns für den Rest der Zugfahrt die 1. Klasse Abteil zur Verfügung.

  8. 7.

    Manchmal täte es auch anderen Menschen gut, wenn Sie nicht so gesättigt kommentieren würden und das Thema verinnerlichen würden, damit sie es wenigstens ansatzweise verstehen können.

  9. 6.

    Im Mediathek nachschauen bringt nichts, kein Untertitel auf rbb und ARD Mediathek. Betrifft es uns GL, gibt es nicht mal Untertitel. Warum? Das sagt schon über Deutschland einiges aus. :-(

  10. 5.

    Besonders unangenehm sind mir während der Anfangszeiten der Pandemie die fehlenden Gebärdendolmetscher aufgefallen. In diesen schweren Zeiten, in denen sich ständig etwas verändert hat, wäre es wichtig gewesen, dass Pressekonferenzen mit Gebärden gedolmetscht worden wären. Auch wenn mir in den USA einiges nicht gefällt, in diesem Punkt ist man dort wesentlich besser aufgestellt. Da wird selbst die Nationalhymne mit Gebärden gedolmetscht, obwohl diese wohl jeder/jede schon als Baby auswendig kann. Schließlich wird sie selbst in den Kinder-Ligen von band abgespielt.

  11. 4.

    Ich bin selbst fast gehörlos. Die Barrieren sind vielfältig. Durchsagen in den Zügen, im Bus oder im Flugzeug verstehe ich so gut wie gar nicht. Da auch öfters die Anzeigetafeln ausfallen, ist es dann schon schwer, untypische Hinweise akustisch wahrzunehmen. Fernsehen funktioniert nur mit Untertiteln. Oft fehlen diese. Nicht nur bei Livesendungen, auch bei Filmen oder Serien in der Mediathek, obwohl es beim originalen Ausstrahlungstermin Untertitel gab. Oft sind auch Untertitel mit dem Gesprochenen nicht konform. Politische Diskussionen haben gar keine Untertitel. Grade jetzt während der Maskenpflicht ist es für mich sehr schwer andere Menschen zu verstehen, da ich unterstützend von den Lippen lese. Zum Glück sind viele Leute bereit, ihre Maske bei einem Gespräch oder einer Information kurz abzunehmen.

  12. 3.

    Ich finde das eine bedenkliche Entwicklung, dass innerhalb weniger Wochen 2 Hungerstreiks als Demonstrationsmittel eingesetzt wurden. Wird das zum neuen Standard, weil man dann auch als Einzelperson direkt in die Presse kommt?

  13. 2.

    >"Bietet Phönix so etwas an?"
    Zum Teil. Die Tagesschau sowieso. Tagespolitische Sendungen, die als Aufzeichnung wiederholt werden, haben oft auch zugehörige Untertitel. Das Parlaments-TV des Bundestages hat Untertitel nur den nachträglich in der Mediathek nachzusehenden Aufzeichnungen von Debatten. In der Tat sind andere Länder da bei zeitaktuellen Statements aus Politik und Wirtschaft immer mit einem Gebärdendolmetscher im Bild zur Stelle. Dass alle politischen Themensendungen aller TV Sender immer mit Gebärdendolmetscher im Bild oder Live-Untertiteln gesendet werden, ist technisch schwierig bis gar nicht möglich. Bei öffentlichen Sitzungen politischer Gremien gibt es auf freiwilliger Basis schon Live-Gebärdendolmetscher - je nach Verfügbarkeit. Die sind spezialisierte Fachkräfte, die es nicht so häufig gibt und natürlich auch richtig Geld kosten. Von da aus ist dieser Protest auf Aufmerksamkeits-Catcher zwar beachtenswert, hat aber für die allermeisten im Alltag wenig Priorität.

  14. 1.

    Ein Blick in die nordischen Länder könnte helfen, als positives Beispiel für Inklusion.
    Dass körperlich benachteiligte Menschen quasi gänzlich vom politischen Diskurs ausgeschlossen wären, halte ich auch für etwas übertrieben. Hörbehinderte können sich aber tatsächlich oft nur in den nicht immer vollständigen schriftlichen Medien informieren und erhalten Informationen daher zwangsweise oft gefiltert. Gebärdendolmetscher sollten deshalb zumindest bei Bundestags- oder anderen wichtigen öffentlichen Debatten selbstverständlich sein. Bietet Phönix so etwas an? Wenn nicht, sollte das tatsächlich geändert werden.

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