80 Jahre Wannsee-Konferenz - Hier plante die NS-Elite den Tod von Millionen - bei einem Arbeitsfrühstück

Do 20.01.22 | 08:54 Uhr | Von Anne Kohlick
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Das Haus der Wannseekonferenz im Januar 2022 (Bild: imago images/Jürgen Ritter)
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Video: RBB Kultur - Das Magazin | 20.01.2022 | Lilli Klinger | Bild: imago images/Jürgen Ritter

Am 20. Januar 1942 trafen sich hochrangige Nazi-Beamte in einer Berliner Villa am Wannsee – um die "Endlösung der Judenfrage" zu organisieren. Das Protokoll zeigt, wie kalt und effizient die deutsche Bürokratie den Völkermord plante. Von Anne Kohlick

Es ist eine luxuriöse Berliner Villa mit Blick auf den zugefrorenen Wannsee, deren Türen sich am 20. Januar 1942 öffnen - zu einer Konferenz, die in die Geschichtsbücher eingehen sollte. 15 Männer betreten an diesem kalten Tag kurz vor Mittag das Gäste- und Erholungsheim der SS am Großen Wannsee 58. Alle sind hochrangige Beamte des Nazi-Regimes - tätig in unterschiedlichen Reichsministerien, bei der Sicherheitspolizei oder in der Kanzlei der NSDAP.

Eingeladen hat sie der Chef der Sicherheitspolizei, SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich (1904-1942), zu einer "Besprechung mit anschließendem Frühstück". Es geht um eine todbringende Aufgabe, mit der Reichsmarschall Hermann Göring ihn schon im Sommer 1941 beauftragt hat: "die Endlösung der Judenfrage". Hinter der bürokratischen Formel verbirgt sich der Völkermord an Millionen Jüdinnen und Juden Europas, den die Nationalsozialisten bei der Wannsee-Konferenz genauer planen.

Der Völkermord hat schon im Sommer '41 begonnen

Während die Beamten im Konferenzsaal mit Parkettboden an langen Tischen Platz nehmen - später wird Cognac gereicht - werden Hunderte Kilometer weiter östlich bereits seit einem halben Jahr massenhaft jüdische Männer, Frauen und Kinder erschossen.

Mit dem Angriff auf die Sowjetunion Ende Juni 1941 haben Sonder-Einsatzgruppen aus SS-Angehörigen und Polizeieinheiten - geleitet von Reinhard Heydrich - den Auftrag bekommen, "die Endlösung" in den eroberten Ostgebieten Realität werden zu lassen. Hunderttausende sind bereits ermordet worden.

Doch auch wenn der Holocaust schon im Gange ist - allein aus Berlin fährt am 19. Januar 1942 bereits der neunte Deportationszug voller jüdischer Menschen ab - ist das Vorgehen der deutschen Behörden dazu noch nicht abgestimmt.

Heydrich, der das Reichssicherheitshauptamt leitet und damit zuständig ist für die Bekämpfung "aller deutschfeindlichen Elemente", will Kollegen aus dem Auswärtigen Amt und Verwaltungsspitzen aus dem besetzten Osteuropa vernetzen mit hochrangigen SS-Funktionären, die schon an Massenerschießungen beteiligt waren. Eines seiner wichtigsten Anliegen: die eigene - führende - Rolle als Verantwortlicher für "die Endlösung" bei dieser Sitzung unterstreichen.

Ein Exemplar von Eichmanns Protokoll ist überliefert

Das Protokoll führt während der 90-minütigen Konferenz sein Mitarbeiter Adolf Eichmann (1906 -1962). Er leitet in Heydrichs Reichssicherheitshauptamt ein Referat, das Jüdinnen und Juden enteignen und deportieren lässt.

In insgesamt 30 Abschriften wird sein 15-seitiges Protokoll der Besprechung später an die Konferenzteilnehmer verschickt. "Geheime Reichssache!" steht rot umrandet auf der ersten Seite. Nur ein Exemplar ist bis heute überliefert und auf der Website der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz [ghwk.de] einsehbar.

