Politische Emigration - Warum es jetzt wieder viele Russen nach Berlin zieht

Di 18.01.22 | 08:15 Uhr | Von Rebecca Barth
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Menschen stehen am Brandenburger Tor und halten ein Plakat mit der Aufschirft "Stop Blood, Stop War, Stop Putin". (Quelle: dpa/Kay Nietfeld)
dpa/Kay Nietfeld
Bild: Video: rbb|24 | 30.12.2021 | Tobias Goltz mit Material von ARD-aktuell, EBU/AFPTV

Vor einem Jahr verließ Kreml-Kritiker Alexej Nawalny Deutschland und wurde in Moskau verhaftet. Seitdem haben viele Oppositionelle Russland verlassen. Berlin empfängt eine neue Welle russischer Exilanten. Von Rebecca Barth

Vor rund einem Jahr stieg der Kreml-Kritiker Alexej Nawalny nach seiner Vergiftung in ein Flugzeug am BER und kehrte nach Moskau zurück, wo er direkt nach seiner Ankunft festgenommen wurde. Der Politiker sitzt seither in Lagerhaft, der russische Staat geht massiv gegen seine Oppositionellen vor und erklärte Nawalnys Organisationen zur "extremistischen Organisationen."

Das macht sich auch in Berlin bemerkbar, wo sich in den vergangenen Jahren immer mehr russische und russischsprachige Intellektuelle und Kulturschaffende ansiedeln, die unter den herrschenden Bedingungen in Russland leiden. "In letzter Zeit erleben wir eine neue Emigrationswelle, die primär politisch getrieben ist", sagt Manfred Sapper, Politikwissenschaftler und Chefredakteur der in Berlin ansässigen Zeitschrift Osteuropa, die von der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde herausgegeben wird. "In Europa bildet sich ein russischsprachiges Exil."

"Die Repression ist massiv"

Vielen ist es dabei wichtig zu zeigen, dass es in Russland nicht nur Menschen gibt, die das Putin-System unterstützen. Immer wieder demonstrieren sie in Berlin etwa für die Freilassung des Kremlkritikers Nawalny oder gegen die Annexion der Krim. In Deutschland, so heißt es, könne man offen Kritik üben. In Russland gehe das schon lange nicht mehr.

"Wir beobachten, dass sich die Situation im vergangenen Jahr noch einmal stark verändert hat. Die Repression ist massiv", sagt Alexej Koslow, ein Demokratie-Aktivist aus der russischen Stadt Woronesch, der seit 2013 in Berlin lebt.

Im Laufe des vergangenen Jahres wurden in Russland dutzende Medien zu "unerwünschten Organisationen" oder "ausländischen Agenten" erklärt, Redaktionsräume und Wohnungen von Journalistinnen und Journalisten durchsucht, im Dezember dann die Menschenrechtsorganisation Memorial, eine der bekanntesten Bürgerbewegungen in Russland, aufgelöst. 49 Organisationen listet das russische Justizministerium derzeit als "unerwünscht", darunter die in Berlin registrierten Organisationen "Zentrum für liberale Moderne", "Deutsch-russischer Austausch" und das "Forum russischsprachiger Europäer".

Russische NGO Memorial verboten: "Das Regime erklärt dem eigenen Volk den Krieg"

Eingang des Obersten Gerichts in Moskau (Bild: imago/ITAR-TASS)
imago/ITAR-TASS

Die Stadt in der sie gehört werden

"Vor einigen Jahren gab es in Russland noch so etwas wie Meinungsfreiheit. Davon ist heute nichts übriggeblieben", sagt Koslow. Jeden Tag spreche der 46-Jährige mit Menschen in Russland, die ausreisen wollten.

"Berlin ist attraktiv, weil es hier sehr viele Orte gibt, an denen man sich austauschen kann. Organisationen, Theater, Vereine. Hier wird man gehört", sagt Koslow. Gemeint sind unter anderem Institutionen wie das Panda-Theater, der Verein der Dekabristen, gegründet vor zehn Jahren anlässlich der Proteste gegen Putins dritte Amtszeit, oder die Organisation "Quarteera", die sich für russischsprachige queere Menschen einsetzt.

