Aufarbeitung in der Katholischen Landeskirche - Bistum Berlin setzt Betroffenenkommission zu Missbrauchsfällen ein

Sa 29.01.22 | 16:04 Uhr
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Heiner Koch, Erzbischof von Berlin (Quelle: dpa/Annette Riedl)
Audio: Interview mit Heiner Koch | Inforadio | 28.01.2022 | Ursula Voßhenrich | Bild: dpa/Annette Riedl

An der Aufarbeitung der Missbrauchspraktiken in der Katholischen Kirche sollen die Betroffenen selbst in einer Kommission mitarbeiten. So beschloss es das Bistum Berlin und arbeitet dabei mit den benachbarten Bistümern zusammen.

Im Rahmen ihrer Bemühungen um Aufklärung von Missbrauch in der katholischen Kirche will das Bistum Berlin, zusammen mit den Bistümern Dresden-Meißen und Görlitz sowie der Katholischen Militärseelsorge, eine Kommission mit Betroffenen einrichten. Als Termin nannte das Bistum die kommende Woche.

Diese regionale Umsetzung entsprechender Beschlüsse der Deutschen Bischofskonferenz, teilte das Erzbistum Berlin am Samstag mit, zuvor allerdings hatte der Erzbischof von Berlin, Heiner Koch, eine solche Kommission bereits im rbb-Inforadio angekündigt.

Die Bistümer hatten Betroffene von sexuellem Missbrauch um Mitwirkung im Beirat gebeten. Federführend ist das Bistum Dresden-Meißen.

Kritik an Verhalten Benedikts XVI.

Koch hatte sich im rbb zudem sehr kritisch zu den jüngsten Aussagen des früheren Papstes Benedikt XVI. zum Umgang mit Missbrauch geäußert: "Was ich von ihm erwarte, ist, dass wenn er sagt, das habe ich so nicht mehr im Blick oder das habe ich falsch gesehen, dass er das auch sagt und um Entschuldigung bittet." Aussagen des früheren Papstes zum Missbrauchsgutachten für das Erzbistum München-Freising hatten in den letzten Tagen für viel Kritik gesorgt. Das Gutachten [externer Link] wirft ihm in seiner Amtszeit als Münchner Erzbischof Joseph Ratzinger (1977-1982) Fehlverhalten in vier Fällen vor. Benedikt XVI. bestreitet dies.

Am Montag korrigierte Benedikt XVI [www.br.de] zudem seine Angabe, er habe als Erzbischof an einer wichtigen Sitzung nicht teilgenommen, in der es um den Einsatz eines Missbrauchspriesters aus dem Bistum Essen in Bayern ging. Für Kritik hatten außerdem seine Äußerungen zu einem Priester gesorgt, der vor minderjährigen Mädchen sexuelle Handlungen vorgenommen hatte. Dieser sei als Exhibitionist aufgefallen, aber nicht als Missbrauchstäter im eigentlichen Sinn, so Benedikt XVI. Außerdem habe er als "anonymer Privatmann" agiert und sei "nicht als Priester erkennbar" gewesen.

Aufarbeitung in Berlin bereits durch eine Kommission

In Berlin arbeitet bereits eine Kommission aus Priestern und Laien an der Aufarbeitung von Ergebnissen eines Gutachtens zu sexuellem Missbrauch. Nach dem von einer Kanzlei erstellten Gutachten [externer Link] (veröffentlicht im vergangenen August) waren mindestens 61 Geistliche im Bereich des Erzbistums Berlin zwischen 1946 bis Ende 2019 am sexuellen Missbrauch von Minderjährigen beteiligt. Insgesamt sind in dieser Zeit 121 Opfer aus den Akten bekannt geworden. Die Dunkelziffer könnte weit höher liegen, hieß es in dem Bericht.

Koch sagte damals, er übernehme die Verantwortung, "wo vertuscht oder nicht angemessen mit Schuld umgegangen wurde, wo Menschen im "System Kirche" das Offensichtliche nicht wahrhaben wollten oder systematisch weggeschaut haben".

Zum Erzbistum Berlin gehören die Stadt Berlin, Teile Brandenburgs, Vorpommern sowie die Stadt Havelberg in Sachsen-Anhalt.

Sendung: Inforadio, 29.01.2022, 12:20 Uhr

9 Kommentare

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  1. 9.

