Rot-grün-rote Pläne in Berlin - Die Verbeamtung als Köder für die fehlenden Lehrer

Do 09.12.21 | 07:20 Uhr | Von Kirsten Buchmann und Agnes Sundermeyer
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Symbolbild: Ein Lehrer hilft einer Schülerin während des Unterrichts. (Quelle: dpa/M. Murat)
Audio: Inforadio | 09.12.2021 | Kirsten Buchmann | Bild: dpa/M. Murat

Rund 20 Jahre hat Berlin darauf verzichtet, Lehrer zu Beamten zu machen. Pläne der rot-grün-roten Koalition aber sehen nun vor, Lehrkräfte ab 2023/24 wieder zu verbeamten. Doch nicht alle jubeln über dieses Vorhaben. Von Kirsten Buchmann und Agnes Sundermeyer

Schulleiter Arndt Niedermöller vom Immanuel-Kant-Gymnasium in Berlin-Lichtenberg ist erleichtert. Die Pläne, Lehrerinnen und Lehrer in Berlin wieder zu verbeamten, findet er richtig: "Wir würden uns sehr freuen, wenn das bereits zum kommenden Schuljahr möglich wäre, damit der Standortnachteil, den Berlin seit einigen Jahren hat, als einziges Bundesland die Verbeamtung nicht anzubieten, möglichst schnell aufgehoben wird."

Als Vorsitzender der Gymnasialschulleitervereinigung hat Niedermöller dafür geworben, zur Verbeamtung zurückzukehren. In seiner Schule habe sich dieser Beschäftigungsnachteil etwa daran spüren lassen, "dass die Referendare nicht zu uns kamen, sondern gesagt haben: 'Wir gehen gleich nach Brandenburg.'"

Alle Möglichkeiten ausschöpfen

Aktuell nimmt der Schulleiter dagegen wahr, dass sich die Liste der Bewerberinnen und Bewerber verlängere. Den Grund sieht Niedermöller klar in der Verbeamtung für Lehrkräfte. Dass eine neue Koalition sie wieder einführen könnte, stand schon länger im Raum. Jetzt steht im Koalitionsvertragsentwurf, für einen "nachhaltigen Personalaufwuchs" wolle Berlin alle Möglichkeiten ausschöpfen – das heißt, mit einer Verbeamtung die Angel nach dem Lehrernachwuchs auswerfen. Die Köder sind hier die höheren Einkünfte - und zwar bezogen auf das gesamte Berufsleben und höhere Altersbezüge als für angestellte Lehrer.

Nicole Slinsog, Lehrerin am Immanuel-Kant-Gymnasium, geht davon aus, dass sich mit der Verbeamtung wieder mehr junge Lehrerinnen und Lehrer für Berlin entscheiden werden. Viele wollten mehr Sicherheit, wie beispielsweise bei Erkrankungen länger versorgt zu sein. "Dann haben die Beamten auch auf dem Wohnungsmarkt – das spielte auch eine entscheidende Rolle bei vielen – und bei Krediten einen besseren Status." Eine ihrer Freundinnen etwa denke angesichts der nun auch für Berlin geplanten Verbeamtung bereits darüber nach, aus Brandenburg hierher zu wechseln.

700 Lehrkräfte pro Jahr wandern ab

Momentan ist Berlin das einzige Bundesland, das seinen Lehrenachwuchs nicht verbeamtet. Doch der Preis für diesen Berliner Standortnachteil ist hoch. Jährlich 700 Nachwuchslehrkräfte pro Jahr gingen Berlin verloren.

Dem bildungspolitischen Sprecher der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Marcel Hopp, ist es wichtig, dass der Kreis derjenigen, die künftig verbeamtet werden können, möglichst groß ist. Dazu solle die Altersgrenze für die Verbeamtung von 45 auf 52 Jahre erhöht werden: "Wir gehen davon aus, dass 14.000 bis 17.000 verbeamtet werden können und auf der anderen Seite 4.000 bis 7.000 nicht verbeamtet werden können, unter anderem wegen des Alters und gesundheitlicher Gründe."

Für die bis zu 7.000 angestellten Lehrkräfte, für die eine Verbeamtung nicht möglich ist, soll es eine Kompensation geben. Als eine Variante ist im Gespräch, sie in Form von Stundenermäßigungen zeitlich zu entlasten. Allerdings lautet die Frage, ob dadurch wieder Lücken im Stundenplan entstehen, die gefüllt werden müssen. Auch eine Zulage ist als weitere Variante in der Diskussion.

GEW fordert, mehr Lehrkräfte auszubilden

Die Herausforderung sei, das so zu lösen, dass Berlin Mitglied in der Tarifgemeinschaft der Länder bleiben könne, sagt Marcel Hopp.

