Brandenburgs Bildungsministerin - Britta Ernst trotzt dem Gegenwind

Fr 03.12.21 | 06:25 Uhr
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Britta Ernst, Präsidentin der Kultusministerkonferenz und Bildungsministerin in Brandenburg (Quelle: dpa/Jörg Carstensen)
Bild: dpa/Jörg Carstensen

Mit der neuen Corona-Welle gerät Brandenburgs Bildungsministerin erneut in die Kritik. Wieder habe sie die Vorbereitungen verschlafen. Wieder wird ihr Zögerlichkeit vorgeworfen. Britta Ernst ficht das kaum an. Von Markus Woller

Eine steife Brise im Gesicht - die Hanseatin Britta Ernst spornt sowas wohl erst recht an. Und Gegenwind, den gibt es aktuell wieder reichlich: Diesmal daran, dass Brandenburgs Bildungsministerin trotz des Pandemie-Geschehens am regulären Schulunterricht festhalten möchte.

Im Bildungsausschuss des Landtages argumentiert Kathrin Dannenberg von den Linken am Donnerstag, die vierte Welle habe gezeigt, dass die Schulen keineswegs ein sicherer Ort seien. Die Bildungsministerin sei erneut planlos, ein Wechselunterricht bis zu den Weihnachtsferien die einzig richtige Maßnahme. Dass die Landesregierung nicht schon längst für ausreichend Tests gesorgt habe, um alle Kinder fünfmal die Woche zu testen, sei ein großes Versäumnis.

Lolli-Tests zu lange aufgeschoben

Die Lehrergewerkschaft GEW stößt ins gleiche Horn: Das Bildungsministerium müsse schleunigst für tägliche Tests sorgen. Die kurzfristig beschlossene Aussetzung der Präsenzpflicht sei ein Fehler, der die Lehrer nun enormen Belastungen aussetzte, weil diese nicht gleichzeitig Stoff für Präsenz und Heimarbeit der Schüler aufbereiten könnten.

Mehrere Elterninitiativen beklagen einen Kontrollverlust in der Schule und, Zitat, "dramatische Versäumnisse der Landesregierung" in den vergangenen Monaten. So kritisiert die bundesweite Elterninitiative "Sicher offen bleiben", dass das Land unter anderem die Einführung von PCR-Pooltests, sogenannten Lolli-Tests, zu lange aufgeschoben habe. Seit August sei ein Pilotprojekt in Vorbereitung. Wann es starte, sei unklar. Kleinere Lerngruppen, den Einsatz von Luftfiltern, mehr Busse und Bahnen, damit die Abstandsregeln eingehalten werden können. Die Landesregierung habe für all das kein Konzept.

Kritik auch aus den eigenen Reihen

Kritik am strikten Kurs der Ministerin gab es zuletzt sogar aus den Reihen der eigenen Koalition. Zwar nicht an der Offenhaltung der Schulen, dafür aber an der Weigerung der Ministerin, die Maskenpflicht in Grundschulen wieder einzuführen. Ernst sperrte sich lange, argumentierte, die Schüler dürften nicht schon wieder als Mittel zur Pandemiebekämpfung dienen. Erst als bereits über einen Rücktritt der grünen Gesundheitsministerin spekuliert wurde, falls die Maskenpflicht nicht käme, lenkte Ernst doch noch ein.

Der Kreiselternrat in Cottbus forderte in der vergangenen Woche, nicht zum ersten Mal, gar den Rücktritt der Ministerin. Das Bild, das das Bildungsministerium seit anderthalb Jahren abgebe, sei schlichtweg inakzeptabel. Dennis Hohloch, bildungspolitischer Sprecher der AfD-Landtagsfraktion nannte die Ministerin unfähig und überfordert und forderte jüngst schlicht: "Diese Frau muss aus diesem Amt verschwinden."

Präsenzpflicht oder Homeschooling?

