Volkstrauertag - Steinmeiner kritisiert gespaltenes Verhältnis der Deutschen zur Bundeswehr

So 14.11.21 | 16:24 Uhr
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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (M) legt zusammen mit Annegret Kramp-Karrenbauer (l-r, CDU), geschäftsführende Verteidigungsministerin, Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD), Bodo Ramelow (Die Linke), Ministerpräsident von Thüringen und amtierender Bundesratspräsident, und Stephan Harbarth, Präsident des Bundesverfassungsgerichts, in der zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik, der Neuen Wache, Kränze nieder. (Quelle: dpa/Bernd von Jutrczenka)
Video: Brandenburg aktuell | 14.11.2021 | Michel Nowak | Bild: dpa/Bernd von Jutrczenka

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat zum Volkstrauertag die Opfer des deutschen Angriffskrieges in Ost- und Südosteuropa in den Fokus gerückt und ein gespaltenes Verhältnis der Deutschen zur Bundeswehr kritisiert.

Orte, die auf dem Weg der Wehrmacht durch Polen, das Baltikum, Belarus und die Ukraine nach Russland lagen, sagten vielen Deutschen heute nichts, sagte Steinmeier am Sonntag bei der zentralen Gedenkstunde im Bundestag. Das Gedächtnis versage vor den Verbrechen an Zivilisten, Zwangsarbeitern und sowjetischen Kriegsgefangenen. Bereits in den ersten Monaten nach dem Überfall seien Hunderttausende ums Leben gekommen: "Verhungert, erschlagen, erschossen".

Zwar sei Auschwitz zum Inbegriff des millionenfachen Mordes an den europäischen Juden geworden - doch über eine Karte, welche die zahllosen anderen Orte deutscher Verbrechen verzeichnet, verfüge unser Gedächtnis nicht, hieß es weiter.

Kritik an Spachlosigkeit gegenüber der Bundeswehr

Steinmeier hat darüber hinaus eine stärkere Auseinandersetzung der Gesellschaft mit
der Bundeswehr als Parlamentsarmee angemahnt. "Wir müssen Sprachlosigkeit überwinden - auch die Sprachlosigkeit vieler Teile der Gesellschaft gegenüber unserer Armee. Auch das ist Auftrag an einem solchen Tag", sagte er.

Das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Armee werde von der Erfahrung zweier Weltkriege, Schuld und Scham geprägt, sagte Steinmeier. Die Bundeswehr stehe als Parlamentsarmee unverrückbar auf dem Boden der demokratischen Verfassung. Doch wenn die "Staatsbürger in Uniform" als Soldaten geehrt werden sollten, wie kürzlich vor dem Reichstagsgebäude, sähen viele Bürgerinnen und Bürger sie wohl "am Ende lieber in Zivil und ohne Fackel in der Hand".

Mitte Oktober hatten Bundestag und Bundesregierung die im kürzlich beendeten Afghanistan-Einsatz eingesetzten Männer und Frauen der Bundeswehr mit einem Großen Zapfenstreich gewürdigt. Die Bilder von Soldaten mit Fackeln vor dem Reichstagsgebäude hatten im Netz teilweise Befremdung und Kritik ausgelöst. Eine Reihe von Twitter-Nutzern fühlte sich an die NS-Zeit erinnert.

Steinmeier hatte zuvor gemeinsam mit Vertretern von Bundestag, Bundesrat, Bundesregierung und Bundesverfassungsgericht an einer Kranzniederlegung in der Neuen Wache teilgenommen, der zentralen Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft.

Kramp-Karrenbauer gedenkt in Weißensee

Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) gedachte auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee der im Ersten Weltkrieg gefallenen deutschen Soldaten jüdischen Glaubens. Der ehemalige Wehrbeauftragte des Bundestages, Reinhold Robbe, forderte dabei einen entschiedenen Kampf gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. "Die umfassende und systematische Bekämpfung von Antisemitismus und Rassenhass darf nicht länger dem Zufall überlassen bleiben", sagte er.

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge organisierte zum Volkstrauertag überdies Gedenkveranstaltungen am Sowjetischen Ehrenmal in Berlin und an der Gedenkstätte Plötzensee.

Kranzniederlegung auch in Potsdam

Auch in Brandenburg waren zahlreiche Veranstaltungen geplant, darunter Gottesdienste und Kranzniederlegungen. Bei der zentralen Veranstaltung in Potsdam wurden unter anderen Vizelandtagspräsidentin Barbara Richstein und Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) erwartet.

Der Volkstrauertag findet seit 1952 immer zwei Wochen vor dem ersten Advent statt.