Eine Erhebung des russischen Portals "Takie Dela" aus dem Sommer 2021 zeigt: Eine überwältigende Mehrheit (92 Prozent) der russischen Migranten besitzt einen Hochschulabschluss und gibt Faktoren wie Sicherheit, die politische Situation oder Zukunftsängste als Ausreisegründe an.

"Das ist eine Katastrophe für die russische Gesellschaft. Man ist auf dem Weg zu Friedhofsruhe. Die gut ausgebildeten verlassen das Land", sagt Manfred Sapper. Allein im Laufe der dritten Amtszeit von Präsident Putin seien 1,7 Millionen Menschen aus Russland fortgezogen, schreibt das Portal dekoder [dekoder.org] mit Bezug auf Zahlen der russischen Statistikbehörde. Dekoder hat es sich zur Aufgabe gemacht, auf seiner Seite Berichte unabhängiger russischer Medien ins Deutsche zu übersetzen.

Noch fühlen sich die meisten Exilanten in Berlin sicher.

Sapper sieht in der heutigen Emigrationswelle historische Parallelen zu den 1920er Jahren. Damals kamen so viele Kulturschaffende ins Berliner Exil, dass bis heute vom russischen Berlin oder Berlinograd gesprochen wird.

"Wir haben es mit einer Wiederholung der Emigration wie in der Weimarer Republik zu tun. Genau diese Prozesse finden gerade statt", so Sapper. Einziger Unterschied: Heute müsse man von einer russischsprachigen Emigration sprechen. Denn neben Menschen aus Russland kämen derzeit vor allem auch Menschen aus Belarus, wie beispielsweise die Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch.

Noch fühlen sich die meisten Exilanten in Berlin sicher. "Aber der Tiergartenmord hat gezeigt, dass man die Lage vielleicht neu bewerten muss."

Beitrag von Rebecca Barth

48 Kommentare

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  1. 48.

    Und wieder hat es @Immanuel geschafft mit einem Großeinsatz in den Nachtstunden, wohl wissend, dass diese Kommentare morgens relativ unkompliziert übernommen werden, ein Thema zu zerstören, das eigentlich hätte interessant werden können.
    Das Problem hatte ich im ersten "Transparenz-Beitrag" bereits als Problem formuliert, aber es wird nicht reagiert.
    Die Diskussion zum Beitrag stockt, weil keiner Lust hat sich anschließend wieder vorführen zu lassen. Mir geht es genauso. So etwas muss man sich nicht antun.

  2. 47.

    Also die Nachbarn aus Russland die ich kenne sind von "Ihrem" Präsidenten alle sehr überzeugt. Da frage ich dann auch immer warum Sie dann hier sind, da kommt dann nur Schweigen..

  3. 46.

    Nehmen Sie doch einfach mal Ihre parteipolitische Brille ab, dann werden Sie noch viel mehr sehen und lernen .

  4. 44.

    Vielen Dank für die Aufklärung. Mein Antwort an Immanuel ging aber noch weiter:
    "Übrigens ging der teilzitierte Absatz noch weiter „Aber schon alleine diese Gruppe als "Menschenrechtsaktivistinnen" zu verkaufen macht die internationale Menschenrechtsbewegung unglaubwürdig."
    Auf diesen Teil ist Immanuel leider nicht eingegangen. Er hat sich wie immer nur ein Pünkten rausgepickt und ohne Zusammenhang und Bezug dargestellt.

  5. 43.

    Hallo Ralf,

    Sie schrieben: "'Und übrigens kämen nackte Frauen bei uns dafür nicht jahrelang in menschenrechtswidrige Straflager.'
    Vermutlich nicht. Dafür aber vmtl. in eine andere geschlossene Einrichtung, was letztendlich auf das gleiche hinausläuft."