Ja, mit steifen Brisen kennt sich Britta Ernst aus. Nicht zuletzt, weil sie die Kakophonie der Stimmen aus den letzten Monaten auszuhalten gelernt hat. Denn so massiv die Vorwürfe und Forderungen auch sein mögen: Es gibt eben zu oft auch die Stimmen der anderen Seite:

Die der Eltern zum Beispiel, die einem Wechselmodell, in dem ihre Kinder dann wieder tage- oder wochenweise zuhause sitzen, nicht viel abgewinnen können. Einen Hinweis darauf, dass das nicht wenige sein dürften, gibt die Aufhebung der Präsenzpflicht in dieser Woche. Kaum ein Elternteil hat davon wirklich Gebrauch gemacht. Die Erinnerungen an die schwierige Homeschooling-Zeit Anfang des Jahres ist offenbar noch zu präsent.

Auch bei den Lehrern ist das Bild keinesfalls einheitlich. Viele können weder der Aussetzung der Präsenzpflicht, noch der Einführung von Wechselunterricht etwas abgewinnen. Die Mehrbelastung dadurch sind enorm. Hinzu kommt das schlechte Gefühl, schon in den vergangenen Wellen zu viele Kinder an die Einsamkeit und Unstrukturiertheit des Küchentisch-Lernens verloren zu haben.

Forderungen bringen Ernst kaum aus der Ruhe

Und so bringen die vielen Forderungen Britta Ernst auch diesmal kaum aus der Ruhe. Im Bildungsausschuss erklärt die Ministerin am Donnerstag geduldig ihre Sicht der Dinge. Wechselunterricht: Belastet Kinder, Eltern, Lehrer. Nur wenn das Infektionsgeschehen weiter zunimmt, müsse man über weitere Maßnahmen beraten. Die Testfrequenz: Fünfmal die Woche ist das Ziel, ab Januar wohl möglich, wenn genug Tests geliefert werden. Aber: 1,6 Millionen Tests pro Woche könne man eben nicht vorrätig haben. Der Lolli-Test: Wird erprobt, aber er dauert lange und es ist unklar, ob genug Labor-Kapazitäten zur Auswertung vorhanden sind. Die Luftfilter: Sind nur als Unterstützung zum Lüften empfohlen. Die Nachfrage sei zudem geringer als gedacht.

Und auch, was die generell eher zögerliche Haltung der Ministerin angeht, gibt es zwei Wahrheiten. Klar ist: Hätte Britta Ernst zum Beispiel bei der Maskenpflicht in Grundschulen schneller reagiert, wäre die vierte Welle sicher weniger hoch geschlagen. Das Agieren ihres Ministeriums wirkt zum Teil wenig geplant, das Corona-Management zum Beispiel mit Blick auf die Bereitstellung von digitalen Endgeräten oder Impfangeboten für Lehrer schwerfällig.

Und doch zeigt der Blick auf die am Donnerstag verabredeten Maßnahmen aus der Ministerpräsidentenkonferenz: Brandenburgs Schulen haben schon seit Wochen umgesetzt, was erst jetzt deutschlandweit gelten soll: Eine Maskenpflicht für alle Altersstufen. Außerdem erwägen andere Länder nun auch eine Ausweitung der Weihnachtsferien um mehrere Tage. Beides allerdings Maßnahmen, gegen die sich Brandenburgs Bildungsministerin in ihrem Land länger gewehrt hatte.

Bleibt also vorerst die Erkenntnis: Mit steifen Brisen kennt sich Britta Ernst tatsächlich aus. Sie schafft es offenbar stets, sich gerade noch rechtzeitig in den Wind zu drehen.

Sendung: Inforadio, 02.12.2021, 16:03 Uhr

26 Kommentare

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  1. 26.

    Es geht hier um die Kinder, die bislang keine Chance hatten sich impfen zu lassen. Um die unterlassenen Schutzmaßnahmen in den Schulen (keine maskenpflicht trotz Coronafällen in den Grundschulen). In der Klasse meiner Tochter haben mindestens 12 von 26 Kindern einen positiven PCR-Test (ich nehme an, nicht jedes Elternteil teilt es im Klassenchat mit). In dieser Grundschule sind in den letzten beiden Wochen bis zu 2/3 der Lehrer und Schüler ausgefallen - leider stehe ich nicht mit allen in persönlichem Kontakt, doch dass davon ein großer Teil positiv ist, ist anzunehmen. In Quarantäne wurden nur postive Fälle geschickt, sonst NIEMAND! Auch die Schule blieb offen - das geht bei einer ansteckenden Krankheit (egal was) gar nicht.
    Und ja, alle Erzieher und Lehrer konnten sich impfen lassen. Ich bin auch geimpft, habe mich trotzdem an den kranken Kindern angesteckt. Impfung schützt nicht vor Ansteckung, nur vor schwerem Verlauf. MBJS lässt den Virus einfach laufen - das geht NICHT!