    Lieber rbb, etwas mehr Klarheit bitte: Eine "Kommission mit Betroffenen", das meint doch wohl eine Aufarbeitungskommission. Oder meinen Sie den Betroffenenbeirat? Vereinbart ist, dass in der gemeinsamen Aufarbeitungskommission des Erzbistums Berlin, der Bistümer Görlitz und Dresden-Meißen und der Militärseelsorge neben weiteren Fachleuten zwei Betroffene mitarbeiten, die von einem Betroffenenbeirat entsandt werden. Ist also jetzt die Konstitution des Betroffenenbeirats für nächste Woche angekündigt? Wann genau? Und wie kommt es dann, dass auf allen Bistumsseiten die Ausschreibung für die Beteiligung am Betroffenenbeirat noch offen zu sein scheint (obwohl die verlängerte Bewerbungsfrist am 30. Juni endete)?

  2. 8.

    Seit mehr als 20 Jahren! ist der systematische und sexuelle Mißbrauch in der Katholischen Kirche weltweit bekannt. Es ist mir nach wie vor ein Rätsel, warum sexueller Mißbrauch verjährt. Es ist natürlich vornehmlich weltweit eine von Männern dominierte Gesellschaft welche auch statistisch die meisten Straftaten begehen. Und wie weit der Einfluß dieser Institution allein in D. reicht, hört man an den Äußerungen vieler PolitikerInnen. Bettina Jarasch fordert einen „Neustart mit der Sexualmoral“, das ist für mich Augenwischerei. Wo bleiben die entsetzten Aufschreie, der Ruf nach Gerechtigkeit? Stirnrunzeln bekam ich schon am Datum der Veröffentlichung des Gutachtens, da es kaum einen Artikel auf dem RBB dazu gab. Dabei sind uns doch unsere Kinder soooooooo wichtig. Steckt da etwa der Teufel im Detail???

  3. 7.

    Oh eine Betroffenenkommission, wow! Da sieht man, wieviel das Leid, welches den Menschen durch die katholische Kirche zugefügt worden ist, wert ist. Nämlich nichts...

  4. 6.

    Es sei daran erinnert, dass Woelki von 2011 - 2013 in Berlin war. Vermutlich gibt es aus dieser Zeit jede Menge an Vertuschtem aufzuklären.

  5. 5.

    Die Krönung ist die Aussage von Benedikt, der Täter sei ,,als anonymer Privatmann aufgetreten und wäre nicht als Priester erkennbar" gewesen. Verliert die Tat daher an Schändlichkeit? Ich bin sprachlos!

  6. 4.

    Liebe Missbrauchsopfer, geht zu euren Peinigern denn sie werden euch helfen. Wer es glaubt? Wie viel von den 61 Geistlichen, die in Fälle von Missbrauch verstrickt waren, wurden zu Rechenschaft gezogen? Wie viele von den Opfern ist Gerechtigkeit wiederfahren? Und wann schaltet sich endlich die Staatsanwaltschaft in die Ermittlungen mit ein? Oder wird von der Seite des Staates einfach weggeschaut bis alles verjährt ist? Wenn die bisherigen Gesetze ein Handeln nicht möglich machen, so müssen die Gesetze geändert werden. Wo bleibt in diesen Fällen das Handeln und Agieren des Justizministers?

  7. 3.

    Für mich ist dieses alles nicht nachvollziehbar daß der Staat bei den Untersuchungen nicht eingreift denn dieses sind Verbrechen begangen von Katholiken. Hier wird in meinen Augen mit gespaltete Zunge gesprochen um alles weiter zu verschleiern. Wenn die Herrschaften der Katholischen Kirche es ehrlig meinen sollten Sie endlich reinen Tisch machen und vor Untersuchungsorganen die Wahrheit sagen und zu Ihren Taten stehen.

  8. 2.

    Die einzige Institution, die diesen beispiellosen Missbrauchsskandal aufzuarbeiten hat, ist die deutsche Justiz! ,- und zwar strafrechtlich!!
    Es ist eine Schande, wie dieser Staat einer Institution Rechte einräumt und damit das Gleichheitsgebot völlig konterkariert (Akzeptanz eines eigenen, diskriminierenden Arbeitsrechtes plus eigenes Rechtssystem, Einzug der Kirchensteuern durch einen scheinbar säkularen Staat, Bezahlung der Würdenträger aus Steuerngeldern, Finanzierung Freier Schulen mit konfessionellem Träger, staatlich reglementiertes Karfreitagstanz,-disco,-konzert,-Fussballverbot,...Reklerikalisierung der Gesellschaft).

  9. 1.

    Und sie werden weiterhin lügen, leugnen und an Vergesslichkeit leiden. Ich kann diese Leute nur noch verachten. Keiner hat den Mut Konsequenzen zu ziehen, alle kriechen nur vor dem obersten Heerführer in Rom.

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