Grundsteinlegung am Montag - Grundstein, Meilenstein, Schlussstein? Potsdam baut seine Synagoge

So 07.11.21 | 17:10 Uhr | Von Astrid Flügge
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Grundstück mit der Baustelle für die Neue Synagoge Potsdam (Quelle: imago images)
Video: Brandenburg Aktuell | 08.11.2021 | Tim Jaeger | Bild: imago-images

Am Montag ist die feierliche Grundsteinlegung für die Neue Synagoge in Potsdam: Der Bau kann nach jahrelangen Verzögerungen beginnen. Doch ob das die zerstrittene jüdische Gemeinschaft der Stadt befriedet, muss sich erst noch zeigen. Von Astrid Flügge

Potsdam baut eine Synagoge! – Der einst provozierende Satz an der Brandmauer des Potsdamer Kronprinzenpalais trifft jetzt endlich für das Langzeitbauprojekt zu, das eigentlich schon 2012 fertig sein sollte. Das Banner war angebracht worden, als zwischenzeitlich das Projekt nach ergebnislosen Gesprächen zum Stillstand gekommen war.

Doch am Montag legen Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD), Ministerin Manja Schüle (SPD), der Präsident der Zentralen Wohlfahrtstelle und der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Abraham Lehrer, den Grundstein für die Potsdamer Synagoge. Erst jetzt ist das Ende jahrzehntelanger Provisorien für die Potsdamer Juden wirklich in Sicht. Ob das jedoch die zersplitterte jüdische Gemeinschaft befriedet, bleibt offen. Schließlich hat gerade dieses Bauprojekt die jüdische Gemeinschaft der Landeshauptstadt gespalten.

Synagoge soll jüdisches Leben in Potsdam fördern

Gegründet 1992 von Zuwanderern aus den einstigen Sowjetrepubliken, ist die jüdische Gemeinde von Potsdam die älteste in Brandenburg. Für die Ausübung ihres Glaubens und die Gemeindearbeit arrangieren sie sich bis heute mit Übergangslösungen, da die historische Synagoge von den Nazis geschändet und später abgerissen wurde.

Um die Rückkehr des jüdischen Lebens zu fördern, unterstützte auch das Land Brandenburg den Bau einer Synagoge. Nach mehrfachen Umzügen und Provisorien schien für die auf 800 Mitglieder angewachsene Gemeinde 2005 endlich der Neubau eines Gotteshauses in Potsdam in greifbarer Nähe: Das Grundstück in bester Innenstadtlage an der Schloßstraße 1 war gefunden und vom Land lagen 5,4 Millionen Euro für den Neubau bereit. 2007 begannen die Planungen mit dem nach internationalem Wettbewerb gefundenen Architekten Jost Haberland.

Kritik an den Plänen des Architekten

Das 2010 vorgestellte Ergebnis, ein klar gegliederter kantiger Kubus, der über vier Etagen verteilt religiöse und soziale Räume für die jüdischen Gläubigen schafft, stieß jedoch in großen Teilen der Gemeinde auf Widerstand: Für die Kritiker um den aus Israel stammenden und in Potsdam lebenden Musiker Ud Joffe sind der Betsaal zu klein und zu viele nichtreligiöse Bereiche vorhanden. Auch die nüchterne Fassadengestaltung des viergeschossigen Gebäudes, das auch Büros und Räume für die Gemeindearbeit vorsieht, stieß auf Ablehnung. Die Kritiker wünschten sich einen imposanteren Eingangsbereich und größere Fenster.

Synagogenbau wird auf Eis gelegt

Nach heftigen Debatten verließ ein Teil der Mitglieder die Potsdamer jüdische Gemeinde 2010 und gründete die Synagogengemeinde mit Ud Joffe als Vorsitzendem. Doch es gelang ihnen nicht, stärkeren Einfluss auf die Planungen zu nehmen, auch wegen des Widerstandes des Architekten. Schlichtungsversuche des Landesverbandes der Juden in Brandenburg liefen ins Leere, und so verhängte das Land 2011 schließlich ein Baumoratorium: Das Vorhaben wurde auf Eis gelegt.