  2. 25.

    Warum müssen wir für diese hoch alimentierten Posten und die höheren Verwaltungen in Brandenburg so oft Leute von woanders "importieren"? Finden sich hier in Brandenburg nicht genügend ähnlich inkompetente Menschen die diese Posten besetzen können?

  3. 24.

    Am Beispiel Ernst und Nonnemacher zeigt sich, dass das Beharren an einer Frauenquote absolut falsch ist und ernsthafte Konsequenzen für das Bundesland haben kann. Man sollte ENDLICH dazu übergehen, dass Dienstposten AUSSCHLIESSLICH nach der vorhandenen und nachwiesenen EIGNUNG besetzt werden.

  4. 23.

    Was für eine inhaltsstarke Aussage! Wer rechnet mit wem ab? Die Wählerin mit dem Landkreiskandidaten oder der Bundestagsabgeordnete mit seinen Wählern oder die eine Partei mit der anderen. Oder Lokalpolitiker mit ihrem Stadtparlament?
    Man weiß nicht, was Sie damit sagen wollen. Auch in Bburg waren gerade Bundestagswahlen. Wer hat dort mit wem abgerechnet?

  5. 22.

    Über 30% sind nicht 2 Drittel....Eltern, Lehrerinnen und Erzieherinnen hatten lange Zeit sich impfen zu lassen...wieso sind Gesundheitsämter oder Bildungsministerien schuld, wenn erwachsene Menschen die momentan wirksamste Massnahme, die Impfung,nicht umsetzen und zusätzlich Schutz durch MNS und Abstand halten, ignorieren? Da sollten sich die Brandenburger Meckerer an die eigene Nase fassen....ohne Maske im RE nach Berlin ( wie täglich zu erleben) ,da geht das dann ja.

  6. 21.

    Mich wundert, weshalb man den Start der Weihnachtsferien nicht einfach mal auf Mitte Dezember vorzieht. Dann nimmt man den Druck der auf den Eltern liegt, die ihre Kinder vor allem deshalb weiterhin in die Schule schicken, weil die Schulleitungen offenkundige Nachteile für alle Kinder ankündigen, wenn man sie zu Hause lässt. Es werden noch unzählige Klassenarbeiten durchgeboxt. Jetzt sag mal einer, dass man hier frei entscheiden kann, ohne dass am Ende wieder die Kinder die Benachteiligen sind.

  7. 20.

    Ich mag diese Menschen nicht die alles wollen aber nix können. Das ist ja jetzt wie Honi und Margot. Oh ist das gruselig.

  8. 19.

    Die ex-infizierten Kinder (Inzidenzen bis 4000...) gelten ja dann als "Genesen", damit braucht man für die keine Tests mehr, keinen Wechselunterricht, keine Quarantäne, nix. Toll! Dass unterdessen Omma und Oppa gestorben sind, interessiert ja keinen, anderes Ministerium....

  9. 18.

    Weil es keine Impfzentren gibt und gab. Es war und ist unendlich schwierig, sich in (Süd)Brandenburg impfen zu lassen, wenn man nicht in Potsdam oder Cottbus wohnt. In PM gibt und gab es NIE eine Stelle zum Impfen. Die paar Ärzte lehnen es ab wegen Aufwand und sie nehmen keine neuen Patienten.

  10. 17.

    Abgerechnet wird bei der nächsten Wahl. Eltern sind jung genug, um sich zu erinnern...

  11. 16.

    Und ob die Schulen die Infektion vertreiben - und wie! Inzwischen fallen nicht nur über 30% der kinder flach, sondern ihre Eltern, Lehrkräfte und Erzieher.
    Was meinen Sie wie sonst so "tolle" Inzidenzen der letzten Wochen von 3.500 bus 4.500 in unserem Landkreis im Alter von 5 bis 14 Jahren herkommen?
    Aber das Bildungsministerium ist da ignorant wie eh und je, die Durchseuchung läuft, weder Wechselunterricht noch Distanzunterricht wird angeordnet, auch wenn nur noch 5 von 15 Lehrern anwesend sind, auch wenn zwei Drittel der Schüler krank zuhause ist. Und die Gesundheitsämter versagen doch genauso - alle dürfen sich schön weiter anstecken.
    Rücktritt extrem überfällig, Frau Ernst! Sie verstoßen gegen Arbeitsschutz- und Gesundheitsschutzvorschriften, RKI, GG Art. 2 etc.

