Afghanische Ortskräfte in Berlin - "Mein Bruder muss endlich evakuiert werden"

Mi 12.01.22 | 06:18 Uhr | Von Roberto Jurkschat
Abu und Ahmad Toran demonstrieren vor dem Auswärtigen Amt in Berlin-Mitte für die Rettung ihrer Familie in Masar-i-Sharif und für die Evakuierung aller afghanischen Ortskräfte, die für die Bundeswehr gearbeitet haben. (Quelle: Xiaofu Wang)
Bild: Xiaofu Wang

In Berlin bangen Flüchtlinge aus Afghanistan seit dem Abzug der Bundeswehr um ihre Familien. Hunderte Ortskräfte wurden noch nicht evakuiert - obwohl sie schon lange aus Deutschland Zusagen für eine Aufnahme haben. Von Roberto Jurkschat

Fünf Monate nach der Machtübernahme der Taliban warten in Berlin zahlreiche Geflüchtete weiter auf die Evakuierung ihrer Angehörigen aus Afghanistan.

Nach Angaben des Berliner Flüchtlingsrates berichten Betroffene, dass Familienmitglieder auf keiner Evakuierungsliste auftauchen, obwohl sie Verträge über eine Zusammenarbeit mit der Bundeswehr abgeschlossen hätten. Mehrere Tausend Menschen in Afghanistan würden weiter auf Rettung warten, obwohl sie vor Monaten schon eine Aufnahmezusage aus Deutschland bekommen haben.

Folter mit Kabeln und Holzstöcken

Vor dem Auswärtigen Amt in Berlin-Mitte haben Abu Toran und sein Bruder Ahmed monatelang für die Aufnahme ihrer Familie und aller anderen afghanischen Ortskräfte protestiert.

Abu Toran berichtet von fünf Familienmitgliedern, die ihr Leben für deutsche Soldaten riskiert hätten - und verlassen wurden, als ihre Heimat den Taliban in die Hände fiel. Besonders große Angst habe er um seinen Bruder, der sich weiter in Afghanistan befindet, sagt der 22-Jährige, der seit sechs Monaten in Berlin lebt. Sein Bruder Mahan* sei Mediziner und habe nahe Masar-i-Sharif von 2012 und 2018 für die Bundeswehr gearbeitet. "Ende September haben ihn die Taliban gefunden. Er wurde verschleppt und tagelang gefoltert", sagt Abu Toran im Gespräch mit rbbl24.

Durch einen Zufall habe der Vater Mahan ausfindig machen können. Mit den Ersparnissen der Familie, geliehenem Geld und zwei Autos habe er ihn freigekauft. "Die Taliban hatten ihm mit einem Messer die Haare abrasiert, er wurde mit Kabeln und Holzstöcken geschlagen, er hatte überall Schnittwunden", erzählt Toran. "Er muss endlich evakuiert werden. Er braucht dringend medizinische Hilfe, er muss jeden Tag vier verschiedene Medikamente nehmen. Er schafft es nicht, das Land allein zu verlassen. Aber mit ihm kommen darf niemand."

Erst ein Drittel der Ortskräfte und Angehörigen gerettet

Aus Angst vor den Taliban habe die Familie Mahans Pass und alle anderen Dokumente verbrannt, die auf eine Zusammenarbeit mit der Bundeswehr hindeuteten. Auf eine Evakuierungsliste kam Mahan nur, weil es in der Familie noch einen Cousin gibt, der ebenfalls für die Bundeswehr gearbeitet habe. In dessen Vertrag stehe auch Mahans Name, erzählt Abu Toran - neben dem Namen eines Bundeswehr-Generals.

Das Dokument habe Abu Toran dem Auswärtigen Amt vorgelegt. Vor zwei Monaten bekam sein Bruder dann zwar eine Aufnahmezusage aus Deutschland - evakuiert wurde er aber bislang nicht.

