Berliner Wohnungsmarkt - Wenn Jugendliche es bei der Wohnungssuche besonders schwer haben

So 17.10.21 | 08:12 Uhr | Von Josefine Janert
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Symbolbild: Eine junge Frau steht in ihrer Wohnung an einem Fenster. (Quelle: dpa/Fabian Sommer)
Bild: dpa/Fabian Sommer

Auf dem Berliner Wohnungsmarkt haben Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen kaum eine Chance. Deshalb bleiben sie oft viel zu lang im betreuten Wohnen. Das kostet Geld – und verzögert den Weg in die Selbständigkeit. Von Josefine Janert

350 Bewerbungen hat Maria geschrieben, mehr als zwei Jahre hat die Suche gedauert. Jetzt kann die 21-jährige Schülerin ihre erste eigene Wohnung in Berlin-Reinickendorf beziehen. "Nur zwei Mal wurde ich überhaupt zu Wohnungsbesichtigungen eingeladen", sagt die dunkelhaarige Frau, die nach dem Abitur Ingenieurwesen studieren will.

Warum es mit dem eigenen Dach überm Kopf so lange gedauert hat? Maria hat einen Hund - und sie bekommt ihr Geld vom Amt. "Ich hatte eine schwierige Kindheit", sagt sie und erzählt von fünf Personen, die sich in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung drängelten. Privatsphäre hatte sie keine, dafür Zoff mit ihrer Mutter. Nach einem Streit zog Maria aus, erst zu einer Freundin, dann ins betreute Wohnen. Ihre Familie unterstütze sie nicht.

Es fehlt der Ruhepunkt im Leben

Der Sozialarbeiter Tobias Rössel von der SozDia-Stiftung hat Maria während ihrer Suche betreut. Eine eigene Wohnung zu finden, sei für Jugendliche aus schwierigen Familienverhältnissen besonders wichtig, betont er: "Sie wollen einen Punkt haben im Leben, der sicher ist, von dem aus sie alles andere regeln können – eine Ausbildung anfangen, einen Job aufnehmen."

Sie gelten als Störenfriede - und sie haben Schulden

Mittelschichtfamilien helfen ihren Kindern bei der Suche und bürgen für die Miete. Darauf könnten die Jugendlichen, die Rössel berät, kaum zählen. Ihre Eltern lebten von Hartz IV, seien psychisch krank, alkoholsüchtig oder hätten andere Probleme.

Wenn die Jugendlichen überhaupt etwas fänden, dann ein Zimmer in einer WG oder – so wie Maria – eine Bleibe in einem Außenbezirk, vermietet von einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft. "Die Jugendlichen gelten als laut, als Störenfriede", sagt der Sozialmanager Michael Heinisch-Kirch. Viele hätten zudem einen Schufa-Eintrag, was Vermieter ebenfalls abschrecke. Maria allerdings nicht, sie habe keine Schulden.

Ausweichquartiere kosten Geld

Heinisch-Kirch stammt aus einer evangelischen Pfarrers- und Kantorenfamilie und engagierte sich in der DDR-Bürgerrechtsbewegung. Als nach der Wende viele Ost-Berliner Familien ihren Halt im Leben verloren, begann er im Auftrag des Kirchenkreises Lichtenberg, sich um die Heranwachsenden kümmern. So entstand SozDia. Die Abkürzung steht für Sozialdiakonische Arbeit, soziale Arbeit im christlichen Sinn.

Inzwischen hat die Stiftung 600 Mitarbeitende, die Kinder, Jugendliche und ihre Familien in Krisen unterstützen. Seit einigen Jahren gehe es in den Gesprächen immer häufiger um die Wohnungsnot. Nach Einschätzung von Michael Heinisch-Kirch bleiben junge Erwachsene oft viel zu lang im betreuten Wohnen und in ähnlichen Arrangements, nicht nur bei SozDia, sondern auch bei anderen Trägern. "Da werden Sozialarbeiter und Ausweichquartiere bezahlt", sagt er. "Es ist gesellschaftspolitisch völlig sinnlos, Jugendliche, die einfach nur eine Wohnung haben wollen, zwei, drei, vier Jahre in irgendwelchen Betreuungen zu lassen."