  12. 15.

    "Irgendwie seltsam, daß so viele BrandenburgerInnen nach der Politik schreien. "

    Weil es schon immer einfacher war die Schuld bei anderen zu suchen?

  13. 14.

    Irgendwie seltsam, daß so viele BrandenburgerInnen nach der Politik schreien. Warum hat denn das Bundesland Brandenburg eine so niedrige Impfrate? Wäre die Impfrate bei 90 Prozent unter den Menschen ab 12 Jahre, hätten doch die Kinder und die Schulen dieses Problem gar nicht. Weder die Schule verbreitet Viren noch sind es die (meisten) PolitikerInnen, sondern uneinsichtige, genau genommen asoziale Erwachsene.

  14. 13.

    Ihre "Übertragungstheorie" scheint eher eine Unterbringungszweckgebundene. Sei es drum, ein Virus fühlt sich so am wohlsten: in engen vollen Räumen, mit ausreichender Verweildauer... und was macht Frau Ernst mit Ihrer Verwaltung als Verantwortliche?

  15. 12.

    Nicht nur das. Die Postenbesetzung hatte schon ein Geschmäckle. Wollte Scholz seine Frau mit angemessenem Posten in der Nähe haben? Kompetenz hat dabei wohl kaum eine Rolle gespielt, wie man sieht. Und Frau Ernst ficht Kritik als First Lady in spe natürlich nicht mehr an.

  16. 11.

    Sie beschreiben einen kleinen Teil der Anstrengungen an den Schulen vor Ort. Das die Bildungsverwaltung mit bloßen zeitverzögerten und sinnlos überholten Verordnungen, flankiert von bloßer Daumen rauf/runter Politik, damit "durchkommt" ist schon verwunderlich, angesichts des Ernstes der Lage. Und wenn dann noch der Satz fällt: "Wir tun alles erdenkliche..." um dann gar nichts zu tun außer reden, dann versteht man die Rücktrittsforderungen.

  17. 9.

    Es ist wirklich unglaublich, wie man sich "durchmogeln" kann... obwohl die Schulen kein sicherer Ort sind, im Gegenteil.
    "Schüler dürften nicht schon wieder als Mittel zur Pandemiebekämpfung dienen" - ja genau und darum müsste man Geld ausgeben, Anstrengungen machen, damit sich das Virus nicht so wohl fühlt... in der Klasse. Was macht Frau Ernst? Nichts.
    "bringen kaum aus der Ruhe"
    "Tests aufgeschoben"
    "Lüfter kaum nachgefragt" (was für ein Hohn, angesichts der Antraghürden und dem "Antragverschweigens")
    und "die Eltern" gibt es nicht: es gibt Forderungen nach Bildung aber auch nach "Verwahranstalten"...
    Bleibt die Erkenntnis, dass der Wind nicht stark genug bläst, um mit so wenig Aufwand "durchzukommen", übrigens ein Markenzeichen bestimmter politischer Farben, um die letzten Plätze zu festigen...

  18. 8.

    Was für unfähige Leute uns regieren dürfen ist schon krass!!!!

  19. 7.

    Bei uns in der Schule darf der geimpfte Bruder eines symptomatisch an Corona erkrankten Kindes weiter zu Schule gehen. Theoretisch sogar ohne Test. Ich glaube nicht das dies an Frau Ernst liegt. Hier herrscht doch eher Planlosigkeit bei den Gesundheitsämtern. Da Kinder nur ein sehr geringes Risiko für Erwachsenen sind, sollte man die Schulen einfach in Ruhe lassen. Die Übertragung läuft fast immer von Erwachsen auf Kind und sehr selten umgekehrt. Wenn man krank ist geht man einfach mal nicht zu Oma und Opa, wie schon vor Corona. Wer will kann doch sein Kind zu Hause lassen. Die Menschen sterben in den Pflegeheimen und dafür ist Frau Ernst nicht zuständig.

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