Der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Tom Erdmann, pocht auf eine Kompensation für alle, die nicht verbeamtet werden können. Insgesamt sehe er es aber skeptisch, ob die Verbeamtung tatsächlich die Lösung ist: "Jedes Bundesland in Deutschland hat Lehrkräftemangel, egal, ob verbeamtet wird oder nicht - auch die Bundesländer, die verbeamten." Aus seiner Sicht muss Berlin daher vor allem mehr Lehrkräfte ausbilden.

Noch sind rund um die geplante Rückkehr zur Verbeamtung ab 2023/24 also viele Fragen zu klären. Dazu zählt auch, wie hoch die Kosten genau sein werden und wie sie aufgebracht werden sollen, einschließlich eines vorgesehenen Fonds, um die Pensionslasten der Zukunft aufzufangen.

Sendung: Inforadio, 09.12.2021, 8:40 Uhr

Beitrag von Kirsten Buchmann und Agnes Sundermeyer

40 Kommentare

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  1. 40.

    Begriffe wie "Köder" sind wenig hilfreich. Letzlich geht es um Angebot und Nachfrage. Und da sieht es halt so aus, dass auf die gesamte Berufszeit betrachtet der Beamtenstatus vielen Lehrern attraktiver erscheint und Berlin deswegen einen massiven Verlust von dringend benötigtem Lehrpersonal zu verzeichnen hat.
    Klar, dass da der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Tom Erdmann, nicht glücklich ist, denn Beamte dürfen nicht streiken, und er verliert diese Mitglieder.

  2. 39.

    Was für eine Analyse der Kostenermittlung... da geht aber noch mehr...

  3. 38.

    Irgendwie passt das Audio in der app überhaupt nicht zum Inhalt des Textes hier.

  4. 37.

    Hallo Christoph M.,
    es ist gut, dass Sie als "Betroffener" diese Meinung vertreten, ich kann Ihnen da auch nur zustimmen, dass die Kosten viel zu hoch wären und es die Steuerzahler zu tragen hätten.
    Die anderen Bundesländer wären gut beraten künftig auch auf Verbeamtungen zu verzichten.

  5. 36.

    Weil es wohl einige echt auf die Spitze treiben, damit auch noch prahlen und mit einer goldenen Pepperoni am Kragen rumlaufen. Sie sind schließlich die Schärfsten. In meiner Nachbarschaft wohnte so ein "Hab-dich-lieb-Exemplar". Erst "Burn-Out", dann Reha, dann Resturlaub - Burnout bei diesem Kaltverdunster ist schon echt 'ne Kunst, aber sich dann noch als Dorfsherrif aufspielen ist die Härte. Die Nummer dauerte ein ganzes Jahr und Urlaub kann man ja nur nehmen, wenn man wieder auf dem Damm ist. Nach einer Woche als Streifenhörnchen war er wieder "Out-of-Order". Diesmal mit PTBS. Die Nummer fing von vorn an, inkl. "Dorfsherrifambitionen". Die Behörde wollte ihn raus haben. Er klagte und bekam erstinstanzlich Recht. Das Prozessende vor dem OVG war hinfällig. Er ging vorher in reguläre Pension - bekam bis dahin vollen Sold - und der Beamte beamte weg. Ich glaube nicht, das der ein Einzelfall ist, aber solche netten Menschen sorgen für ein echt schlechtes Karma.

  6. 35.

    Wenn Sie der Meinung sind, dass ich als Studienrätin mit den Fächern Deutsch und Geographie 13 Wochen Ferien habe und keine Überstunden mache, können Sie mich gerne eine Zeit lang begleiten - auch am Nachmittag und am Wochenende.
    Ich bin übrigens nicht verbeamtet ...

  7. 34.

    Wenn Sie Lehrer am Gymnasium sind, sind Sie eine Schande. Wer derartige Rechtschreibfehler macht(2.Absatz) beweist nur, dass das Bildungssystem katastrophal ist. Es wäre eine Beleidigung des Berufsstandes, Sie zu verbeamten.Dann werden Sie doch Hausmeister, denn so ein „Gymnasiallehrer“ ist eine Zumutung.Analphabeten gibt es schon genug.

  8. 33.

    Warum haben Beamte nur so einen schlechten Ruf ,so ein schlechtes Ansehen ?

  9. 32.

    Das Bildungssystem wird dadurch nicht besser, das Niveau der Kinder auch nicht. Fakten sind 13 Wochen Urlaub im Jahr ,Arbeitszimmer zuhause absetzbar von der Steuer , keine Überstunden, und jetzt auch noch Pensionen ist doch besser als Rente. Und was kommt dabei heraus
    In der Pisa Studie im letzten Drittel.
    Unsere Kinder werden an den ganzen Pensions Leistungen ersticken.
    Das Bildungswesen wird damit auch nicht besser.