Sendung: Inforadio, 14.11.2021, 13 Uhr

19 Kommentare

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  1. 19.

    Rituale in der Truppe haben weder mit undemokratischem Denken und gleich gar nicht mit undemokratischem Handeln zu tun. Diese Verbindung herzustellen zeugt von Unkenntnis und Ignoranz gegenüber dem Soldatsein. Eine solch eingeschworene, aufeinander des puren Überlebens willen angewiesene Truppe braucht ihre Rituale und den Korpgeist. Auf Außenstehende mag das martialisch wirken, ist es im Grunde aber gar nicht. Genau dieses Missverständnis ist Ausdruck für die von Steinmeier angesprochene Entfremdung von Volk und eigener Armee. Eine Armee ist nicht da, um nett zu sein und schöne Paraden abzuhalten, sie muss im Zweifel zum beauftragten Schutz zum Töten bereit sein. Dies darf nur eben nicht eroberisch und verbrecherischen sein, wie in der Vergangenheit schon geschehen. Das ist der Unterschied, auch wenn manche Rituale noch ähnlich sein mögen.

  2. 18.

    Ah okay. Bitte bedenken Sie aber, dass sämtliche Auslandseinsätze eben nicht auf Betreiben der Bundeswehr zustande kamen sondern im Auftrag unseres Parlaments. Dieses geht mit dieser Verantwortung meiner Meinung nach nicht verantwortungsvoll genug um. Man will sich zunehmend als Ordnungsmacht und Heilsbringer in aller Welt einbringen. Das sehe ich extrem ablehnend, da es vor Ort selten hilft und meist nur neue Konflikte herauf beschwört. Die Bundeswehr ist bei alledem aber nur ausführendes Organ, reiner Befehlsempfänger und muss das alles irgendwie ausbaden,mit unzureichenden Mitteln. Gern tun unsere Soldaten das ganz sicher nicht.

  3. 17.

    Ganz offensichtlich ist das ein Missverständnis, was auf meinen "Szenenwechsel" zurückzuführen ist.
    Selbstverständlich meinte ich das Hausdach-Beispiel als Analogie, selbstverständlich dort mit Polizei; gewählt habe ich es wegen dessen Anschaulichkeit, die bei Bundeswehreinsätzen in dieser Form und in dieser Klarheit so nicht vorhanden ist.

    Mir ging und geht es um den Umstand, dass die Gesinnungsethik, nicht zu töten, das Grundlegende ist und dass sich die Verantwortungsethik dann aus konkretem Anlass zwischenzeitlich davorschiebt. Meine Empfindung ist die, dass sich Menschen dieser Gesellschaft mittlerweile an das dauerhafte Davorschieben gewöhnt haben, sodass die Gesinnungsethik tendenziell zum Restbestand, zum denunzierten Wolkenkuckucksheim verkommt.

  4. 16.

    Inhaltlich mag ich mich Ihren Absätzen 1 und 3 gerne vollumfänglich anschließen. Doch erläutern Sie mal bitte wie Sie im mittleren Absatz ganz entgegen dem GG einen Einsatz im Innern zu rechtfertigen versuchen und die Polizeigewalt der Bundeswehr zuschreiben möchten. Bin schon gespannt auf rechtlich nicht haltbare Argumente ;-)

  5. 15.

    "Man kann alles drehen und wenden wie man will."
    Man kann ... und man kann sich Eigentore schiessen. Herzlichen Glückwusch dazu.

  6. 14.

    Das die BW notwendig ist, habe ich nie bestritten.

    Allerdings gilt es auch anzuerkennen, dass nicht alle ein deutschlandzentriertes Weltbild haben. Eine herbeifantasierte kriegerische Bedrohung präventiv im Ausland zu bekämpfen erschließt sich mir nicht. Sie ist mit der Verteidigung und demokratischen Grundsätzen (wie Menschenrechten etc.) wenig vereinbar.

  7. 13.

    Alles Martialische - und als solches sehe ich die Aufstellung mitsamt Uniformen mit Fackeln in der Hand - sollte unterlassen werden. Das empfinde ich in der Tat als vordemokratisches Schauspiel.

    Soldaten sind pauschal weder Mörder noch Helden, sondern tun dasjenige, was manchmal in bittersten Notlagen offensichtlich getan werden muss. Wenn jemand, der vom Hausdach andere Menschen auf dem Marktplatz erschießen will, per Waffengewalt daran gehindert und notfalls auch erschossen wird, ist dies eine unvermeidbare Tat. Die Tötung eines Menschen ist es trotzdem.