Von Sofa zu Sofa

Maria hatte Glück, als ihre Freundin sie in der Krise aufnahm. Sozialarbeiter Rössel berichtet, dass andere Jugendliche couchsurfen – aber im negativen Sinn. Sie fänden ein Sofa bei flüchtigen Bekannten, übernachteten mal hier, mal dort. "Sie haben dort keine eigenen Sachen, können die Küche nicht nutzen", sagt er. "Das ist in der Regel pures Schlafen." Ständig drohe Obdachlosigkeit, und es soll auch schon zu sexuellen Belästigungen gekommen sein.

An drei Berliner Standorten unterhält SozDia Einrichtungen zur Wohnungsnotfallhilfe. Tobias Rössel arbeitet in Neukölln. Er berät Jugendliche, wie sie Kontakt zu Vermietern aufnehmen können, hilft, wenn sie Anfragen für Wohnungsbesichtigungen oder Mails an Ämter formulieren. An einem anderen Standort von SozDia können sie in einem Seminar den sogenannten Wohn-Führerschein machen. Dabei gehe es um ganz unterschiedliche Fragen, erklärt Michael Heinisch-Kirch: "Wie trenne ich den Müll? Was ist die Hausordnung? Aber auch Rollenspiele: Wie verhalte ich mich, wenn mein Nachbar zu laut ist oder wenn ich angepöbelt werde?"

Mehr Sozialwohnungen gefordert

Vom neugewählten Berliner Senat und von der neuen Bundesregierung fordern Michael Heinisch-Kirch und Tobias Rössel ganz entschieden mehr sozialen Wohnungsbau. Grünen-Mitglied Heinisch-Kirch fordert zudem, dass Wohngeld als Leistung mehr Bevölkerungsschichten zugänglich zu machen.

Damit Großstädte wie Berlin nicht nur wohlhabenden Bevölkerungsschichten überlassen blieben, wünscht sich der Sozialdiakon außerdem "einen gesellschaftlichen Dialog, in den auch Vermieter einbezogen sind". Sie sollten Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen besser kennen lernen. "Es kann auch Spaß machen, wenn Jugendliche einfach auch mal ein bisschen anders sind", sagt Heinisch-Kirch.

Sendung: rbbKultur, 16.10.2021, 19:03 Uhr

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Beitrag von Josefine Janert

74 Kommentare

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  1. 74.

    Wissen wir schon lange. Es fehlten ja auch die Männer, die nie aus dem Krieg zurück kamen. Frauen hatten aber auch jeden Zugang zur höheren Bildung. Es war nicht alles schlecht. Wir kennen nun den Westen aus weiterer Sicht als Sie.

  2. 73.

    Haben Sie sich die Doku des MDR angeschaut? Es wurde vor allem die Arbeitskraft der Frauen benötigt. Die Gleichberechtigung bestand ansonsten ebenso nur auf dem Papier wie die Umweltgesetze und endete eh an der hautstür, wo die zweite Schicht begann. Wohnungen bekamen frisch Verheirate auch dort leichter zugeteilt als alleinstehende junge Frauen wie die hier im Artikel.

    Anders als Sie weiß ich vor allem, dass die Bundesrepubklik das Grundrecht auf Eigentum garantiert, auch wenn Ihnen das missfällt.-

  3. 72.

    Also am besten ist: ein Mieterpass, der neben sozialer Kompetenz auch Bildung und Arbeit, am besten Vollzeit, beinhaltet... Das sagt alles aus über Befähigungen oder Versäumnisse aus. Und auf Kosten anderer zu Leben, geht schon aus Sicht der Gleichberechtigung gar nicht... Weil man Gebende nicht benachteiligen darf, die müssen sogar gestärkt und gehätschelt werden.

  4. 71.

    Grauer Montag, 18.10.2021 | 11:16 Uhr
    Antwort auf [Dietmar] vom 17.10.2021 um 20:51
    "Da stelle ich mal ein andere Frage, warum immer studieren?
    Eine vernuenftige Ausbildung, Lehre, später Meisterschule, Meister und eigener Berieb ist in der heutigen Lage und Zukunft unserer Gesellschaft viel sinnvoller. Auch für die Renten und das Sozialsystem im Allgemeinen bringt das viele Vorteile. Nicht jeder kann studieren und die Produktion ueberlassen wir dem ach so billigen Ausland."

    Sie argumentieren moralisch, statt sachlich und redlich im Kontext.
    Weshalb sind denn handwerkliche Berufe so unbeliebt?
    Kann es sein, dass ich mit solchen Einkommen weder unter die 40%-Quote für Miete vom Monatsnetto komme, noch momentan Aussicht auf faire, auskömmliche Rente habe?
    Kann es also sein, man könnte sich nicht am selbstgebastelten idealtypischen einzelnen Versager hochziehen, der sich zu fein, der zu faul ist für einen handwerklichen Beruf?