  10. 31.

    Hallo Teddybär,
    Menschen studieren, werden Lehrer und geben das studierte an Kinder weiter und bilden sie in verschiedenen Fächern aus.
    Das sind aber NIEMALS hoheitliche Aufgaben sondern normale Wissensvermittlung an Kinder und Jugendliche.

  11. 30.

    Ich kann dem nicht zustimmen. Wir haben eh schon zu viel Beamte.

  12. 29.

    Auch wenn rbb24, wohl schulpolitisch kritische Anmerkungen nicht so gern sendet - ich schreibe es trotzdem gern erneut nocheinmal; Verbeamtung von Lehrern* ist nicht DIE Lösung, SOLANGE DIE G E S A M T E INFRASTRUKTUR"SCHULE" in Berlin nicht stimmt ! Dazu gehören nun mal angemessene Bezahlung des gesamten (auch externe)Personal, technische Ausstattung und deren Wartung, Schulung des Personals mit "anspruchsvollen" Erziehungsberechtigten usw!
    Also künftige* Schulsenator* - ab an die Arbeit- JETZT

  13. 28.

    Zunächst einmal beginnt man Artikel nicht mit einer Wertung schon in der Überschrift, es ist schließlich kein Kommentar.

    Was der idee zugrundeliegt, ist doch der Umgang mit der Ökonomisierung der Bildung. Wenn es immer mehr private Grundschulen bis hin zu sog. "Exzellenzclustern" an Hochschulen gibt, ist das ein deutliches Zeichen für die Aufgabe der Unabhängigkeit von Bildung. Um diese aufrecht zu erhalten, bedarf es zwar keiner Verbeamtung, aber Transparenz und Kontrolle der Lehrenden und aller weiteren Betreuenden wie z.B. Sozialarbeitenden ist nötig. Solange man in unnötiger Konkurrenz zueinander steht, ob Schulen vs. Schulen oder Bundesländer gegeneinander, solange ist es ein wettbewerblich dominiertes Feld, das aber nur vom Wettbewerb der Ideen geprägt sein sollte.

    Verbesserung der Arbeitsbedingungen, Wertschätzung, Fortbildungen - sodass Lehrer*in oder Erzieher*in Traumberufe werden, statt massig Quereinsteigende in Grundschulen - sind machbar.

  14. 27.

    Dieser Kommentar lässt mich tatsächlich feixen. Der Deutschen Sprache nicht mächtig, aber Lehrern die Bildung anerkennen wollen, wie süß ist das denn.

  15. 26.

    Hätten Sie Bildung genossen, würden Sie einen verbeamteten Studienrat nicht auf seine Pensionierung differenzieren. Was für schlichte Gemüter hochqualifizierten Kräften die Bildung absprechen wollen. Unfassbar neiderfüllt.

  16. 25.

    Sie sind sicher niemand, der Lehrer und ihre fachlichen Qualitäten beurteilen kann, Sie sind eher vom Neid festgehalten worden. Warum haben Sie sich nicht angestrengt, dann müssten Sie keinen Neid entwickeln.

  17. 24.

    Mit der Verbeamtung lockt man keinen an, man honoriert eine wertvolle Lehrkraft, die Bildung vermittelt, damit die AfD nicht auf Telgram unterrichtet und sich und andere radikalisiert. Warum man die falschen anlockt und diese auch nichts können, müssen Sie näher erklären. Kann es sein, dass Sie einfach nur keine Ahnung von Bildungswegen haben, aber gern Menschen stigmatisieren?

  18. 23.

    Die Verbeamtung der Lehrer ist zu begrüßen. Neiddebatten sind tatsächlich Debatten, die sich auf Neid aufbauen und keinen Hintergrund haben. Aber man muss seinen Neid erst einmal äußern. Studienräte, einfach mal googeln, haben einen richtig langen und hochqualifizierten Werdegang, den muss man erst einmal bringen. Genau von diesen qualifizierten Leuten sollen Heranwachsende unterrichtet werden. Von nix kommt nix, vielleicht reicht es sonst gerade noch für Neid.

  19. 21.

    Ich bin selbst Lehrer am Gymnasium und werde die Verbeamtung ablehnen. Ein aus der Zeit gefallenenes System, das viel zu hohe Kosten verursacht und aus den falschen Motiven in den Lehrberuf lockt.

    Alle anderen Bundesländer sollten lieber endlich damit aufhören. Das einzig hoheitliche, dass wir ausführen, sind Schulabschlussprüfungen. Da reicht es doch aber, wenn die Prüfungsvorsitzenden, also die Schulleiter, verbeamtet sind.

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