Interview | Leiterin Haus der Wannsee-Konferenz - "Es sollte um mehr gehen als um Erinnern"

Do 20.01.22 | 07:43 Uhr
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Haus der Wannsee-Konferenz (Quelle: dpa/Christoph Soeder)
Bild: dpa/Christoph Soeder

Seit etwas mehr als einem Jahr wird die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz von Deborah Hartmann geleitet. Sie plädiert für eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit – und bringt eine besondere Perspektive mit.

rbb: Frau Hartmann, wie wichtig ist es, solche Orte für das Erinnern an die Nazi-Verbrechen in Deutschland zu haben?

Deborah Hartmann: Die Orte können uns bei der Auseinandersetzung mit der Geschichte unterstützen. Aber eigentlich sollte es um mehr gehen als nur um das "Erinnern". Es geht darum, den Menschen ihre Namen, ihre Geschichten zurückzugeben, sich mit ihren Erfahrungen auseinanderzusetzen. Deshalb finde ich den Begriff „Auseinandersetzung“ passender als "Erinnern" oder "Gedenken". Letzteres hat immer etwas Passives.

Zur Person

Deborah Hartmann, Direktorin der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz. (Quelle: dpa/Annette Riedl)
dpa/Annette Riedl

Deborah Hartmann leitet seit Dezember 2020 die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz. Die Politikwissenschaftlerin wurde in Wien geboren und arbeitete zuletzt 14 Jahre in Yad Vashem, der internationalen Holocaust Gedenkstätte in Israel.

Mehr Infos: www.ghwk.de

Sie sind die erste jüdische Person, die die Position der Direktorin des Hauses der Wannsee-Konferenz innehat. Damit sind Sie im Grunde Expertin und gleichzeitig Betroffene. Wie wichtig ist es, dass Sie diese Perspektive mitbringen?

Ich merke selbst, dass ich da manchmal ein bisschen unsicher und unschlüssig bin - wie ich damit umgehen soll. Werde ich wegen meiner pädagogischen Expertise angefragt oder weil es Interesse an meiner jüdischen Perspektive gibt?

Meine Sorge ist, dass ich auf etwas reduziert werde, auf das ich nicht reduziert werden möchte. Gleichzeitig ist mein Blick auf das Thema nicht von dieser Perspektive loszulösen. Mir geht es darum, dass es selbstverständlicher wird, jüdische Perspektiven in der Auseinandersetzung mit der Shoah stärker zu berücksichtigen, wie auch andere Perspektiven, die nicht Teil der deutschen Mehrheitsgesellschaft sind.

Hat Deutschland den richtigen Umgang mit seiner Vergangenheit gefunden?

Die Frage kann man nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten. Man muss sie sich immer am konkreten Beispiel anschauen. Was mir schon manchmal Bauchschmerzen bereitet, ist der Eindruck, dass sich hier eine Art der Erinnerungskultur durchgesetzt hat, die vermuten lässt: Man hat alles richtig gemacht, beziehungsweise man macht alles richtig. Ich würde mir wünschen, dass das stärker hinterfragt wird, sowohl auf der gesellschaftlichen als auch auf der politischen Ebene.

Bevor Sie herkamen, haben Sie in der internationalen Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem in Israel gearbeitet. Wie unterscheidet sich Ihre Arbeit hier zu dem, was Sie vorher gemacht haben?

Es macht für mich persönlich einen Unterschied, ob ich mich mit diesem Thema in Israel auseinandersetze in einer Art "Safe Space", wo zwar auch Menschen leben, mit denen ich nicht einer Meinung bin und mit denen ich durchaus streiten kann, aber gleichzeitig gibt es auch eine geteilte Geschichte und eine geteilte Erfahrung. Das ist für mich in Deutschland anders.

Yad Vashem vertritt zuallererst die Perspektive der jüdischen Verfolgten, also der Ermordeten und Überlebenden. Da hat der Aspekt Täterschaft lange keine Rolle gespielt, während es hier in Deutschland durchaus selbstverständlicher ist, sich in Gedenkstätten mit der Perspektive der Täterinnen und Täter auseinanderzusetzen.

Antisemitismus gab es schon vor den Nationalsozialisten und es gibt ihn heute noch. Was kann das Haus der Wannsee-Konferenz zur Bekämpfung heute beitragen?

Die Erwartung oder Sichtweise, "ich besuche jetzt eine Gedenkstätte und das trägt dazu bei, dass wir Antisemitismus, Rassismus oder rechtsextreme Gewalt bekämpfen", ist problematisch. Der Besuch einer Gedenkstätte kann nicht alle gesellschaftlichen Probleme und Herausforderungen lösen. Außerdem erzählt dieser Ort natürlich auch eine ganz spezifische Geschichte. Diese historische Erfahrung wollen wir nicht um den Preis aufgeben, uns nur mit aktuellen Herausforderungen auseinanderzusetzen.

Gleichzeitig gibt es beim Antisemitismus natürlich Kontinuitäten, die bis in die Gegenwart reichen. Da müssen sich Gedenkstätten selbst noch stärker als politische Akteure wahrnehmen - und nicht nur als Akteure mit einer historischen Expertise.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Hadnet Tesfai, rbb Kultur.

Sendung: Abendschau, 20.01.2022, 19:30 Uhr

8 Kommentare

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  1. 8.

    "was läuft da schief?"

    ... dass Sie mir gegenüber komplett den zweiten Absatz ignorieren.

