Prozess gegen Ex-KZ-Wachmann - Der letzte Täter, die letzten Zeugen

Der angeklagte ehemalige KZ-Wachmann kommt mit seinem Anwalt Stefan Waterkamp in den Gerichtssaal. Der inzwischen 100-jährige Angeklagte soll zwischen 1942 und 1945 im Konzentrationslager Sachsenhausen nahe Berlin wissentlich und willentlich Hilfe zur Ermordung von Lagerinsassen geleistet haben, heißt es in der Anklage. Es gehe um Beihilfe zum Mord in 3518 Fällen. (Quelle: dpa/Fabian Sommer)
Video: rbb|24 | 07.10.2021 | Material: ARD-aktuell | Bild: dpa/Fabian Sommer

Josef S. werden mehr 3.500 Tote direkt angelastet, zahlreiche weitere Menschen seien mit seinem Wissen ermordet worden. Der Prozess gegen den 100-Jährigen ist in mehrfacher Hinsicht einmalig. Einblicke in einen der letzten großen Nazi-Prozesse. Von Sebastian Schöbel

"Können Sie mich hören?" Richter Udo Lechtermann beugt sich in Richtung des Mikrofons und fragt noch einmal: "Können Sie mit gut hören?" Der Angeklagte Josef S., ein dünner, weißhaariger, alter Herr, lässt sich von seinem Anwalt ein Paar Kopfhörer aufsetzen. "Ein bisschen zu laut", meldet er schließlich zurück. Die Techniker senken die Lautstärke etwas, nach ein paar weiteren Versuchen sind alle zufrieden.

Josef S., 100 Jahre alt und angeklagt wegen der Beihilfe zu mindestens 3.518 Morden im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen, tut, wie ihm geheißen. Kurz zuvor war er sich noch mit einer Gehhilfe zu seinem Platz geschlurft, sein Anwalt hielt ihm eine blaue Mappe vors Gesicht, wegen der Pressefotografen.

Nun lauscht er aufmerksam den Fragen des Richters. "Josi" sei sein Spitzname gewesen, und im November werde er 101 Jahre alt, berichtet S. mit einem Lächeln. Richter Lechtermann nickt freundlich. "Herr S., Sie können dann jetzt die Maske abnehmen."

Verhandlung in Gefängnisturnhalle

Der Horror, um den es in diesem Prozess des Landgerichts Neuruppin geht, entfaltet sich nicht sofort. Ein schwächlicher Rentner sitzt an einem hellen Holztisch inmitten eines mit Stellwänden improvisierten Gerichtssaals.

Der Boden der Sporthalle der JVA Brandenburg ist mit grauen Fliesen ausgelegt, rund 50 Medienvertreter und knapp zwei Dutzend Besucher sitzen auf Abstand hinter einer Barriere, hinter der Richterbank prangt eine große Flagge mit dem roten Adler Brandenburgs. Der Spielstandsanzeiger des lokalen Handballvereins hängt ausgeschaltet an der Wand.

In diesem unscheinbaren Raum am Rande von Brandenburg an der Havel soll in den kommenden Wochen ein Prozess verhandelt werden, der "historisch wohl einmalig" ist, so Richter Lechtermann, ein "Verfahren von herausragender Bedeutung für die Bundesrepublik Deutschland". Tonaufnahmen werden angefertigt, für die historischen Archive.

Denn Josef S. wird wohl der letzte Mensch sein, der sich für die Verbrechen im KZ Sachsenhausen verantworten muss. Seine Personalakte fand man im Staatlichen Militärarchiv Moskau.

Prozess für die Geschichtsbücher

Die allermeisten anderen Täter sind längst tot – genauso wie die allermeisten Überlebenden dieser Hölle von Oranienburg. Man sei "in den letzten Jahren der Verfolgung von NS-Straftaten", hatte der Jurist Thomas Will jünst dem rbb gesagt.

Der im litauischen Mariampol geborene S. soll zwischen Anfang 1942 und Anfang 1945 als Wachmann im Hauptlager gedient haben, als Mitglied der berüchtigten SS-Totenkopfverbände. Am Ende des Krieges hatte er sich zum SS-Rottenführer hochgedient, ein Mannschaftsdienstgrad. Dabei sei er Teil des "Tötungsräderwerks" im KZ gewesen, sagt Oberstaatsanwalt Cyrill Klement bei der Anklageverlesung.

Was folgt ist eine Liste beinahe unaussprechlicher Grausamkeiten: In Sachsenhausen wurden Menschen mit Zyklon B vergast, zu Tode gearbeitet, gezielt dem Hunger- oder Kältetod ausgeliefert, oder in fabrikähnlichen Erschießungsanlagen wie Vieh abgeschlachtet – von Schützen, die sich sogar noch feige hinter Blenden und Schießscharten versteckten.