  5. 70.

    Wer sagt denn, dass es daran lag ??? Sie unterstellen Frederick Rassismus und Ausländerfeindlichkeit ohne Details zu kennen. Aber damit ist man ja heut zu Tage schnell dabei.

  6. 69.

    Man hört endlich auf mit eurem unerträglichen linken Gehetze. Es ist unerträglich, dass so ein Mist veröffentlicht wird und seriöse Kommentare nicht.
    @Frederik hat geschrieben:
    "Also wir sind zwar nur eine WG aber passende Bewerber zu finden ist gar nicht so einfach. Wir haben auf den einschlägigen Plattformen selber 6 potentielle Interessenten angeschrieben. Davon haben nur 2 reagiert dann aber auf die Einladung nicht mehr reagiert. Erfolg = 0.
    Von weiteren 8, die auf unser Inserat reagierten und denen wir eine Einladung angeboten haben, haben 3 reagiert. Einer hat, bevor wir uns entschieden haben, etwas anderes gefunden.. bleiben also 2 übrig von der ganzen Aktion. 300,- warm außer Klamotten und Essen all inklusive. Am Ring, S U Tram Bus. Top Ausstattung, Saniert.
    Für mich ist, was hier geschrieben wird, nur Bahnhof.
    Klar, wir haben rund 40 Bewerbern nicht geantwortet aber das hat seine Gründe und die..."(1000Z.)
    Ich kann im Kommentar keine Diskriminierung erkennen!!!!!!

  7. 68.

    Herr Neumann - Sie sollten hier nicht die klischeehaft blödsinnigen Kalte-Kriegs Propagandaödnis von den KITAS der DDR als vormilitärisches Drillcamp erzählen. Auch scheint es für Sie bitter zu sein, dass eine berufstätige, selbstständige Frau in der DDR durch eigene soziale und ökonomische Absicherung, mit der Trennung von ihrem Mann gleichzeitig nicht ihren sozialen und ökonomischen Abstieg in Kauf nehmen musste. Wie das halt in der BRD war.

    Zum Thema Indoktrination scheinen Sie mir das Problem zu sein: Sie glauben und verbreiten ja tatsächlich, der Kapitalismus in seiner derzeitigen Ausprägung sei im Grundgesetz festgeschrieben. Habe Verfassungsrang.
    Da ist ja einiges an lupenreiner Indoktrination von Kindern in allen Bildungseinrichtungen von Ihnen zu erwarten.
    Was wiederum schreckliche Ergebnisse befürchten lässt, wären allein Väter wie Sie der Masstab für ein Kind, bei Bildung, sozialer Entwicklung, Verständnis gesellschaftlichen zusammen Lebens.

  8. 67.

    Da stelle ich mal ein andere Frage, warum immer studieren?
    Eine vernuenftige Ausbildung, Lehre, später Meisterschule, Meister und eigener Berieb ist in der heutigen Lage und Zukunft unserer Gesellschaft viel sinnvoller. Auch für die Renten und das Sozialsystem im Allgemeinen bringt das viele Vorteile. Nicht jeder kann studieren und die Produktion ueberlassen wir dem ach so billigen Ausland.

  9. 66.

    Wer, wie Sie, mit so vielen Vermutungen und Vorurteilen an die Sache rangeht verdienst es auch nicht was zu finden.

  10. 65.

    "Klar, wir haben rund 40 Bewerbern nicht geantwortet aber das hat seine Gründe und die sollten die Bewerber mal bei sich selber suchen ! Sie sind nämlich oft nicht ganz unschuldig an ihrer Situation."

    https://www.tagesspiegel.de/berlin/diskriminierung-auslaendischer-name-keine-wohnung/1394308.html

  11. 64.

    Wo ist die Wohnung? Ich suche etwas für unter der Woche. Bislang hatte ich immer nach einer Zweitwohnung gesucht. Aber theoretisch reicht ein WG Zimmer. Derzeit nehme ich immer ein Hotelzimmer in der Innenstadt. Je nach Arbeitszeit lohnt der Weg nach Hause nicht, so dass ich an drei bis vier Tagen in der Woche eine Unterkunft in der Innenstadt will.

  12. 63.