Eichmanns Protokoll der Wannsee-Konferenz sehen Historikerinnen und Historiker als Schlüsseldokument für die Organisation des Holocausts. Was die Teilnehmer besprechen, gibt das Dokument wieder - in kalter Bürokratie-Sprache voller Euphemismen. Immer wieder ist von "Evakuierungen" die Rede, gemeint sind aber Deportationen in Konzentrationslager.

"Es wurde von Töten und Vernichten gesprochen"

"Arbeitseinsätze" werden für Juden geplant, bei denen "zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird". Systematischen Massenmord stellt das Protokoll verzerrt und verniedlicht als vermeintlich biologischen Prozess dar, Passivsätze verschleiern die Täter und ihre Verantwortung. Der "verbleibende Restbestand" von Juden müsse im Sinne der "Endlösung" "entsprechend behandelt werden", schreibt Adolf Eichmann.

Was sich hinter solchen Formulierungen verbirgt, schildert Eichmann knapp 20 Jahre später, als er 1961 in Israel vor Gericht steht, so: "Ich weiß, dass die Herren beisammengesessen sind und da haben sie in sehr unverblümten Worten die Sache genannt - nicht so, wie ich es später im Protokoll schreiben musste. Es wurde von Töten und Eliminieren und Vernichten gesprochen." [Audio | ghwk.de]

Es seien auch verschiedene Tötungsarten diskutiert worden. Bei der Wannsee-Konferenz habe "freudige Zustimmung allseits" geherrscht, die Teilnehmer hätten versucht, "Übertreffendes und Überbietendes im Hinblick auf die Forderung zur Endlösung der Judenfrage" beizutragen. So mancher NS-Bürokrat scheint am Wannsee eine Karrierechance zu wittern.

Adolf Eichmann, der ehemalige SS-Obersturmbannführer und Leiter der Dienststelle "Endlösung der Judenfrage" im Dritten Reich nach seiner Gefangennahme durch den israelischen Geheimdienst im Mai 1960 (Bild: dpa)
Adolf Eichmann nach seiner Gefangennahme im Mai 1960 in Israel. | Bild: dpa

Für die "Endlösung" kommen elf Millionen Juden "in Betracht"

Eichmann hat schon vor der Konferenz Tabellen zusammengestellt, die auflisten, wie viele Jüdinnen und Juden in welchem Land leben: Im deutschen "Altreich" geht er von rund 130.000 aus, im "Generalgouvernement" für die besetzten polnischen Gebiete von 2,2 Millionen, in der Sowjetunion von fünf Millionen Menschen. Insgesamt kämen in ganz Europa "rund elf Millionen Juden in Betracht". Estland hat in Eichmanns Tabelle Vorbildcharakter, es sei bereits "judenfrei".

Laut Eichmanns Protokoll beschäftigt die Beamten am 20. Januar 1942 vor allem die Frage: Nach welchen Kriterien werden die Menschen definiert, die für die "Endlösung" in Frage kommen? Wie ist mit "Mischlingen" zu verfahren? Wie mit "Volljuden", die mit Deutschen verheiratet sind? Zweifel, den Massenmord mitzuverantworten und zu organisieren, merkt keiner der Beteiligten an. Nur Bedenken, dass eine Einzelfallprüfung bei "Mischlingsfragen" "eine unendliche Verwaltungsarbeit mit sich bringen würde", gibt Staatssekretär Wilhelm Stuckart aus dem Reichsministerium des Inneren zu Protokoll - und schlägt deshalb eine "Zwangssterilisierung" aller Mischlinge vor.

