Stiftung und Rechenzentrum - Kompromiss im Streit um Potsdamer Garnisonkirche gefunden

Mi 08.12.21 | 15:22 Uhr
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Die Baustelle der Potsdamer Garnisonkirche an der Bundesstraße 2 bzw. Breite Straße. Links neben dem Turm steht an der Dortustraße das Rechenzentrum aus DDR-Zeiten. (Quelle: dpa/Soeren Stache)
Video: Brandenburg Aktuell | 08.12.2021 | K. Spremberg | Bild: dpa/Soeren Stache

Seit Jahren wird um die Potsdamer Garnisonkirche gestritten. Jetzt steht eine Einigung bevor: Von der Kirche soll nur der Turm wieder aufgebaut werden, das Rechenzentrum bleibt weitestgehend erhalten, dazwischen kommt ein "Haus der Demokratie".

Im jahrelangen Streit um den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche und die Nutzung des historischen Standorts ist ein Ende in Sicht. Vertreter der Stadt, die Stiftung der Garnisonkirche und Vertreter des benachbarten Rechenzentrums haben sich auf einen Kompromiss geeinigt. Darüber informierte Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) am Mittwoch in Potsdam.

Der im Wiederaufbau befindliche Turm der Kirche soll demnach kein Kirchenschiff erhalten. Das benachbarte Kultur- und Kreativzentrum "Rechenzentrum", ein Bau aus der DDR-Zeit, bleibt in weiten Teilen erhalten. Zwischen diese beiden Gebäuden ist ein Neubau geplant, unter der Bezeichnung "Haus der Demokratie". Diesen soll das Potsdam-Museum und die Stadtverordnetenversammlung nutzen.

Im Krieg zerbombt, in der DDR gesprengt

Die Potsdamer Garnisonkirche war ursprüngich im 18. Jahrhundert errichtet worden. 1933 wurde die Kirche von den Nationalsozialisten für den "Tag von Potsdam" vereinnahmt, 1945 brannte sie während des britischen Luftangriffs auf Potsdam aus, die Ruine wurde 1968 in der DDR schließlich gesprengt. Seit 1990 gibt es Bestrebungen für einen Wiederaufbau der historischen Kirche, derzeit wird der Turm der Garnisonkirche wieder aufgebaut.

Um einen Wiederaufbau des Kirchenschiffs wurde bis zuletzt gestritten, mit dem nun vorgestellten Kompromiss wurde diese Plänen eine Absage erteilt. Im neuen "Haus der Demokratie" soll künftig auch ein neuer Plenarsaal für die Potsdamer Stadtverordnetenversammlung entstehen. Das ehemalige DDR-Rechenzentrum, in den 1970er Jahren auf dem Gelände der Kirche errichtet und inzwischen seit einigen Jahren als Kultur- und Kreativzentrum genutzt, darf dafür weitestgehend bleiben. Die drei Gebäude - Kirchturm, Rechenzentrum und der Neubau - sollen künftig ein gemeinsames Forum bilden.

Lob von SPD und Stiftung, Kritik von CDU

Oberbürgermeister Schubert lobte den "stadtgesellschaftlichen Kompromiss". Der Kuratoriumsvorsitzende der Garnisonkirchenstiftung, Wolfgang Huber, nannte das Konzept einen inhaltlich überzeugenden Vorschlag und betonte: "Wir gehen diesen Weg aus Überzeugung." Die Potsdamer CDU-Fraktion dagegen kritisierte den Kompromiss, vor allem wegen des Erhalts des Rechenzentrums. "Das Rechenzentrum wird aus ideologischen Gründen auf ein extrem teures Podest gehoben, wo es nicht hingehört", wird der Kreisvorsitzende Oliver Nill in einer Pressemitteilung seiner Partei zitiert. Er kündigte an, die CDU wolle weiter "für das Kirchenschiff mit einer multifunktionalen Nutzung streiten."

Die Kosten für den geplanten Neubau zwischen Kirchturm und Rechenzentrum stehen noch nicht fest. Die Stadt wolle mit der Stiftung Garnisonkirche über ein Erbbaurecht für das Grundstück verhandeln, kündigte Oberbürgermeister Schubert an. Im Januar muss in der Stadtverordnetenversammlung zunächst die Grundsatzentscheidung zu dem Projekt fallen. Anschließend könnte ein Architektenwettbewerb folgen. Das Ziel von Schubert sei es, bis Ende 2023 die planerische Grundlagen für das Bauvorhaben zu schaffen.

Sendung: Inforadio, 08.12.2021, 13:20 Uhr

17 Kommentare

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  1. 17.

    2. Teil einer Antwort, zu einer angeblich unpassenden Modernität, die im Vorwurf eines Disneylandes mitschwingt:
    Seit es Gebäude gibt, hat es Umnutzungen u. modernere Einbauten gegeben, als zu Bauzeiten existierten. Die Verlegung elektrischen Lichts erscheint uns banal, gleich so der Einbau von Toiletten späteren Standards. Dann waren es Lasten- und schließlich Personenfahrstühle.