Helfer der Massenmörder

S. hat als Wachmann all diese Gräueltaten mit möglich gemacht, die Opfer an der Flucht gehindert und den Mördern zugeführt, so Oberstaatsanwalt Klement. 3.518 Tote könne man ihm direkt anlasten, die Zehntausenden anderen Menschen, die in Sachsenhausen ermordet wurden, habe er zumindest moralisch mit zu verantworten. Männer wie er waren Helfer – wenn nicht sogar selbst Täter, wenn sie die Häftlinge stundenlang in Eiseskälte oder strömendem Regen im Freien antreten ließen oder auf Todesmärsche hetzten. "Das Lagerpersonal beschleunigte das Sterben", so Klement.

Josef S. verfolgt Klements Anklage offenbar genau, wendet sich gelegentlich seinem Anwalt zu, schüttelt ein paar Mal den Kopf. Sagen will er zu den Vorwürfen jedoch nichts. Lediglich über sein eigenes Leben wolle er berichten, teilt sein Anwalt mit.

"Ich habe das erwartet", sagt Leon Schwarzbaum mit schwacher Stimme, als der Richter nach zwei Stunden die Verhandlung beendet. Länger ist S. nicht verhandlungsfähig. Schwarzbaum hat den Holocaust überlebt, viele seiner Familienmitglieder wurden in Auschwitz ermordet. Er selbst ist heute ebenfalls 100 Jahre alt, sitzt im Rollstuhl. "Natürlich bin ich enttäuscht", flüstert er noch. Dann sinkt er müde in den Stuhl zurück.

Anwalt der Nebenklage hofft auf Aussage von S.

Rechtsanwalt Thomas Walther gibt sich nach dem ersten Verhandlungstag optimistisch. Dass S. nicht sprechen wolle, habe ihn nicht überrascht. Aber dass S. überhaupt erschienen ist, sei schon ein Erfolg. Nun hoffe er, so Walther, dass beim Angeklagten noch ein Umdenken einsetzt, möglicherweise durch "Altersweisheit", und dass er sich doch noch zu seiner Zeit als KZ-Wachmann äußert. "Vielleicht kommt so ein Mann in so einer Lebensphase zu einer Einsicht," sagt Walther.

Antoine Grumbach reicht das nicht. Der bekannte französische Architekt verlor seinen Vater in Sachsenhausen. Heute ist er 79, im Prozess gehört er zu den 16 Nebenklägern aus fünf Ländern. Grumbach will, dass S. ein Geständnis ablegt. "Er ist ein Komplize", sagt er rbb|24. "Er kam aus Litauen und wollte zur SS, unbedingt." Immer wieder wendet er sich beim Sprechen ab, seine Stimme stockt, als kämpfe er mit der Verzweiflung. Seine Wut richte sich nicht nur gegen die Nazis, so Grumbach, sondern auch gegen den deutschen Staat. "Die Täter wurden jahrelang nicht vor Gericht gestellt. Nun sind sie alle tot. Das hier hätte viel früher passieren müssen." Aber gerade jetzt, wo "Faschisten überall wieder auftauchen", sei dieser Prozess dennoch wichtig, sagt Grumbach.

Bekannter Rechtsextremist im Gerichtssaal

Als Grumbach das sagt, steht wenige Meter hinter ihm der bekannte Rechtsextremist und Antisemit Nikolai Nerling, alias "Der Volkslehrer", auf und verlässt den Gerichtssaal. Er war als Prozessbeobachter hier, später berichtet er seinen Anhängern im Netz über den Verhandlungstag.

Noch 21 weitere Verhandlungstage sind für den Prozess gegen Josef S. geplant. Ein Urteil soll Anfang des kommenden Jahres gesprochen werden.

Korrektur-Hinweis: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, Josef S. werde "wohl der einzige Mensch sein, der sich für die Verbrechen im KZ Sachsenhausen verantworten muss". Richtig ist: S. wird wohl der letzte Mensch sein, der sich für die Verbrechen in Sachsenhausen verantworten muss. Der historisch einzige ist er indes nicht. So stand 1947 in Berlin im sogenannten Sachsenhausen-Prozess ehemaliges Lagerpersonal vor einem sowjetischen Militärgericht. In den 1960er Jahren fanden zudem in Ost- und Westdeutschland weitere Prozesse in Zusammenhang mit den Verbrechen im KZ Sachsenhausen statt.

Sendung: Brandenburg aktuell, 07.10.2021, 19:30 Uhr

30 Kommentare

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  1. 29.

    Ich will unsere Geschichte nicht schön reden, was vor über 70 Jahren passiert ist.
    Trotz alle dem, hätte ich gerne die Menschen gesehen, die sich so äußern, wie: Weg mit dem Gesindel, oder er soll verurteilt werden!
    Mich würde brennend interessieren, wie Sie gehandelt hätten, zu dieser Zeit!
    Und eines sollten wir hier alle nicht vergessen, es sind Graul Taten ausgeführt worden, das ist uns allen bekannt, aber wo im Krieg, passiert so etwas nicht? Kein Land macht so ein Hype wie wir! Und wir wissen alle, welche Länder mit beteiligt waren und dort auch Taten verübt würden, die nicht schön gewesen sind, wenn Sie alle wissen, was ich meine!

    Was mich am meisten empört, dieser Mann ist 100 Jahre und ist es wirklich notwendig, ihn jetzt noch zu verurteilen? Ich finde das einfach nur armselig. Ich denke in unserer heutigen Zeit, haben wir andere Baustellen zu bewältigen!