    Dann nämlich wüssten Sie, dass es hier nicht um ein pauschales Behördenbashing oder Staatsfeindlichkeit oder dergleichen geht, sondern um die Kontinuität von Behördenwalten über politische Systeme hinausgehend. Die näheren Gründe habe ich dargelegt.

  2. 7.

    Sehr traurig, dass vom Bezirk, wo die Wannsee-Villa steht, keine Meldung zum 20.1.22 erfolgt ist. Stattdessen auf Instagram romantische Wannsee Fotografie, die den Schrecken ausblendet. So geht Erinnerung heute…es wartet noch viel Arbeit auf Frau Hartmann.

  3. 6.

    Dass es desöfteren Ermessen gibt, darin will ich Ihnen keineswegs widersprechen. Das ist auch der riesengroße Unterschied zum NS-Regime und zu allen Vorgänger-Staatsauffassungen. Und dennoch ist es das Thema wert, angestoßen zu werden, denn es zeugt bspw. von einem geringen Ermessen, überbehördlich zusammenzuarbeiten, weil das mit der zugeschriebenen Kompetenz kollidiert.

    Es gibt keinen eklatanteren Vorwurf innerhalb von Behörden und ggü. Behörden als denjenigen der Kompetenzüberschreitung, wie auch bestimmte Dinge einfach liegen zu lassen.

    Die Leiterin der Bremer Außenstelle der B A M F hat angesichts der Lage der Jesiden sehr menschlich gehandelt und ihr Ermessen sehr weit ausgelegt. Das ist ihr medial (BILD + x) zum Vorwurf gemacht worden. Heute gilt sie als Musterbeispiel einer Verfehlung. Ich würde ihr angesichts ihres Verhaltens sogar eine Auszeichnung verleihen.

  4. 5.

    Bitte beachten Sie den Unterschied zwischen Vergleich und Gleichsetzung.

    Bemerkenswert an Steinmeiers Rede war und ist, dass er sich mit dem spezifischen Amtswalten beschäftigt hat und darauf abhob. Das ist aus seinem Amt heraus wirklich mutig, wird doch allgemein erwartet, dass sich ein Bundespräsident vorbehaltlos hinter sämtliche Staatsdiener stellt.

    Dass er sie dagegen keineswegs angegriffen hat, sondern nur auf das "ganz normale" Amtswalten, sprich: den bloßen Regelvollzug unabhängig eigener gewissenhafter Überzeugung und unabhängig von Ermessen abgestellt hat, betrachte ich als Lösung dieses scheinbaren Widerspruchs.

    Es gibt völlig andere Ziele des heutigen Staatswesens im Gegensatz zu NS-Deutschland. Und die Verwaltungsmaschinerie, als was ich das mal bezeichnen will, hat von ihrer Arbeitsweise her, dem bloßen Vollzug von Gesetzen, sich nicht wesentlich geändert. Immerhin gibt es das Befehlsverweigerungsrecht, auch bei der Polizei.

  5. 4.

    Wie kommt man auf diese Vergleiche? Was geht da in den Köpfen vor? Querdenker argumentieren ähnlich wie Sie, die fühlen sich als Opfer der Behörden und vergleichen sich mit den Verfolgten. Was fehlt da, politische Bildung, Geschichtskenntnisse, was läuft da schief?

  6. 3.

    Helmut Krüger:
    "Damit sollen die Mitarbeitenden in den Behörden nicht als Nazis verunglimpft werden, sondern treffenderweise das ganz normale "Behördenwalten", unabhängig jeglichen Ermessens und weitgehend unabhängig persönlich-ethischer Überzeugungen thematisiert werden."

    Aber es gibt doch Ermessensentscheidungen!

    Es gibt in unserem Verwaltungsrecht gebundene Entscheidungen und Ermessensentscheidungen. Und das macht auch Sinn. Die Gewährung von Sozialleistungen z.B. soll nicht dem freien Ermessen eines Sachbearbeiters oder einer Behörde unterliegen, sondern ein Anspruch sein. Und bei den Ermessensentscheidungen spiegelt sich der politische Gestaltungsspielraum wider. Sicher kann man das eine oder andere Gesetz kritisieren. Aber im Großen und Ganzen macht das schon Sinn und wird immer weiterentwickelt und an sich verändernde Verhältnisse angepasst.

  7. 2.

    Helmut Krüger:
    "Es ist gewiss nicht weltfremd zu behaupten, dass die Art und Weise, auf welch völlig selbstverständliche Art und Weise die Ergebnisse der Wannsee-Konferenz akribisch in Schrift und Tat umgesetzt worden sind, immer noch das heutige Behördenwesen prägt."

    Ihre Behauptung kann ich überhaupt nicht nachvollziehen! Ihren Vergleich der Wannsee-Konferenz mit heutigen Behörden ist abenteuerlich! Im Übrigen waren die Teilnehmer der Wannseekonferenz wohl eher politische Entscheidungsträger als bloße Behördensachbearbeiter.

  8. 1.

    Es ist gewiss nicht weltfremd zu behaupten, dass die Art und Weise, auf welch völlig selbstverständliche Art und Weise die Ergebnisse der Wannsee-Konferenz akribisch in Schrift und Tat umgesetzt worden sind, immer noch das heutige Behördenwesen prägt. Kein anderer als Frank-Walter Steinmeier hat neulich diesen Bezug hergestellt.

    Damit sollen die Mitarbeitenden in den Behörden nicht als Nazis verunglimpft werden, sondern treffenderweise das ganz normale "Behördenwalten", unabhängig jeglichen Ermessens und weitgehend unabhängig persönlich-ethischer Überzeugungen thematisiert werden.

    Eine Fehlstelle immer noch. Gleich wo.

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