    Gebäude sind v. a. im Inneren stets mit ihrer Zeit quasi "mitgewachsen." Nichts davon ist Disney.
    Disney ist das wahllose Nebeneinanderstellen vermeintlicher und behaupteter Höhepunkte, gleich aller architektonischer Nichtbezüge.

    Davon kann bei einem Gebäude, das sich im nördl., westl. und im südl. Teil auf die Umgebung bezieht und v. a. die Formensprache der Linden aufnimmt, überhaupt keine Rede sein. Die östliche, moderne Fassade hätte auch ein stehengebliebener Teil des Palastes sein können. Es war schließlich der offensichtlichen Konfrontation beider Seiten geschuldet, das es nicht so kam.

  2. 16.

    Die Errichtung Venedigs ist in Venedig und der Markusturm, der Anfang des 20.Jh. einstürzte, ist aus Gründen eben dieser Stadtkomposition wieder originalgetreu wiedererrichtet worden. Ebenso wäre es geschehen mit der Rialtobrücke in Venedig, wäre sie eingestürzt, mit der Karlsbrücke in Prag oder dem Commercio in Lissabon.

    Die Straße Unter den Linden ist unbestreitbar Teil eben dieser Stadtkomposition Berlins; alle Architekten, die in der Nachkriegszeit mit der Angelegenheit der überw. zerstörten Linden befasst waren, haben das so gesehen, gleich ihrer Coleur. Wer "Linden" sagt, muss aber nicht nur deren Verlauf und das Brandenburger Tor (als Endpunkt) nennen, sondern auch das Schloss, das den Anfang setzt. Das war seinerzeit die Fehlstelle.

  3. 14.

    "Der Palast der Republik ist m. E. nur zu einem geringen Teil aus ideologischen Gründen abgerissen worden, überwiegend aber aufgrund der Stadtkomposition. Die Linden: Was ein Ende / Finale hat (das Brandenburger Tor), muss unabdingbar auch einen Auftakt haben. Der war zweifelsohne das Schloss."

    Ja, das ist so ungefähr die funktionale Auffassung von "Ideologie" falls der bürgerlich-reaktionäre Ideologe anmerken möchte er sei ja kein "Ideologe"
    "Stadtkomposition" Herr Krüger IST Ideologie. Die Zuckerbäcker--Kirmesdekoration der Stadt mit angeblichen geschichtlichen Zeugnissen IST Ideologie.
    Genauso wie die Errichtung Venedigs in Las Vegas einer Ideologie folgt: Der Vorliebe des Kleinbürgers für die hübsche Fassade. Die verbirgt was dahinter und darin wirklich geschieht.
    Die "Traditionalisten" die sich gerne wieder ein "altes Berlin" bauen möchten, machen geschichtlich und ideologisch ein Bordell aus Berlin. Es unterscheidet sich nicht von Las Vegas oder Dyneyland.

  4. 13.

    Sie sind nicht "jeder" Herr David aus Berlin. Sie sind noch nicht einmal die Mehrheit. Solche Zustimmung gibt es gar nicht für den dekorierten Betonklotz. Den Plattenbau Typ "Berliner Stadtschloss"
    Ein Hülle, für die Nutzung erst erfunden werden musste. Während es allein repräsentiert, was es repräsentieren kann: Symbol für jene Teile der Gesellschaft, die den Abriss eines Parlaments begrüssen, finanzieren, durchsetzen, um dann mit einer Rummelplatzdekoration Kontinuität vergangener -angeblicher- "Größe" zu behaupten. Oder wie Gauland sagen würde: "Fliegenschiss" gegen 1000 Jahre "erfolgreiche Geschichte"
    Nun müssen sich im inneren des Gebäudes Museen /Nutzungen mit Fassade, Hülle und Raumzuschnitt herumschlagen die dyfunktional sind. Während die Auseinandersetzung die im inneren stattfindet der Fassade widersprechen muss: Die Sammlungen geraubter Kulturgüter der Welt, mit der sich solche Haltung geschichtliche und kulturelle Größe aneignet. Gewalt hinter der Fassade.

  5. 11.

    Noch ist ja nichts definitiv beschlossen.

    Zu Schloss und Stadtschloss: Ja, das ist eindeutig so, muss aber offenbar der heutigen Generation erklärt werden: Die Bezeichnung Stadtschloss entstammt ja als Betitelung der Bauzeit. Da war Berlin in der Tat klein und das einzige Schloss, was Berlin hatte, war eben jenes hier genannte. Alle anderen Schlösser lagen seinerzeit nicht in Berlin, sondern in den eigenständigen Städten u. Landgemeinden drumherum.