    Nein, Straflager sind nicht mit geschlossenen psychiatrischen Einrichtungen zu vergleichen, bitte informieren Sie sich über die Rechtslage. Und nein, wer nackt auf der Straße protestiert, kommt nicht automatisch oder zuerst in eine geschlossene Einrichtung. Insofern ist das leider unsachlich.

    Herzliche Grüße,

    Ihre Redaktion

  6. 42.

    Habe jetzt dreimal einen Kommentar eingereicht, zulest vor wenigen Minuten, den ich sogar mehrfach überarbeite habe. Vermutlich darf man auf Immanuel nicht antworten?

  7. 40.

    wir hier auch moderiert oder ist das Immanuel sein Thema?

  8. 39.

    <ImmanuelBerlinMittwoch, 19.01.2022 | 02:15 Uhr
    Antwort auf [Brandenburger] vom 18.01.2022 um 13:52
    Brandenburger:
    "In der "Transparenz-Serie" (spurlos verschwunden?) wurde kritisiert, dass der rbb von Fortsetzungsreihen lebt."
    Na und, was interessiert hier, was einzelne Menschen kritisieren?>

    Ist das so? Ist das die offizielle Meinung des rbb zu dem Thema? Interessiert es niemanden, was die Leser/Zuhörer/Zuschauer des rbb für eine Meinung haben und deshalb kritisieren?
    Wenn ich mir die Diskussionsverläufe gestern Abend ansehe (manche sind verschwunden, wie das Transparenz-Thema) könnte man schon zu dem Schluss kommen.

  9. 38.

    Geschichte ist nicht so Ihr Ding? Russland ist das eine, dann gibt es die GUS und die Länder, die Sie aufzählen werden wohl eher im Zusammenhang mit der Sowjetunion/ UdSSR gesehen.

  10. 37.

    Brandenburger:
    "In der "Transparenz-Serie" (spurlos verschwunden?) wurde kritisiert, dass der rbb von Fortsetzungsreihen lebt."

    Na und, was interessiert hier, was einzelne Menschen kritisieren?

    Brandenburger:
    "Jetzt ist Russland an der Reihe - schon als Vorbereitung auf einen möglichen Ukraine-Konflikt?"

    Verschwörungswahn!

    Brandenburger:
    ""1. Es gibt eine umfangreiche Berichterstattung zu Menschenrechtsverstößen. Ein Beispiel waren die jungen "oben-ohne-Mädchen". Mal ganz ehrlich, wie lange würden die bei uns frei rumlaufen dürfen. Aber schon alleine diese Gruppe als "Menschenrechtsaktivistinnen" zu verkaufen macht die internationale Menschenrechtsbewegung unglaubwürdig.""

    In Diktaturen sind leider andere Mittel des Protestes angebracht bzw. erforderlich als in Demokratien. Und übrigens kämen nackte Frauen bei uns dafür nicht jahrelang in menschenrechtswidrige Straflager.

  11. 36.

    Wolfi:
    "Antwort auf [Karin B.] vom 18.01.2022 um 10:30
    Ich hätte es nicht besser formulieren können, Deutschland folgt fast immer nur den Vorgaben der USA."

    UNSINN! Nur weil wir und die USA viele ähnliche (aber auch abweichende)Vorstellungen von Demokratie und Menschenrechten haben, heißt das noch lange nicht, dass wir irgendwelchen Vorgaben folgen würden. Das ist sehr kindlich-naiv gedacht von "Wolfi". Die Welt ist aber viel komplexer, als es offenbar "Wolfi" wahrhaben will.

  12. 35.

    Karin B.:
    "Eine Destabilisierung Europas spielt anderen Kräften in die Hände, die davon profitieren, wie die aktuelle Situation zeigt. Wer glaubt, dass Provokationen allein von Russland ausgehen, hat in Geschichte nicht aufgepasst. Ich sage nur: Schweinebucht und Kubakrise..."

    Oh, da ist aber jemand noch im letzten Jahrtausend stehen geblieben und hat nichts von dem mitbekommen, was Putin & Co. in den letzten 20 Jahren verbrochen haben, wie Putin aus einer schwachen Demokratie eine knallharte, menschen(rechts)verachtende Diktatur gemacht hat, die das eigene Volk unterdrückt und einsperrt, anderen Ländern ihre Politik vorschreiben will und mit ihrer Expansionspolitik Demokratien zerstört und Frieden gefährdet!