Der Zentralrat der Juden schaltete sich bereits 2011 erstmals als Vermittler ein, konnte aber auch keine Annäherungen der verhärteten Positionen bewirken. Während in der Nachbarschaft der neue Landtag im Nachbau des barocken Stadtschlosses einzog, wucherte weiter Unkraut in der Baugrube hinter dem Filmmuseum. Die Synagogengemeinde suchte neue Partner und gründete sogar einen eigenen Landesverband-West mit der Jüdischen Gemeinde der Stadt Brandenburg.

Eine AG Synagoge wird gegründet – und scheitert

2015 schließlich holte das Land die Zentrale Wohlfahrtsstelle der Juden (ZWST) in Deutschland als neutralen Dritten und möglichen Träger des Bauprojektes ins Boot. Am Entwurf des Vorhabens wurde weitergearbeitet, und 2017 lenkte die Synagogengemeinde ein. Hoffnung kam auf, dass der jahrelange Streit beigelegt werden könne.

Anfangs lief es auch gut: Gemeinsam wurden Feiertage und Feste begangen, während eine Arbeitsgemeinschaft Synagoge Kompromisse suchte. 2020 wurde als Baustart anvisiert. Doch die AG Synagoge scheiterte, weil die ausgehandelten Kompromisse letztlich doch nicht von allen getragen wurden.

Stoffbanner an der Grundstücksbranche mahnt an Bauvorhaben

Jahrelang kündete nur das verwitterte Stoffbanner "Potsdam baut doch an der Synagoge" an der Brandmauer des Nachbarpalais am brachliegenden Grundstück weiterhin vom Vorhaben. Der jüdisch-Christliche Bauverein hatte es während des Baumoratoriums aufgehängt, um das Projekt voranzubringen. Doch es wurde mittlerweile von den benachbarten Neubauten verdeckt, die auf dem historischen Grundriss des Karrès neben Landtag und Filmmuseum heranwuchsen. Inzwischen ist das Banner abgenommen, die Hauswand verputzt: Einzig die schmale Baulücke Schloßstraße 1 klafft weiter mahnend.

Die Politik in Gestalt der Wissenschaftsministerin schaltet sich ein.

Anfang des Jahres 2021 wagt die neue Ministerin für Kultur Manja Schüle (SPD) einen neuen Vorstoß. Zusammen mit der zentralen Wohlfahrtsstelle und dem Zentralverband der Juden in Deutschland soll der Neubau der Potsdamer Stadtsynagoge jetzt endlich in Angriff genommen werden. Die Kosten sind inzwischen auf 13,7 Millionen Euro gestiegen und nach der Fertigstellung 2024 soll zunächst die Zentrale Wohlfahrtsstelle das Haus übernehmen und allen jüdischen Gemeinden bereitstellen. Ziel ist es letztlich, dass diese es nach einer Übergangszeit später in Eigenregie übernehmen.

Zwar ist auch diese Entscheidung begleitet von Protesten wegen der Einmischung in innerreligiöse Prozesse seitens des Landes. Außerhalb von Potsdam und Brandenburg aber schüttelt man lange schon den Kopf darüber, warum trotz passendem Bauplatz und gesicherter Finanzierung nicht gebaut wird.

Jetzt geht es also los und wenigstens in der jüdischen Stammgemeinde der Stadt Potsdam macht sich Erleichterung breit – auch wenn es noch ein paar Jahre dauern wird, bis Synagoge und Gemeindezentrum endlich fertig gebaut sind.

Sendung: Antenne Brandenburg, 08.11.2021, 15:50 Uhr

Beitrag von Astrid Flügge

21 Kommentare

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  1. 21.

    In der ARD lauft gerade eine gute Dokumentation die These als den reinen Unsinn richtig stellt.