In ähnlichen Notlagen befinden sich derzeit wohl noch Hunderte weitere afghanische Bundeswehrhelfer, wie das Bundesinnenministerium (BMI) Mitte Dezember auf eine Anfrage aus der Linksfraktion im Bundestag erklärte. Demnach wurden für 25.000 Ortskräfte und deren Angehörige Aufnahmezusagen erteilt. Zu diesem Zeitpunkt waren aber erst ein Drittel der Menschen nach Deutschland gelangt: 1.300 Ortskräfte und 4.700 Familienmitglieder.

Berlin dringt auf eigenes Aufnahmeprogramm

Der Berliner Senat hatte in seiner Sitzung am 14. Dezember beschlossen, sich um eine schnellere Aufnahme von afghanischen Familienangehörigen in Berlin zu bemühen. Aus humanitären Gründen sollen erweiterte Aufnahmeregeln für Verwandte von afghanischen Flüchtlingen eingeführt werden, die schon in Berlin leben. Vergleichbare Ausnahmeregelungen gelten schon für Verwandte von Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak. Was Berlin zur Erweiterung dieser Regelung fehlt, ist die Zustimmung des Bundesinnenministeriums.

Dasselbe gilt für ein Aufnahmeprogramm für 500 afghanische Geflüchtete, das der Senat gemeinsam mit dem UNHCR entwickeln will. Das Landesprogramm richtet sich an Menschen, die nicht ohnehin eine Aufnahmezusage für Deutschland durch die Bundesregierung erhalten haben. Eine dafür erforderliche Landesaufnahmeanordnung sei dem Bundesinnenministerium mit Bitte um Zustimmung übersendet worden, wie ein Sprecher der Senatsverwaltung für Integration rbbl24 auf Anfrage erklärte. Eine Antwort aus dem BMI stehe derzeit noch aus.

Seit August wurden in Berlin laut Senatsangaben 488 Menschen aus Afghanistan aufgenommen, die über Evakuierungsprogramme, geplante Chartereinreisen und individuell organisiert nach Deutschland gekommen waren. Untergebracht sind sie in 15 Gemeinschaftsunterkünften des Landesamts für Flüchtlinge (LAF), nach Angaben des Flüchtlingsrates leben die meisten Ortskräfte in der Marienfelder Allee in Steglitz-Zehlendorf.

Brüder sammeln Dokumente schutzbedürftiger Personen

Abu und Ahmad Toran waren schon im Jahr 2016 aus Masar-i-Sharif über die Mittelmeer-Route nach Deutschland geflohen. Die Brüder haben noch immer kein Asyl bekommen, seit Jahren sind sie nur geduldet. Beide sind bei der Einreise nach Deutschland getrennt und in verschiedene Städte verteilt worden, Abu kam nach Bielefeld, sein älterer Bruder Ahmed nach Frankfurt am Main. Neun Jahre habe Ahmed unter anderem als Übersetzer für die Bundeswehr gearbeitet, sagt Abu Toran.

Nach dem Abzug der Bundeswehr im August zogen die Brüder zu Freunden nach Berlin. Fünf Monate lang protestierten sie jeden Tag vor dem Auswärtigen Amt. An dem Protest nahmen mit der Zeit weitere Ortskräfte und Flüchtlinge teil. Inzwischen arbeiten die Brüder mit Organisationen wie Mission Lifeline, der Kabuler Luftbrücke und Ärzte ohne Grenzen zusammen. Deren Ziel ist es, mit gecharterten Flügen so viele gefährdete Menschen wie möglich aus Afghanistan zu evakuieren.

Nach Aussage von Abu Toran wurden den Brüdern von Landsleuten inzwischen Dokumente von 400 Schutzbedürftigen in Afghanistan anvertraut, darunter Bürgermeister, Menschenrechtler, Journalisten, Richter und weitere Ortskräfte, für die sie ein Aufenthaltsrecht in Deutschland erstreiten wollen. "Wir haben die Verträge von vielen, die für Deutschland gearbeitet haben", sagt Abu Toran. "Da steht Bundesrepublik Deutschland, Verteidigungsministerium, Bundeswehr. Wir wollen, dass sie endlich gerettet werden."

* Name von der Redaktion geändert

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Beitrag von Roberto Jurkschat

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