  13. 34.

    otto vom:
    "Antwort auf [Reinhard ] vom 18.01.2022 um 08:55
    Die Wohnungen die Die kaufen. sind bislang nur schwer für das gemeine Volk zu finanzieren."

    Die Rubel, die die in Russland verdient haben, werden wohl kaum für eine Eigentumswohnung reichen. Die, die jetzt kommen, sind keine Oligarchen.

    otto vom:
    "Der Gewinn den Diese Guten darstellen sollen ist in 2-3 Jahrzehnten vielleicht sichtbar, wenn deren Enkel geboren werden."

    EIne gute Investition für unsere Renten!

    otto vom:
    "Bishier sind sie Transfersempfänger."

    Woher wollen Sie das wissen? Belegen Sie bitte Ihre Tatsachenbehauptung!
    Oder ist das nur das ganz persönliche Klischee eines unterkomplex Denkenden?

  14. 33.

    Karin B.:
    "Es ist für Deutschland - und ganz besonders für Berlin - nicht zu schaffen, dass jeder, der meint, hier besser gehört zu werden, nach Deutschland auswandert."

    Und damit können wir die Diskussion gleich wieder beenden, denn NICHT JEDER will nach Berlin oder Deutschland! Der Wenn-Teil dieser Implikation ist also schon falsch und der Rest damit irrelevant!

    Karin B.:
    "Viel wichtiger wäre es, Russland in europäische Belange wieder mit einzubeziehen. Die deutsche und europäische Politik hat es leider in den letzten 20 Jahren versäumt und ignoriert, Russland als gleichwertigen Gesprächspartner anzusehen."

    Kann ein Mörder (Tiergartenmord) und Räuber (Krim) für uns ein gleichberechtigter Gesprächspartner sein?

    Karin B.:
    "Fakt ist: Ohne Russland ist Frieden, ein faires Miteinander und Stabilität in Europa nicht möglich."

    Mit Putin aber leider auch nicht!

  15. 32.

    RBB-Zuschauer:
    ""In Deutschland, so heißt es, könne man offen Kritik üben." - aber na klar kann man offen Kritik üben - Kritik an Russland."

    ... und genauso wie man in Deutschland Kritik an der russischen Regierung äußern kann, kann man in Deutschland auch Kritik an der deutschen Regierung äußern. Und Niemand kommt dafür jahrelang in ein Straflager, selbst dann nicht, wenn er gegen die Hygienevorschriften verstößt!

    RBB-Zuschauer:
    "Auch interessant: Leute, die in Russland protestieren (wollen) sind "Demokratieaktivisten" - woanders werden Leute, die Kritik üben, als "Querdenker" u.ä. bezeichnet."

    Für den "RBB-Zuschauer" nochmal in leichter Sprache, damit auch er es endlich versteht: Es kommt nicht darauf an, WO man demonstriert, sondern WOGEGEN und WOFÜR man demonstriert, ob man gegen eine Diktatur für eine Demokratie oder gegen eine Demokratie für eine Diktatur demonstriert, ob man faktenbasiert oder verschwörungswahnsinnbasiert demonstriert.

  16. 31.

    Ja, jeder neue Zuzug nach Berlin heißt, daß Wohnungen nie reichen werden.

  17. 30.

    Letzteres ist richtig, Aber unser Arbeitskollektiv sollte "Kollektiv der DSF" werden. Nur ein Gläubiger war nicht in der DSF und somit Soll nicht erfüllt. Wir hatten aber Kontakt mit Wissenschaftlern aus Kaliningrad u. auch Gäste aus BLN. Karlshorst. Mit den Ispetatels ein tolles Verhältnis.

  18. 29.

    Erhält hier jeder Nichtarbeitswillige aus den östlichen EU-Ländern Unterstützung oder sogar ein warmes Heim ?

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