  2. 20.

    Auch diese Antwort ist "billig". Aber das hatte ich im Kommentar 12 schon mal gesagt.
    threadverlauf 5-6-12-15

    Können sie mir mal den Zusammenhang zwischen
    - einer Kritik am subventionierten Bau von Gotteshäuser statt Wohnungen (#5)
    - dem Bau von Shoppingcentern (#6)
    - dem Hinweis, dass Shoppingcenter nicht subventioniert werden (#12)
    - und ihrer haltlosen Unterstellung, dass Menschen diese Synagoge grundsätzlich ablehnen (#15)
    erläutern, sofern sie dazu in der Lage sind?
    Ich kann keinen Zusammenhang erkennen, deswegen ist auch die #15 zu "billig". Es ging um den Inhalt in #19 und etwas mehr Bescheidenheit.

  3. 19.

    @Nilson Richtig. Sie sind wahrscheinlich einer derjenigen, die vermutlich den Beitrag und ALLE Kommentare gelesen haben und haben dabei sicherlich bemerkt, dass es um die Zerstrittenheit der Gemeinde ging und darum, dass erste Architektenentwürfe einzelnen Mitgliedern nicht „sakral/protzig/bedeutsam" genug waren. Ist das den eigentlich heute noch üblich, dass Gotteshäuser nach solchen Anforderungen gemessen werden?

  4. 18.

    Sehr geehrter Herr Frank,
    dieser Kommentar gehört zwar nicht zum Thema, ist aber basierend auf den letzten Satz von dem von ihnen verfassten Kommentares. Das Problem ist ja, zum einen wird geschimpft wegen Steuergelder für kostenlosen Coronatests, aber hier sagt man zum größten Teil keinen Mucks. Denn dieses Gebäude wird ja auch von denen mitgetragen, die evangelisch, katholisch oder keiner Kirche zugehörig sind.
    Mit freundl. Grüßen

  5. 17.

    Sehr geehrter „Idealist“,
    ich nenne hier in Berlin sogar ein Einkaufszentrum (Shoppingcenter genannt) sogar in aller Öffentlichkeit als eine architektonische Körperverletzung und pinke Göre. Man kennt es als ALEXA.
    Mit freundl. Grüßen

  6. 16.

    Steuergelder sind nun mal auch dafür da, staatlichen Schadenersatz zu leisten für Schäden, die dieses Land angerichtet hat. Die paar Millionen gehen in der Masse ohnehin unter. Es gibt ganz andere Einsparpotentiale, die man heben sollte, um endlich die nötigsten Baustellen anzugehen.

  7. 15.

    Haben sie sich schonmal darüber informiert, was der Staat so alles subventioniert? Oder wird das Vorhaben hier doch eher abgelehnt, weil es sich um eine Synagoge handelt.

  8. 14.

    Das ist beim Bau von Autobahnen übrigens auch der Fall, nur das der Religion Auto noch viel mehr Menschen hinterherlaufen. Den Bau bezahlen aber auch diejenigen die kekn Auto fahren.

  9. 13.

    Vollkommen richtig. Schon in der Weimar-Verfassung stand die Trennung, aber die Kirche verhindert diese schon seit über 100 Jahren. Aber die Seilschaften der Kirche ist sehr weiterreichend. Zu den direkten gezahlten Geldern welche die Kirche bekommt, kommen dann noch reichlich andere Zahlungen. Mittel für den Ländlichen Raum werden zur Kirche umgelenkt. Kirchen dem Land übertragen welche diese dann Instandhalten darf, die Kirche sie aber weiter nutzt. Mittel welche besser in den Denkmalschutz zu nutzten wären, werden bei der Nazikirche in Potsdam verschwendet. Obwohl die Kirche versprochen hatte keine Steuergelder für die bei den Potsdam so verhasste Kopie der Garnisonskirche zu verschwenden. Die Sparkasse spendet dann auch noch reichlich an die Kirche. Wo anders fehlt dann das Geld der Sparkasse wenn einmal wieder ein Automat deshalb abgebaut werden muss. Der Bau der Synagoge ist dagegen nur Peanuts.