    Deshalb wäre ein stiller Dank angebracht, keine martialische Heldenverehrung. Tode und Tote sind nicht verrechenbar, alles andere wäre unethisch im Sinne einer Gesinnungsethik. Andernfalls würde die Verantwortungsethik die Gesinnungsethik erschlagen, als dass sie zeitweise (nur) vor sie tritt.

  8. 12.

    Das Problem der Deutschen in der Mehrheit, zu der Sie hier zweifelsfrei zählen, ist, dass Sie von Frieden verwöhnt ist und dies als Selbstverständlichkeit betrachtet, die uns automatisch zufällt, wenn wir nur zu allen ganz lieb sind. Die Realität ist leider eine andere und eine friedliche Welt ist immer noch eine Illusion. Nur weil die letzten beiden Weltkriege von deutschem Boden ausgegangen sind, bedeutet das noch lange nicht, dass es keine anderen Bedrohungen mehr gäbe. Ein Land, welches sich nicht mehr verteidigen kann, ist dem Untergang geweiht. Bisher haben wir uns bei der Verteidigung unsozial und unsolidarisch auf die Amerikaner verlassen. Die verfolgen aber zunehmend ihre eigenen Ziele und verlieren das Interesse an der Verteidigung Europas. Frieden bedeutet eben vor allem wirksame Abschreckung. Dies muss die Bundeswehr mit unzureichenden Mitteln leisten. Tag für Tag. Und dafür gebührt ihnen unser Dank.

  9. 11.

    Anfrage an Ivo, wie sollte denn Ihrer Meinung nach die Bundeswehr aussehen ?

  10. 10.

    Man kann alles drehen und wenden wie man will. Ist ein besonderes Merkmal von Querdenkern. Volltreffer.

  11. 9.

    Damit gaben Sie die Aussage von April bestätigt. Volltreffer.

  12. 8.

    Unsinn! Gerade ihre Kommentare lassen sich aber einer ganz bestimmten Gruppe zuordnen.

  13. 7.

    Die Wehrmacht war der Wegbereiter für diese Verbrechen, ohne Einmarsch keine Vernichtung im übrigen Europa.
    Übrigens, als erstes ist die Wehrmacht am 14. März 39, in die Rest- Tschechoslowakei einmarschiert ( da war noch Hitler prsönlich dabei), und die SS folgte sogleich, um die Verbrechen nach ihrer Art einzuleiten. Die Wehrmacht wusste schon vor dem 01. September 39 "wie der Hase läuft"..

  14. 6.

    Diese Sprachlosigkeit sollte Herr Steinmeier einfach mal in seiner Partie ansprechen und dann geht er zur nächsten. Aber dieser Herr sollte sich nicht weit aus dem Fenster lehnen. Er war doch selbst nicht bei der Rückkehr des letzten Kontingents aus Afghanistan da. Hat doch auf etwas vorgeschoben um nicht da zu sein.

  15. 5.

    Vielleicht würde eine "Parlamentsarmee" gut ankommen, wenn diejenigen Abgeordneten den Einsatz dann auch bei der Infanterie in forderster Reihe begleiten würden (wäre das so, wäre die BW bis heute nicht einen Schritt über die Grenze getreten).

    Mal abgesehen davon ist die Bundeswehr noch immer eine Organisation, in der Milliarden zum Fenster rausgeworfen werden, der Rechte Rand seine militärische Ausbildubg für den Tag X erhält und auch darüber hinaus nicht viel zu holen ist.

    Herr Steinmeier sollte sich vielmehr freuen, dass sein Volk keine Lust mehr auf Krieg hat. Dafür mussten viele Menschen ihr Leben lassen, dass das so ist.
    Und ich finde es herrlich.

    (Und ja, ich weiß, die BW ist notwendig...aber eben nicht so.)

  16. 4.

    Eine eigene Meinung sollte in einer Demokratie normal sein. In Deutschland ist es neuerdings allerdings nur noch so, wenn die Meinung der Masse entspricht. Ansonsten wird man einfach in eine Ecke gedrängt und als Querdenker bezeichnet. Hat jemand eine andere Meinung, gilt er als Querdenker, völlig egal, worum es geht.

  17. 3.

    Eine eigene Meinung ist doch erlaubt in einer Demokratie. Oder, Herr Steinmeier?

    Wie geht es eigentlich Murat Kurnaz?

  18. 2.

    Wer ist Steinmeiner?

  19. 1.

    Ich trauere heute auch angesichts der aktuellen "Mauertoten" an den EU Aussengrenzen. Ich habe Angst vor einem weiteren "kalten Krieg" mit Mauern ringsherum.

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