Sachlich wie in einem Finanzausschuss

Enteignungen, Deportationen, Zwangsarbeit, millionenfacher Mord: Ungeheuerliches handeln NS-Bürokraten auf der Wannsee-Konferenz mit der gleichen Sachlichkeit und Kälte ab wie Haushaltsfragen in einem Finanzausschuss. Durch Eichmanns Protokoll wird der Völkermord zum schriftlich fixierten Ziel deutscher Politik, mitverantwortet von Staatssekretären und Parteigrößen. Weitere Arbeitstreffen im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete und im Reichssicherheitshauptamt folgen im Laufe des Jahres 1942 - etwa um die "Mischlingsfragen" weiterzuverhandeln [ghwk.de]

Die Dauerausstellung im Inneren des Hauses der Wannseekonferenz (Bild: imago images/Jürgen Ritter)
Die Dauerausstellung erklärt, was auf der Wannsee-Konferenz besprochen wurde. Bild: imago images/Jürgen Ritter

Bei der "Endlösung" beweist der nationalsozialistische Staatsapparat effizientes Funktionieren. Anstelle der Massenerschießungen, die erfordern, dass die Täter ihre Opfer ansehen, tritt bald das industrielle Morden durch Vergasung. Die ersten Versuche mit dem Giftgas Zyklon B werden in Auschwitz bereits im Herbst 1941 durchgeführt - an sowjetischen Kriegsgefangenen [yadvashem.org].

Rund sechs Millionen Jüdinnen und Juden haben die Nationalsozialisten im Holocaust ermordet. An sie zu erinnern - und darüber zu informieren, wie es zum Holocaust kommen konnte, ist seit 1991 Aufgabe der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz.

Sendung: rbbKultur - das Magazin, 15.01.2022, 18:30 Uhr

Beitrag von Anne Kohlick

12 Kommentare

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  1. 12.

    In meinem Beitrag ging es nicht um Befindlichkeiten sondern um Sachlichkeit.
    Offensichtlich haben Sie den letzten Satz in meinem Kommentar nicht gelesen oder verstanden.

  2. 11.

    "Bei der "Endlösung" beweist der nationalsozialistische Staatsapparat effizientes Funktionieren. Anstelle der Massenerschießungen, die erfordern, dass die Täter ihre Opfer ansehen, tritt bald das industrielle Morden durch Vergasung."

    Es ist genau dieses systematische Erfassen, dieses systematisch angelegte Schikanieren und genau diese systematisch angelegte Tötungsmaschinerie unter Hinzuziehung eines Heerstabes von Wissenschaftlern, was die Singularität des NS-Vernichtungsprogramms ausmacht.

    Woanders haben sich Menschen seit jeher recht archaisch die Köpfe eingeschlagen oder es gab Verfolgungen mal in dieser Hinsicht, mal in jener, wovon nichts verniedlicht werden soll. Wenn allerdings das Spezifische herausgearbeitet werden soll, dann gilt es, das eben Bezeichnete ins Auge zu nehmen.

    Ich glaube, das ist immer noch unterbelichtet, wer sich ausschließlich darauf beschränkt, reine Zahlen zu betrachten.

  3. 10.

    Die meisten wareh Juristen und hatten keinerlei humane Ausbildungen. Nach dem Krieg wurden dieser Verbrecher aus Justiz wieder im Beamtenapparat Adenauers eingesetzt. Schillerndes Beispiel ist Globke, Adenauers engster Mitarbeiter und Leiter des Kanzleramtes. Globke war federfuehrend bei der Erstellung der Nuernberger Rassengesetze. Auch tausende Nazi-Juristen fanden neue Aufgaben im AA, Innenministerium und natuerlich Justizministerium Die Witwe von Heydrich bekam bis zu ihrem Tod im hohen Alter die ueppige Pension ihres Mannes als Opfer des Krieges. So ist die beschaemende Sachlage. Erst jetzt in juengster Zeit arbeiten die Ministerien an der Aufarbeitung ihrer Nachkriegsgeschichte mit all den Beamten und Juristen, die in der Nazizeit voll "ihre Pflicht" erfuellten.