  2. 28.

    "Für die Haft der Menschen gab es damals eine Rechtsgrundlage: Schutzhaft gem. Reichstagsbrandverordnung auf Grundlage der Weimarer Reichsverfassung. "

    Sie verwechseln Sachsenhausen mit Oranienburg.

    "Das Einsperren und bewachen der Menschen ist und war keine Straftat." Wer sich freiwillig zur Waffen SS meldete wußte um seine Mitwirkung an Verbrechen.

  3. 27.

    Sein Job war es die Leute zu bewachen.
    Für die Haft der Menschen gab es damals eine Rechtsgrundlage: Schutzhaft gem. Reichstagsbrandverordnung auf Grundlage der Weimarer Reichsverfassung.
    Das Einsperren und bewachen der Menschen ist und war keine Straftat.
    Das Töten der Inhaftierten ohne Rechtsgrundlage war schon damals eine Straftat (Mord), nur das es vom Staat geduldet wurde.
    Die Duldung endete spätestens mit dem Grundgesetz. Da Mord nie verjährt, werden Täter bis zum letzten Atemzug verfolgt. Das gilt auch für alle Mordfälle in der Zeit ab dem Grundgesetz.


  4. 26.

    Symbolisch gesehen ist es rechtlich richtig auch einem 100jährigen den Prozess zu machen. Auch wenn er auf seine letzten Tage ,wohl eher in einem überwachten Pflegeheimstatus leben wird, als in einem Knast. Aber was ist mit den Juristen, die diese Fälle verschleppt haben oder erst gar nicht untersucht haben? Sie sollten auch dafür bestraft werden,wenn sie noch leben.

  5. 25.

    Sorry, Sie verkennen etwas grundsätzlich. Es geht um die Schuldfrage. Das Strafmaß ist der nächste Schritt. Und die Anklage war richtig und notwendig. Das hat nichts mit Show zu tun. Die Verhandlungsfähigkeit des Beschuldigten ist geprüft. Somit steht dem Prozess nichts im Wege. Sie müssen es aus Sicht der Rechtsverfolgung betrachten. Wie gesagt, ein mögliches Strafmaß kommt nach einer möglichen Verurteilung.

  6. 23.

    Womit wollen Sie abschließen? Die NS-Geschichte tot schweigen und unter den Teppich kehren? Nicht mehr drüber reden, damit sich erneut völkisches Gedankengut von rechtsextremer Seite ungehindert verbreiten kann?

  7. 22.

    Also Schlußstrich... Vogelschiß... und so. Es gibt keinen dokumentierten Fall wo jemals ein Soldat oder gar von der SS Wachmanschaft dafür verurteilt wurde, wenn er sich offensichtlich völkerrechtlich widersprechenden Befehlen widersetzt hatte.
    Sie dürfen gerne den Gegenbeweis antreten.

  8. 20.

    Dann sollten dessen Nachkommen dafür aufkommen.
    Davon gibt's genug im Land und den meisten von ihnen geht es sehr gut heute!!!
    Sie leugnen nur.

  9. 19.

    Falsch. Siehe Kommentar 1 im
    https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2021/10/brandenburg-sachsenhausen-kz-prozess-start-wachmann-beihilfe-mord.html

  10. 18.

    " aber wenn dann sollten alle Nazis verurteilt werden. "

    aber die allermeisten Nazis sind inzwischen tot

  11. 17.

    wenn erst jetzt, 2021 , hundertjährige vor Gericht kommen stellt sich mir die Frage, was die deutsche Ermittlungsjustiz in den vergangenen Jahrzehnten diesbezüglich gemacht hat. Die Mühlen der Justiz mahlen langsam heißt es, aber sooo langsam ?

  12. 15.

    Falsch, man wurde nicht gezwungen im KZ zu arbeiten. Informieren Sie sich bitte. Ist mit zur Front eingezogen werden keinesfalls vergleichbar.

  13. 14.

    " "Verfahren von herausragender Bedeutung für die Bundesrepublik Deutschland".

    " Bleibt also nur die dringend notwendige moralische Aufarbeitung und es verkommt im Jahr 2021 zum ‚Schauprozess‘ "
    (Ralf LipkeBerlinDonnerstag, 07.10.2021 | 15:02 Uhr )

    so wird es wohl sein , ähnlich wie mit der 96 jähr. Sekretärin aus dem Lager Stuthoff

  14. 13.

    Leider wird in unserem Land mit zweierlei Maß gemessen. Stramme Nazis hatten hohe Regierungsämter und wurden nie behelligt. Und nun will man bei einem Hundertjährigen Gerechtigkeit einfordern. Sicher hat er einen Prozess und Strafe verdient, aber wenn dann sollten alle Nazis verurteilt werden.

  15. 12.

    Dass die den jetzt verurteilen wo der 100 ist. Da warten die so lange, dass ist doch lächerlich. Der sollte bestimmt nicht eher gefunden werden.

  16. 11.

    Die Mauerschützenprozesse gab es schon: 112 Verfahren gegen 246 Personen, mehr als 100 Verurteilungen.

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