  10. 12.

    Das ist ja sowas von billig, ehrlich mal. Ich kenne kein Einkaufscentrum, dass durch Steuergelder gebaut wurde.

  11. 11.

    Ach so, was mir noch einfällt. Falls mich einer anmotzt was mich das angeht. Eigentlich gar nichts, außer das die Kosten (13,7 Millionen Euro?) auch durch meine Steuern mit bezahlt werden.

  12. 10.

    Steuergelder sind zu wichtig, als das man für Sakralbauten verschwendet! Religionen haben diese Welt noch nie positiv verändert und sie werden es nie tun!

  13. 9.

    Und ich habe immer gedacht, dass in Deutschland Staat und Religion getrennt sind. Offensichtlich ein Irrtum.

  14. 8.

    Wer übernimmt eigentlich die Verantwortung für diese Verschwendung von Steuergeldern? Warum errichtet der Staat bzw. das Land Sakral Bauten! Religion ist in diesem Land offenbar wichtiger als Kinderarmut oder Bildung! "Geht man allen Religionen auf den Grund, so beruhen sie auf einem mehr oder minder widersinnigen System von Fabeln. Es ist unmöglich, dass ein Mensch von gesundem Verstand, der diese Dinge kritisch untersucht, nicht ihre Verkehrtheit erkennt."
    (Friedrich der Große, König von Preußen, 1712-1786)

  15. 7.

    Als Wiedergutmachung, weil er die ehemaligen Synagogen 1939 systematisch zerstört hat. Im Gegensatz zu christlichen Gotteshäusern befürworte ich das sogar ausdrücklich. Wofür ich kein Verständnis habe, ist dass Teile der jüdischen Gemeinde diese Geste nicht richtig anerkennen wollen und durch ständige Streitigkeiten sowohl die Bauzeit als auch die Kosten in die Höhe getrieben haben. Da hätte das Land Brandenburg viel früher einen Riegel vorschieben müssen. Es hätte entweder gebaut werden müssen oder der Mehrpreis geht zu Lasten der Gemeinde. Allen kann man es ohnehin nie Recht machen. Der Streit zwischen den jüdischen Gruppen in Potsdam schwelt ja auch jetzt noch weiter. Das finde ich schade, gerade weil der Staat dieser große und wichtige Geste gemacht hat. Aber gut, dass nun endlich diese hässliche Baulücke in Potsdam verschwindet.

  16. 5.

    Warum man hier in Zeiten des Wohnraummangels solche für die Allgemeinheit eher unwichtigen Gebäude errichtet ist mir als normalem Bürger, der dringend eine Wohnung für meine 80jährige Mutter sucht völlig unklar.

  17. 4.

    Wieso muss hier der Staat Gotteshäuser bauen? Das stört mich auch bei den Katholiken schon.

  18. 3.

    Also uns hat es gefallen. Es sind zwei Gebäude, verbunden mit einem wunderbaren Wandelgang aus Bäumen, deren Kronen zu einem durchgehenden Dach geformt wurden. Herrlich. Wir haben viele Fotos gemacht und das mit dem Ziehen der Kronen im Garten bei zwei neuen Bäumen nachgestaltet.

    Die Gebäude haben auch kubische Formen mit glatter und schlichter Fassade. Das ganze Ensemble wirkt sehr harmonisch und strahlt Ruhe aus. Wir dachten schon, dass das typisch sei. Aber vermutlich ist bei einer russischen Gemeinde der Geschmack anders und wird von den gewohnten typisch russisch-orthodoxen Elementen beeinflußt. Alles hat seinen Reiz.

  19. 2.

    Ja, als Gemeinde Mitglied kenne ich die natürlich. Und kann sie nur aus tiefstem Herzen ablehnen, da er aussieht wie ein Bunker.

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