  4. 8.

    Das Tragische ist-, dass allen andrrsöautenden Bekundungen und Gesetzen zum Trotz , die BRD der frühen Jahre soweit von den Judengesetzen nicht entfernt waren. Der Innenstaatssekretär des ersten katholischen Kanzlers der BRD, Herr Globke, ear tief in die Grundlagen der Judenverfolgung verstrickt. In der DDR wurde er in Abwesendheit verurteilt, die CDU hat sich bis heute nicht von ihm distanziert.

  5. 7.

    Die Geschichte erzählt eine ganze Menge. Damals war es sicherlich ein perfider Plan weil die Menschen durch Pervetin vernebelt waren. Geschichte könnte sich immer wiederholen nur nicht in absolut gleicher Form aber bestimmt ähnlich.

  6. 6.

    Diese wichtige zivilgesellschaftliche Kontrolle kann aber nur funktionieren, wenn diese Zivilgesellschaft neutral und umfassend informiert und frei ist und eben nicht einer dauerhaften staatlichen Propaganda inklusive entsprechender Erziehung und Infiltrierung der Kinder und Jugendlichen unterliegt. Die massenhafte Ermordung der Juden kam ja nicht vollkommen aus dem Nichts sondern war die perverse Übersteigerung des seit Jahrhunderten andauernden und geschürten Judenhasses, nicht nur in Deutschland sondern in ganz Europa. Es gehört eben auch zur Wahrheit, dass die Nationalsozialisten den Massenmord ohne Kollaboration nicht in dieser Effektivität (was in dem Zusammenhang zynisch klingt) und kurzen Zeit hätten "perfektionieren" können. Das soll überhaupt nicht die Schuld Nazideutschlands mindern, aber die Juden hatten weltweit wenig Freunde und Helfer, um der Mordmaschinerie zu entkommen. Spaltung und Entmenschlichung waren die Grundlage der späteren Massenmorde.

  7. 5.
    Antwort auf [Wolfgang Thiene] vom 20.01.2022 um 12:34

    Mich wundert Ihre Befindlichkeit, eigentlich ist die Aussage doch eindeutig und müsste Sie betroffen machen, dem ist nicht so?

  8. 4.

    Die "Banalität des Bösen", die in uns Menschen sitzt und nur durch eine dünne Decke Zivilisiertheit und Kultivierung verhüllt wird, ist erschreckend. Deshalb ist es besonders wichtig, sich an die Folgen zu erinnern und stets zu bedenken, dass es anscheinend normale Menschen waren, die diese Greuel und deren Ausführung erdacht und durchgeführt haben. Ich sage bewusst nicht kranke Menschen, denn sie waren nicht krank. Das würde mildernde Umstände begründen. Und genau das sollte uns stets wachsam, kritisch und aufmerksam gegenüber Politik und Politikern aller Farben halten, denn überall sitzen Menschen und treffen Entscheidungen. Parlamentarische Kontrolle muss stets durch eine starke zivilgesellschaftliche Kontrolle ergänzt werden.

  9. 3.

    Besonders wenn sogenannte Spaziergänger, sich mit den Opfern des NS - Regimes vergleichen.
    Einfach nur widerlich und ekelhaft.

  10. 2.

    Ich dachte als Kind immer, sowas kann nie wieder passieren. Heutzutage muss man sich nur 5 Minuten auf Twitter aufhalten, um zu merken, dass 1942 nicht so weit weg ist wie gehofft.

  11. 1.

    Nur ein Wort: Widerlich.
    Was mich am meisten daran erzürnt: es gibt Leute und Parteien, die sich davon nicht abgrenzen und solche Verhältnisse anscheinend wieder aufbauen wollen - vielleicht etwas "abgemilderter" aber die wollen wieder da hin.
    Wer Geschichte negiert - negiert das millionenfache Leid, Mord, Totschlag, Folter und Krieg. Das gilt übrigens nicht nur für Nazis.

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