    Anders in Potsdam, das in seiner damals schon umgebenden Kulturlandschaft mehrere Schlösser aufwies und deshalb jenes in der Stadt als Stadtschloss bezeichnete.

    Der Palast der Republik ist m. E. nur zu einem geringen Teil aus ideologischen Gründen abgerissen worden, überwiegend aber aufgrund der Stadtkomposition. Die Linden: Was ein Ende / Finale hat (das Brandenburger Tor), muss unabdingbar auch einen Auftakt haben. Der war zweifelsohne das Schloss.

  6. 9.

    Das Zusammengehen der Drei erscheint mir reichlich "konstruiert."

    Diese Stelle ist erst einmal sehr unwirtlich - da hat die DDR mit ihrer autobahnähnlichen Wilhelm-Külz-Straße (heute wieder Breite Straße) in gleicher Zeitperiode nur etwas Ähnliches geschaffen wie der so bezeichnete Westen in Stuttgart, Dortmund oder Hamburg. Für einen Ort der Demokratie gibt das Umfeld absolut nichts her, wohl aber, um Akzente abseits dieses brachialen Einschnitts zu setzen.

    Eine Kirche ist nicht nur ein Kirchturm, sondern gleichbedeutend ein Kirchenschiff. Der ehemalige Ratsvorsitzende der EKD sollte dies am besten wissen. Das Mosaik ist unabhängig davon erhaltenswert, auch in der unmittelbaren Umgebung als Zeichen der Zeit.

  7. 8.

    Es gibt kein Berliner Stadtschloss. Es gibt ein Potsdamer Stadtschloss. Der Palst der Republik musste aus ideologischen Gründen weichen genau wie die Ruine des Berliner Schlosses dem Palast aus ideologischen Gründen weichen musste. Die Garnisonkirche war ein Symbol des preußischen Militarismus, aber trotzdem ein Wahrzeichen der Stadt. Der Wiederaufbau mit entsprechenden Informationstafeln hätte der Stadt Potsdam sicherlich gut getan, genau so wie der Abriss dieses scheußlichen Wohnhauses auf dem Alten Markt, der die Sicht auf die Nicolaikirche blockiert.

  8. 7.

    „Nazikirche“. Da möchte ich mich schon schütteln. Was bitte kann diese Kirche für diesen Tag? Und grade weil sie auch dieses Brandmark trägt, ist sie für die Geschichte ein Turm!

  9. 6.

    Keine halben Sachen machen!

    Auch gegen das Berliner Stadtschloss gab es viele Bedenken. Nachdem es nun steht, ist jeder heilfroh, dass so ein historisches schönes Gebäude das Stadtbild belebt und der alte unansehnliche DDR-Klotz weg ist.

  10. 5.

    Der Satz ist schon krass "Die Stadt wolle mit der Stiftung Garnisonkirche über ein Erbbaurecht für das Grundstück verhandeln,". Erst wir die Kirche üppig für das Grundstück mit der Ruine entschädigt. Eine Ruine welche die Kirche nicht in 20 Jahren aufgebaut hat und dieses auch nicht vorhatte. Dann nach der Wende Grundstück zurück erhalten, also doppelt abgezockt die Stadt und jetzt dürfen die Untertanen gnädigst verhandeln mit den Herren von der Nazikirche. Die Potsdamer wollten nie den Prestigebau des Militarismus, wie auch die das "Stadtschloss" den Rosa Klotz nicht.

    Zu dem Kompromiss ist es nur gekommen weil kein Geld mehr da ist. Steuergelder werden da verprasst wo doch anderes damals versprochen wurde.

  11. 4.

    Und für solche Ergebnisse lobt man sich den polarisierenden Streit in einer Demokratie. Was für eine starke Herausforderung für die Architekten...jetzt wird es spannend.

  12. 3.

    Natürlich geht der Österreicher und Gott zusammen, das ging bis auf ein paar Ausnahmen immer!
    Die beiden passen nicht zum Rechenzentrum. Daher sollte bis auf das Rechenzentrum der Rest beseitigt werden.

  13. 2.

    Und wo ist da die Einigung? Die Kirchengegner haben bekommen, was sie wollten. Und das potthäßliche "Rechenzentrum" aus Ostzeiten bleibt, und die Gegend ist weiter verschandelt, weil das eigentliche Gebäude, die Garnisonskirche, fehlt.

  14. 1.

    Vor fast 20 Jahren wurde der Grundstein für den Wiederaubau der Garnisionskirche gelegt. Die einen Geldgeber wollen Hitler huldigen, die anderen Gott. Da gibt es natürlich keinen Mittelweg, ergo, wird die Kirche nicht wieder aufgebaut.
    Dass allerdings dieser scheußliche Bau aus DDR Zeiten stehen bleiben soll ist schon schlimm. Das Einzige, was an diesem Gebäude erhaltenswert ist ist das Mosaik stellvertretend für Juri Gargarin im Weltraum, den man allerdings nicht sieht.

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