    Sie haben schon wieder verdrängt, warum Kinder in der DDR eine "gesamtgesellschaftliche Verantwortung" gewesen sind.
    Zu einen die bereits früh in den Horten im Sinne des Sozialismus indoktriniert werden, zu anderen wurden die Mütter als Arbeitskräfte benötigt. Ich hatte Ihnen gegenüber ja bereits die Wochenkrippen erwähnt, in denen die Kinder von Montag bis Samstagmittag abgestellt worden sind. Die seelischen Schäden wirken teils noch bis heute nach. Ich empfehle dazu die MDR-Doku "Die Tränen der Kinder"

  13. 62.

    DER Witz war gut. https://de.wikipedia.org/wiki/BlackRock#Kritik

    Blackrock steht für systematische Ausbeutung, Korruption und Betrug wie kein anderer. Mal abgesehen davon, dass ich eher Merz als BlackRock kritisert habe.

  14. 61.

    So wird es aber von Grün und Links vorgelebt. Politik wird für die Innenstadt gemacht, selbst der RBB redet schon oft vom Rand wenn er Außenbezirke meint. Wer lässt sich schon gerne als Rand bezeichnen. Der Graben zwischen Innenstadt und Außenbezirken wird tiefer.

  15. 60.

    Blackrock hat bei vielen Unternehmen mehr ESG durchgesetzt als die Politik es konnte. Sie sollten sich mal mehr informieren.

  16. 59.

    Altberliner erinnern sich noch an das BVerwG-Urteil, dass Berlin keine Haushaltsnotlage habe und u.a. zu viel Geld für die Wohnförderung ausgebe. Damals standen so viele Wohnungen leer, dass die Angebotsmieten sanken. Vielfach waren deshalb die Wohnungen auf dem freien Markt sogar günstiger als die geförderten. Viele zogen zigen deshalb aus dem Neubau am Stadtrand in den sanierten Altbau in die Innenstadt ä. Unter Rot-Schwarz nahm der Tanker Wohnungsbau gerade wieder Fahrt auf, doch dann kam Lompscher.

    Gerade bei Studenten ist zudem meist absehbar, dass die nach dem Abschluss ein überdurchschnittliches Einkommen erzielen können. Es erfolgt jedoch generell nur bei Mietvertragsabschluss eine Überprüfung der Bedürftigkeit Die Fehlbelegungsabgabe wurde zu Zeiten des Wohnungsüberangebotes abgeschafft.

  17. 58.

    "Die Sozialkosten sind wegen der Zuwanderung ja schon explodiert. CDU-Merz konstatiert eine Million neuer Zuwanderer in Hartz 4."

    Ach, BlackRock Merz wird von Rassisten und Rechtsextremen gerne zitiert, nur macht das seinen neoliberalen Quatsch nicht wahrer. Aber wenn man auf Steuerzahlerkosten Millionär geworden ist dann hat man leicht reden.

  18. 57.

    Sanitäts-und Drogerieartikel, Lernmaterialien, Transportkosten, Krankenkasse, Versicherung, Handy ect.alles mit drin? Wahrscheinlich eine der vielen Männer-WGs, die für kleine Zusatzleistungen Frauen billiger wohnen lassen. Nein, danke. Davon wimmelt es mittlerweile und die gehören angezeigt. Denn bei 300€ all inklusive unbefristet im Ring, frag nicht nur ich mich, wo ist der Haken?

  19. 56.

    "Sorry, warum Uni Berlin und nicht Greifswald oder Cottbus oder Frankfurt Oder... oder oder oder ?? Oder im Heimatbundesland ? Da fängt der Denkfehler bereits an."
    Ja, stimmt, da fängt der Denkfehler an. Es gibt, man kann es kaum glauben, Unis in Wohnortnähe die bieten den Studiengang vll. nicht an. Eine anderer, nicht selten ausschlaggebender, Grund ist die Reputation der "Lehranstalt". Letztlich sitzt man nicht im Hörsaal rum, weil da das Dach dicht und geheizt ist, sondern weil man später mit dem Wissen auch ein wenig Geld verdienen möchte. Nicht wenige Arbeitgeber achten auch auf den Studienort bei Bewerbern mit gleichwertigen Abschlüssen.
    Soweit zum Denkfehler.

  20. 55.

    Nicht so hitzig sein. Suchen Sie mal oben im Text-Kirchenkreis Lichtenberg. Die junge Frau ist und war Berlinerin.

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